rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

03.02.2012 | 12:31

Ist Punk politisch? Ein Exkurs in die, auch, (DDR)-Musikgeschichte

In der aktuellen Ausgabe des FREITAG rezensiert Florian Schmidt das Buch von Gerritt Hoekman "Pogo, Punk und Politik", erschienen im Unrast Verlag 2011.

Der erste Satz der Rezension lautet:" Ist Punk eigentlich politisch?". Er geht auf die Sex Pistols und die deutsche Band Slime ein, deren Debütalbum mit dem Song "Bullenschweine" 1981 auf dem Index landete. Punk, so lautet das Fazit dieser lesenswerten Rezension, gab es nicht nur in Europa, sondern bis heute auch in der arabischen Welt, wie die Band Mazhott aus Damaskus, in Lateinamerika wie Los Saicos aus Peru, quasi weltweit in unterschiedlichen Variationen.

Ja, Punk ist politisch, das zeigt schon seine Entstehung. In London Ende der 70-er, Anfang der 80-er entstanden die ersten Punkbands, zeitgleich in den USA, wie die Ramones, die sich schon 1974 gründeten. Nun werden die Sex Pistols immer als das Beispiel genannt, dabei sind sie nur ein Beispiel dafür, wie gut sich der Punk von den großen Plattenfirmen, immer auf der Suche nach neuen Trends, verkaufen ließ. Authentischer blieben da Bands wie 999 oder Shame 69, beide auch aus London, die nie bei einem Major Label unterschrieben haben und sich selber und ihren Ursprüngen immer treu blieben.

Slime oder die Band Abwärts aus Hamburg sind Beispiele für authentischen deutschen Punk . Bei deutschem Punk muss zwischen dem Punk in der Bundesrepublik und dem Punk bis 1990 in der damaligen DDR unterschieden werden. Gerade letzterer ist ein deutliches Beispiel für politische Artikulation in einer Zeit beginnender Agonie.

Der bundesdeutsche Punk ist untrennbar mit zwei Gruppen verbunden, die ihn öffentlichkeitswirksam präsentierten, den Düsseldorfer Punkrockern der Toten Hosen und der Berliner Band "Die Ärzte". Gerade die Düsseldorfer um ihren Frontmann Campino zelebrierten in ihren Anfangsjahren Punk mit allem, was für sie damals dazugehörte, Krawall, Schlägereien, Polizeieinsätze, Drogen und Alkohol. Sie waren aber auch immer politisch aktiv, spielten in Wackersdorf und setzten ihre beginnende Popularität für den Kampf gegen rechte Gewalt ein. Ihr Song "Sascha, ein aufrechter Deutscher" ist ein eindringliches Plädoyer gegen Nazis.Ihr Engagement gegen Ungerechtigkeit und für eine bessere Welt ist bis heute geblieben. "Schrei nach Liebe" von den Ärzten ist ebenfalls ein Titel, der mit den Mitteln der Punkmusik auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam macht. Bis heute sind nicht nur diese beiden Gruppen, sondern auch die vielen nur lokal/regional bekannten Punkbands ein Beispiel für das politische Bewusstsein vieler Punkmusiker.

Besonders deutlich wird das ab 1986 in der DDR. Hier entstanden abseits des staatlich geförderten Musikbetriebes, für den stellvertretend die Bands Karat, Silly oder City stehen, Bands, die die Realität des bereits in Agonie fallenden sogenannten real existierenden Sozialismus schonungslos beim Namen nannten. Sie spielten Anfangs unter dem Schutz der Kirchen in Gotteshäusern und waren verboten. Sie traten auf Privatkonzerten auf, wurden nicht im Radio gespielt und mussten immer mit Schikanen der Staatsmacht rechnen, bis hin zur Verhaftung.

Und doch hatten sie ihr Publikum, weil sie authentisch waren, weil sie die Lebenswirklichkeit in harte Musik und Texte packten, weil sie von dem sangen, was sie selber jeden Tag erlebten. Politischer geht es nicht.

Feeling B ist so ein Beispiel, eine Band, in der mit Flake Lorenz und Paul Landers zwei Musiker auf der Bühne standen, die heute bei den Megastars RAMMSTEIN spielen. Feeling B waren Stars der aufkommenden Punkszene der DDR, auch dank ihres Mitgliedes Aljoscha Rompe, der einen Schweizer Pass besass, der ihm einen gewissen Schutz vor der Staatsmacht bot.

Die Skeptiker um Eugen Balanskat waren eine weitere Band, die Punkrock aus dem DDR-Nischendasein führte. Sie waren auch Begleitband des Liedermachers Gerhard Gundermann, der zu Beginn seiner Karriere rotzig-freche Texte sang, in denen er ungeschönt das Leben, sein Leben, in der End-DDR beschrieb.

Als dritte Band, es gab natürlich noch viel mehr, sei SANDOW erwähnt, eine Cottbusser Gruppe, die mit "BORN IN THE GDR" eine der bekanntesten Punkrockhymnen schrieb.

All diese Bands artikulierten das Lebensgefühl einer Jugend, die ausbrechen wollte und nicht konnte. Sie beschrieben eine Lebenssituation, die sie selber täglich erlebten, ein Eingesperrtsein in einem System, das ihnen keine Freiheit gab, sich selber zu verwirklichen.

Und damit stehen sie in einer Tradition zu den Punkbands der 70-er und 80-er Jahre, die eben dieses Lebensgefühl ja auch in einer erfrischend anderen Musik, laut, schrill, mit harten Riffs, provokanten Texten und Auftritten artikulierte.

Punk ist im Ursprung deshalb politisch, weil er das Lebensgefühl einer jungen Generation artikuliert, die in den bestehenden gesellschaftlichen Strukturen keinen Platz findet, weil diese Gesellschaft ihr keinen adäquaten Platz geben möchte. Punk ist Ausdruck einer Revolte mit musikalischen Mitteln von jungen Menschen, die so ihre Wünsche, Sehnsüchte und Vorstellungen von einer Welt, wie sie sie sich wünschen, auch herausbrüllen, die sich auflehnen gegen erstarrte Vorstellungen einer Generation, von der sie sich nicht verstanden fühlen.

Und, Punk hat natürlich auch die Pop- und Rockmusik beeinflusst, ihr neue Impulse gegeben und sie weiterentwickelt.

Punk wird es immer geben, und mit ihm auch immer politische Botschaften.Die Geschichte des Punk nicht nur als Musikrichtung, sondern auch als eine Lebenseinstellung mit entsprechendem Outfit hat gezeigt, dass es Punkern immer auch um Veränderung bestehender Verhältnisse ging, dass sie sich ihren Platz nach ihren Vorstellungen im Leben erkämpfen wollten. Die Musiker brachten diese Lebenseinstellung auf die Bühne, die Punker lebten es. Um Missverständnissen vorzubeugen, damit meine ich nicht die Punker auf der Strasse, die betteln, das ist wieder ein anderes Thema, sondern diejenigen, die nicht alles hinnehmen, die hinterfragen, die ihr eigenes Leben in die Hand nehmen und gleichzeitig für andere da sind, die helfen ohne auf den eigenen Vorteil zu schielen. Dabei ist das Alter der Menschen völlig egal, es gibt auch über 50-jährige, die diese Musik immer noch hören, sich nie  haben verbiegen lassen und einfach so leben, wie sie es wollen.

Und dieser Punk wird immer existieren, als Menschen, die ihn leben und als Musik, die diese Einstellung auf die Bühne bringt, laut, mit harten Riffs, provokanten Texten, aber manchmal auch sehr einfühlsam wie die Toten Hosen mit "Auflösen", einem wunderbar melancholischen und nachdenklichen Song.

 
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Kommentare
abghoul schrieb am 03.02.2012 um 14:07
Aye, Rolf
Punk Rocks!
Michael Angele schrieb am 03.02.2012 um 14:20
Lieber Rolf Netzmann, nur aus Neugierde gefragt, wie kommt es, dass A. Rompe einen Schweizer Pass hatte?
Und: die Nachgeschichte von Feeling B zeigt doch leider, auch, dass man diese Geschichte nicht nur als linke beschreiben kann. Die von ihnen als "authentisch" eingeschätzten Sham 69 waren ja vielleicht auch deswegen "authentisch", weil ihre Botschaften sich gut mit dem Weltbild von Rechtsradikalen deckten (Jimmy Pursey hat sich dann gegen eine Vereinnahmung durch den NF (National Front) gewehrt, aber dennoch...)
LG
abghoul schrieb am 03.02.2012 um 14:32
Schon wahr.
Ich denke auch bei Punk mehr an:

Eine Mißgeburt der Gesellschaft
protestierend
zu nichts andrem zu gebrauchen
aus Prinzip unbrauchbar
und destruktiv
Im Geist, im Körper ... in der Welt
ein Gegenschrei

sorum gesehn, politisch undefiniert
ausser halt radikal oppositionell
Daniel Domeinski schrieb am 03.02.2012 um 14:52
"Die von ihnen als "authentisch" eingeschätzten Sham 69 waren ja vielleicht auch deswegen "authentisch", weil ihre Botschaften sich gut mit dem Weltbild von Rechtsradikalen deckten..."

Schon interessant, was Hr. Angele alles für "authentisch" hält.
rolf netzmann schrieb am 03.02.2012 um 15:39
Sehr geehrter Herr Angele,

die Nachgeschichte von Feeling B, damit meinen Sie sicherlich RAMMSTEIN. Diese Band hat sich immer, seit Beginn ihres Bestehens, dagegen verwahrt, in die rechte Ecke gestellt zu werden oder mit Rechten auch nur in Verbindung gebracht zu werden. Till Lindemanns Gesang, besonders sein rollendes R..., ist ein Markenzeichen der Band, aber beileibe kein Indiz für rechtes Gedankengut. Auch in ihren Texten findet sich kein Hinweis darauf, dass sie Gewalt zum Thema haben und diese sehr drastisch geäussert wird, ist ebenfalls kein Hinweis auf rechte Gedanken. Und übrigens, selbst Lindemannn Bandkollegen haben sich mehrfach dahingehend geäussert, dass der Till eben ein Verrückter sei, was auch in seinen Gedichten zum Ausdruck kommt.
Dass Punkbands auch Idole von Rechtsextremisten werden können, ist nicht erst seit Sham 69 bekannt, es wurde auch, klar, bei RAMMSTEIN versucht. Nur kenne ich zumindest nichts aus der Geschichte der Band Sham 69, was auf aktives rechtes Handeln oder in den Texten auf die Verbreitung irgendwie rechten Gedankengutes hinweist.
Punk war in der politischen Grundrichtung und in seinen Aussagen immer links, siehe die Skeptiker, Sandow, ihre Hymne "BORN IN THE GDR" ist eben keine Glorifizierung des Staates, eher eine satirische Abrechnung mit diesem, oder seit nunmehr 30 Jahren die Toten Hosen.

LG Rolf Netzmann
rolf netzmann schrieb am 03.02.2012 um 15:41
Und noch ein Nachsatz, Rompe hatte einen Schweizer Pass, weil, so weit ich mich erinnere, entweder Vater oder Mutter aus dem Alpenländle kamen.
goedzak schrieb am 03.02.2012 um 16:13
Die Rammstein-Ästhetik ist eindeutig ein Flirt mit der Riefenstahl-Ästhetik, war es zumindest zeitweise. Solcherart Koketterie darf man schon mal fragwürdig finden.
Ein Aljoscha Rompe ist lieber als armer Hund gestorben, als rammsteinmäßig Superstar zu werden. Der war nämlich wirklich ein politischer Mensch, Flake Lorenz eher nicht so, damals wie heute.
Michael Angele schrieb am 03.02.2012 um 16:17
Lieber Herr Netzmann
zu Rammstein diese gewiß polemische Äusserung: Das "Rechte" liegt hier in der Struktur, nicht in den Verlautbarungen oder dem Handeln (worin soll das denn liegen? Darin Schwarze oder Schwule NICHT zu verprügeln?). Siehe auch Marschmusik, Stampfdumpftechno oder die Bösen Onkelz.
Dass "Punk", was immer man darunter versteht, aber auch auf der oberflächlichen Ebene der Äusserungen nicht unbedingt links sein muss, belegt die Oi-Bewegung aus Schönste
Und sorry: Sham 69 waren sehr wohl bei einem Major, bei Polydor, wenn ich mich recht erinnere.
LG
goedzak schrieb am 03.02.2012 um 16:19
Von Sham69 weiß ich wahrscheinlich nicht genug, aber die haben sich doch wohl eher als Post-Mod-Skinhead-Band verstanden - und zwar 'Skinhead' vertanden im ursprünglichen Sinn dieser Jugendkultur:



Atari Teenage Riot und die Goldenen Zitronen haben Sham 69 gecovert oder zitiert - hätten die wohl nicht, wenn die rechtsverdächtig wären...
Michael Angele schrieb am 03.02.2012 um 16:28
@Domeinski

"Die von ihnen als "authentisch" eingeschätzten Sham 69 waren ja vielleicht auch deswegen "authentisch", weil ihre Botschaften sich gut mit dem Weltbild von Rechtsradikalen deckten..."

Schon interessant, was Hr. Angele alles für "authentisch" hält.

Ich halte es ja gerade eben NICHT für authentisch, das war Netzmann, deshalb in Anführungszeichen, Mann, bzw. genauer: ich finde das Verprügeln von Menschen oder das Skandieren von White Pride-Parolen nicht mehr aber auch nicht weniger authentisch als ein Jimmy Pursey, der das Lied des kleinen englischen Jung-Mannes singt ("Hurry up Harry"), auch wenn ich zweiteres auch gerne nachgesungen habe. Der Begriff "authentisch" ist eine Falle!
Michael Angele schrieb am 03.02.2012 um 16:33
@goedaz. Sham 69 waren Vorläufer der Oi-Bewegung. Mitgröllsongs, ehrliche Musik, wie es so schön heißt, aber mit Post-Mod-Ska-Skinhead-Chick hatten die nie etwas am Hut. Mir ist im Gegensatz etwa zu Angelic Upstarts von denen kein Reggae-Ska-Stück erinnerlich (zu schweigen von The Ruts, die dann schon ein anderes Kaliber waren...)
goedzak schrieb am 03.02.2012 um 16:42
Ska nicht, klar. Ich hatte auch weniger die Songs, sondern ein Interview mit Pursey im Hinterkopf, wo er sich über Mod-Bezüge in seinem kulturellen Umfeld und über den Unterschied zwischen den B&H-Skins und den anderen äußert.
rolf netzmann schrieb am 03.02.2012 um 16:48
Herr Angele, es war in der DDR-Wendezeit, als ich mit den Skeptikern erstmals ein Punk-Konzert erlebte. Ich hatte fast alle Rock-Größen der DDR live erlebt, und dies war anders. Es war eine andere Stimmung, es waren andere Texte, geradlinig, offen und ehrlich. Die Skeptiker sangen das, was Alltag war, ungeschönt und schnörkellos. Das meine ich mit authentisch, die Zuhörer konnten sich identifizieren mit dem, was sie hörten. Im übrigen geht es mir mit den Toten Hosen oder den Ärzten heute noch so. Und diese Ehrlichkeit der Texte macht für mich Authentizität aus. Und das war eben bei 999 oder Sham 69 auch so, sie sangen Alltag. Lesen sie mal bei der Biografie der Toten Hosen nach, wie Campino und Co diese Konzerte erlebten, die sie musikalisch ja auch prägten. Dass einer der Musiker von 999 nach seiner Musikkarriere als Friedhofsgärtner arbeitete, ist für mich ebenfalls ein Zeichen von Authentizität, sich selber immer treu bleiben und sich nicht verkaufen. Und darauf gründet sich eben auch Erfolg, der über Jahre anhält.
Wenn britische Punkbands von Nazis sangen, so war das Alltag, den sie eben nicht ignorierten.
Im übrigen hat es schon am 17.Oktober 1987 auf ein angebliches Punkkonzert in der Berliner Zionskirche einen Überfall von etwa zwei Dutzend Skinheads gegeben. Die Band auf der Bühne war an diesem Tag -- Element of Crime, nun wahrlich nicht punkig.
Und diese Überfalle häuften sich im Laufe der End-DDR-Phase, weil die Feindschaft von "linken"Punkern und "rechten" Skinheads sich zunehmend zementierte.
Auch der langjährige Security Chef der Toten Hosen, Manfred Meyer, berichtete immer wieder von Bedrohungen der Musiker durch Rechtsextreme, die er und sein Team abwehren mussten.
rolf netzmann schrieb am 03.02.2012 um 16:49
Herr Angele, es war in der DDR-Wendezeit, als ich mit den Skeptikern erstmals ein Punk-Konzert erlebte. Ich hatte fast alle Rock-Größen der DDR live erlebt, und dies war anders. Es war eine andere Stimmung, es waren andere Texte, geradlinig, offen und ehrlich. Die Skeptiker sangen das, was Alltag war, ungeschönt und schnörkellos. Das meine ich mit authentisch, die Zuhörer konnten sich identifizieren mit dem, was sie hörten. Im übrigen geht es mir mit den Toten Hosen oder den Ärzten heute noch so. Und diese Ehrlichkeit der Texte macht für mich Authentizität aus. Und das war eben bei 999 oder Sham 69 auch so, sie sangen Alltag. Lesen sie mal bei der Biografie der Toten Hosen nach, wie Campino und Co diese Konzerte erlebten, die sie musikalisch ja auch prägten. Dass einer der Musiker von 999 nach seiner Musikkarriere als Friedhofsgärtner arbeitete, ist für mich ebenfalls ein Zeichen von Authentizität, sich selber immer treu bleiben und sich nicht verkaufen. Und darauf gründet sich eben auch Erfolg, der über Jahre anhält.
Wenn britische Punkbands von Nazis sangen, so war das Alltag, den sie eben nicht ignorierten.
Im übrigen hat es schon am 17.Oktober 1987 auf ein angebliches Punkkonzert in der Berliner Zionskirche einen Überfall von etwa zwei Dutzend Skinheads gegeben. Die Band auf der Bühne war an diesem Tag -- Element of Crime, nun wahrlich nicht punkig.
Und diese Überfalle häuften sich im Laufe der End-DDR-Phase, weil die Feindschaft von "linken"Punkern und "rechten" Skinheads sich zunehmend zementierte.
Auch der langjährige Security Chef der Toten Hosen, Manfred Meyer, berichtete immer wieder von Bedrohungen der Musiker durch Rechtsextreme, die er und sein Team abwehren mussten.
Daniel Domeinski schrieb am 03.02.2012 um 17:19
@Michael Angele

"Der Begriff "authentisch" ist eine Falle!"

Der Begriff "authentisch" kann sich auf verschiedene Dinge beziehen. Ich halte nichts davon, auf diesen Begriff zu verzichten, nur weil ihn weiße Rassisten für sich beanspruchen. Das "Verprügeln von Menschen oder das Skandieren von White Pride-Parolen" ist für mich, aus meiner politischen Überzeugung definitiv nicht "authentisch". Alles andere endet in Beliebigkeit.

Noch kurz zur Vereinnahmung von "Punk" durch Nazis: Ich denke dem sind Grenzen gesetzt, da Punks für Nazis häufig nur arbeitsunwillige Asoziale sind. Anders sieht das mit dem betont proletarischen Männlickeitskult der Skinhead-Bewegung oder dem in Hooliganszene grassierenden Rassimus aus. Sehr spannend finde ich diese Diskussion in Bezug auf das in der Dark Wave und Black Metal Szene propagierte Neuheidentum, denn Religiosität und Spiritualität sind Angelegenheiten, mit denen sich linke Theorie bis heute schwer tut. In den letzten Jahren gab in Osteuropa und den USA Versuche der völkische Rechten die Deutungshoheit über das Neuheidentum zu entreißen, um es so für linke, globalisierungskritische Ansätze fruchtbar zu machen.
miauxx schrieb am 04.02.2012 um 01:00
"Die Rammstein-Ästhetik ist eindeutig ein Flirt mit der Riefenstahl-Ästhetik, war es zumindest zeitweise. Solcherart Koketterie darf man schon mal fragwürdig finden."

In den späten Neunzigern gab es ja eine regelrechte Welle solcher Bands - die sogen. "Neue deutsche Härte". War im Grunde immer der gleiche Aufguss.

Interessant im Zusammenhang des "Kokettierens" mit "fragwürdiger Ästhetik" ist ein Urgestein der avantgardistischen Popkultur: Laibach.
Die trieben die Darstellung politischer und staatstragender Ästhetik, den Aspekt der "Staatskunst", wie aber auch die Technisierung der Welt zur pointierten Überidentifikation. Bei nur etwas näherer Beschäftigung mit Laibach, erkennt man jedoch ein Spiel gerade mit der Frage der Ästethik in der Kunst.
Michael Angele schrieb am 04.02.2012 um 10:30
@Netzmann. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, ich kann gut nachvollziehen, was sSe damals beim Skeptiker-Konzert gefühlt und gedacht haben. Mir wäre das, hoffe ich ich mal, ähnlich gegangen.
Ich kann auch verstehen, dass Sie die Toten Hosen bis heute für ihre "Ehrlichkeit" schätzen. Nur: Es ist verflixt. Ich sehe kein zwingendes Argument, diese Gefühle nicht auch einem Skin zuzugestehen, der von der "Ehrlichkeit" etwa der Band Skrewdriver schwärmt. Dass das eine sympathisch, das andere sehr unsympathisch ist, kann dabei leider auch nicht so recht zufrieden stellen.
Aber gut. Vielleicht treffen wir uns mal an einem Re-Union Gig von 999 und gröllen zusammen "Homicide". Und: Ein Pophistoriker sollte man eine Geschichte der Friedhofsgärtner und Musiker schreiben. Da kommt einiges zusammen (Syd Barrett, Dave Vanian...)
antares56 schrieb am 03.02.2012 um 17:39
Eigentlich ein brauchbarer Artikel. Aber für mich fehlen da ganz wichtige Namen. Z.B. "Dead Kennedys", "Flux of Pink Indians" und "Crass"!
rolf netzmann schrieb am 03.02.2012 um 17:55
@antares56, ich hoffe, dass er noch online zu lesen ist, dann erscheint zumindest Crass im Text, sonst bleibt nur der gedruckte FREITAG.
antares56 schrieb am 03.02.2012 um 20:11
Ich kann Crass in dem Text, den ich sehe, nicht finden!
luggi schrieb am 03.02.2012 um 22:29
DDR-Punks hätten nie "Eisgekühlter Shilkin-Wodka", nunja, gegrölt.
Was bleibt? Das kritisierte kap. System.

Und ...

Muss immer nur "gut" sein, was kritisiert? Ich finde immer gut, was sich für sozialen Fortschritt einsetzt ... und Partei ergreift. Lakomy war zu alt für den Punk ... oder ein Künstler mit Feingefühl.
Was bleibt? Der gewolfte Rest des merkantilen Fleischwolfs -> Ramschstein.
thinktankgirl schrieb am 03.02.2012 um 23:48
Ist Punk politisch?

Legal, Illegal, Scheißegal!
miauxx schrieb am 04.02.2012 um 00:46
Da Musik nie vom sogenannten "Außermusikalischen" zu trennen ist, sind jeder nach außen tretende Künstler, jede Band oder Ensemble und insbesondere die damit verbundene Bewegung oder die Peer-Groups auch automatisch politisch. Selbst die, welche die explizite politische Botschaft von sich weisen - denn auch gerade darin liegt ein politisches Statement. Selbst eine Lady Gaga ist unweigerlich auch politisch.

Beim Punk ging es ja zunächst allein um das "Dagegen-Sein". Rechts oder Links war dabei zunächst sekundär.(1) Es ging um das Schaffen eigener Identifikationsplätze - und zwar genau mittenhinein in die bereits besetzten des "Schönen", "Statthaften" und "Etablierten". So neu war der Punk damit in der Musik- und Kulturgeschichte eigentlich auch gar nicht. Nur tat er es mit einer besonderen Konsequenz und Drastik. Allein neue Wege im "innermusikalischen" zu gehen, hätte in den späten 70ern auch keinen besonderen Effekt mehr erzielen können. Nun gehörte eben dazu, auch der Anti-Musiker zu sein - auch wenn das ein Kriterium ist, dass innerhalb der Szene so nicht zum Greifen kam. Und viele Bands, wie eben auch die ausdrücklich politischen Clash, blieben auf dieser Attitüde auch nur bedingt bis gar nicht hängen.

(1) Die Unklarheit zwischen rechts und links, ist wohl bei den englischen wie auch amerikanischen Bands eben auch unter dem Aspekt ihrer Herkunft zu sehen. In Deutschland wäre es freilich keiner Punkband eingefallen, mit Hakenkreuzen zu provozieren. Aus England hört man ja immer wieder mal vom beliebten Partygag 'Naziuniform' ...
Aber selbst John Lennon rannte bei seinen ganz frühen Auftritten schon mal mit einer Klobrille um den Hals auf die Bühne und schrie "Sieg Heil". Und insbesondere i.F. der Punkbands lotete schlichte Provokation eben jeden Winkel aus.
Damit will ich freilich nichts verharmlosen und es ist auch fakt, dass sich solche "Unklarheiten" nicht immer als bloße Provokation auflösten. Auch in England und den USA gab und gibt es die Auseinandersetzungen zwischen doch eher rechten und national gesinnten Bands, die sich aber grob doch der gleichen Musik befleißigen (in den USA insbesondere in der Hard- und Hatecoreszene).
miauxx schrieb am 04.02.2012 um 01:05
Korrektur zu miauxx schrieb am 04.02.2012 um 00:46:

"Auch in England und den USA gab und gibt es die Auseinandersetzungen zwischen doch eher rechten/ national gesinnten und sich links verstehenden Bands, die sich aber grob doch der gleichen Musik befleißigen (in den USA insbesondere in der Hard- und Hatecoreszene)."
oxnzeam schrieb am 04.02.2012 um 11:51
Begann nicht die Geschichte des Punk schon Mitte der 60er mit "The Monks" in Deutschland? Diese 5 GIs provozierten mit ihrem Auftreten als 'böse' Mönche und der bewussten Zelebrierung ihres musikalischen Dilettantismus das musikalische Establishment und inszenierten sich als Anti-Beatles. Etliche spätere "Punk"bands beriefen sich auf die.
Darüber gibts auch eine mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Doku: "Monks – The Transatlantic Feedback"
de.wikipedia.org/wiki/Monks_%E2%80%93_The_Transatlantic_Feedback
Erich Landsberger schrieb am 04.02.2012 um 15:27
„Authentischer blieben da Bands wie 999 oder Shame 69, beide auch aus London, die nie bei einem Major Label unterschrieben haben und sich selber und ihren Ursprüngen immer treu blieben.“
a) 999 waren bei United Artists Records, einer Tochtergesellschaft des Filmstudios UA Pictures, die ihrerseits eine Tochtergesellschaft der Transamerica Corp (Versicherungskonzern) war. 1978 wurde UA Records von Capitol, einer EMI-Tochtergesellschaft gekauft. Sham 69 wechselten nach einer Single bei Step Forward zu Polydor, einer Tochtergesellschaft von PolyGram. Besitzer von PolyGram waren damals Philips und Siemens.
b) Warum soll die „Authentizität“ einer Punkband bzw. von Interpreten insgesamt vom ökonomischen Status des Labels abhängen? Die Ramones waren auf Sire. Sire gehörte ab 1976 (zu 50 Prozent) WEA, einer Tochtergesellschaft von Warner Communications Inc. Waren die Ramones ab 1976 nur noch zur Hälfte „authentisch“? Welchen Status haben in diesem Zusammenhang The Clash, deren Platten Columbia/CBS (mehr Major ging in den 1970er nicht) veröffentlichte?
c) Was ist an Punk „authentisch“? Wie kann man zwischen authentisch / nicht authentisch unterscheiden?

„Ja, Punk ist politisch, das zeigt schon seine Entstehung. In London Ende der 70-er, Anfang der 80-er entstanden die ersten Punkbands, zeitgleich in den USA, wie die Ramones, die sich schon 1974 gründeten.“

Zeitgleich war da gar nix. Punk ähnliche Musik gab es (vor allem in den USA) schon in den 1960er Jahren (und wahrscheinlich noch früher). Dann gab Anfang der 1970er Jahre MC5 und The Stooges in Detroit, und in New York gab es etwas später die New York Dolls, dann die Ramones, und Richard Hell, Tom Verlaine, Patti Smith und David Byrne.

Was gab es 1975 in London / Großbritannien? Malcolm McLaren.
Und dieser McLaren hat – so wie vor ihm u.a. Larry Parnes, Tom Paxton und Jonathan King – junge Typen benutzt, um Geld zu verdienen: McLaren importierte/kopierte den Look von Richard Hell und finanzierte die musikalischen Bemühungen von Steve Jones, Paul Cook und Glen Matlock (der einzige, der etwas Ahnung von Musik hatte). Auf Anregung von Nick Kent (NME-Journalist), der zeitweise Mitglied von QT Jones & The Sex Pistols war, veränderte die Band ihren „Stil“ in Richtung Stooges/Ramones (zuerst hatten sich Matlock & Co an den Small Faces und anderen Acts aus 60er Jahren orientiert. Den fehlenden Sänger fand McLaren: John Lydon/Johnny Rotten. Was ist an der Entstehungsgeschichte der Sex Pistols „politisch“? Wo liegt der Unterschied zu den No Angels?

Auch waren die politischen, sozialen, medialen und ökonomischen Rahmenbedingen in den USA andere als in Großbritannien (ganz zu schweigen von BRD und DDR). Es ist ja kein Zufall, dass sich in Amerika niemand für Punk interessierte, das London zum Zentrum wurde.

Wenn Punk politisch ist (was immer man darunter auch verstehen mag) oder war, dann hängt dies genau mit den spezifischen Rahmenbedingungen ab.
rolf netzmann
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