rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

16.08.2010 | 12:17

Ist deutsche Literatur zu unpolitisch?

Günter Grass hat jetzt in einem Interview geäußert, dass seine jüngeren Kollegen zu unpolitisch seien. "Sie sollen die Fehler der Weimarer Republik nicht wiederholen und sich eine private Distanz halten. " Da stellt sich die Frage, was bedeutet politische Literatur. Sie ist immer abhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen.  Wir haben heute weder wie in den 60 Jahren eine aufbegehrende Jugend - und Studentenbewegung, "unter den Talaren der Mief aus 1000 Jahren",   keine die Gesellschaft verändernde Anti Atom und Friedensbewegung wie in den 80-ern, oder eine Wiedervereinigung und das Zusammenwachsen  zweier sich in 40 Jahren unterschiedlich entwickelter Deutscher wie in den 90-ern.  All diese die gesellschaftlichen Verhältnisse bewegenden Elemente haben Einfluss auf Schriftsteller und Lyriker, überhaupt auf kreative Künstler ausgeübt, diese brachten sich mit ihren Mitteln in diese Bewegungen ein. Etwas so dominierendes existiert heute nicht. Das hängt auch mit der zunehmenden Informationsflut zusammen. Manche Wissenschaftler behaupten ja, dass wir in den letzten 15 Jahren den Übergang von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft vollzogen haben. Nur, ist die deutsche Literatur deshalb unpolitischer geworden?. Ich denke nein, sie ist differenzierter geworden, politische Aussagen werden in anderen Genres transportiert. Das letzte Buch, was ich gelesen habe, war " Das erotische Talent meines Vaters" von Björn Kern. Flüssig geschrieben, amüsant zu lesen beschreibt es den uralten Vater - Sohn - Konflikt, nur stellt der 1978 geborene Autor diesen in den real existierenden gesellschaftlichen Kontext. Der Vater als lebensbejahender Mann, hoch in den 60-ern, der Sohn bürgerlicher , mehr in Konventionen lebend als sein Vater. Das ist für mich eine durchaus politische Aussage.

Während meiner letzten Lesung habe ich eine kurze Phantasy-Story vorgetragen, deren politische Aussage die Zuhörer verstanden und angenommen haben. Auch politische Lyrik gibt es Deutschland noch, nur fristet sie leider ein Schattendasein, so wie Lyrik generell.

Es hat immer Schriftsteller gegeben, die sich ins Private zurückgezogen haben, diese wird es auch immer geben. Günter Grass hat auch insofern Recht, dass aufsehenerregende deutschsprachige Literatur mit expliziten politischen Aussagen selten geworden ist. Nur, es gibt sie noch, wenn auch in anderen Verbreitungsformen, in Internetforen, als Poetry Slam, in Anthologien, die nicht mit dem Mainstream schwimmen, von Autoren, die nicht bekannt sind, weil sie es nicht schaffen, Verlage zu finden, die das Risiko einer Veröffentlichung tragen wollen. Dies ist ein Grund, warum diese "Underground-Literatur" weniger mediale Beachtung findet.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.08.2010 um 13:04
Politischer Ausdruck hat sich wohl auch dadurch verändert weil sich die Werte von Ideologien verschoben haben. Manche Ideologie sind sogar ganz verschwunden. Vor 50 Jahren wären religiöse Themen längst nicht so strapaziert worden wie heute. Einer bestimmten Ideologie zu folgen gilt heute als nicht besonders erstrebenswert um nicht sofort, berechtigt oder nicht, zugeordnet zu werden zu können.
Alien59 schrieb am 16.08.2010 um 13:34
Ich würde mich aber Grass' Kritik anschließen. Das mag mit an der Risikoscheu der Verlage liegen - aber unter den viel diskutierten Büchern sind heute nur wenige von deutschen Autoren, die sei es im Buch, sei es im Leben, sich wirklich einen politischen Standpunkt leisten.

sachichma wiederum gebe ich Recht, dass es oft der Weg des geringsten Widerstandes ist, seine Einstellung nicht sichtbar werden zu lassen. Tatsächlich wird man sonst schnell schubladisiert und abgestraft - kenne ich nur zu gut. Da hat man dann die Wahl, sich in sein Schicksal zu fügen oder vor jedem geschriebenen Wort die Schere im Kopf wirken zu lassen.
rolf netzmann schrieb am 16.08.2010 um 17:51
@alien59, er hat sicherlich Recht, dass viele junge Autoren keine Meinung haben oder diese nicht äußern.Andererseits ist es für junge oder unbekannte Autoren, die einen politischen Meinung in ihren Werken transportieren, schwierig, einen Verlag zu finden, der sie veröffentlicht, deswegen publizieren viele in Internetforen oder kleinen, der breiten Öffentlichkeit wenig bekannten Verlagen, oder sie tragen auf Lesebühnen vor, von denen es in Berlin eine Menge gibt. Das Publikum dafür ist da, nur findet es mehr im kleineren Kreis, nicht oder nur regional veröffentlicht statt.
eykiway schrieb am 16.08.2010 um 13:58
Die neuzeitlichen Deutschen Literaten sind nicht zu Unpolitisch sie werden nicht Gedruckt veröffentlicht sondern im Internet veröffentlichen sie sich selbst in ihren Bloggs du bist einer von ihnen Rolf.
Das Gedruckte Wort ist Komerz Mainstream der Elitenkaste die Verbreitung ihrer Volksverdummungsorgie ein auf Gewinn Orientiertes Gedrucktes Wort kann zur Zeit nicht Politisch sein Ausnahme ist die Biographie eines Politikers.
rolf netzmann
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