ChristianBerlin

SchwammDrüber-unerhört+ubersehen

14.05.2010 | 11:49

Die an den Hecken und Zäunen

 Hartz IV Empfänger dürfen wieder kostenlos zum Kirchentag. Sie sollen vom Rand in die Mitte geholt werden. Was die Frage aufwirft, wer sie dort eigentlich hingestellt hat.

Anmerkungen eines Kirchentagbloggers

„Die Armut in Deutschland nimmt zu. Mehr als 17 Prozent der Bevölkerung gelten als von Armut bedroht, weil sie weniger als 943 Euro im Monat zur Verfügung haben. Armut ist nicht mehr ‚alt und weiblich’, sondern jung: Fast jedes siebte Kind ist von Armut betroffen und beinahe jeder fünfte Jugendliche. Mit dem christlichen Glauben und der biblischen Option für die Armen ist ein solcher Zustand nicht vereinbar.“

Verkündet wurde das auf der gestrigen Pressekonferenz des 2. Ökumenischen Kirchentages, zur Einführung in den Programmteil, in dem es Themen geht wie „Grundeinkommen und Grundsicherung“, „Wie ist das Leben mit Hartz IV“ und „Wir sprechen mit Obdachlosen und nicht über sie“.

Damit das auch stimmt, soll, wie letztes Jahr schon in Bremen, keiner draußen bleiben, der sich aus finanziellen Gründen den Kirchentag nicht leisten kann. Schon im Vorfeld wurden Freikarten über Caritas und Diakonie an von Armut Betroffene verteilt.

„Die biblische Option für die Armen ist der Kompass christlicher und kirchlicher Solidaritätsarbeit. Unser Blick geht auf die Schwächsten, die an den Hecken und Zäunen, die wir hier in den Mittelpunkt stellen wollen, gerade auch in der Krise, damit sie nicht vergessen werden. Es geht darum, wie der Teufelskreis unterbrochen werden kann, dass heutige Kinder armer Eltern morgen Eltern armer Kinder werden.“

Picon ist dabei, dass diese theologisch schlüssig begründete Vorstoß gegen Armut und Ausgrenzung für das Präsidium von Katrin Göring-Eckardt vorgetragen wurde. Als das in ihrem Text mehrfach kritisierte „Hartz IV“ beschlossen wurde, war sie selbst Fraktionschefin der Bündnisgrünen im Bundestag.

Allerdings wäre die EKD-Synodenpräsidentin, Bundestagsvizepräsidentin und Präsidentin des nächsten Kirchentages keine Vollblutpolitikerin, wenn sie nicht auf Nachfrage auch zu diesem Thema die perfekte Ausrede sofort parat hätte. Dass die Hartz IV Gesetze das Elend, das sie beheben sollten, vergrößert hätten, lag an drei Faktoren: An Wolfgang Clement, der als Wirtschafts- und Arbeitsminister Regelungen durchdrücken konnte, die sie selbst schon damals nicht wollte. An dem Vorsatz, alles nach einem Jahr wieder zu überprüfen und dann Fehler zu korrigieren, was so nicht eingehalten wurde. Und daran, dass sie sich selbst bei einigen Regelungen geirrt hatte, und zwar „richtig drastisch“ geirrt. Zu letzterem gehört der Gedanke der Pauschalierung von Leistungen, der die Betroffenen weniger gängeln und bevormunden sollte. Doch schon nach wenigen Monaten wurden viele Kinder vom Schulessen abgemeldet.

„Man darf auch in der Politik neu nachdenken, auch wenn man ein Gesetz eingeführt hat.“ Wenn sie das sagt, kling das überzeugend. Kein Zweifel, sie glaubt es selbst. Betroffene werden ihre Worte dagegen mit eher gemischten Gefühlen aufnehmen, selbst wenn sie umsonst reindürfen, um sich die frohe Botschaft anzuhören. Denn wer kann wissen, ob deren Halbwertszeit diesmal länger dauert als bis zum nächsten Umdenken auf der Regierungsbank? Die liegt übrigens in wahrscheinlich gar nicht mal so weiter Ferne, wenn man den heute veröffentlichten Umfragen glauben darf - mit einem nie da gewesenen Rekordergebnis von bundesweit 17 Prozent für ihre Partei.

Der Verfasser bloggt für freitag.de und pfarrverein.com vom 2. ÖKT aus München. Bisher erschienen außerdem:

Der 2. Ökumenische Kirchentag - darf man da hin?

„Sowas macht mein Opa immer mit mir“ 

Die Parallelgesellschaft des Mittelstandes

 
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Kommentare
Fritz Teich schrieb am 14.05.2010 um 11:56
Es gibt uebrgens eine ganz, ganz tolle Rede von Otto Schily ueber das Thema Armut. Als Abgeordneter der Gruenen im Bundestag.
hadie schrieb am 15.05.2010 um 09:36
Der Umfragewert von 17 % für die Olivgrünen muss nicht unbedingt bedeuten, dass sich Verbrechen auszahlt. In einer von knüppelharten Kampagnen "gelenkten Demokratie" erscheinen sie z. Z. als das kleinere Übel. Die beabsichtigte Verlängerung der AKW-Laufzeiten und andere umweltpolitische Grausamkeiten der Bundesregierung treiben ihnen zusätzliche Wähler zu. Angelika Beer in der Piratenpartei diskreditiert auch diese.
ChristianBerlin schrieb am 15.05.2010 um 12:10
@hadie

Da muss ich Dir ausnahmsweise voll Recht geben, hadie.

Katrin kann immerhin noch ein reuevoll christliches Schuldbekenntnis abgeben, wenn auch nur in München und nicht in Stuttgart. Oder hier beim Freitag. Sie weiß voll und ganz, wovon die Rede. Bei Angelika Beer vermisst man solche schmerzlichen Einsichten.
luggi schrieb am 15.05.2010 um 09:59
Beim Kirchentag wird Eintritt verlangt?
hadie schrieb am 15.05.2010 um 10:44
Folgende Karten haben wir für Sie im Vorverkauf:

* Dauerkarte: 89 Euro
* Dauerkarte, ermäßigt: 54 Euro
* Tageskarte: 28 Euro
* Tageskarte, ermäßigt: 18 Euro
* Abendkarte: 14 Euro

"Wenn das Geld im Kasten klingt ..." fand das schon Luther nicht so toll.
ChristianBerlin schrieb am 15.05.2010 um 12:06
@luggi @hadie

Möglicherweise verwechselt ihr da was.

Die Gottesdienste sind umsonst, die Gnade - wenn es sie gibt (und für Luther gab es sie) - jetzt ebenfalls.

Was Geld kostet sind gemietete Messehallen, eine riesige Logistik mit einigen Festangestellten (um über 100.000 Besucher auf 5000 Veranstaltungen zu verteilen), Referenten (meist erste Riege).

Vor einem Jahr in Bremen kamen über 14 Millionen an Kosten zusammen, die sich wie folgt aufschlüsseln:

Reisekosten für die ehrenamtlichen Planungs-Gremien im Vorfeld (1,3 Mio),
Mieten für Verantaltungsorte wie das Messegelände (5 Mio), Fremdkosten für den Aufbau von Zelten, Beschallung, Wasserversorgung o.ä. (4,7 Mio),
Druck von Programmheften, Plaketen und Inserate (1,3 Mio),
Personal, Büroräume, Fahrzeuge (4,9 Mio).

Quelle: Mein Bericht vom letzten Jahr


Soll dafür das Geld vom Himmel regnen?

Irgenwer muss es zahlen, oder Veranstaltung kann nicht stattfinden (was euch sicher das Liebste wäre). Aber wenn sie nun mal stattfindet, warum soll es da ungerecht sein, die an den Kosten zu beteiligen, die sie nutzen?

Bei aller Kritik, die ich aus selbst habe: Eure Kritik ausgerechnet an dieser Stelle verstehe ich nun gar nicht.

Man kann höchstens umgekehrt einwenden, dass die Besucher/Nutznießer zu wenig zahlen, weil sich auch die Region beteiligt aus weltlichen Steuern (was aber durch Tourismuseinnahmen neutralisiert wird, vgl. die Studien im verlinkten Beitrag) und die Kirchensteuerkasse (was durch den Mitgliederbindungseffekt sich ebenfalls indirekt refinanziert).
hadie schrieb am 15.05.2010 um 12:21
"Der alte Jobst ... war etwas im Geruch der Ketzerei, weil er nicht das ganze Bonzenwesen des Pfarrers mit gehöriger Gefangennehmung seiner Vernunft gläubig aufnahm, besonders einige Zweifel über die Richtigkeit einiger Dezemforderungen hegte ... Er konnte und wollte Ihre weiten, unersättlichen Ärmel nicht füllen; das war seine ganze Gottlosigkeit." (J. G. Seume)
ChristianBerlin schrieb am 15.05.2010 um 12:46
@hadie

Respekt vor Seume und dem alten Jobst.

Nur ist das ein anderes Thema.

Wer gerne zahlt, soll die Freiheit dazu haben, so er denn kann und möchte, wenn er will auch den Zehnten (wie in Freikirchen üblich).

Du tust wieder so, als sei das alles einunddasselbe. Und auf meine Frage, wer die 14 Millionen aufbringen sollte, wenn es nach Deinen Maßstäben gerecht zugeht, gehst Du nicht ein.

Komme mir vor wie in der Gebetsmühle.

Will Dir der Unterschied wirklich nicht einleuchten? Oder meditierst Du hier nur über ein Mantra?
hadie schrieb am 15.05.2010 um 13:17
Mantraförmiges käme heraus, wenn ich mich jetzt mit neoliberalen Sozialworten der Kirchenobrigkeit oder ihren saufenden Ulknudeln beschäftigen würde. Für mich reduziert sich Kirchenbesuch mittlerweile auf die Frage, ob ich gerade das nötige Kleingeld für das dreimalige Füttern des Klingelbeutels bzw. -tellers übrig habe. Und das ist bei unfreiwilligen Weihnachtschristen immer seltener der Fall. Frage mich auch, ob so ein Kirchentag 14 Millionen kosten muss? 1988 fand in Halle und Erfurt ein regionaler Kirchentag statt, der war erkennbar sparsamer und mein bislang letztes Glaubenserlebnis.
luggi schrieb am 15.05.2010 um 17:22
@Christian
Das ist ja noch unglaublicher. An den Kosten in Bremen beteiligten sich Bund und Land mit 7,9 Mill. Euro? Das sind mehr als 50% der Gesamtkosten. Alles Steuermittel. Diese Summe sprengt jegliche Relationen von Fördermitteln.
Die Frage, woher die 14 Mill. kommen sollen, kann ich auch nicht beantworten. Wenn ich mir keinen Daimler leisten kann, dann geht es halt nicht, dann muss ich kleinere Brötchen backen.
Mit den Studien zur regionalen Förderung ist es auch ein Kreuz. Oftmals haben sie die gewollten Interessen der Auftraggeber als Ergebnis.

"...Die Gottesdienste sind umsonst,..." ;)...gemeint ist wahrscheinlich kostenlos.
Rahab schrieb am 15.05.2010 um 17:40
na ja, manchmal auch vergebens ;-)

ich frag mich ja auch immer, wieso die saal-inhaber diese nicht spenden usw.usf.

so eine region hat doch was davon, oder?
und München ... is ja auch nich ganz billig, wa.

und wieso macht die erste riege es nicht kostenlos und ohne fahrtkostenerstattung?
frage über fragen...
ChristianBerlin schrieb am 17.05.2010 um 02:22
@hadie

Für mich reduziert sich Kirchenbesuch mittlerweile auf die Frage, ob ich gerade das nötige Kleingeld für das dreimalige Füttern des Klingelbeutels bzw. -tellers übrig habe


Schade. Wenn ich gewusst hätte, dass Dich das interessiert und es daran scheitert, hätte ich Dir angeboten, die kostenlos nach München mitzunehmen und dort auch sicher kostenlos unterbringen können. Halle lag für mich ja sowieso auf der Strecke.

Erinnere mich einfach, wenn nächstes Jahr Kirchentag in Dresden ist, dann fahre ich auch gerne den kleinen Umweg über die Saalestadt, die noch aus meiner Leipziger Zeit gut kenne.

Dort war übrigens 2006 ein lokaler ökumenischer Kirchentag auf dem Marktplatz, wo ich ebenfalls war und ein Lutherbild in einer katholischen Kirche entdeckt habe. Der Grund ist, dass die Kirche evangelisch ist und an die Katholiken nur vermietet wurde. Aber immerhin ließen sie das Bild des rechtskräftig verurteilten Ketzers dort hängen. Was dem Namenspatron der dortigen Uni sicher sehr gefallen hätte, denn eine dauerhafte Kirchenspaltung war das letzte, was er gewollt hätte.
hadie schrieb am 15.05.2010 um 22:54
"Der Promi-Faktor rangiert vor dem Diskurs; die Amtskirche unterhält sich ungern mit der Basis; es wird harmonisiert, wo kritisiert werden müsste. Allen wohl und niemand wehe? Die Kirchentagsbewegung – einst eine ethische Kraft in der Gesellschaft – droht, sich selbst zur Plattform eines Erholungswochenendes für gestresste Banker zu degradieren." meint das Publik-Forum 9/2010. Die Banker können es wenigstens bezahlen ...
ChristianBerlin schrieb am 16.05.2010 um 21:21
Es geht auch anders. Die Basis kann den Dialog mit ihr erzwingen. Und es gibt inzwischen andere Sozialworte. Das zeigt mein Bericht von einer Veranstaltung, auf der ein kleiner Volksaufstand gegen neoliberale Verdummung losbrach.

www.freitag.de/community/blogs/christianberlin/die-parallelgesellschaft-des-mittelstandes
ChristianBerlin
Evangelischer Theologe (Pastor) und Freier Journalist. Lebt in Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein der EKBO. Singt im Straßenchor.
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