rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

24.01.2012 | 18:49

Warum die Linken die erodierende Demokratie verteidigen müssen.

Es ist schon irgendwie paradox,wenn die Linken heute  unsere Demokratie verteidigen müssen. Dabei ist deren Bedrohung nicht neu, sie ist heute nur  mehrfacher.

Parteien freuen sich schon, wenn die Wahlbeteiligung die magische Marke von 50% übersteigt. Dass mehr als 40% der Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht überhaupt  keinen Gebrauch mehr machen, weil sie der Politik kein Vertrauen mehr  schenken, spielt in der Betrachtung der politischen Parteien keine Rolle. Die Union und die SPD sind, die Gesamtheit aller Wähler als Berechnungsgrundlage genommen, unter 20% Zustimmung  angekommen, die Grünen unter 10%, die Linke und die FDP unter 5%.Das politische  System als Fundament unserer Demokratie erodiert.

Die Behörde, die unsere Verfassung schützen soll, lässt Neonazis in den Untergrund abtauchen. Ihre V-Männer  sind unzuverlässig und veruntreuen Steuergelder. Das Misstrauen der Sicherheitsbehörden untereinander ist mit  dem Verhältnis  zwischen FBI und CIA vor  9/11 vergleichbar. Unprofessionell, unkoordiniert und ohne klare Führung agierten die Geheimdienste in einem undurchschaubaren Geflecht  mit Länderpolizeien, Bundesbehörden und Meldeämtern. Für die bisher unerkannten gewaltbereiten Neonazis ist dies nur eine Aufforderung, weiter zu handeln und aus  ihren Fehlern zu lernen.

Das heutige Treffen in Berlin hat  nicht  etwa die umstrittene Extremismusklausel zurück genommen, mit denen Initiativen gegen rechts  geknebelt werden, sondern diese ausdrücklich verteidigt. „Wir dürfen Rechtsextremismus nicht mit  Linksextremismus  bekämpfen“, diese Aussage des Bundesinnenministers steht  in einer Linie mit seinem Vergleich von Linkspartei und NPD. Eine realistische Lageeinschätzung sieht anders aus, Herr  Minister!

Der  Bundespräsident wirkt durch die Kraft des Wortes und seine moralische Autorität. Na  wunderbar, wie will der Herr Wulff dies umsetzen? Moralisch verschlissen, die Gewalt  des Wortes noch nie beherrschend  und verquickt mit  den Mächtigen des Geldes bietet diese moralische Instanz Deutschlands ein mehr als jämmerliches Bild.

Und dass frei gewählte Abgeordnete des höchsten deutschen Parlamentes durch den Verfassungsschutz überwacht  werden, darf bei dem erodierten Zustand der Demokratie nicht einmal verwundern. 390.000 Euro kostet die Schlapphutaktion allein für die 27 Bundestagsmitglieder, die vom Bundesamt überwacht werden, die Kosten der Landesämter sind hier noch nicht ein mal eingerechnet. Dass mit Steffen Bockhahn ein Mitglied des Parlamentarischen Vertrauensgremiums, das für  die Finanzierung der Geheimdienste mit  verantwortlich ist, auf der Überwachungsliste steht, ist dabei besonders heikel, genauso wie die Überwachung des Vertreters der Linken in der PKK, Wolfgang  Nescovic, eines früheren Bundesrichters.
Hinzu kommen mindestens 11 linke Landtagsabgeordnete, die von LfV-s  überwacht werden.

Die Legislative im Visier der Exekutive, das ist wohl unbestritten eine Gefahr für die Demokratie.
Insofern ist der Brief Gysi`s  an den Bundespräsidenten, die Kanzlerin und den Bundestagspräsidenten auch ein eindringlicher Appell für die Verteidigung unserer  Demokratie vor  ihren Feinden, auch wenn es Teile des Staatsapparates sind.

Eine erodierende  Demokratie, von rechts bekämpft, von der Mitte unterhöhlt und von links verteidigt, es ist  weder paradox noch nicht nachvollziehbar. Es  ist nur Realität in Deutschland.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 24.01.2012 um 19:11
So ist es leider bis zu einem gewissen Grad.

...aber hat die Linke alleine die Kraft diese Demokratie zu verteidigen?

Echte Demokraten aus allen Lagern ( bei den Neonazis und den rechten Extremisten gibt es keine) sind wichtig und es gibt sie auch noch.

Ein echter Demokrat ist zum Beispiel auch der sozialdemokratische Bürgermeister , der sich in einer bayrischen Kleinstadt gegen die Neonazis wehrt.

Wichtig ist die Vernetzung aller Kräfte für die Demokratie nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen ist.

Die Demokratie braucht aber auch soziale Mindeststandards.

Auch Hartz IV ist eine Schande für die Demokratie.

Das fing schon mit seiner skrupellosen Durchsetzung an.
abghoul schrieb am 24.01.2012 um 19:21
Hast du wahr mit dem erodieren der Demokratie.
Jedoch hat mich das auf einen besorglichen Gedanken gebracht.
Die 40% die gar nicht mehr wählen gehen weil sie das Vertrauen in die Politik verloren haben, wenn sie wählen gehen würden, wen würden die wählen?
Ich denke das wäre nicht symmetrisch mit den anderen Wählern, die Zahlen, die ich nicht habe, stell ich mir unangenehm weit rechts vor, ist natürlich nur so eine Vermutung,... weiss da jemand drüber Bescheid?
Gibt es dazu irgendwelche Kalkulationen?
rolf netzmann schrieb am 24.01.2012 um 19:46
das weiss ich nicht, ich kenne auch keine Kalkulationen darüber, nur denke ich, dass du mit deiner vermutung recht hast, dass es eher in die rechte Richtung gehen wird...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.01.2012 um 00:16
@abghoul

Das ist eine echt spannende Frage. Bin da optimistischer (was echt was heißen will).

Ich denke, dass sehr viele Nichtwähler ein verzweifeltes "Merkel-Kreuzchen" (Stichwort: "Uns geht es doch gut" oder "Komm, lass gut sein") machen würden.

Und eine ziemlich große Zahl der Nicht-Wähler könnte in die imaginäre Kategorie "Volkspartei zwischen SPD und Linkspartei" fallen. So Leute wie ich halt, die sich sogar noch unsschlüssig sind, während sie sich auf dem Weg ins Wahllokal befinden. Ihr Kreuzchen eher spontan setzen. "Irgendwie-Oskar-Linke" wie ich, echte Sozialdemokraten eben :o)
abghoul schrieb am 25.01.2012 um 00:26
Da hätt ich nichts gegen, Kratzer.
Ist wahrscheinlich eine Frage des eigenen Umfelds.
Hier in Beton-City als InnenstadtEremit kriegste da eine andere Sichtweise.
Ich muss nur in den Lidl gehen, und mir ansehen wie die Leute beim einkaufen aussehen, und wie sie aufeinander reagieren.
towards anti-social
Aber ich lass mich gerne eines besseren belehren :)
greetings from the pit
abghoul
Lukasz Szopa schrieb am 24.01.2012 um 20:47
Fast wollte ich sagen: Laßt doch den Innenminister Friedrich von dem Verfassungschutz beobachten! Wobei - eigentlich sollte man den Verfssungschutz vom ??? - wem? - beobachten und gar verbieten, denn dieser ist eine richtige Gefahr für die Verfassung und Demokratie in Deutschland. Seit Jahrzehnten.
Es ist notwendig, JETZT, dass die Demokratie von allen demokratischen Parteien - von CSU über Piraten bis hin zu Der Linken jetzt deutlich verteidigt wird.

Ausserdem - ich bin mir nicht 100% sicher, ob es SPON richtig widergegeben hat - wurden angeblich fast nur "Ost"-Parlamentarier Der Linken beobachtet, dabei auch "realos" wie Bartsch, Wawzyniak, Gysi, Korte etc. Kann es sein, dass der (Bundes-)Verfassungsschutz nur das "östliche" Augo (zu) offen hält, während (östliche) Landes-Verfassungsschutzbehörden bei NPD & NSU das (östliche) Auge zu sehr zudrückten?...
Alien59 schrieb am 25.01.2012 um 08:11
Es scheint tatsächlich zu stimmen, dass vorzugsweise, evtl. sogar ausschließlich, "Ost-Parlamentarier" auf der Liste stehen.
Alien59 schrieb am 25.01.2012 um 08:12
Sorry, vorzeitig auf absenden gedrückt.

Friedrich sollte man nicht beobachten, sondern zum Rücktritt auffordern. Wenn er meint, die NPD gebe eine Rechtfertigung generell zur Beobachtung von Abgeordneten, dann soll er die verbieten lassen, aber nicht linke Abgeordnete diffamieren.
BanaBab schrieb am 25.01.2012 um 09:55
@Friedrich steht oben auf meiner Liste....bei den frühzeitig in die Pension zu sendenden....rechts neben ihm ist nicht mal für eine Eintagsfliege Platz:-(
Alien59 schrieb am 25.01.2012 um 10:03
Gerade bei der über die Überwachung linker Abgeordneter entstandenen Diskussion entlarven sich am rechten Rand noch etliche. Ich bin teilweise wirklich entsetzt.
Alien59 schrieb am 25.01.2012 um 10:10
rolf netzmann schrieb am 25.01.2012 um 10:18
Nur als kleiner Hinweis noch, heute früh kam in den Nachrichten von FUNKHAUS EUROPA die Meldung, dass der Präsident des niedersächsischen Verfassungsschutzes in einem Interview mit RADIO BREMEN eingeräumt hat, dass seine Behörde nicht nur öffentliche Quellen ausgewertet, sondern auch geheimdienstliche Überwachungsmethoden angewendet hat.
Und gestern habe ich auf Spiegel Online gelesen, dass Gregor Gysi beim Einsehen seiner Verfassungsschutzakte geschwärzte Stellen vorgefunden hat. Wenn aber nur öffentliche Quellen verwendet werden, warum muss dann geschwärzt werden? "Die lügen", war sein Resümee.
Wer weiss, was hier noch alles hochkommt...
rolf netzmann schrieb am 25.01.2012 um 10:18
Nur als kleiner Hinweis noch, heute früh kam in den Nachrichten von FUNKHAUS EUROPA die Meldung, dass der Präsident des niedersächsischen Verfassungsschutzes in einem Interview mit RADIO BREMEN eingeräumt hat, dass seine Behörde nicht nur öffentliche Quellen ausgewertet, sondern auch geheimdienstliche Überwachungsmethoden angewendet hat.
Und gestern habe ich auf Spiegel Online gelesen, dass Gregor Gysi beim Einsehen seiner Verfassungsschutzakte geschwärzte Stellen vorgefunden hat. Wenn aber nur öffentliche Quellen verwendet werden, warum muss dann geschwärzt werden? "Die lügen", war sein Resümee.
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