04.10.2010 | 08:58

Gestern Feiertag, heute Montag

(Wo die DDR noch einen Schabowski hatte, kennt D nur noch Wendehälse und Gewalt: Im Westen; warum der 3. Oktober kein Feiertag sein kann)

 

 

Tage, an denen Bedeutung fest gemacht wird, gibt es, seitdem Zeit gerechnet wird. Geburts- oder Todestage, der Tag, an dem Papa heim kam. Bei Feiertagen, die von Staaten ausgerufen werden, schwingt immer ein anderer, ein besonderer Ton mit, der mit der Kommemoration eines bestimmten, meist als historisch angesehenen Ereignisses einhergeht, um Bedeutungsschwere zu erlangen. Für die Italiener etwa die Volksbefragung am 2. Juni 1946, als sie  aufgerufen waren, zwischen Monarchie und Republik zu entscheiden. Zu Frankreich wäre die Ambivalenz zu klären, dass der 4. Juli zwar die Fête de la Fédération von 1790 ausweist, aber immer auch den Sturm auf die Bastille am gleichen Tag, nur ein Jahr vorher meint. Henri Martin, im französischen Senat 1880, zu seinen Kollegen: „Vergessen Sie nicht, dass hinter diesem 14. Juli, zu dem der Sieg einer neuen Ära über das alte Regime steht, mit einem bewaffneten Kampf erkauft wurde, vergessen Sie nicht, dass es nach dem Tag des 14. Juli 1789 einen Tag des 14. Juli 1790 gegeben hat.“

Wollte man das, was alljährlich als „Tag der Einheit“ gefeiert wird, tatsächlich mit einem besonderen Ereignis assoziieren, so müsste es jener Abend sein, als Menschen, zumindest für ein paar Stunden, in völliger Freiheit zueinander fanden; und just bevor sie wieder in die jeweilige Logik des „Wie soll es weitergehen“ und damit in Politik zurück sanken. Dass es möglicherweise ein Irrtum war, der die kurze Euphorie erst ermöglichte, wäre kein Hinderungsgrund für gute Stimmung, im Gegenteil: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich“ von Günter Schabowski ist nämlich nicht nur die schönste Form des errare humanum est gewesen, weil dadurch seit langer Zeit Politik einen sehr humorvollen Zug bekam. Sondern weil die Hast, die den Irrtum erst erzeugte, von den lang anhaltenden, friedlichen, aber nicht weniger tiefgreifend ernst gemeinten Skandierungen von Menschen auf der Straße getrieben war: „Wir sind das Volk“ sprach alle an, es sollte von jedem gehört werden, es wurde überall erhört.

Davon will freilich heute kaum mehr jemand etwas wissen, der an Hebeln der Macht der vereinten Republik sitzt. Denn als die Ordnungskräfte im Schlosspark zu Stuttgart drei Tage vor dem offiziellen 20. deutschen Gedenktag wahllos und blindwütig attackierten, trafen sie auf genau das Volk, das die hoffnungsvolle Seite der Botschaft vom 9. November 1989  verinnerlicht hatte: Dass jeder friedlich seine Meinung gegen Planungen, Eingrenzungen und Gesetzmäßigkeiten kund tun darf, ohne sofort unmittelbare Gewalt erfahren zu müssen. Die Arroganz der Macht hingegen ist in ihrer Kontinuität unbelehrbar geblieben, so haben wir nun gelernt. Nicht nur die Bilder der Pressekonferenzen der Rechs, Grubes oder Mappus‘ ähneln im hier und heute jenen beliebiger Granden der DDR bis auf den möglicherweise eleganteren Schnitt der Kleidung. Auch der Ton ist identisch, wenn Legalität und Legitimität nur als Argument geführt werden, die vermeintlich illegitime oder gar illegale anderweitige Ansicht zu denunzieren. Die entscheidende Frage über die Zeit hinweg stellt sich somit nicht: Wie anders wäre die Geschichte ab jenem Novemberabend womöglich verlaufen, wenn an den Grenzübertritten Bornholmer Straße oder Waltersdorfer Chaussee die Grenzpolizei so durchgegriffen hätte wie die jungen Beamten in Stuttgart, die am „Tag, als die Mauer fiel“, noch gar nicht geboren waren? Vielleicht nur ein weiterer „17. Juni“, möglicherweise weit Schlimmeres?

Das Skurrile dieser Tage ist, dass sie von Leitlinien der Politik einer Kanzlerin bestimmt werden, die sich weder auf eine „Gnade der späten Geburt“ in analoger Anwendung oder sonst auf Fremdheit der Materie berufen kann. Sie war integrierter, böse Zungen behaupten: integrierender Bestandteil des untergegangenen Staates, der das Attribut „demokratisch“ im Eigennamen führte. Und nun, da sie 20 Jahre lang integrierter und erkennbar integrierender Teil im demokratischen Subtext des Namens Deutschland  ist, übt sich Angela Merkel expressis verbis im Bau eines neuen Glaspalastes, wenn auch im Souterrain. Symbolik hier wie dort, heute wie damals, vom Gespräch mit den Menschen, dem Volk keine Spur. Nur ist jetzt keine Flucht mehr davor möglich, es gibt nur noch diese eine Republik. Und keinem fällt ein, auch nicht auf der Seite früherer Befürworter und plötzlicher Gegner von Stuttgart 21, dass ausschließlich die Mechanismen wieder Platz greifen, die schon Wackers- oder Brokdorf kennzeichneten: Gewalt und Gegengewalt, aus welcher Perspektive auch immer. Sie können nicht anders, es sind Wendehälse. Aber diesmal aus dem Westen.

Es liegt schon eine gewisse Logik darin, den 3. Oktober als Termin benannt zu haben. Eingezwängt zwischen drohenden Volksbekundungen durch Wahlen, dem Menetekel, bankrott zu gehen und der KSZE-Außenministerkonferenz am 2. Oktober, konnte in der Agenda nur der nächstmögliche und –erreichbare Termin eingetragen werden. Ganz wie ein Bilanzstichtag bei der Fusion von Unternehmen, zu der es im Gesetz heißt: „Die Vertretungsorgane der an der Verschmelzung beteiligten Rechtsträger schließen einen Verschmelzungsvertrag“. Es bedarf keiner besonderen Phantasieleistung, das vorgegebene „business as usual“ durch den übernehmenden Rechtsträger zu erkennen, gerade jetzt, 20 Jahre nach der friedlichen Revolution, die vom Osten ausging; mit dem willkommenen Nebeneffekt, die Gründe, weshalb es zu diesem einzigartigen Ereignis kam, in Vergessenheit geraten zu lassen. Daher sollte es auch nicht verwundern, dass der 9. November nur deswegen nicht in die engere Wahl kam, weil ein Anstreicher aus Braunau an dem Tag 1923 meinte, putschen zu können.  Als Revanche gegen die, die taggenau 1918 die Republik zu Weimar ausgerufen hatten. Von den Franzosen und ihrem Selbstbewusstsein gäbe es vielleicht doch noch zu lernen.

Also alles nur Verdrängung? Als mit dem julianischen Kalender feststand, dass die Wintersonnwende auf den 25. Dezember fällt, war es für das antike Rom nur natürlich gewesen, genau dann die Feierlichkeiten zum Dies Natalis Invicti zu Ehren des unbesiegten Sonnengottes zu begehen. Und die Christen, ganz schlau, bestimmten den unbekannten Geburtstag des Herrn ebenda, weswegen wir seit geraumer Zeit Natale, Weihnachten feiern und dazu singen „Welt ging verloren, Christ ward geboren“. Was zeigt, dass schon immer und jeder für sich „Mächte der Finsternis“ zu bekämpfen hatte. Vielleicht ist es auch nur Zeit, wieder Kerzen in die Fenster zu stellen. Bis zu dem Tag, da Kommemorationen nicht mehr notwendig sein werden, vor allem keine verlogenen.

 

 

 

Credit Startseitenfoto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 04.10.2010 um 22:40
Gerne gelesen. Die italienische Sicht auf das, was in Deutschland so los ist?

Ungewöhnlich, aber auch ungewöhnlich gut!

Irgendwie haben wir schon so was typisch Deutsches.

Das gilt selbst für die meisten Linken , auch wenn wir das meistens gar nicht wollen.

Herzliche Grüße

poor on ruhr
ed2murrow schrieb am 04.10.2010 um 23:26
Lieber POR,

in der Tat haben mich viele meiner ital. Freunde gefragt, warum denn Deutschland eigentlich nicht am 9.11. feiere und was es denn mit dem 3.10. auf sich habe. Ich hatte also eine eher etwas humorvolle Sache bereits halb aufgesetzt, als Stuttgart21 "dazwischen kam". Und damit einige Pressekonferenzen im TV, bei denen mich ein gewisses Déjà Vu überkam, aber eher so Aktuelle-Kamera-mäßig.

Auf etwas "typisch Deutsches" wollte ich nicht hinaus, sondern etliche der Dinge, die gemeinhin (auch in Bayern an den Stammtischen) "denen aus dem Osten" angedichtet werden, an den Absender zurückgeben: Die Sprache und den Gestus der Macht, die denjenigen in Italien wiederum ganz und gar nicht unähnlich sind, obwohl dort die Anzüge tatsächlich besser sitzen und etwas modischer sind. Und die Menschen dort etwas mehr zum Gestikulieren neigen :)

Danke für's Lesen, e2m
poor on ruhr schrieb am 05.10.2010 um 22:40
Lieber e2m,

vielen Dank für die Erläuterungen. Das mit dem typisch Deutschen habe ich dannn fehlinterpretiert, aber ihren Blog finde ich nach wie vor gut. ;)

Herzliche Grüße

por
Onkel Wanja schrieb am 05.10.2010 um 18:01
"Die Arroganz der Macht hingegen ist in ihrer Kontinuität unbelehrbar geblieben, so haben wir nun gelernt. Nicht nur die Bilder der Pressekonferenzen der Rechs, Grubes oder Mappus‘ ähneln im hier und heute jenen beliebiger Granden der DDR bis auf den möglicherweise eleganteren Schnitt der Kleidung. Auch der Ton ist identisch, wenn Legalität und Legitimität nur als Argument geführt werden, die vermeintlich illegitime oder gar illegale anderweitige Ansicht zu denunzieren."

Genau diesen Eindruck stellte sich bei mir ein, als ich das Interview mit Innenminister Rech live im Fernsehen sah: ich dachte mir, Gott der erinnert mich an einen SED-Minister in der Spätphase der DDR!

Diesen Eindruck hat kann man ja bei vielen Politikern angesichts des Tages der Deutschen Einheit gewinnen. Der T.d.D.E. ist ja auch so abgehoben, aufgestülpt und künstlich, die Bevölkerung kann mit dem gar nichts anfangen, weil der Tag eh nur die Tatsache feiert, dass man die DDR eingliederte, eine Vereinigung hat ja nie statt gefunden.

Wenn man also nicht in Stuttgart demokratische Gummiknüppel gekostet hat, kann man an diesen Verfallserscheinungen etwas tröstliches entdecken, vielleicht sogar eine Perspektive?
Welche? Diese: Dass mit dem Protest in Stuttgart eine Phase der echten Vereinigung eingeleitet wird, eine mit neuer Verfassung die die Bürger bestimmen und erwählen. "Schweizer Demokratie", unabhängige Staatsanwälte ala Italien und die Abschaffung des Berufspolitiker, RÄTEREPUBLIK ala Rosa Luxenburg und die Amis schmeißen wir nach den Russen auch noch nebenbei raus aus dem Land! Wenn Mapus und seine Maultaschen-CDU bei den Wahlen genauso eine Niederlage einfahren wie seine Parteifreunde in NRW, + Einzug der LINKEN in den Landtag, sehe ich diese Perspektive! Bestimmt können nur die Wohlstandsbürger die Revolte anführen: Mit der Losung: Wir sind das Volk! Was wir brauchen ist eine Reform unserer Demokratie und der Beweis nennt sich Stuttgart 21!.

Was für ein Träumer gell? Na und: Wir haben alles, nur eben keine Träume.
ed2murrow schrieb am 05.10.2010 um 20:09
"Genau diesen Eindruck stellte sich bei mir ein, als ich das Interview mit Innenminister Rech live im Fernsehen sah: ich dachte mir, Gott der erinnert mich an einen SED-Minister in der Spätphase der DDR!"

Dann ging es nicht nur mir so. Dank für's Lesen.
carlfatal schrieb am 05.10.2010 um 20:59
Der Nachkriegs-Gesellschaftsvertrag, der die alte Bundesrepublik zusammenhielt, ist nach meinem Dafürhalten spätestens mit der Eingliederung der DDR obsolet geworden, bloß daß ein neuer garnicht kam. Viele haben das offensichtlich lange nicht bemerkt, und nun, da das "Land" einer winzigen Minderheit gehört und diese sich auch als Eigentümer über Staat und Menschen geriert, merken hoffentlich ein paar mehr Leute, was so dringend gebraucht würde: kein Tag der Einheit, die von oben verordnet wird. Demokratie heißt halt Teilnahme und Teilhabe, und nur so ist eine Diskussion denkbar, an deren Ende ein neuer Vertrag für eine vielleicht nicht so autoritäre Gesellschaft stehen könnte. Und hier sind alle demokratischen Kräfte gefragt, aber nicht die selbsternannten Herren von Stuttgart, Gorleben oder Berlin. Die wolen Einheiten, wir sollten die Vielfalt unserer Anschauungen und Überzeugungen dagegensetzen, denn Einheit ist Tod.
Klasse, dieser Blog, sagt ein weiterer Träumer,
mfg, cf
ed2murrow schrieb am 05.10.2010 um 22:01
Die ganz krude Realität am 20. Tag hat Jürgen Fenn mit einem sehr realistischen und außerordentlich stringenten Blog beschrieben, den ich an der Stelle hervorheben will:

schneeschmelze.wordpress.com/2010/10/03/die-soziale-mauer/

Gleichwohl meint er, gerichtet auf Stuttgart: "Ehrlich gesagt, verstehe ich den ganzen Aufstand nicht" im darauf folgenden Blog schneeschmelze.wordpress.com/2010/10/05/die-soziale-mauer-ii/ .

Es gibt wenige Begebenheiten, meine ich, die derart vielgestaltig sind, dass man einen Augenblick lang meint, den Atem anhalten zu müssen. An jenem 9.11., in den Nachtstunden, bin ich innerlich tatsächlich diesen einen, inneren Schritt zurückgetreten, habe den Atem angehalten. Und an der Enttäuschung der Menschen in Stuttgart meine ich ablesen zu können, dass viele von ihnen es auch getan haben müssen.

Die Ratio und der Traum haben ihre Daseinsberechtigung, nebeneinander. Lassen wir sie in Dialog treten.

Auch Ihnen Dank für's Lesen, e2m
Sarah Rudolph schrieb am 05.10.2010 um 22:13
"Die Ratio und der Traum haben ihre Daseinsberechtigung, nebeneinander. Lassen wir sie in Dialog treten. "

wunderbar.
sputnik-suedstern schrieb am 06.10.2010 um 08:12
Danke.
montaigne schrieb am 06.10.2010 um 16:41
Dem allgemeinen Dank möchte ich mich anshließen, gebe aber zu bedenken, daß der 9.11.1938 über die von Ihnen genannten Gedenktage hinaus das Datum der Reichspogromnacht war und sich daher ein Feiertag aus dem Grund auch etwas seltsam ausnehmen könnte.
ed2murrow schrieb am 06.10.2010 um 21:36
Sehr geehrter Montaigne,

natürlich könnte es seltsam erscheinen. Allerdings habe ich jene Nacht 1938 mit Bedacht ausgenommen: Denn ich sehe die Zeit vom 7. bis 13.11. als eine zusammenhängende, die insgesamt die systematische Verfolgung evident machte und ihrerseits wiederum nur Vorstufe war.

Nehme ich die Worte von Bundespräsident Wulff zum 3.10., so passte hierher: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlichjüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Ich wäre froh, so habe ich es im Blog anklingen lassen, wenn es derartiger Kommemorationen nicht mehr bedürfte. Nach S21 habe ich gemerkt, dass wir davon weiter entfernt sind, als noch vor 20 Jahren. Es täte gut, wenn man sich vergegenwärtigte, was an einem einzigen kalendermäßig bestimmten Tag sich ereignet hat, um zu ermessen, wie nahe große Hoffnung und abgrundtiefe Verzweiflung beieinander liegen können. Um dann wieder von Neuem vergewissert zu sein, was man eigentlich will.

Danke für die Anregung, e2m
ed2murrow
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