Spitzenpolitiker sind wie Hamster, sie hecheln den ganzen Tag im Laufrad und am Ende können Sie keine Ergebnisse vorweisen.
Halt, höre ich jetzt. Spitzenpolitiker können doch so viel entscheiden. Haben wir nicht den Herbst der Entscheidungen bei unserer Bundeskanzlerin erlebt?
Vergleicht man Spitzenpolitiker mit Top-Managern, so haben letztere mindestens drei Vorteile. Erstens ist deren Gehalt deutlich höher, zweitens stehen sie nicht so im Fokus der Öffentlichkeit und drittens können sie Entscheidungen treffen, ohne Rücksicht auf mächtige Lobbygruppen nehmen zu müssen.
Der Herbst der Entscheidungen von Frau Merkel entsprang nur einer Logik, dem Machterhalt. Sie wollte Handlungsfähigkeit beweisen, zeigen, dass sie nicht nur moderieren kann. Daran krankt die Politik, sie ist auf den Erhalt von Macht ausgerichtet, auf das Bewahren auch persönlicher Pfründe.
Einer von Merkels Vorgängern war da anders. Willi Brandt hatte die Vision von einer neuen Ostpolitik, und er setzte diese gegen alle Widerstände durch. Der Sozialdemokrat hatte erkannt, dass diese neue Ostpolitik den ureigensten Interessen der Bundesrepublik und die Hallstein -Doktrin nicht mehr den Realitäten entsprach. So erfüllte er seinen Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, mit Leben, indem er die deutsche Außenpolitik einer veränderten Wirklichkeit anpasste.
Solche Visionen haben heutige Politiker nicht mehr. Kleinlich wirken sie, Bürokraten und Verwalter anstatt mutiger Visionäre. Was treibt also Menschen noch dazu, Spitzenpolitiker zu werden? Ist es die Illusion, doch noch die Welt verändern zu können, ist es der Drang nach Macht, ist es der Drang, in der Öffentlichkeit zu stehen? Oder ist es von allem etwas?
Politik kann etwas verändern, ein ganz prägnantes Beispiel dafür ist Michail Gorbatschow. Er hatte ebenfalls eine Vision. Und er hatte erkannt, dass die Sowjetunion das Wettrüsten nicht mehr dauerhaft durchhält. Doch Politiker wie er sind selten, und sie haben noch seltener die Chance, wirklich in Spitzenpositionen zu gelangen. Und sind sie doch in solchen Ämtern, in denen sie Entscheidungsspielräume haben, verenden die Visionen in den Fängen sachorientierter Realpolitik. Was haben die Grünen von 1998 – 2005 effektiv verändert, wo sind grüne Visionen Realität geworden? Dass der designierte erste grüne Ministerpräsident Kretschmann so ruhig und ohne Euphorie agiert, ist auch ein Zeichen dafür, dass er seine tatsächliche Macht realistisch einschätzt.
So bleibt es eben bei den Hamstern im Laufrad, die effektiv wenig bewegen und dafür ihre Gesundheit ruinieren. Oder die, wie die ehemaligen Ministerpräsidenten Koch und von Beust, ihre Ämter aufgeben und in die freie Wirtschaft gehen, weil dort mehr verdienen und wirklich Entscheidungen treffen können.
Nötig, ist, dass die Politik sich das Primat der Entscheidungsfindung zurückholt, das sie ihre gestaltende Aufgabe wieder annimmt und ausfüllt. Nicht Machterhalt, sondern die Gestaltung der Gesellschaft zu einer für alle ihre Mitglieder lebenswerten, das sollte Aufgabe der Politik sein. Dann bräuchten Politiker nicht wie Hamster im Laufrad hetzen, weil viele heute dem Machterhalt dienenden Termine entfallen würden. Was bliebe, wäre ein wirkliches dem Volke dienen. Und ein gesünderes Politiker - Leben.