ChristianBerlin

SchwammDrüber-unerhört+ubersehen

20.03.2010 | 09:35

5. Freitag-Salon: Leipziger Allerlei

Beim 1. Freitag-Salon, der im vergangenen Oktober während der Buchmesse stattfand, kam MH und mir angesichts der leeren Stühle die Frage in den Sinn: Warum jetzt in Berlin und nicht in Frankfurt? Gestern durfte sich diese Idee auf der Leipziger Buchmesse erstmals bewähren.
 
Tatsächlich war der Saal in der Alten Nikolaischule bis fast auf den letzten Platz voll, was wohl weniger dem ausnahmsweise für alle freien Eintritt zu verdanken war, als der Einbindung lokaler Größen und Medien wie Friedrich Schorlemmer, der Leipziger Volkszeitung (LVZ) und dem Kreuzer. Aber auch der Freitag selbst kommt anders an als noch vor einem Jahr, als Nina Heinlein am Messestand fast immer gefragt wurde: Wer seid denn ihr? Jetzt heißt es: Ach, hallo, der Freitag!
 
Zusammen mit Kreuzer-Chefin Claudia Euen und LVZ-Vize Michael Schneider waren Freitag-Herausgeber Schorlemmer und sein Verleger Jakob Augstein genau solchen Veränderungen der Wahrnehmung von Medien auf Seiten des Publikums auf der Spur. Michael Schneider, der 1990 als ehemaliger Jugendweihe-Verweigerer zum ehemaligen SED-Blatt kam, konnte sich noch gut an viele gescheiterte Übernahmen und Neugründungen aus dieser Zeit erinnern - ausnahmslos durch West-Verlage, die sich ein Stück vom Kuchen Medienmarkt-Ost sichern wollten. Die Claudia Euen konnte da schlecht mithalten, sie war damals 10 Jahre alt, und Jakob Augstein, damals Anfang 20, schien diese Entwicklung ebenfalls nicht in allen Details mitverfolgt zu haben. Fest steht jedenfalls, dass von einem Bunten Teppich nur wenige Monopolisten übrig blieben: Ausgerechnet die Blätter der ehemals staatstragenden Partei, die vor Ort nur noch Stadtillustrierte und Boulevard-Blätter als Konkurrenten leben ließen.
 
Ähnlich dürftig wie das Interesse der Ostdeutschen an von Westlern gemachten Medien scheint auch der Blick der Westmedien auf die Ostdeutschen zu sein - auch wenn kaum Namen oder Beispiele genannt wurden, hat die Ossi-Polemik der Redakteure bestimmter Leitmedien den Blick ihrer westlichen Stammleser auf das Beitrittsgebiet genauso nachhaltig geprägt  wie die Horror-Meldungen über Volksaufstände vor Asylantenheimen in Hoyerswerda. Da hilft auch nichts, wenn die öffentlich-rechtlichen Medien im Unterhaltungs- und Fiktionsbereich so tun, als unterscheide man sich dort nur durch Lokal-Kolorit vom vermeintlich immer schon demokratischen Landesteil und seiner offenen Gesellschaft.
 
Solche Schlüsselereignisse und Weichenstellungen wurden auf dem Podium nicht wirklich erschöpfend analysiert, im Grunde kaum andiskutiert. Dafür steuerten im zweiten Teil Gäste aus dem Plenum aufschlussreiche eigene Beobachtungen bei.
 
Ein noch nicht wirklich betagter Herr um die 55 konnte anhand von Banken-Statistiken belegen, dass sich in Städten wie Leipzig eine neue Mittelschicht herausgebildet hat, die auf Sparkonten mehr Vermögen hortet, als ihr westliches Pendant. Trotzdem hätten diese neureichen Eliten vor Ort gesellschaftlich keine Lobby und keine Stimme, was nicht nur am üblichen Identitätsproblem der Neureichen liege, sondern auch daran, dass diese Schicht von Medienmachern bislang ignoriert statt erschlossen werde. Wenn das stimmt, liegt hier Potenzial brach.
 
Leider fiel diesmal der in Berlin schon zur Tradition gewordene gemütliche Teil des Abends in geselliger Blogger-Runde mangels bekannter Gesichter aus. Kai Kloetzer war wenigstens da und hatte mich als Einheimischen gleich begrüßt, war aber hinterher verschwunden. Schuld daran war aber hauptsächlich der Biertresen, der hier nicht auf gleicher Ebene lag und man sich dort auch nicht wirklich erwünscht fühlte.

Stattdessen standen Michael Schneider, Friedrich Schorlemmer und ich zusammen mit ein paar Leipzigern noch einige Minuten auf dem Platz mit der vor 10 Jahren in Anwesenheit des Bundeskanzlers eingeweihten Gedenkstelle für die friedliche Revolution vor dem Eingang der Alten Nikolaischule, aus der heute ein echtes Nobelrestaurant geworden ist. Als irgendwann eine Edelkarosse mit Chauffeur dort in der Fußgängerzone vorfuhr und die daraus Austeigenden grußlos und selbstgewiss an uns vorbei ins ehemalige Schulgebäude gingen, konnten sich mein Amtsbruder und ich ein paar spitze Bemerkungen kaum verkneifen.
 
"Wenn Leute wie er nicht gewesen wären, könnten die da jetzt nicht feiern", dachte ich im Stillen. Seinen spöttischen Bemerkungen über den Chauffeur als absolutes Statussymbol musste ich allerdings kontern. Es hat sich nur noch nicht bis in Theologenkreise herumgesprochen, wie wichtig der ist.
 
[Bild folgt spätestens morgen]

 
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Kommentare
ich schrieb am 20.03.2010 um 10:56
Vielen Dank für den Bericht.
poor on ruhr schrieb am 20.03.2010 um 11:27
Von mir auch vielen Dank für den Blog.

Herzliche Grüße

ruhrrot
Sarah Rudolph schrieb am 20.03.2010 um 11:36
Herzlichen dank für den Bericht.
kay.kloetzer schrieb am 20.03.2010 um 13:01
Lieber Christian,
also ich musste danach erstmal ganz schnell ganz viel luft schnappen, weil der Sauerstoff in der Aula ja sowas von alle war ... Und dann hoffte ich auf ein Wiedersehen drinnen in der Kneipe, die so edel nun auch wieder nicht ist. Ich meine: Rotkäppchensekt! Ich vermute mal, der Chauffierte war Martin Buhl-Wagner, der Messegeschäftsführer, das würde zeitlich passen. Eigentlich ein sehr sympathischer Zeitgenosse. Dass der in diesen Tagen nicht selber fährt, kann ich nachvollziehen. Die anderen kamen ja doch eher zu Fuß. Und nahmen dann, als sie das nicht mehr konnten, ein Taxi.
Der Ort war leider, Geschichte hin, Symbole her, nicht besonders geeignet für einen Salon. Danke für Deinen Bericht!
herzlich
kk
Magda schrieb am 20.03.2010 um 13:12
Auch von mir herzlichen Dank. Die Geschichte mit den "Übernahmen" ist ja immer mal wieder in den Medien selbst auch diskutiert worden.

2Ein noch nicht wirklich betagter Herr um die 55 konnte anhand von Banken-Statistiken belegen, dass sich in Städten wie Leipzig eine neue Mittelschicht herausgebildet hat, die auf Sparkonten mehr Vermögen hortet, als ihr westliches Pendant."

Also - das sind aber nicht alles alte Leipziger, das sind sehr viel zugereiste Beamte zu den in Leipzig etablierten Bundeseinrichtungen, Verwaltungen und auch zu den Hochschulen gehörige Leute aus den alten Bundesländern. Unter anderem. Aber deshalb wäre es ja auch eine gute Mittel-Mix-Schicht. In Leipzig wird nicht mehr so gesächselt, ist mir kürzlich mal wieder aufgefallen.
hadie schrieb am 20.03.2010 um 14:09
Wieder eine Veranstaltung, von der man liest und sich denkt: gut, dass ich nicht hingegangen bin. Die LVZ gehört jetzt mehrheitlich Madsack, was ich jetzt dank Google weiß. Das ist aber auch der einzige Denkanstoß, der von diesem seltsam devoten Artikel ausging. Trotzdem eine Antwort auf die Frage: Warum profitieren die (zeitgeistigen Linkstöner) nicht von der Krise ...
Sarah Rudolph schrieb am 20.03.2010 um 14:20
devot?
ChristianBerlin schrieb am 20.03.2010 um 21:19
Ich ahne, was hadie vielleicht meint: Meine verbale Milde, die er für Anbiederung an jene "Linkstöner" hält, die in seinen Augen vermutlich nur diese Rolle okkupieren, ohne jedoch den gesellschaftlichen Konsens wirklich voranzubringen, dass sich dringend etwas ändern muss und das, was ist, nicht recht sein kann.

Immerhin traut hadie meinem Bericht aber so weit, dass er mir nicht vorwirft, dass ich die Realität auf der Faktenebene verfälscht hätte. Sonst könnte er ja nicht das Urteil ja nicht auf meinen Text gründen, dass es seiner Seele gut tat, da nicht hinzugehen. Meinen eigenen Unmut über die Schwächen der Diskussion hab ich ja auch nicht gerade versteckt. Aus dem Thema hätte man zweifellos mit anderen (oder zusätzlichen) Referenten und einer besseren Vorbereitung weit mehr machen können - einschließlich eines ceterum censeo, wie es hadie vermutlich als Fazit des ganzen formuliert hätte.

Nur: Bei aller berechtigter Kritik im Detail sind für mich JA und der Freitag in erster Linie Hoffnungsträger, sonst würde ich mich hier nicht engagieren. Das macht auch suboptimale Beiträge oder Veranstaltungen akzeptierbar, wenn sie dem Freitag positive Aufmerksamkeit und breitere Sympathie einbringen, kann ich den Schaden nicht erkennen, nicht einmal für hadie. Denn das bedeutet zusätzliche Aufmerksam auch für das, was hadie selbst zu sagen hat. Immerhin hab ich mir mal seine Beiträge angeschaut, die meiner Aufmerksamkeit bisher entgangen waren.
Joachim Petrick schrieb am 24.03.2010 um 01:29
Lieber Christian,
seit wann pflegst Du die Marotte auf bestimmte Kommentare über Zweite in Dritter Person zu reagieren?

Du kannst ja richtig komisch Freitags gestiefelt und gekatert daherkommen.

tschüss
JP
ChristianBerlin
Evangelischer Theologe (Pastor) und Freier Journalist. Lebt in Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein der EKBO. Singt im Straßenchor.
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archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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