rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

22.10.2011 | 04:37

Wie viel Freiheit braucht ein Künstler und wie viel bekommt er davon?

Die folgenden Gedanken entstanden nach dem Lesen des Artikels "Freizeitbandarbeiter" in der aktuellen Printausgabe des "Freitag" und stehen auch unter diesem Onlineartikel. Sich die Freiheit zu nehmen, dass zu tun, was in einem arbeitet und irgendwann zum Ausbruch drängt, betrifft ja nicht nur Künstler, sondern jeden Menschen. Nur sind Künstler eben noch viel mehr in der Situation, einen Spagat zwischen den eigenen Ansprüchen und dem kommerziellen Erfolg ihres kreativen Schaffens vollführen zu müssen.  Und dabei kann etwas verloren gehen, nämlich die eigene künstlerische und auch persönliche Identität. 

Wie viel Freiheit braucht ein Künstler, um seine kreativen Ideen verwirklichen zu können? Und wie viel Freiheit hat ein Künstler, wenn er von seiner Kunst leben möchte? Sobald er dies möchte, muss er seine Kunst verkaufen und sich damit von dem Geschmack des Publikums abhängig machen. Er reiht sich in den Mainstream ein und läuft damit Gefahr, austauschbar zu werden. Ein Beispiel dafür ist Rammstein. Ihre ersten Alben waren genial, die Stimme des Sängers und Frontmanns Till Lindemann, eine gigantische Bühnenshow und ins Extreme gehende Texte bescherten der Band enorme Verkaufszahlen, sie trafen den Nerv des Publikums, weil sie etwas Neues kreierten. Heute liefert Rammstein immer noch eine perfekte Show ab, keine Frage, nur sie haben ihre Schiene nicht mehr verlassen. Kommerziell sind sie erfolgreich, kreativ sind sie nicht mehr. Musik ist immer mehr ein Geschäft geworden, wer erfolgreich ist, bleibt es am ehesten dann, wenn er seinem Publikum das bietet, was es gewohnt ist und weiterhin hören möchte.

Doch damit schränkt er nicht nur seine künstlerische Freiheit ein, nein, er entwickelt sich künstlerisch auch nicht mehr weiter. Sicherlich gibt es auch Ausnahmen, Künstler, die ihren Weg gehen und dafür auch mal das Label wechseln. Marius Müller Westernhagen, Peter Maffay, der vom Schlagersänger zum Rocker wurde und mit Tabaluga etwas einmaliges kreierte oder auch Konstantin Wecker sind Beispiele für Künstler, die erfolgreich sind und sich trotzdem immer ihre Freiheit genommen haben, das zu tun, was sie machen mussten.

„ Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es Euch gefällt, ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil Ihr`s bei mir bestellt“, so hat es Konstantin Wecker einmal besungen. Nur sind Westernhagen, Maffay und Wecker etablierte Künstler. Ihnen erlauben die Labels auch einmal , etwas Neues auszuprobieren, weil sie wissen, dass es wegen der Bekanntheit und auch der Persönlichkeit der Künstler verkauft und das Label trotzdem seinen Reibach machen wird.

Nur was ist mit den vielen wenig bekannten Künstlern, denen ein Label vorschreiben kann, was herausgebracht wird? Es ist dieser Spagat, einerseits auf ein Label angewiesen zu sein, um bekannter zu werden und verkauft zu werden, andererseits aber eigene Ansprüche trotzdem umsetzen zu wollen.

Als Alternative bleibt das eigene Label und die künstlerische Unabhängigkeit. Erkauft wird diese mit weniger Bekanntheit, weniger verkauften Tonträgern und damit weniger Einnahmen. Wer damit leben kann, dass er nebenbei noch einen anderen Beruf ausübt, um seine Miete zahlen zu können, ist gut beraten, dies zu tun. Die deutsche Pop und Rockmusik lebt nicht nur von Maffay, Westernhagen und Wecker, diese stehen nur an der Spitze. Die deutsche Pop und Rockmusik lebt von den vielen Bands, die lokale oder regionale Bekanntheit erreicht und ein kleineres, aber immer anwesendes Stammpublikum haben. Sie lebt von Interpreten, die die Themen ihrer Songs auf der Straße und im täglichen Leben finden und vor 50 oder 100 Fans alles geben.

Authentizität ist ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal eines Künstlers. Diese erwächst aus der Freiheit der Kreativität. „Freiheit, das heißt, keine Angst haben, vor nix und niemand“, singt Konstantin Wecker in einem anderen Song. Künstlerische Freiheit bedeutet daher auch, sich keine Ketten anlegen zu lassen von Agenten, die kaufmännisch denken oder von Labels, die nur daran denken, was sich zur Zeit gut verkaufen lässt.

So ist die Berliner Band Mutter eben auch ein Beispiel dafür, wie eine künstlerische Existenz möglich ist, ohne sich einengen zu lassen. Authentische Musiker, die ihr Ding durchziehen, weil sie davon überzeugt sind, dass sie es machen müssen. Und sie sind ein Beispiel dafür, dass Popmusik eben nicht nur durchorganisiert sein muss, um erfolgreich zu sein.

Wie viel Freiheit ein Künstler hat, bestimmt er wesentlich selber. Es ist auch die Frage, was bedeutet ihm mehr, Geld und Ansehen, welche er möglicherweise mit einer Einschränkung seiner kreativen Gestaltungsmöglichkeiten bezahlt. Diese Entscheidung aber muss jeder Kreative für sich treffen.

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 22.10.2011 um 08:46
Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein. Das sang in früheren Zeiten der Schlager-Künstler Gerd Höllerich.

Ich wundere mich, welche Musikhandwerker du in den Olymp der Kunst stellst: Westernhagen, Maffay, die Combo Ramstein? Nur weil sie in der Musikbranche für gute Umsätze sorgen? Was ist denn mit dem DJ Ötzi, den Wildecker Herzbuben und all den anderen Freunden der hohen Kunst der Volksmusik? Sind sie Getriebene zwischen Kunst und Kommerz? Zerreißen sie sich ob ihrer gespaltenen künstlerischen Existenz, weil sie dem Schicksal von Rodolfo und Marcello entgehen wollen, die in ihrer Pariser Mansarde wegen fehlendem Brennholz frierend vor dem kalten Ofen der Dinge harren und auf die Idee kommen, die Manuskripte des dichtenden Protagonisten zu verbrennen, um einen letzten Funken Wärme erfühlen zu können?

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