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Verdis Oper DON CARLO verzauberte diesen Sommer in Ulm viele klassische Musikfreaks.
Das Sommer-Open-Air des Theaters Ulm lud u.a. zu dieser Inszenierung ein, die im Innenhof der Wilhelmsburg mit 1500 überdachten Sitzplätzen lockte.
Die historische Kulisse, die vom Ulmer Theater für verschiedene Aufführungen genutzt wird, befindet sich auf der Kuppe des Ulmer Michelsberges, ein Hauptwerk des Ulmer Festungsgürtels.
Beim Sommer-Open-Air erwarteten nun die Besucher im Innenhof der Wilhelmsburg nicht nur Tribünen und technischer Schnickschnack wie z.B. Schweinwerfer, Monitore um die Übersetzung der Liedtexte zu lesen, sondern auch Stände, die außerhalb der Tribünen für das leibliche Wohl sorgten. Ein Cateringzelt garantierte so auch bei Regenwetter für trockene Füße und wurde für die jeweiligen Veranstaltungen aufgebaut. Toilettenwagen ermöglichten einen entspannten Abend im Freien. Bei der letzten Aufführung von DON CARLO, die ich nun am 15. Juli miterleben durfte, befanden sich bis zu 82 Solisten und Choristen auf der Bühne, die natürlich kostümiert agierten. Dies verlieh den gewissen Glanz, so auch diverse szenische Effekte, so z.B. ein riesengroßes brennendes Kreuz an einer Fassadenwand, das während der Aufführung zweimal angezündet wurde. Fackeln und Feuerkörbe sorgten für das gewisse Ambiente in der Dunkelheit.
G. Verdis Musik und F. Schillers Worte (nach „Don Karlos, Infant von Spanien“) in meisterlicher Vollendung in den Hof der Wilhelmsburg für das Publikum zu zaubern, bedurfte nicht nur einer hervorragenden Logistik, sondern auch eine Herausforderung für Operndirektor M. Kaiser, der DON CARLO inszenierte. Eine Oper die Dramatik aus dem 16. Jahrhundert beinhaltet und doch in unsere Zeit reflektiert werden kann, bietet sie doch außer Herrschaftsansprüchen, auch Verrat, Vertrauen in der Liebe und Freundschaft, die den Tod einkalkuliert. All jene Szenen, die sich heute in unserer Gesellschaft immer noch widerspiegeln.
Das Operndrama von Verdi wurde bühnenbildnerisch eher schlicht umgesetzt. So sah man während der Aufführung wie z.B. ein mit gelben und weißen Bändern geschmücktes Dürrebäumchen, das in der Schauplatzmitte aufgebaut wurde, nachdem zuvor ein Sarg weichen musste. Später stand dort dann ein Thron oder zu Ende der Oper wieder der Sarg. Spartanisch ausgestattet, so könnte man die Bühne bezeichnen - auf der sich die Opernsänger, der Opernchor, Extrachor und einige Chorsänger/innen des Oratorienchors (Bauern) während der Aufführung tummelten.
Bühnenarbeiter, die in schwarzen Overalls während der einzelnen Szenen Umbaumaßnahmen vornahmen, lenkten absolut nicht ab. Eher Menschen, die noch zu spät zur Aufführung kamen und ihre Plätze suchten. Eine alltagsferne Kulisse bot sich den Zuhörern, die auf den ersten Blick das Orchester nicht entdecken konnten, aber dafür später den Vollmond, der sich in das Bühnenspektakel harmonisch involvierte und ein romantischer Hingucker darstellte.
Die Solisten sowie die Choristen erhielten über Monitore die musikalische Möglichkeit, den Dirigenten bei der Arbeit zu beobachten. Taktsicher mussten alle Akteure dadurch sein. Das Philharmonische Orchester unter der musikalischen Leitung von N. Schweckendiek saß nicht etwa in einem Orchestergraben, auch nicht im Burggraben, sondern im Erdgeschoß der Burg. Die Orchestermitglieder wurden in einem beheizbaren, trockenen Raum für das Spielen während der DON CARLO-Vorstellung untergebracht und diese spielten nach Gehör. Live ist live, so sah man das Orchester zwar nicht, hörte aber jeden Ton und die Klangvielfalt konnte sich absolut hören lassen. Mit großem Applaus wurde das Orchester nach der Aufführung belohnt, als die Orchestermitglieder die Bühne unter freiem Himmel betraten.
Bei der allerletzten Vorstellung von DON CARLO im Innenhof der Wilhelmsburg überzeugten überwiegend die männlichen Solisten. Ingesamt sechsmal wurde diese Inszenierung auf der Wilhelmsburg für Klassikfans angeboten. Wahrscheinlich erschreckten sich auch jedes Mal ein Teil der Zuhörer/innen, wenn plötzlich Schüsse fielen, wenn Rodrigo starb.
Beim Gesang im Freien muss man wohl akustische Abstriche machen, dies schmälerte nicht unbedingt die Leistung der Chöre. Das musikalische Gesamtpaket ging stimmgewaltig auf.
Von strahlenden Tenortönen, satten schönen Wohlfühl-Baritontönen bis hin zu butterweichen warmen Basstönen wurde das Publikum an jenem Sommerabend bei kühlen Temperaturen von den Solisten verwöhnt. Nur die Solistinnen lagen an jenem Aufführungsabend nicht an erster Stelle in meiner Gunst und dies hat nichts mit Stutenbissigkeit zu tun. Keine Sängerin war dabei, die mich nun vor Entzücken vom Stuhl gerissen hätte. „Gänsehautfeeling“ war im Preis jedenfalls für mich nicht inbegriffen, wenn die Damen sangen. Die Figur Eboli beeindruckte mit gut ausgebildeter Stimme. Da wurde in der Pause fleißig geflüstert, warum nicht der gewisse Funke herüber sprang.
Hartgesottene Fans überkam sogar gegen Ende des Opernabends ein Bravo über die Lippen, als die Sopranistin, die die Elisabetta verkörperte, ihren Applaus erhielt. Obwohl diese… nicht nur einmal haarscharf vorbei …schrammte, also an den Tönen, die eigentlich gesungen werden sollten. Vielleicht lag es auch nur an dem musikalischen Gehör meiner Freundin und mir, wenn wir beide kurz miteinander Blickkontakt suchten, wenn da Töne erfolgten, die nicht in der Partitur erschienen.
Wenn ich ganz ehrlich bin, war die Gesichtmimik meiner musikalischen Freundin schon das Ticket wert, denn ihr Anblick amüsierte mich sehr, wenn da einzelne Töne daneben gingen.
Vielleicht hatte diese Sängerin z.B. nur einen sehr schlechten Tag. Schließlich sind Opernsänger/innen keine Robotter, die auf Knopfdruck immer exakt abliefern, da spielen viele Faktoren eine Rolle, die auf die Stimmbänder schlagen können, so auch stets mit der Stimme präsent zu sein, wenn man mal erkältet ist. Viele ruinieren sich die Stimmen, müssen aber damit Geld verdienen.
Dies wissen wir beide Freundinnen auch, schließlich singen wir regelmäßig, allerdings haben wir kein Engagement an einem Opernhaus. Da darf man auch eher kritisieren, wenn man nicht total begeistert ist.
Wenn man die Leistung aller Opernsänger/innen an jenem Abend vergleicht, so waren bei dieser Inszenierung Rodrigo, Don Carlo und Filippo II. meine persönlichen musikalischen Highlights während Verdis Oper in vier Akten. Doch dies ist nur mein Eindruck von einem durchaus gelungenen Abend auf der Wilhelmsburg.
Viele musikalische Grüße
Corina Wagner
upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/36/DE_BW_Ulm-Wilhelmsburg_1904.jpg
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Vielen Dank, ich habe das sehr gerne gelesen. Die Männer waren also diesmal besser als die Frauen! Warum auch nicht. Aber ansonsten mag ich die Frauenstimmen viel lieber. Die Musik ist nunmal weiblich, so sehe ich es, weil ich durch Margaret Price sozialisiert wurde. Jedoch, wenn so eine Männerstimme sich in Melancholie ergießt - wie bei Schütz im Weihnachtsoratorium - dann bin ich auch versöhnt. Als Sie in Ulm waren, habe ich Strindberg gelesen - was für eine Entdeckung! Ich dachte bisher, dunkler geht es nicht - und nun? Ein Spassmacher der Sonderklasse! Er führt sein Personal so elegant am Seil der Kaltschnäuzigkeit, dass man nicht aufhören kann nachzulesen, wohin das führen könnte.
Was halten Sie davon? Schauspieler 1: Wann kommt er endlich? Wie lange soll ich noch warten? Schauspieler 2: Er kann nicht kommen. Sie haben ihn im ersten Akt erstochen! Schauspieler 1: Ach so, aha! Nun, damit ist er entschuldigt! |
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Hallo Zeitleser,
vielen Dank für Ihre Worte. Es gibt schon feine Unterschiede im Bezug auf die Stimmqualität bei Männern und Frauen. Nasalklingende Töne - oftmals bei den Herren oder z.B. die „Knödeltenöre“, die sich anhören, als hätten sie einen Knödel im Hals stecken und wissen nicht wohin mit den Tönen, wenn sie singen. Unter den Frauen sind schrille Sopranstimmen gefürchtet oder Quintenschaukeln, die sich nicht mehr beim Singen spontan einigen können, welcher Ton denn nun getroffen werden soll. Ganz schlimm ist es für Leute, die ein sehr gutes musikalisches Gehör haben, wenn Töne, ob nun von Frauen- oder Männerstimmen gesungen, nicht getroffen werden, so wie sie eigentlich vom Komponisten vorgesehen waren. Wenn z.B. Kolloraturen unsauber gesungen werden, dies kann dann für die Ohren sehr anstrengend werden. ;-) Mit einer Stimme kann man unglaublich viel Gefühl ausdrücken und auch wildfremde Menschen damit Begeistern, diese sogar spontan zum Weinen bringen. Solche Situationen habe ich öfters schon erleben dürfen und dies z.B. auch, wenn ich Kirchen besichtige und dann ein oder zwei Lieder zu Ehren Gottes singe. Strindberg, der schwedische Autor, war ja zu Lebzeiten, soweit ich informiert bin, sehr umstritten. Nicht alle seine Werke wurden von ihm satirisch verfasst und sind mit schwarzem Humor behaftet. ;-) Ein fleißiger Autor, der durch seine Krankheit auch geprägt wurde. Viele Grüße C.W. |
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Nun, meine Liebe, dass Du zur Quintenschaukel mutierst, muss nun wahrlich niemand befürchten. Und Dein Talent, Menschen beim Singen zu Tränen zu rühren, kann ich auch an dieser Stelle nur noch einmal bestätigen. Bei mir ist es Dir jedenfalls hervorragend gelungen.
Ich bin schon sehr gespannt auf Deine Veranstaltung im kommenden Februar. Urlaub ist bereits eingereicht. :-) |
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Liebe Sigrid,
schön solche Zeilen zu lesen, wenn man bedenkt, dass ich Dich damals in eine Frankfurter Kirche zerrte und mit meinem Gesang spontan beschallte. ;-) Noch schöner ist es tatsächlich zu lesen, dass Du extra Urlaub einplanst, um zu meinem Event: „WORT & TON – Lyrik trifft auf Musik“ zu kommen, um mich zu hören, wenn ich Lieder u. a. von F. Schubert, H. Wolf, R. Strauss und G. Puccini singe. Heute vor einer Woche hatte ich übrigens ein süßes Erlebnis mit einem Mädchen in der Marktkirche in Wiesbaden. Meine Begleitung beobachtete, dass eine Mutter mit ihrer Tochter gerade die Kirche verlassen wollte, als ich anfing zu singen. Da zerrte die Kleine die Mutter am Arm und ging mit ihr wieder zurück, um mir beim Singen zu lauschen. Später sprach ich dann das Mädchen vor der Kirche an, da sie meine Nähe neben einem Schaukasten suchte. Sie strahlte über das ganze Gesicht, als ich sie fragte, ob ihr mein Gesang gefallen habe. ;-) Es kam übrigens ein überzeugtes ja aus ihrem Munde. :-) HG Corina |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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