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systemrelevanter Blog

25.01.2010 | 10:56

Wer hat Angst vorm Mindestlohn?

In der Diskussion um die "faulen Hartz-IVler", die zur Zeit in einige Presseerzeugnissen eines bestimmten Verlages breitgetreten wird, geht eines unter. Man kann Zwangsarbeit einführen, wenn man dieses harte Wort verwenden möchte. Es gilt aber eine Bedingung. Es muss einen vernünftigen Mindestlohn geben. Sobald der gezahlt wird, kann man auch von jemandem verlangen, arbeiten zu gehen. Denn das Auskommen ist ja gesichert. Das können dann auch staatlich geschaffene Stellen sein, wie die Parkpflege oder Aufsicht über Schulklassen oder was auch immer. Wenn allerdings, wie in der aktuellen Diskussion, gefordert wird, dass der Hartz-IV-Empfänger für mehr oder weniger nichts arbeiten gehen soll, nur damit der Staat seiner Fürsorgepflicht nachkommt. dann ist das reiner Irrwitz. Die Konsequenz wäre doch, wenn 2-3 Millionen Arbeitslose in einen angespannten Arbeitsmarkt drängen, dass dem Lohndumping Tür und Tor offen steht. Da man davon ausgehen kann, dass die neoliberalen Segensversprecher im Hintergrund schon an der endgültigen Abschaffung des Kündigungsschutzes feilen, heisst das dann für unzählige Menschen ein Dasein als besserer Tagelöhner zu fristen.

Wenn aber der Mindestlohn eingeführt wird und die Leute zur Arbeit gezwungen werden, dann wird sehr schnell Eines offenbar werden. Wir haben mittlerweile so eine Produktivität erreicht, dass man auf Millionen Menschen verzichten könnte (rein ökonomisch betrachtet). Es wird überhaupt nicht für jeden eine Arbeitsstelle für 9 oder 10 Euro die Stunde erschaffbar sein. Das würde das Ende des Lügengebäudes der angeblich so faulen Arbeitslosen bedeuten. Lieber erzählt man den Leuten, bei Niedriglohn stockt der Staat auf. Ich, als Steuerzahler, möchte aber niemandem den Lohn aufstocken, dessen Arbeitgeber zur Gewinnmaximierung den Lohndrücker markiert.

Lieber füttere ich mit meinem Lohn die ALGII-Empfänger durch, als, dass hier die endgültige Ausbeutung eingeführt wird.

Roland Koch hat nach meiner Ansicht nur zwei Möglichkeiten:

1. Einführung der Zwangsarbeit ohne Mindestlohn mit den oben beschriebenen Konsequenzen, des Lohndumpings.

2. Einführung der Zwangsarbeit mit Mindestlohn ohne die Konsequenzen von 1., dafür mit der Offenbarwerdung der Überflüssigkeit großer Bevölkerungsteile, im ökonomischen Getriebe.

Genau vor der in 2. beschriebenen Konsequenz haben die Mächtigen (BDI, INSM, etc.) doch Angst. Das würde nämlich bedeuten, dass es keine Vollbeschäftigung mit Lohnzahlung geben kann und man ein Grundeinkommen einführen müsste. Was den Irrsinn dieser Wirtschaftsexperten nur behindern würde.

Das Ergebnis wird sein, es wird nichts passieren. Wir werden keinen Mindestlohn bekommen, kein Grundeinkommen und keine Zwangsarbeit. Es wird so weiter gehen wie bisher. Alle paar Monate wird die Sau Hartz-IV wieder mal durch den Blätterwald gejagt, aber eine Systemumstellung findet nicht statt. Für Leute wie Roland Koch wäre das auch uninteressant, da sie von dem Aufeinanderhetzen der Menschen viel mehr profitieren. Das steigert nämlich auch das Desinteresse an Politik und das ist das was er will. Es soll sich keiner mehr dafür interessieren, was die mit der Wirtschaft regeln, die Leute sollen es einfach nur fressen. 

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 25.01.2010 um 14:13
Hi bdkhk,
Du prognostizierst, dass nichts passieren wird, also weder ein Mindestlohn eingeführt wird und auch keine Zwangsarbeit.
Sondern dass der Staat weiterhin zwischen den Extrem-Positionen herumschlingert auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner.

Das könnte natürlich hinkommen, aber nur, wenn die Leute es auch wirklich weiterhin "fressen"
bkhdk schrieb am 25.01.2010 um 15:51
Das ist jetzt eine kleine Überinterpretation meiner Aussage. Es wird kommen, dass die Politik nichts beschließt.
Was dann die Bevölkerung damit macht, steht auf einem anderen Blatt.
quarktasche schrieb am 26.01.2010 um 15:13
Guter Beitrag! An die Redaktion: Bitte in die Print-Ausgabe!
Lukasz Szopa schrieb am 26.01.2010 um 15:46
Ich stimmer Ihnen voll zu, mit einer Ausnahme: Warum für die s.g. "Hartz-4-Zwangsarbeit" NUR Mindestlohn zahlen? Wenn schon, dann einen "vergleichbaren" Lohn. Also wenn z.B. ein arbeitsloser Webdesigner bei einer Stadverwaltung die Website bearbeiten sollte - warum sollte er dafür nur den Mindestlohn kriegen? Auch damit würde man doch das Lohnniveau drücken!
bkhdk schrieb am 27.01.2010 um 06:45
sicherlich darüber könnte man auch noch streiten. Das Ergebnis wird meiner Meinung nach trotzdem sein, dass man kaum um eine Grundsicherung rumkommen wird. Da man auch nicht alle arbeitslosen Webdesigner in Lohn und Brot bekommt. Allerdings ist es bei solchen Jobs sehr schwer den Durchschnittslohn zu nehmen. Es gibt welche die sind super kreativ, die erledigen gleich noch die Arbeiten vom Grafiker und sind was PHP (oder Javascript) angeht absolut genial und zaubern die dollsten Dinger aus dem Hut, die verdienen dann auch entsprechend. Andere die nehmen ihren Baukasten und passen den an und verdienen dann weniger, wieder andere sind genial und beuten sich selbst aus. Also, wie ermittelt man den Durchschnittslohn? Bzw. Ist der Durchschnittslohn die passende Größe? Müsste man nicht einen von Branche zu Branche unterschiedlichen Mindestlohn einführen?
Lukasz Szopa schrieb am 26.01.2010 um 15:47
Ich stimme Ihnen voll zu, mit einer Ausnahme: Warum für die s.g. "Hartz-4-Zwangsarbeit" NUR Mindestlohn zahlen? Wenn schon, dann einen "vergleichbaren" Lohn. Also wenn z.B. ein arbeitsloser Webdesigner bei einer Stadverwaltung die Website bearbeiten sollte - warum sollte er dafür nur den Mindestlohn kriegen? Auch damit würde man doch das Lohnniveau drücken!
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