15.08.2011 | 10:13

drübergeschielt - Terra Incognita

Nach dem Erreichen der Tiefe des Marianengrabens und des Mare Tranquillitatis auf dem Mond, was mag in Reichweite noch unerkundet sein? Genau, die Nordsee. Genauer: deren Grund

Dort, wo heute Wasser ist, gingen die Menschen trockenen Fußes zur Landmasse, die sich später Großbritannien nannte. Diese Brücke wird als Doggerland bezeichnet und prägte nach Meinung eines Studienprojekts der Universität Exeter „die Bewohner Nordwesteuropas vom späten Paläolithikum bis zum Neolithikum“. Was läge näher als anzunehmen, dass auf dieser Fläche von rund 23.000 km² Menschen nicht nur durchmarschiert, sondern auch gesiedelt haben könnten?

Sonderbar ist nur, dass ausgerechnet jetzt sich dieses möglichen „kulturellen Erbes“ erinnert wird, da an den mittlerweile versunkenen Stellen (geschehen ~ 5.000 vor heutiger Zeitrechnung) Windparks in größerem Stil errichtet werden sollen. 700.000 Euro hat das Bundesforschungsministerium gerade locker gemacht, damit in den nächsten drei Jahren das Deutsche Schifffahrtsmuseum zu Bremerhaven den Grund der Nordsee erkundet, flächendeckend. Und wenn man schon einmal dabei ist, alte Schiffswracks untersuchen, von denen es dem Vernehmen nach mehr als 2.000 da geben soll.

Dass sich das Museum Sorgen macht, weil „keiner weiß, ob beim Bau von Parks archäologische Substanz zerstört wird“ ist nur natürlich, es geht schließlich um seine Zuwendungen. Wie aber verträgt sich das mit der Tatsache, dass seit über hundert Jahren mit schwerem Schleppnetzgeschirr der Nordseegrund sorgenfrei aufgeackert worden ist wie ein Maisfeld? Das Nichtwissen also und Dank der vieltausendjährigen erodierenden Kraft der Tide auch künftig ziemlich ausgemachte Sache bleibt?

Gelder versenken ist guter Brauch

Theorie 1 könnte lauten: Späte Wiedergutmachung am Nationalpark Wattenmeer in Schleswig Holstein. Denn mit dem Bau der Ölplattform Mittelplate und die Bohrstation Dieksand nebst Pipelines wurde recht bedenkenlos in einen „schützenswerten Lebensraum“ eingegriffen, „wo der menschliche Einfluss minimiert werden“ sollte. Das soll die böse äolische Technik nicht dürfen, untergegangene Kulturen haben jetzt Vorfahrt.

Theorie 2: Futterneid unter Behörden. Nachdem dem Umweltministerium die Reaktorsicherheit abhanden gekommen ist, forciert Berittminister Röttgen die „nachhaltige Naturnutzung“. Gesponsert wird dabei das Forschungsprojekt GIGAWIND im Nordsee-Testfeld „alpha ventis“, an dem u.a. die Leibniz-Universität Hannover und eine Einrichtung des Fraunhofer-Instituts beteiligt ist. Das kann Ministerin Schavan aus Konkurrenzgründen der Forschung nicht gefallen, so dass sie ihrerseits das Museum in Bremerhaven und damit die Leibniz-Gesellschaft unterstützt. Dass man sich gegebenenfalls gegenseitig blockiert, tut nichts zur Sache, das ist man gewöhnt.

Theorie 3: Schuld ist das Außenministerium. Denn wegen der Anlagen ist zwischen Deutschland und Holland ein Streit ausgebrochen, der seit 1464 friedlich schlummerte. Außerhalb einer Drei-Meilenzone vor der Emsmündung haben sich die beiden Staaten nie auf einen Grenzverlauf einigen können, und genau da soll ein Windpark („Riffgat“) entstehen. Wirtschaft meets Diplomatie: Da Letztere bei Problemlösungen immer viel Zeit braucht, gegenüber der Wirtschaft also ein Alibi für Verzögerungen, was läge näher als ein besonders kostbares Wrack dort zu finden, wo …?

Nicht der Grund der Nordsee ist noch Terra Incognita, sondern die Häuser, die ihn verwalten. Ministerien, hic sunt dracones. e2m

 
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Kommentare
I.D.A. Liszt schrieb am 16.08.2011 um 15:31
Ach, das erübrigt sich sowieso bald alles, wenn endlich die Klimaerwärmung greift. Dann dürften Schleswig-Hostein, das Wattenmeer und das Deutsche Schiffahrtmuseum in Bremerhaven sowieso selbst zur archäologieforschungswürdigen Tiefsee gehören.

Und was man dann wohl alles zutage fördern mag ... ?
ed2murrow schrieb am 16.08.2011 um 16:54
Wer weiß, vielleicht bekommt die Wendung mit den Leichen im Keller eine ganz neue Bedeutung?!
I.D.A. Liszt schrieb am 17.08.2011 um 23:17
Was? Laichen die Fische dann im Keller?
ed2murrow schrieb am 18.08.2011 um 09:04
Kann ganz laicht sein.
Kunibert Hurtig schrieb am 17.08.2011 um 10:10
Lieber e2m,

auch wenn einige Archäologen bedauern, nicht mehr nach verschüttetem Gut baggern zu können, wird das Bedauern doch eher auf der Seite der Schrotthändler aufzuspüren sein, denn auf dem Grund des atlantischen Randmeeres liegen hunderttausende Tonnen immer wertvoller werdender Metalle herum ... halb im Sand vergraben, nur leicht angerostet.

Hier öffnet sich ein profitabler Schürfhorizont. Aber auch wenn diese Wirtschaftsgüter als förderungswürdig erachtet werden, würden Naturschützer in heftiges Lamento verfallen, stellen die Wracks der verschiedenen Kriege doch seit Jahrzehnten die Heimstatt für Krebs und anderes Getier dar, die dann ihrer Häuser beraubt würden, sind die Areale dieser Fragmente doch von den Grundnetzen der Proteindigger verschont geblieben.

Am Besten wäre es im Grunde, von der dänischen Grenze bis zum Dollard eine große, hohe Mauer zu ziehen, die Elbe und die Wesen zur Ems umzuleiten, das ganze Salzwasser abzupunpen und dann die Archäologen trockenen Fußes auf ihr Paradies loszulassen. Das würde auch den Bau von Windkraftwerken kostengünstiger gestalten ... und wenn dann alles erledigt ist, wird Sand und Fels aufgeschüttet um Land zu gewinnen ... dank den Einwänden altertümlicher End-husiasten ... oder nicht?
ed2murrow schrieb am 17.08.2011 um 11:58
Deutschland ... Mauer ... ein diffiziles Thema ... Verhaltensforschung ... paßt!
ed2murrow
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