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Politik : Das FAZ-Feuilleton und sein steiler Zahn

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung positioniert sich zu den Piraten; mit persönlichen Angriffen soll die junge Partei auf Kurs getrimmt werden

Deutsche Zeitungen sind stolz auf ihr Feuilleton, besonders die FAZ. Das hat, online besehen, dort mit „Büchern, Medien, Kunst“ zu tun, mit einem Wort: Kultur. Selbst wikipedia weiß das zu schätzen: „In Deutschland ist es Donaldisten gelungen, das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu unterwandern. Seitdem erscheinen dort regelmäßig und etwas unvermittelt Donald-Duck-Zitate in schöngeistigem Zusammenhang – vornehmlich als Titelzeilen und Bildunterschriften.“

Nun also Julia Schramm als feuilletonistisches Event. Die Piratin hat ihr Porträt im Sancta Sanctorum Schirrmacheriensis erhalten und sollte froh sein, dass sie da überhaupt steht. Denn, so der O-Ton von Melanie Mühl und Redakteurin vom Fach: „Julia Schramm ist interessant, weil die ‘Piraten‘ interessant sind.“ Und macht Schramm im Umkehrschluss zur an sich uninteressanten Person, eben zum Seelchen, das schon im Titel angedeutet ist – „Wahlkampf einer digitalen Seele“.

Was als „Besichtigung“ im Teaser des Artikels versprochen wird, ist das Luftholen durch den hohlen Zahn eines Gourmets beim Nachdenken, wie er das eben verzehrte Mahl am besten in die Tonne klopft. Bekannt ist allerdings auch, dass Feinschmeckerführer zu den verlagseigenen Leistungen schon mal Nebengeräusche in die eigene Tasche fließen lassen. Im Fall der FAZ nennt sich das Leistungsschutzrecht für Presseverleger, da geht es um das eigene Portemonnaie. Vor allem das der schreibenden Redakteurin, die vollmundig auf das kommende Buch der Julia Schramm schielt und ihr eigenes Gehalt im Hinterkopf hat.

Schramm hat sich nämlich erdreistet -der Artikel kann es nicht deutlich genug herheben- geistiges Eigentum als „ekelhaft“ zu bezeichnen. Sie ist aber beileibe nicht die Einzige, die so denkt. 2010, als HADOPI als staatliche Kontrollbehörde zur Verfolgungvon Urheberrechtsverletzungen in Frankreich installiert wurde, wurden zahlreiche Stimmen laut. Sie stellten die Grundsatzfrage, was es mit dem geistigen Eigentum auf sich habe, wie lange es zu schützen sei und wer eigentlich von den Verwertungen tatsächlich profitiere.

Das wurde von Regisseur Jean-Luc Godard auf den Punkt gebracht: „Es gibt kein geistiges Eigentum. Ich bin gegen das Vererben, als Beispiel. Dass die Nachkommen eines Künstlers einen Nutzen aus dem Werk ihrer Eltern ziehen mögen, warum nicht, bis sie volljährig sind. Aber dann finde ich es nicht selbstverständlich, dass die Kinder von Ravel ewig Tantiemen aus dem Bolero ziehen.“

Godard hat es feiner ausgedrückt, aber dasselbe Dilemma offenbart, das Schramm drastischer formuliert hat: Erst die Berufung auf einen Besitzstand ermöglicht die Ingangsetzung einer Maschinerie, die im Ergebnis weniger das Fortkommen der Autoren im Auge hat als vielmehr die Existenz des publizistischen Apparats. Um an dem Ziel anzukommen, hierüber nicht nur Medien-, sondern Machtvollkommenheit herzustellen. Die derzeit laufenden Prozesse gegen Rupert Murdochs Imperium in Großbritannien und die angekündigten in den USA sind ein tangibler Beweis.

Godard wie Schramm werden des Aufbrechens herkömmlicher Denkstrukturen wegen auf gleiche Weise desavouiert: Der eine, weil er ohnehin arriviert sei und sich keine Sorgen mehr zu machen brauche; die andere weil sie sich der angeprangerten Verhältnisse zum eigenen Fortkommen bediene. So wird versucht, die Ängste und Nöte der schreibenden Zunft, die überwiegend von der Hand in den Mund lebt, zu exorzieren.

Am Umstand, dass die Verlage selbst regelrechte Verwertungskartelle zu Lasten der einzelnen Autoren errichtet haben, ändert das aber nichts. Es sei denn, man ruft ihnen noch eindrücklicher ins Gedächtnis, dass auch ihre Position nicht nur nicht sakrosankt ist, sondern noch viel armseliger sein wird, wenn sie ihr Selbstverständnis nicht deutlich hinterfragen. 20 Jahre Kampf um Besitzstandswahrung hat weder den Journalismus noch seine Akteure voran gebracht. Online-Journalisten genießen mittlerweile den gleichen Ruf wie zuvor der Akademiker als Taxifahrer.

Die FAZ hat dem nun ein Mosaiksteinchen hinzugefügt. Mit eindeutig wie zweideutig auf die Person Julia Schramm zugeschnittenen Wendungen zielt der Artikel darauf ab, jemanden im künftigen Bundesvorstand der Piraten zu verhindern, der am kommenden Wochenende gewählt wird. Rein fürsorglich wird damit eine politische Linie in einer jungen Partei begleitet, die sich zumindest an der Front aller schöpferischen Grundsätze, dem geistigen Eigentum, einsichtig zeigen soll. Schade nur, dass dafür ausgerechnet das Feuilleton von einer seiner Redakteurinnen zum Boulevard umfunktioniert wurde. Das hätte jeder beliebige Mietling unter Vermischtes besser gekonnt. Preiswerter und ganz ohne Entenbissigkeit.

Aber zumindest die Donaldisten wird’s freuen. Oops a daisy. e2m

[editiert 28.04.2012, 11:50 Uhr, e2m]

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.