ChristianBerlin

SchwammDrüber-unerhört+ubersehen

11.02.2009 | 00:39

Michael Glos: Der Rücktritt und das Kurzzeitgedächtnis der Medien

Am vergangenen Dienstag fuhr sein BMW 750i über den linken Fuß des Polizisten Arnold R.. Am Donnerstag fordert die Gewerkschaft der Polizei (GdP) seinen Rücktritt - für den Fall, dass der Minister Arnold R. wirklich mit dem Ende seiner Karriere gedroht habe. Zwei Tage später ersucht Michael Glos tatsächlich um seine Entlassung. Doch niemand stellt den Zusammenhang her.

Gründe für einen Minister-Rücktritt gibt es immer. Gewöhnlich sind sie politischer Natur. Solche Gründe kennen die übergeordneten Verantwortlichen dann ebenfalls, so dass wenigstens sie auf alles vorbereitet sind, mag es die Öffentlichkeit auch überraschen. Hier jedoch wurden die Verantwortlichen kalt erwischt.

Politische Gründe scheiden deshalb als Erklärung aus. Das gilt auch für den Umkehrschluss, der Überraschungseffekt offenbare ein internes Zerwürfnis zwischen Michael Glos und seinem neuen Parteichef Horst Seehofer. Abgesehen davon, dass diese Erklärung nur funktioniert, wenn sie ein nirgends bestätigtes Faktum unterstellt, scheitert sie schon an der Unwahrscheinlichkeit, dass ein Mann mit den politischen Instinkten Horst Seehofers ein solches Zerwürfnis nicht bemerkt haben soll.

Noch unwahrscheinlicher ist der Zufall, der mit solchen Erklärungen ebenfalls unterstellt wird: Da fordert der GdP-Sprecher an einem Tag in allen Medien den Rücktritt eines Ministers, der am Tag darauf wirklich zurücktritt. Doch das eine soll nichts mit dem anderen zu tun haben.

Die bislang einhellige Medienmeinung legt einen anderen Umkehrschluss nahe: Dass Glos mit seinem Rücktritt genau diese mediale Amnesie bewirken wollte. Die Meldung über seinen Rücktritt verdrängt die über die mutmaßlichen Delikte seines Fahrers - Nötigung, Körperverletzung und Unfallflucht. Auch wenn sich der Minister nach dem Vorfall in der Charlottenstraße sofort ein Gewissen machte und er sich brieflich beim verletzten Polizisten für sein eigenes Verhalten entschuldigte, begann an diesem Dienstag eine Zeitbombe zu ticken.

Es dauert immer eine Weile, bis sich mit solchen Meldungen nicht nur die Nachrichtenredaktionen, sondern auch echte Investigativjournalisten befassen. Dann aber kann eine Hatz beginnen, an deren Ende für gewöhnlich die gesamte Medienwelt, der politische Gegner und sogar eigene Parteifreunde den Rücktritt des Gehetzten fordern. Schon Fehler in der Krisenkommunikation reichen aus, um dann Rücktrittsforderungen zu begründen, die eigentlichen Anschuldigungen müssen dazu nicht bewiesen werden.

Michael Glos hat durch seinen umgehenden Rücktritt dieses Szenario und mögliche Folgeschäden für seine Partei und die Bundesregierung ein für alle mal ausgeschlossen. Was die Medien als Affront gegen die Kanzlerin und CSU-Chef Horst Seehofer deuteten, könnte deshalb in Wahrheit ein Freundschaftsdienst gewesen sein, der von großer politischer Umsicht zeugt.

[Diesen Text habe ich gestern zunächst an anderer Stelle gebloggt, weil ich mich hier nicht anmelden konnte. Mit dem "vergangenen" Dienstag ist deshalb der 03.02.2009 gemeint]
 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Frans-von-Hahn schrieb am 11.02.2009 um 13:24
Bis Gestern dachte ich noch, Glos wäre das beleidigte kleine Kind, dass die Mama nicht so lieb hat wie den Bruder. Vielen Dank für den erhellenden Artikel.
ChristianBerlin schrieb am 11.02.2009 um 18:44
Na ja, ein wenig Eifersucht auf Steinbrück kann ich mir immerhin vorstellen - auch wenn das vermeintliche Glo-Zitat aus der Landesgruppensitzung offiziell dementiert wurde (siehe http://rhein-zeitung.de/on/09/02/10/news/t/rzo531496.html?markup=rzo531496).

Aber das kann niemals Grund für einen so unvermittelten Rücktritt sein. Und die üblichen Vorwürfe von Dritter Seite gegen Merkel und Seehofer sind ein durchsichtige Versuch, aus dem Rücktritt politisch Kapital zu schlagen. Solange Glos offiziel schweigt, wissen wir gar nichts. Und so lange kann man unplausiblen Vermutungen plausiblere gegenüberstellen.

Danke für den Kommentar und das Abo. Ich werde allerdings nicht so regelmäßig bloggen können wie Du. Im Übrigen auch sehr interessant.
Mondstadt schrieb am 11.02.2009 um 23:41
Wie ist das denn? Informiert man die Parteispitze von den wahren Gründen? Und wie diskret geht diese dann damit um?
Anders gefragt: Denkst du, dass Glos die "wichtigen Leuten" über seine wahren Gründe informiert hat?
ChristianBerlin schrieb am 13.02.2009 um 13:44
Seehofer hat am Montag gesagt, dass er mit Glos am Sonntag über dessen Rücktrittswunsch persönlich gesprochen habe. Danach sei er bereit gewesen, ihn gehen zu lassen. Vorher nicht. Womit Glos ihn überzeugt hat, gab Seehofer aber nicht bekannt. Daraus kannst Du schließen, was Du willst.

Ich ziehe jedenfalls den Schluss, dass Glos ihm Gründe offenbart haben muss, die Seehofer vorher nicht klar waren und denen er, Seehofer, auch nicht hätte abhelfen können (was er am Samstag noch gehofft haben muss). Also hatte es nichts mit ihm zu tun, und ebensowenig nicht mit der momentan unterbewerteten Rolle der CSU in der Koalition.
thomasg schrieb am 14.02.2009 um 12:40
Was hat den der Herr Glos für einen Chaffeuer?
ChristianBerlin schrieb am 14.02.2009 um 16:22
Drei Rechtschreibfehler in einem Satz, der keine zehn Wörter hat - wie machst Du das, Thomas?
Im Ernst: Für Kommentare sollte eine (Re-)Editier-Funktion geschaffen werden, ich habe selbst oben auch einen Fehler drin, den ich nicht mehr raus kriege.
thomasg schrieb am 14.02.2009 um 16:54
Sorry, für meine Rechtschreibung. Aber die Editier-Funktion wär da ein großer Vorteil.
Doch meine Frage über den Chaffeur ist ja verständlich. Für mich schon interessant warum ein Minister zurücktritt.
ChristianBerlin schrieb am 14.02.2009 um 17:58
Ich wiederhole mich: Solange Glos zu seinen Motiven schweigt, steht hier nur Spekulation gegen Spekulation. Die Faktenlage zum Chauffeur könnte vielleicht tatsächlich Aufschluss weiteren bieten, insbesondere zur Frage, ob kurz vor dem Rücktritt noch gegen ihn ermittelt oder die Ermittlungen eingestellt. Die Nachrichten dazu widersprachen sich leider. Ebenso kursierten in den Medien drei verschiedene Tatvorwürfe: Körperverletzung (Berliner Zeitung), Unfallflucht und Nötigung (Agenturen). Gemeldet wurde auch, dass unklar blieb, ob der Fahrer auf Anweisung gehandelt hat (was dennoch ein dem Fahrer zurechnbares Delikt wäre, den Minister aber als mutmaßlichen Anstifter denselben Tatvorwürfen ausgesetzt hätte - wenn denn ein solcher Verdacht sich erhärtet hätte). -

Insgesamt zu viele Hätte Wenns und Würde - aber ein handfester Rücktrittsgrund, wenn nicht jeder Verdacht klar hätte ausgeräumt werden können oder die Anzeige irgendwie vom Tisch zu kriegen war. Ich kann aber gerne in der Woche noch mal nachfassen. Dein Frage ist überaus interessant, für jeden, den die Wahrheit interessiert.
Mondstadt schrieb am 15.02.2009 um 00:45
Mich würden auch weitere Infos zum Chauffeur interessieren.
Wenn du also mehr weißt - lass was von dir hören! :)
thomasg schrieb am 15.02.2009 um 13:04
Die Geschichte wird ja noch richtig spannend. Also warte ich gespannt auf deinen nächsten Artikel .
ChristianBerlin schrieb am 15.02.2009 um 13:57
@ThomasG: Einen weiteren Blog-Beitrag zu diesem Thema werde ich nicht schreiben. Du kannst aber morgen hier in der Diskussion nachsehen, ob ich etwas zu den ungeklärten Fragen herausgefunden habe. @ all: Danke für euer Interesse an dem Thema! :)
thomasg schrieb am 16.02.2009 um 16:12
Dann werde ich geduldig warten.
Vielen Dank @ChristianBerlin
ChristianBerlin schrieb am 16.02.2009 um 17:54
@ThomasG - Falls Du mir zu verstehen geben willst, dass ich damit schon überfällig bin, möchte ich mich entschuldigen.

Sorry, heute kommt zum Fahrer nichts mehr.

Anderweitig wurden nämlich wichtige neue Funde veröffentlicht, auf die ich erst mal reagiert habe, und zwar nun doch mit einem neuen Blog-Beitrag - entgegen meiner eigenen Ankündigung.

Das erklär ich gleich noch mal für alle.
ChristianBerlin schrieb am 16.02.2009 um 18:02
Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, das Thema habe ich in einem neuen Blog-Beitrag fortgesetzt, den ihr unter folgendem Link findet:

http://www.freitag.de/community/blogs/christianberlin/glos-ruecktritt-das-raetselraten-geht-weiter

Anlass war die gestrige Veröffentlichung bislang unbekannter aufschlussreicher Details durch der FAS.
vomsehen schrieb am 16.02.2009 um 23:56
Nette Idee. Aber ich glaube: Der Glos hatte einfach keinen Bock mehr. Er war überfordert, hat gemerkt, dass König Horst I ihn sowieso im September plattmachen würde und wollte ihn wenigstens nochmal in Velegenheit bringen. Das Amt hat er ja nie wirklich gewollt. Und "gut" im technischen Sinn war er eh nur als "Generalist", also Universal-Polemiker in der Funktion des Landesgruppenchefs. Dass er so ausgerastet ist, ist ein Sympthom dessen.


Dass er zurücktritt, um seinen Chauffeur zu decken, halte ich für ziemlich ausgeschlossen. Wobei DAS wirklich mal was neues wäre... Weiter viel Spaß beim Aufdecken :)
ChristianBerlin schrieb am 17.02.2009 um 01:14
Danke für diesen Kommentar. Das lass ich gerne so stehen, als weitere denkbare Deutung.

Ich frage mich nur, ob ich wirklich gesagt habe, dass Glos seinen Fahrer decken will. *grübel*
ChristianBerlin
Evangelischer Theologe (Pastor) und Freier Journalist. Lebt in Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein der EKBO. Singt im Straßenchor.
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
3 Jahre 15 Wochen
Zuletzt aktiv:
20.05.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 100
Kommentare: 2427
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
01:35
Dreizehn hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:34
fahrwax hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:16
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:12
natalha hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
00:47
fahrwax hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG