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Deutschland labt sich derzeit an Homestorys über Parallelgesellschaften und ihre Entstehung. Italien lebt damit. Seit mehr als hundert Jahren, die Folgen werden immer sichtbarer. No-Go-Areas sind nicht nur einzelne Stadtviertel „irgendwo im Süden“, wie in Neapel die von Scampia oder Secondigliano. In Mailand, Bürgermeisterin Letizia Moratti zufolge „mafiafreie Zone“, gibt es sie erst recht. Sie heißen Corvetto oder Baggio, das „Fortino“ in der Via Fleming, ganze Straßenzüge, die mit fester Hand von Clans regiert werden. Darauf wies vor etwas mehr als einem Jahr Il Manifesto hin, ordnete einzelne Stadtteile den jeweiligen Familien von Camorra, ‘Ndrangheta oder sizilianischer Mafia derart akribisch zu, so dass der Titel „Clans und Drogen in Mailand, die Politik schweigt“ letztlich nur als hilfloser Stoßseufzer gelesen werden kann.
Vergangene Woche lieferte Beppe Grillo, der vom Komiker zum Wortführer mutierte und bekannteste Blogger Italiens, auf seiner Internetseite den erneuten Beweis, dass Corvetto seine ganz eigene Sezession lebt, anders allerdings als die, die die Lega Nord für Norditalien im Sinn hat. Untermalt von Videoaufnahmen vor Ort schreibt Grillo: „Einige Bewohner des Viertels waren dabei, einen Magrebiner bis aufs Blut zusammen zu schlagen. Ordnungskräfte griffen ein. Einer von ihnen blockierte einen Angreifer. Darauf wurde der Polizist von zwanzig Jugendlichen festgehalten und geschlagen, was den Bewohnern gleichgültig blieb. Der Verhaftete ist geflüchtet, besser: Er ist zum Schlafen in SEIN Viertel gegangen. Denn Corvetto ist IHR ZUHAUSE. Die Jugendlichen jubelten dem Polizisten, der ins Krankenhaus musste, zu: „Wir lassen es dich spüren, damit du verstehst, wer hier das Sagen hat“.
Grillo räsoniert darüber so: „ Corvetto dürfte das erste Beispiel eines kriminellen Föderalismus in Mailand sein. In der Gegend wird der, der sich wegen auch kleiner Sachen auflehnt wie einem Parkplatz etwa oder einer Ruhestörung, bedroht oder übel zugerichtet. Das hat nichts mit Migranten zu tun, die sind bestenfalls die Handlanger der italienischen Kriminalität“.
Vor ein paar Tagen nun wurde der Bürgermeister des kleinen Ortes Pollica, etwa 80 km südlich von Salerno erschossen, im Stile der Camorra mit 9 Schüssen hingerichtet. Angelo Vassallo, 57, war als Parteigänger des sozialdemokratischen Partito Democratico (Demokratischen Partei, PD) vor einigen Monaten wieder gewählt worden. Er galt nicht nur als Umweltaktivist, sondern als entschiedener Verfechter einer klaren Linie in dem malerischen touristischen Ort: Die Aktivitäten im Hafen genauso unter öffentlicher Kontrolle zu halten, wie die üblichen Attribute von Feriendomizilen wie Bauspekulation, Drogen, Prostitution, illegale Beschäftigung zurück zu drängen. Nicht umsonst sprechen die Ermittler von einem „Bündel an Motiven“, die zur Exekution geführt haben dürften.
Der Kenner der Gegend und der Camorra, Roberto Saviano („Gomorrha“) analysiert es, trotz der gegenteiligen Rhetorik aus Rom wie er meint, so („Der Skandal der Demokratie“): „Tatsache ist, dass der Cilento [Anm.: Geographische Lage im Golf von Salerno], dieses wunderbare Land, die Augen und Hände der kriminellen Organisationen auf sich zieht, die fast so, als wären sie die Nemesis unserer ständig in sich kämpfenden politischen Klasse, Gefälligkeiten austauschen, Kompetenzen aufteilen, um den maximalen Profit aus einer Gegend zu ziehen, die alle Eigenschaften besitzt, um als Niemandsland und damit deren Land definiert zu werden“. Als Beispiel führt er die Abfallentsorgung an: „Das ist eine Region, wo man nach der öffentlichen Ausschreibung für die Mülleinsammlung auf ein Unternehmen aus Ligurien ausweichen muss, weil es in Kampanien nicht eine gibt, die keine Verbindungen zur Camorra hätte. Und während man auf der einen Seite die Handschellen zuschnappen lässt, gibt es auf der anderen keine Politik, die darauf abzielte, jede Verbindung mit dem organisierten Verbrechen zu kappen“.
Mailand und Pollica haben drei Dinge gemeinsam: Sie liegen beide ungefähr gleich weit von Rom entfernt, die eine Stadt südlich davon, die andere nördlich; die Tatsache, dass es ein staatliches Machtvakuum gibt, gleich ob gewollt, gezielt oder fahrlässig; Und dass es etwas aufzuteilen gibt – in Pollica das Business mit dem Tourismus und dem Hafen, in Mailand die Expo 2015.
Dem Vernehmen nach sollen sich die Italiener demnächst wieder eine Regierung wählen, so hätten es gerne die Parteien, die derzeit Mailand, die Lombardei und von Rom aus herrschen. Herr Rossi hat ein ganz anderes Problem: Wie kommt er an den Lotto-Jackpot, der seit gestern Abend 134.500.00 Millionen Euro schwer ist? Fünf „Richtige“ sind immerhin 50.000 Euro wert. Fast so viel wie eine Gefälligkeit.
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Ich gestehe, dass der ARTE Themenabend ursprünglich mein Einsteiger sein sollte. Hier der diesbezügliche Text:
„Auf ARTE, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, gab es noch einmal einen der wenigen guten Dokumentarfilme aus jüngerer Zeit zur italienischen Wirklichkeit „Mafia, Parasit“. Nicht das Übliche, sondern ein Stufenaufbau. Vom einzelnen Bewohner einer Kleinstadt zu Rosario Crocetta, erster bekennender schwuler Bürgermeister Italiens, ausgerechnet der Stadt Gela, im Zentrum des mafiösen Männlichkeitswahn. Von ihm, mittels erstatteter Anzeigen, zum mittlerweile legendenumrankten Mafiaermittler Roberto Scarpinato, vormals Assistent und geistiger Ziehsohn der ermordeten Ermittlungsrichter Borsellino und Falcone. Von dort in die Kreise der Politik und der legalen Geschäfte. Dazu Live-Ermittlungen und die neuesten Erkenntnisse der Kollusion und Komplizenschaft zwischen Politik, Finanzwelt, Institutionen und dem organisierten Verbrechen: Der Weg des Parasits, eigentlich des Virus‘, der den Körper aushöhlt erzählerisch dicht, mit eindringlicher, dringender Dramaturgie. Den Namen der Regisseurin Carmen Butta sollte man nicht aus den Augen verlieren.“ Mittlerweile ist alles auf youtube zu sehen, bei ARTE Video, wo es nur auf Französisch zu sehen war, ist es seltsamerweise abgesetzt. Ich verlinke nur, setze die Videos nicht ein, weil ich um die Nutzungsrechte nicht weiß. Es gibt aber noch einen Grund: Das Werden von Mafia, in den Stadtvierteln, ist bei Butta nicht so deutlich zu sehen wie im Blog von Grillo. Das ist eine keine Lücke, sondern einfach nicht im Zeitfenster eines Themenabends unterzubringen. Denn der zweite Teil, ebenfalls von Butta („Dreckige Geschäfte“, hoffentlich auch bald online), geht, genauso wie Saviano es anspricht, um Müll und auch Leipzig, der Müllverbrennungsanlage. Das hätte insgesamt ganz woanders hingeführt. Das war auch der Grund, warum ich den Blog so geschrieben habe, wie er da steht. Sie, streifzug, machen es zu einem Blog, der wachsen könnte. Ich habe deswegen einen tag ergänzt. Danke. www.youtube.com/watch?v=1kbwTQGQdZ0 www.youtube.com/watch?v=8tUOb8-IGow www.youtube.com/watch?v=ZGeyQsAgvs0 www.youtube.com/watch?v=CyMuIDXB6Ak www.youtube.com/watch?v=MZyGBynWYzs |
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Der Trend zur Privatisierung, äh, korrekt ausgedrückt, zum Outsourcing von exekutiven Tätigkeiten scheint in Italien besonders weit fortgeschritten zu sein. Statt Polizisten zusammenschlagen zu lassen, könnte man sie doch lieber entlassen...
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Zu Deutschland gäbe es da auch eine Menge zu sagen, nur ist die Wahrnehmung (noch) immer eine andere.
ich empfehle die Bücher von Jürgen Roth diesbezüglich: "Mafialand Deutschland", u. a. https://www.amazon.de/Mafialand-Deutschland-J%C3%BCrgen-Roth/dp/3453601459/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1284201564&sr=1-3 |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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