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Feuerzangenbowle


Vor zwei Tagen verabredete sich Christiane Stollen auf dem Weihnachtsmarkt mit ihrem Freund Pelle Pepparkakor. Sie hatte zuvor mächtig in die Puderdose gegriffen, um von kleinen Unebenheiten im Gesicht abzulenken. Sie hasste die Fakten auf ihrer Denkerinnenstirn, die sie vom Urgroßvater erbte.

Geistesblitze, die sich je nach Gemütslage austobten, blieben oftmals wie eine Ackerfurche auf ihrer Stirn relativ unkonventionell zurück und führten zur intensiven Faltenbildung. Da half nur ein weihnachtlich duftendes Parfum, das nach frisch geschlagenen Weihnachtsbäumen duftete, sowie eine Kopfbedeckung, die ablenkte. Und so zog sie sich den neuen Elchhut in der Modefarbe Quietsch-Weiß tief ins Gesicht. Dazu trug Christiane einen Norweger-Pulli im abstrakten Landhausstil, um Pelle ein Grinsen ins Gesicht zu zaubern.

Geradezu schlicht wirkte die Röhrenjeans mit Wildschweinlederaplikationen. Kleine Elchkopfbomblen auf ihren knallroten Lackstiefeln rundeten das Outfit ab. Ein echtes Unikat aus dem Hause Wald zierte ihre Schulter. Den dunkelbraunen Lederrucksack mit Rindenmulch-Motiv trug sie total lässig und das Handy mit Hirschhornverzierung hatte sie absichtlich aus, obwohl der Klingelton mit dem Lockruf eines Dachses selten war. Mit Pelle wollte sie ungestört auf dem Weihnachtsmarkt feiern.

Sie hatte ihn erst vorige Woche beim großen Bärentatzentest am Integrationsstand der intellektuellen Förster kennengelernt und sich spontan mit ihm zur Feuerzangenbowle verabredet. Ein kluger Ausländer, der angeblich Wald plus fleißige Waldameisen als Wertanlage in Deutschland anbot. Die gigantischen Ameisenhaufen wirkten wie Goldbarren in der Finanzwelt.

P.P. kam pünktlich, begrüßte sie sehr herzlich und stotterte nette Sätze zurecht. Für einen nordischen Typen recht ordentlich. Sein Grinsen wirkte charmant. Er erzählte ihr Storys von kleinen und großen Rentieren in einer interessanten Satzbaustellung. Nach der fünften Tasse Feuerzangenbowle wurde ihr völlig unerwartet schwindelig, so dass sie eine kleine Blasenschwäche vortäuschte. Zunächst verstand Pelle kein Wort, kicherte und deutete mit seinen Fingern Richtung Toilettenwagen. Christiane verabschiedete sich völlig unkontrolliert, was zu Missverständnissen führte.

Die Koordination ihrer Beine harmonierten nicht mit dem Rest ihres Körpers, was sichtbare Folgen hatte. Sie stolperte im Gedränge über einen Springerstiefel, rammte eine Frau, die gerade genüsslich in ein Würstchen biss, das mit viel Senf bestrichen war. Ein großes Fluchen war angesagt, doch dies überhörte Christiane total, da sie bereits mit der Frontscheibe der Zuckerwattemaschine konfrontiert wurde, die ihr während des Sturzes quasi im Weg stand. Vor lauter Schreck ließ der Verkäufer am Stand die frisch hergestellte Zuckerwatte fallen, die noch dezent durch die Lüfte wirbelte, bis sie letztendlich sehr dekorativ in Christianes Gesicht klebte. Und wäre dies nicht schon genug gewesen, verlor sie nicht nur ihre Feinmotorik, sondern auch ihre Muttersprache.
“Alles in Ordnung?”, frage der Zuckerwatteverkäufer ziemlich entnervt.
„J ja d dd dda ddanke!”, stotterte sie und schloss sofort die Augen, um zu vergessen.

Fünf Stunden später öffnete sie wieder die Augen, sah zunächst relativ verschwommen nur heikle Bilder, liegend auf einem Rentierfell. Sie entdeckte Zuckerwatte in einer fremden Wohnung und Pelle auf die Schnelle. Dann fasste sie sich an die Denkerinnenstirn, als suche sie ein Stückchen Hirn.

©Corina Wagner, Dezember 2011

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.