Calvani

Die Mandarine im Mondschein

02.04.2011 | 22:51

Jakob Augsteins Freundschaft - Die Politik der kleinen Dinge

Ich trage nur ein Bikinihöschen und beobachte den braungebrannten Jüngling, der mit seinen Füßen große Kreise in den feuchten Sand zeichnet, um nach der nächsten zerstörerischen Welle wieder von vorne zu beginnen. Ob er mein Freund sein will, frage ich ihn ganz unverblümt. Er schaut mich erschrocken an, läuft davon und schreit: „Mami! Mami!“ Ich schiebe meine Unterlippe vor, starre auf die schäumende Gischt und bleibe enttäuscht zurück. Was stimmt denn mit mir nicht?

 

Viele Jahre später. Der Freitag zwei Wochen vor Weihnachten, überraschend sind gewaltige Mengen Schnee vom Himmel gerieselt, ganz Köln feiert Betriebs-Weihnachtsparty. Meine Freundin Isabelle hat einen neuen Freund und der ist Financier, weshalb auch mir heute die Ehre zu Teil wird, auf der Gästeliste des NN zu stehen, und ich sitze im Taxi eben dorthin. „NN?“ fragt der Taxifahrer, „Das ist doch diese Nobeldisco im Friesenviertel, oder?“ Ich brumme zustimmend. Am Ziel eingetroffen stelle ich früh fest, zu spät gekommen zu sein, alle sind schon betrunken und grölen. „Finger weg!“ belle ich den mir soeben vorgestellten Freund des neuen Freundes meiner Freundin Isabelle an, der offenbar der Meinung ist, gleich nach der Vorstellung meine Hüften tätscheln zu dürfen. Ich lasse ihn stehen, setze mich an unseren VIP Tisch, neben dem die Mannschaft einer Werbeagentur feiert, dessen Geschäftsführer auch ein Freund des neuen Freundes meiner Freundin Isabelle ist. Er torkelt an unseren Tisch und ehe wir uns versehen, kotzt er auch schon in den Sektkübel. Die Brühe läuft über die Tischplatte, der Prokurist bleibt neben der Entscheidungsträgerin eines großen Geldinstituts sitzen und befingert unbeeindruckt das Dekollete der Dame. Ich dagegen springe auf, bringe Mantel und Tasche in Sicherheit und denke: Nobeldisco. Soso.

 

Viele Monate später. „Jeder Mensch ist doch inzwischen bei Facebook!“ konstatiert meine Freundin Isabelle in einem Nebensatz. Da ich es aber nicht bin, wird mir komisch. Na gut. Ich melde mich an, lade ein Foto hoch und schließlich öffnet sie auch mir ihre Tore: die schöne neue Welt. Ich blockiere die Suchfunktion, stelle wie im realen Leben meine persönlichen Inhalte nur meinen engsten Freunden zur Verfügung, bin darüber hinaus erstaunt, welche Kontaktmöglichkeiten ein soziales Netzwerk für menschenscheue Individuen wie mich hat, und schicke deshalb neugierige Nachrichten an interessante Menschen, z.B. Jakob Augstein. Bekomme prompt eine Antwort und eine Freundschaftsanfrage zurück. Macht man das so? Freundschaft ist mir wichtig und eben nicht identisch mit Bekanntschaft oder Geschäftsinteresse, weder im Kleinen noch im Großen. Ich denke an die einstigen Freundschaftsbekundungen zwischen Mubarak und Merkel, also frage ich den kritischen Meinungsjournalisten Augstein via Facebook, welchem Zweck das öffentliche Bekenntnis zu Freunden dient, insbesondere wenn man diese gar nicht kennt. Schweigen. Ich starre bedrückt auf den Bildschirm und weiß immer noch keine Antwort auf die Frage: Was stimmt denn mit mir nicht?

 

 
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Kommentare
Rafael Wawer schrieb am 06.04.2011 um 01:20
schreiben sie ruhig mehr. nicht wegen des bikinis oder des generalverdachts, dass alle unter eine decke stecken. wegen dieser perspektive oder geschichten. ich mag das.
Magda schrieb am 08.04.2011 um 17:36
Sie können Sachen erleben und kennen Leute, das ist ja spannend.
:-)))))))))

Ich bin auch bei Facebook. Wollen wir uns befreunden? Ich schicke Ihnen mal ne Anfrage.
cwerg schrieb am 12.04.2011 um 12:53
Ich will auch mit Ihnen befreundet sein!
Wie heißen Sie denn auf facebook bloß ? :-)
Pjotr 'Petka' Pustota schrieb am 10.04.2011 um 21:28
Ach ja, da war ja was: Facebook - Dinge, die die Welt nicht braucht. Kann problemlos mit Google mithalten - 1984 lässt grüßen.

Dein Schreibstil ist sehr gut. Taugt jedenfalls für eine schriftstellerische Karriere. Deine beiden auf diesen Eintrag folgenden Beiträger leider nicht.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.04.2011 um 23:22
Habe irgendwie nicht geschnallt, worum es hier überhaupt geht. haben die beide Geschichten am Anfang etwas mit Jakob Augstein zu tun? Wenn ja, warum dann am Ende: "also frage ich den kritischen Meinungsjournalisten Augstein via Facebook, welchem Zweck das öffentliche Bekenntnis zu Freunden dient, insbesondere wenn man diese gar nicht kennt"? Wenn nein, warum werden diese Geschichten unter dem Überschrift "Jakob Augsteins Freundschaft" erzählt? Was hat Jakob Augstein und überhaupt das Thema Freundschaft mit dem kotzenden Geschäftsführer und den Händen an Ihren Hüften zu tun? Es ist bei Ihnen grundsätzlich ziemlich schwierig zu nachvollziehen, worum es Ihnen eigentlich geht. Außer Selbstdarstellung, natürlich.
cwerg schrieb am 12.04.2011 um 12:56
Hä? Ich kann diese Verständnisprobleme überhaupt nicht nachvollziehen. Das ist ein wunderschöner Text über die Verwandlung des Begriffs "Freundschaft" im Lauf der letzten paar Jahre, finde ich. Und darin ist er vollkommen klar und verständlich - von seltenem Eigen- und Mehrwert in den Meinungswüsten und -wäldern der blogosphäre ...
Calvani schrieb am 17.04.2011 um 21:18
Liebe Lara,

ich verstehe durchaus, dass Sie nicht verstehen. Ich verstehe allerdings nicht, dass Sie nicht verstehen, warum Sie nicht verstehen...

Calvani
Richard der Hayek schrieb am 17.04.2011 um 21:34
Hat nicht Sokrates schon gesagt: ich verstehe, daß ich nichts verstehe ?

Alexander der Große: ich verstehe nur Bahnhof.

Darauf Sokrates: den gibt es noch gar nicht.

AdG: als Idee schon, da gibt es alles. Wir haben seinen Schatten noch nicht in unserem Geist in unserer Höhlenwelt.

Diogenes: geh mir aus der Sonne.

S. das hilft auch nicht, du arbeitsscheuer Depp. Es gibt nichts, was es nicht gibt, sonst gäbe es das ja doch. Also gibt es nur, was wir erkennen, aber da müssen wir anerkennen, daß wir es nciht verstehen, außer, daß wir es nicht verstehen. Und selbst das muß man erst kapieren.

Einstein: alles ist relativ.

die Philosophen in Chor: Physik ist hier nicht zuständig, das vesteht ja eh keiner.

AdG zückt das Schwert und löst den Knoten.
Calvani schrieb am 17.04.2011 um 21:39
@ Richard

"Es gibt nichts, was es nicht gibt, sonst gäbe es das ja doch."

Besser hätte ich es nicht sagen können!

Calvani
Richard der Hayek schrieb am 17.04.2011 um 21:43
Es ist schön, verstanden zu werden.
Calvani schrieb am 17.04.2011 um 21:47
@ Richard

Passend dazu: PN gelesen?

Calvani
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.04.2011 um 09:45
@Calvani schrieb am 17.04.2011 um 21:18

Es ist schön, dass Sie die Möglichkeit hatten, ein bisschen über mich zu reden. Aber eigentlich habe ich Sie gefragt, was der kotzende Geschäftsführer und Ihre erotische Wahrnehmungen mit Jakob Augsteins Freundschaft zu tun haben...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.04.2011 um 09:55
@cwerg schrieb am 12.04.2011 um 12:56

"Das ist ein wunderschöner Text über die Verwandlung des Begriffs "Freundschaft" im Lauf der letzten paar Jahre, finde ich."

Ihre Äußerung impliziert, dass es "im Lauf der letzten paar Jahren" eine besondere Verwandlung des Begriffes Freundschaft stattfand, die es vorher nicht gab, und dass dieser "wunderschöner Text" sich ernsthaft damit auseinander setzt. Können Sie Ihre Behauptung bitte durch ein paar Zitaten belegen?
EnidanH schrieb am 18.04.2011 um 11:20
Lara, es gibt den Begriff der "Frühjahrsrolligkeit", vielleicht ist das der Grund für die Auslassungen von C., mehr gibts dazu gar nicht zu sagen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.04.2011 um 17:41
Rollige Mandarine im Mondschein? Hm... wenn mir etwas Passendes dazu einfällt, melde ich mich wieder...
Calvani schrieb am 18.04.2011 um 19:09
Liebe Lara,

die Frage, worum es in diesem Beitrag geht, beantworte ich später, aber damit hier kein falscher Eindruck entsteht schon mal vorneweg: Ich gebe zu, dass es der Zusammenhang vermuten lässt, aber in der PN ging es wirklich nicht um Sie.

Calvani
Calvani schrieb am 18.04.2011 um 19:17
@ EnidanH

Was für eine Unterstellung! Frechheit!
Ihre Äußerungen verursachen genau das Problem, das dazu führt, dass es kaum synergetische Effekte zwischen Männern und Frauen gibt.
Bloß weil jemand mir zustimmt, unterstellen Sie gleich amouröse Interessen!
Woher wissen Sie eigentlich, dass sich hinter dem User, der sich Cwerg nennt, ein Mann verbirgt?

Calvani
cwerg schrieb am 22.04.2011 um 21:52
Hui, meine letzte schriftliche Textanalyse ist schon 25 Jahre her, im Deutsch-LK. Und eigentlich hatte ich mir abgewöhnt, schöne Texte auseinanderzuzupfen, das mochte ich schon damals nicht - lieber genießen als erklären!

Aber nun denn, wenn Sies wirklich so dringend brauchen:
1. hat dieser schöne Text 3 Absätze, in denen
2. drei unterschiedlich schöne Begebenheiten schön erzählt werden.
3. beginnen Absatz 2 + 3 mit "viele Jahre/Monate später". Daraus schließe ich eine Chronologie der Erlebnisse.
4. thematisiert jeder dieser Absätze anhand der Erlebnisse (Achtung, jetzt kommts:) a) eines Kindes, b) einer jungen Frau, c) einer dann noch "viele Monate" älteren Frau, wie die Protagonistin zur jeweiligen Zeit auf ganz unterschiedliche Weise Freundschaft erleben durfte bzw. von (männlichen) Mitmenschen nahegebracht bekam.

Bloß: Jetzt ist der schöne Text kaputterklärt, oder? Schade, finde ich.
Aber vielleicht wird dadurch klar, dass Horchen und Lauschen, Spüren und Denken schöner sind als Fragen und Wissen. Das können Sie natürlich unernst nennen. Dann kann und will ich Ihnen keine Belege für meinen Genuss liefern, täte mir leid.
cwerg schrieb am 22.04.2011 um 21:58
@calvani

Ham Sie Dank für das Verständnis :-)
Aber, ja: Ich bin ein Mann, das will ich mal nicht weiter verheimlichen. Und Ihre Rede von den schwierigen Synergien gefällt mir auch schon wieder.
Wie man dagegen zwischen Rotznase, Männerkotze, und fb-Freunderei, zwischen Literaturkritikchen und Textexegese auf amouröse Interessen kommen kann, das müsst der Herr (?) EnidanH mal erklären, wenn ichs wissen wollte. Aber ... ach ...!
Calvani schrieb am 22.04.2011 um 22:40
Lieber cwerg,

also ich muss schon sagen, Sie machen sich ganz schön beliebt bei mir...

Calvani
cwerg schrieb am 22.04.2011 um 22:50
Ach Mensch ... - mit dem Textzerzupfen oder mit der Nicht-Amourösität? Und das im schönsten Frühling!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.04.2011 um 23:32
@Pjotr 'Petka' Pustota

Wenn ich fragen darf: Ist es einen reellen Namen oder einen sprechenden Namen? Beim sprechenden Namen würde mich so eine Auswahl schon einigermaßen wundern...
GeroSteiner schrieb am 17.04.2011 um 22:44
Schön geschrieben.

Wer ihn nicht braucht, dem wird ein Freund nicht fehlen,
Und wer in der Not versucht den falschen Freund,
Verwandelt ihn sogleich in einen Feind.

William Shakespeare, aus "Hamlet"
Calvani schrieb am 17.04.2011 um 23:17
@ GeroSteiner

Dito!

Calvani
Meyko schrieb am 25.05.2011 um 09:46
Calvani
Nur die Phantasielosen flüchten sich in die Realität. (Arno Schmidt) Indessen haben Damen nur selten Reiz für mich gehabt. Sie haben nie den Mut oder den Mangel an Kinderstube zu sagen, was sie denken. Und das wird mit der Zeit sehr langweilig. (Margaret Mitchell)
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