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systemrelevanter Blog

28.10.2009 | 06:22

Was ist "die Mitte"?

"Die Mitte" von der Guido, Horst und Angela immer reden, ist ein psyschologischer Kunstgriff. Jeder möchte gerne "normal" sein, jeder möchte gerne mit dabei sein. Man will ja nicht zu irgendwelchen Rändern gehören, mal abgesehen von mir. Auch der Begriff "bürgerlich" sagt erstmal nichts aus. Er wird auch nie definiert von der "Koalition der Mitte", man nimmt einfach einen Begriff, den möglichst viele Bürger(!) auf sich selbst angewendet sehen möchten. Das kann der Zahnarzt sein, der in seiner Praxis noch ein paar Kassenpatienten mitschleift, aber auch der Maurer, der morgens um 7.30 Uhr auf der Baustelle steht und den Presslufthammer bedient. Auch der Begriff Leistungsträger ist ein absolutes Kunstwort, jeder fühlt sich doch irgendwie als Leistungsträger. Ob er jetzt eine Firma mit 10 Angestellten hat, alleinerziehende Mutter mit 3 Kindern und Hartz IV ist oder einfach morgens aufsteht und erstmal 5 Bewerbungen schreibt, wie jeden Tag, weil er über 50 ist und aussortiert wurde. Letzterer möchte gerne Leistungsträger sein, wird aber von der Wirtschaft nicht gelassen.  Also diese Kunstbegriffe "Mitte", "bürgerlich" und "Leistungsträger" haben ihre Wirkung voll entfaltet. Das ist aber das Problem von schwarz-gelb. Anscheinend haben viele Bürger andere Prioritäten, denn die Mehrheit ist denkbar knapp. Hätten sich die 2% Wählerstimmen, die an die Piraten gegangen sind, bei den Grünen oder der Linken wiedergefunden, hätte das Ergebnis anders aussehen können. (--- bitte folgenden Satz ignorieren Dann wären im Osten vielleicht noch der eine oder andere knappe Wahlkreis an die Linke statt an die CDU gegangen  bis hierhin---) und es wäre aus gewesen, mit der Koalition der Bürgerlichen und wir hätten wahrscheinlich eine große Koalition mit eingedampfter SPD und einer sehr starken Opposition gehabt. Die drei Begriffe hätten auch nach hinten losgehen können, zumal Westerwelle oft genug um die Ohren gehauen bekommen hat, was er unter Leistungsträger versteht. Das hat er auch nie großartig dementiert, obligatorisch hat er auch die Krankenschwester mit eingeschlossen, aber wer nimmt ihm das ab? Für die nächste Wahl müssen sie sich einen neuen Begriff einfallen lassen, bis dahin haben die Leute gemerkt, was schwarz-gelb unter "Mitte" versteht. Der Koalitionsvertrag bietet da ja genügend Interpretationsspielraum. Aber bis dahin kann man ja schon mal ein bisschen Ausländerbashing betreiben und berechtigte Kritikpunkte an der Integrationswilligkeit zu einem Frontalangriff gegen alles Fremde ausweiten. Roland Koch scharrt ja schon länger mit den Hufen. Die nächste Sau findet sich schon, die man durchs Dorf jagen kann. Aber wird die dann wieder ziehen?

Zurück zu unseren Pseudobegriffen, worin besteht die Gefahr in der Verwendung solcher Begrifflichkeiten? Das kann die Gesellschaft spalten, denn alle die sich gegen "Mitte", "bürgerlich" und "Leistungsträger" entschieden haben und ihrem sozialen Gewissen gehorcht haben und links/grün von der CDU gewählt haben, gelten dann als "nicht bürgerlich" oder das sind ja alles Faulenzer, die wollen ja nichts "leisten". Dass es da auch welche gibt, die von den hofierten Leistungsträgern einfach die Schnauze voll haben, wird übersehen. Was bedeutet das aber, wenn man aufgrund seiner Wahlentscheidung sich jetzt auf einmal ausgegrenzt fühlen soll? Es ist natürlich nicht so heftig, wie eine bewusste öffentliche Ausgrenzung, die aber auch zu offenem Widerstand führen würde. So macht sich jeder selbst Gedanken, wenn es ihn interessiert, dass er nicht zur Mitte gehören soll, ob er nicht vielleicht nicht doch die CDU wählen soll, oder die FDP, die sind doch auch gegen die Internetsperren oder gegen den Schäuble. 

Mir persönlich ist das egal, in welche Schublade mich andere stecken, aber ich kann mir schon vorstellen, dass es genügend andere gibt, die sich Gedanken darüber machen, zu welcher Gruppe sie gehören möchten. Genau da schlägt die CDU/CSU/FDP mit ihren Begrifflichkeiten zu und die Medienmeute ist ihnen auf den Leim gegangen. Wurden diese Begriffe einmal richtig auseinandergenommen? Warum werden diese Begriffe verwendet? Was heisst das für die Gesellschaft, wenn nur noch schwarz-gelb-Wähler "bürgerlich", "Mitte" oder Leistungsträger sein sollen? Dieses Feld dürfen die Grünen, Linken oder die SPD nicht den "Bürgerlichen" überlassen. Überall wird von der "bürgerlichen" Koalition gesprochen, das finde ich schon ziemlich hart. Bloß weil jemand "die Linke" wählt, soll er nicht mehr "bürgerlich" sein. Das stimmt sogar, wenn man der Erklärung von Wikipedia glauben kann, was dort unter "Bürgertum" steht, zeigt deutlich wo es langgehen soll. Der Arbeiter findet da nur Erwähnung als Nichtmitglied. Aber dafür werden Familien wie die Quandts erwähnt. Immer ist das Bürgertum wohlhabend. Früher wurde man sogar in das Bürgertum hineingeboren. Allerdings am schönsten ist der Satz, dass es eigentlich kein Bürgertum mehr gebe. dass es aufgrund des gesellschaftlichen Wandels mit dem Mittelstand verschmolzen sei.  Früher war das Bürgertum "was besseres", Marx nannte es "Burgeoisie" und was am wichtigsten ist, es hat das Geld. Nichts anderes wird uns also mit dieser Koalition erwarten. Der Geldadel wird also gestärkt werden. Der Rest wird ausgegrenzt.Wo ist denn die Hilfe für die alleinerziehende Mutter, die auf Hartz-IV angewiesen ist? Die Kindergelderhöhung verpufft bei der, die bekommt es angerechnet.

 
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Kommentare
jayne schrieb am 28.10.2009 um 07:20
fragwürdigkeit und instrumentalisierung solcher begrifflichkeiten wie "mitte", "bürgerlich" oder "leistungsträger" finde ich gut herausgearbeitet, es wird deutlich, welches denken damit transportiert und im öffentlichen bewußtsein "installiert" werden soll ...
Streifzug schrieb am 28.10.2009 um 07:46
"In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod"
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.10.2009 um 21:34
ja, und Alexander Kluge meinte das eigentlich in einem anderen Zusammenhang
luggi schrieb am 28.10.2009 um 08:49
Nach adäquat mathematischer Betrachtungsweise kann sich in der Mitte nur eine Person befinden. Alle anderen stehen irgendwie und irgenwo daneben.

Interessant war die sprachliche Hampelei der SPD. In seinem Wahlprogramm schloss Steinmeier "fast" alle mit ein, in seinen späteren Wahlkampfreden orientierte auch er sich an der "Mitte", ausgeschlossen wieder die Arbeitslosen, Alleinstehenden usw..
merdeister schrieb am 28.10.2009 um 19:23
Kann sich denn nach adäquat mathematischer Dings nicht nur ein Teil einer Person in der Mitte befinden?
luggi schrieb am 28.10.2009 um 19:27
Leider nein. Sonst wäre es irrational.
luggi schrieb am 28.10.2009 um 19:30
Außerdem werden an menschliche Körperteile keine Wahlbenachrichtigungen verschickt.
merdeister schrieb am 29.10.2009 um 13:46
"Irrational" habe ich mal im Mathe-Unterricht gehört, war mir aber damals schon nicht verständlich. Mir fehlen für eine weitere Diskussion also leider rationale Argumente.

Dafür kenne ich einen Mathematiker-Witz:
Geht ein Mann zum Schneider und sagt:
Können sie mir diese dreiviertel-Hose bitte kürzen?
Darauf der Schneider:
Nein, das kann man nicht mehr kürzen.

In der Hoffnung die Pointe nicht versaut zu haben...
flxz schrieb am 28.10.2009 um 12:32
Auch wenn es mit dem (gut getroffenen!) Kern des Beitrags wenig zu tun hat, ein Kommentar zu:

"Hätten sich die 2% Wählerstimmen, die an die Piraten gegangen sind, bei den Grünen oder der Linken wiedergefunden, hätte das Ergebnis anders aussehen können. Dann wären im Osten vielleicht noch der eine oder andere knappe Wahlkreis an die Linke statt an die CDU gegangen"

Der erste Satz ist natürlich richtig (auch wenn man auch sagen könnte, hätten sich mehr Grüne/Linke/SPD für die Piratenpartei entschieden :) ). Den zweiten Teil halte ich für falsch:

Die Piratenpartei hat vorwiegend Zweitstimmen bekommen. In vielen Wahlkreisen gab es gar keinen Erststimmenkandidaten der Piratenpartei. Piratenparteiwähler haben vermutlich nicht den Erzfeind Schäuble-CDU mit der Erststimme gewählt - von daher ist nicht zu vermuten, dass die Piratenparteiwähler in der Urne dazu beitragen hätten können, dass mehr Wahlkreise im Osten nicht an die CDU gehen.
bkhdk schrieb am 28.10.2009 um 18:21
Danke für den Hinweis, bei dem Satz hatte ich auch noch aus andere Gründen Bauchschmerzen, aber das richtige Argument überzeugt mich dann voll und ganz. Ich werde ihn oben ausklammern.
Tom Zille schrieb am 28.10.2009 um 15:08
Sie bemängeln, dass diese Begriffe schwammig definiert sind und reduzieren doch die Mitte auf "normal" und Bürgerliche auf den Geldadel.
bkhdk schrieb am 28.10.2009 um 18:20
Das tue ich gerade nicht. Bitte genau lesen. Meine Meinung ist, dass dies von schwarz-gelb suggeriert werden soll. Meiner Meinung nach gibt es keine Mitte. Dass Bürgerlich = der Geldadel ist, ist eine zugespitzte Schlussformulierung von mir. Vorher wird eine Definition wiedergegeben, die so, wie ich auch anmerke in der Wikipedia steht. Das ist jetzt kein wissenschaftliches Fachbuch, das weiss ich auch, gibt aber, wie ich finde, relativ gut das Thema wieder. Zu meiner fachlichen Kompetenz kann ich anmerken, dass ich schon entsprechende Vorlesungen zur Sozialstruktur in Deutschland besucht habe (und nicht gepennt habe).
Streifzug schrieb am 28.10.2009 um 18:53
Von der Mitte zur Ti... zum Sa... Zack, Zack.
Achtermann schrieb am 28.10.2009 um 20:28
Streifzug schrieb: „Von der Mitte zur Ti... zum Sa... Zack, Zack.“

Heißt wohl: Von der Mitte zur Titte, zum Sack, Zack, Zack!“

Genauso stellen sich das die Grünen vor, die sich selbstverständlich auch in der Mitte befinden wollen, aber auch scheinbar knapp daneben, nämlich in der linken Mitte, wie der weibliche Teil der Fraktionsspitze im Bundestag jüngst definiert hat. Gibt’s etwas anderes als die Mitte? Und wenn man in der linken Mitte ist, ja wo ist man denn da? Eben: Von der Mitte zur Titte…!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.10.2009 um 21:48
"...und die Medienmeute ist ihnen auf den Leim gegangen", wirklich wahr, und das unterhaltsame daran ist die Begriffsfindung dieser "irgentwie"-Begriffe.
Bela schrieb am 01.11.2009 um 11:56
Ich glaube an Kant in Kürze: "Selber denken fetzt!"

und muss bemerken, dass man nie dazugehört auf der Skala von rechts bis links, wenn man selber denkt - und das ist auch gut so.
Jakob Augstein schrieb am 01.11.2009 um 12:22
(Anmerkung: Das ist ein sehr interessanter Text, den wir leider am 28.10. übersehen haben. Darum hole ich ihn erst jetzt auf die Startseite.
JA)
bkhdk schrieb am 02.11.2009 um 17:23
super, das geht doch runter wie Öl.
Tiefendenker schrieb am 03.11.2009 um 11:04
Sehr guter Beitrag!!! Sowas regt zum Denken an, z.B. darüber, wie eng die Wahrnehmung und unsere Ontologie mit den verwendeten Begriffen verknüpft ist. Ich kenne Beiträge, wo noch weit mehr Begriffe und Zusammenhänge dieser Art (z.B. christlich-religiöse Begriffe in Bezug auf die Marktwirtschaft usw.) aufgedeckt und analysiert werden. Empfehlen kann ich zu diesem spannenden Thema den Buchtitel „Der Alptraum der Freiheit“ (Robert Kurz, Roswitha Scholz u.a.)!!!!!!

Genau wie der im Sinne des Kapitalismus fast beliebig instrumentalisierte Begriff der „Mitte“ werden auch die „Leistungsträger“ missbraucht. Der ideologische Trick besteht meiner Beobachtung nach oft darin, dass die so genannten „Besserverdienenden“ mit den „Leistungsträgern der Gesellschaft“ gleich gesetzt werden. So lässt sich der größte Teil der Ausbeutung sehr geschickt rechtfertigen, weil diese Gleichsetzung den gesellschaftlichen Konsensgedanken stützt. Doch genau dieser Mythos der „Leistungsgesellschaft“ basiert auf einer Lüge. In Wahrheit leistet natürlich die Masse der „Normalverdiener“ auch die Masse der Arbeit. Das könnte man sicher auch mit den Statistiken zu verausgabten Arbeitsstunden in Deutschland und der Zuordnung zum Realeinkommen belegen.

Deren verausgabte Lebensenergie wird aber auf der abstrakten Ebene des Preises gleich geschaltet und in Richtung des Kapitalverhältnisse (über Beteiligungen, Gewinnausschüttungen, Dividenden, Mieten, Renditen, Zinsen usw.) abgesogen und umverteilt. Das Anrecht darauf basiert also nicht allein auf Verausgabung von Lebensenergie durch Arbeit, sondern aus dem reinen Kapitalverhältnis (also letztlich den Besitztumsverhältnissen) selbst. Warum soll jedoch jemand, der eh schon viel besitzt, also überproportional von diesen „bürgerlichen Verhältnissen“ profitiert hat, allein daraus ein derartiges Anrecht haben dürfen??? Damit genau diese Frage NICHT gestellt wird, braucht man Mythen wie die „Mitte“, die „Leistungsträger“ usw.

Das Ziel dieser Art Wortspiele wie oben angesprochen, dient also offensichtlich dem Erhalt genau dieser historisch ungerecht geschaffenen Besitztumsverhältnisse. Die Lösung liegt also darin, zunächst mal adäquate, neue Begriffe zu finden, mit denen sich unsere Gesellschaft wieder so beschreiben lässt, wie sie tatsächlich strukturiert ist. Dann ändert sich damit auch die Wahrnehmung. So könnte man die Stütze des Konsens und der bürgerlichen Ideologie wegnehmen, damit das veraltete ontologische Gedankenmodell wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Dann ist der Weg frei Neues zu denken und endlich das Kapitalverhältnis an sich und deren Wertschöpfungslogik radikal in Frage zu stellen. Hinter diesem alten, verstaubten Vorhang des Bürgertums, liegen die Möglichkeiten einer neuen Gesellschaft. Deshalb: Vorhang auf für freue Sicht!!!
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