Das Brot
„Dumm wie Brot!"
Kann denn ein Brot dumm sein? Diejenigen, die die Zutaten liefern, es herstellen, verkaufen - sind diese eventuell manchmal dumm oder etwa schlicht die Menschen, die es kaufen?
Alles ist möglich, so auch die Intelligenz eines Brotes zu erforschen oder heilende Hände auf einen Laib Brot zu legen, um dem Esoteriktrip zu frönen. Dann ist genau dieses „Geisterheilerbrot" das spirituelle Etwas, der besondere Geschmack aus dem Jenseits und dies könnte vom esoterischen Anfingern kommen. Wenn man dann noch vor dem Verzehr sagt: „Ich glaube an die Kraft des Brotes!" hat man entweder einen an der Klatsche oder der Placeboeffekt tritt ein und man fühlt sich kernig, knackig, luftig, locker und vital.
Heidrun, angehende Studentin, macht sich zu dem Thema ihre Gedanken, seit dem sie seit drei Monaten in einer Bäckerei arbeitet. Das Brot dient schon seit Jahrhunderten als Grundnahrungsmittel, umso interessanter, wie heute die Branche boomt. Allerdings nur für Ketten wie „Krampf und Co", auch Selbstbedienungsbäckereien wie „Finger mich an" und Backshops in Discountern machen neuerdings Gewinn. Kleine Bäckereiern haben kaum noch Chancen, den Wettebewerb finanziell zu überleben. So ist es nicht verwunderlich, dass es innerhalb von 20 Jahren im Deutschen Bäckerhandwerk zu einem starken Rückgang kleinerer Bäckereien kam. Von ehemals ca. 26000 Meisterbetrieben gibt es heute nur noch grob 14500 in einem Land, das seit Jahrzehnten im Ausland für sein gutes Brot, die Vielfältigkeit der Brotsorten gelobt wurde/wird.
In Zukunft werden vermutlich alle Brotsorten und Brötchen, die in Deutschland hergestellt werden, stets den gleichen Geschmack vorweisen, ob nun z.B. ein Bauernbrot und Sternsemmeln/Kaiserbrötchen im Süden, Westen, Norden oder Osten Deutschlands einkauft werden. Die maschinell hergestellten Teiglinge schmecken dank der Fertigmischungen später als fertiges Brötchen zum Beispiel alle gleich - egal in welchem Bundesland man sich dann aufhält. Ein uraltes Handwerk ist eigentlich in Gefahr, denkt sich Heidrun. Sie recherchiert über das deutsche Bäckerhandwerk im Internet, bevor sie sich damals mit der Filialleiterin einer Bäckereikette zum Vorstellungsgespräch trifft.
Im Internet findet sie interessante Artikel, auch eine Statistik über die Vergütung in dieser Branche.
Wer als Bäckereiangestellte arbeitet, muss oftmals sehr flexibel agieren, bereit sein in unterschiedlichen Filialen zu arbeiten. Dies bedeutet aber auch in den frühen Morgenstunden extrem nervige Anfahrzeiten in Kauf zu nehmen, wenn man nicht gerade ein Auto zu Verfügung hat. Der Trend geht Richtung „Billig sein", denn die Konkurrenz in der Branche schläft nicht. Doch wird eine Bäckereiverkäuferin heutzutage angemessen bezahlt?
Darüber kann man sich absolut streiten. Heidrun ist nun froh, dass sie sich vor dem Studium noch ein paar Euro verdienen kann. Andere fliegen in den Süden und nehmen sich eine Auszeit. Sie wird als Springerin eingesetzt und weiß nie, in welcher Filiale sie in zwei Tagen arbeiteten wird. Der Job ist anstrengend, aber machbar. Allerdings kann sich Heidrun nicht vorstellen, diese Tätigkeit auf Dauer auszuüben und ist sehr froh, wenn sie ab Oktober studieren kann.
„Der Kunde ist immer König!"
Dieser Spruch wird in Bereichen mit Kundenkontakt gepflegt und gehegt. Darf man als Kunde tatsächlich Narrenfreiheit genießen? Mit dieser Frage wurde Heidrun neulich konfrontiert.
Entweder wurde eine Wette eingelöst oder für eine Fernsehsendung mit versteckter Kamera gedreht. Heidrun fragt sich noch immer, ob es wirklich Leute gibt, die dem Namen „Dumm wie Brot!" tatsächlich gerecht werden...
Ein junger Mann fragt sie vor vierzehn Tagen, ob sie ein sehr großes Brot zum Verkauf anbieten könne und dann erzählt er ihr während des Verkaufsgesprächs, warum er auf der Suche nach einem großen Brot sei.
Er lebe in einer WG mit 14 Leuten zusammen und dafür benötige er nun ein großes Brot. Heidrun mimt die freundliche Bäckereiangestellte, die jeglichen Stress in Kauf nimmt und zeigt dem jungen Mann die größten Brote, die die Bäckerei anbietet. Der Kunde wählt eins dieser „Monsterbrote" aus, bezahlt und verlässt über die Rolltreppen das Gebäude, denn die Filiale der Bäckerei befindet sich im Untergeschoss eines Kaufhauses.
Etwa eine Stunde später besucht der angebliche Student mit seinen 14 WG-Mitbewohnern Heidrun, die freundliche Bäckereiverkäuferin und will das Brot zurückgeben. Die Begründung klingt total easy: Das Brot würde den anderen WG- Freunden nicht zusagen, quasi nicht munden...
Erst denkt Heidrun, sie hätte sich verhört und sagt sehr freundlich: „Wie bitte!"
Sie hat sich nicht verhört und der junge Mann will tatsächlich unter Aufsicht der angeblich 14 WG-Mitwohnern das Brot zurückgeben und dafür ein anderes Brot kaufen, das allen 15 Leuten schmeckt....
Anmerkung
Diese Kurzgeschichte wurde stellenweise fiktiv verfasst. Allerdings gab es tatsächlich den Vorfall in einer Bäckereifiliale mit dem angeblichen Studenten und seinen 14 WG-Bewohnern und der angehenden Studentin, die Bäckereiwaren verkauft.
© Corina Wagner, August 2011
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