16.06.2010 | 09:54

Kurz notiert: Wählerauftrag

Vor allem, wenn es im Ergebnis richtig eng wird mit dem Koalieren, kommen die politologisch-juristischen Fabulierer zum Zug und reden den Beteiligten ins Gewissen: Sie haben einen Auftrag erhalten und dem müssen sie nachzukommen. „Gefälligst“ ist dabei meist der Subtext.

Schon alleine, dass das gesetzliche Leitmotiv von „Auftrag“, nämlich die Unentgeltlichkeit der Geschäftsbesorgung, nicht auf eine so projizierte Wirklichkeit passt, sollte zu denken geben. Weswegen das Entgelt hierzulande ja auch schamhaft Diäten und nicht Lohn genannt wird. Dass der Beauftragte bei einer geplanten Abweichung von Weisungen des Auftraggebers diesen vorab zu benachrichtigen und dessen Entschließung abzuwarten hätte, wird erst recht unterschlagen. Dabei steht das so im Bürgerlichen Gesetzbuch, und das regelt immerhin das Leben des deutschen Bürgers vom Mutterleib bis ins Grab. Wundert es uns, dass dann auf der anderen Seite der Unberechenbarkeit die sog. „schweigende Mehrheit im Volk“ evoziert wird?

Missverständnisse sollte es eigentlich gar nicht geben können. Bei Wahlen darf man bestenfalls ein oder mehrere Kreuze setzen, dem Tipp-Vorgang in der Lotto-Annahmestelle nicht unähnlich. Jede weitere Bemerkung, etwa in Richtung wörtliche Konkretisierung des Wählerwillens, macht den semiotischen Vorgang ungültig. Und in der Tat verhält es sich ja in der Realpolitik genau umgekehrt: Die Gewählten in spe haben vorweg verkündet, was ihr Wunsch ist und wer diesen teilt, möge sich anschließen. Das ist nicht einmal ein Akt vorauseilenden Gehorsams gegenüber einem mutmaßlichen Willen der Bevölkerung, sondern nennt sich schlicht Programm. Haben Sie schon mal davon gehört, dass ein Theater das seine erst nach der Befragung der Besucher aufstellt?

Von Auftrag zu sprechen, gaukelt dem Wähler mehr vor, als ihm nach den derzeitigen Regeln des Demokratiespiels zusteht. Es weckt vor allem Frust, wenn diese nach derzeitigem Stand unerfüllbare Erwartungshaltung nicht befriedigt wird. Ein gestöhntes „Nicht schon wieder wählen“ ist daraus die natürliche Konsequenz und damit ein Mosaikstein der Politikverdrossenheit. Dabei wäre es so einfach, zu erkennen: Wer angetreten ist, Macht ausüben zu wollen, sollte sich auch dazu bekennen. Zumindest so weit sollte die Wahrheitsliebe im politischen Tagesgeschäft gehen.

 
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Kommentare
j-ap schrieb am 16.06.2010 um 10:09
Guten Morgen, ed2murrow.

Die Rede vom angeblichen »Auftrag«, den der Wähler erteilt haben soll, gehört ins Reich der Legitimationsmythen aller Repräsentationsregime, ob sie nun auf breiter oder schmaler Basis ruhen. In diese Kategorie der Legende gehört schließlich auch der berühmte »Gesellschaftsvertrag«, den es nicht gibt, den man aber gerade deshalb oft und öfter bemüht.

Es gibt hier weder einen Prinzipal noch einen Agenten, und nicht nur den Juristen graust's wohl, wenn er an die Haftung denkt. Die griffigste Beschreibung dieses Zustands, die mir bekannt ist, lautet so:

»Representation is a political process where idiots elect liars to transfer wealth to crooks.« (Scott Adams)
ed2murrow schrieb am 16.06.2010 um 11:20
Na, dann sollte dem interessierten Publikum nicht vorenthalten werden, woher der Spruch stammt:

dilbertblog.typepad.com/the_dilbert_blog/2007/10/so-you-think-yo.html

Da ging's uns allen noch recht gut, wir waren allesamt noch recht entspannt, was auch den dortigen Kommentaren zu entnehmen ist. Schade, dass Johnny Hart keinen Blog mehr geschrieben hatte ...

en.wikipedia.org/wiki/B.C._(comic_strip)
j-ap schrieb am 16.06.2010 um 14:19
Nun sagen Sie aber bloß, Sie seien heutzutage unentspannter als dazumal!

Daß es in der Steinzeit sogar noch viel lauschiger gewesen sein mag, trifft wohl zu. Hängt wohl auch damit zusammen, daß von der Komplexitätsreduktion stets auch Komfort ausgeht (das ist auch bei der hier besprochenen Vormundschaft nicht anders).

Aber, unter uns: Finden Sie es nicht wenigstens ab und an reichlich komisch, daß wir jemanden wählen, der uns dann befiehlt, was wir ihm vorher aufgetragen haben uns zu befehlen, ansonsten wir ihn ja nicht gewählt haben würden?
ed2murrow schrieb am 16.06.2010 um 16:52
Nun ja, 2007 hatte ich die Plattform hier noch nicht entdeckt. Wie bei allen neuen Projekten will man das, so der moderne Sprachgebrauch, spannend finden, was sich dann automatisch in der etwas steiferen Haltung der Finger beim Hämmern auf die Tasten überträgt. Aber vielleicht sind das auch nur Alters- und damit Abnutzungserscheinungen.

Ich stelle mir gerade vor, das alles in Stein meißeln zu müssen oder per Kiel in eine feuchte Tontafel, so ich denn zu den Glücklichen gehört haben würde, derartige Fertigkeit zu beherrschen. Alleine deswegen gehörte ich dann schon zu denen, die nahe an der gebenden Seite von Befehlen waren statt an der entgegennehmenden.

Und dann diskutiert man allen Ernstes, dass Alphabetisierung im hierzulande geläufigen Idiom für einige Menschen ein Problem darstelle. Was wiederum an die Verhältnisse im Land von Mafia und Camorra anknüpft: Dort schaut man auch, dass die Kids möglichst schnell perspektivlos von der Schule runterkommen, um ein schönes Reservoir an Handlangern zu haben. Was glauben Sie, lieber Josef, wie sich da Befehle anfühlen, vor allem von Politikern, die in drei Jahrzehnten vier Mal die Jacke gewechselt haben, nur nicht den Geldgeber? Ich glaube, mit dem Lotto-Vergleich im Blog bin ich noch zu optimistisch -statt komisch - gewesen.
j-ap schrieb am 16.06.2010 um 19:30
»Der ökonomische Prozeß bewirkt[e] die Zusammenziehung der Macht in den Händen von Monopolen, heute in eine Anzahl von Rackets in den verschiedenen industriellen, fachmännischen, politischen Schichten.« (Max Horkheimer, Notiven 1950-1969, Frankfurt 1974, S. 205)

In Italien nennt man das eben Mafia, in Deutschland Organselbstverwaltung; das eine ist organisiertes Verbrechen, das andere Organverbrechen.

Aus dieser Warte betrachtet ist es eigentlich egal, ob man nun innerhalb der Mafiastrukturen aufsteigt oder unten hängenbleibt oder sich zB Parteien, Gewerkschaften oder der Staatsbürokratie aushändigt. Zumal, da das ja nicht erst seit gestern so ist:

Der italienische Faschismus war, anders als der deutsche 'Radikalfaschismus', auf eine einheitliche Staatsbürokratie aus, in der die Kompetenzen ihrer jeweiligen Abteilungen klar geregelt waren und die nicht von der faschistischen Partei beherrscht wurde, sondern gerade umgekehrt vermittels dieser herrschte.

Der deutsche Führerstaat hingegen gewann gerade seine fürchterliche Effektivität aus der direkten Überführung der korporativ organisierten Gesellschaft (hier trennt er sich vom Austrofaschismus ab, denn der blieb auf dieser Stufe stehen) in die Konkurrenz von staatsunmittelbaren Bandenstrukturen, er schuf eine Art »bürokratischen Naturzustand«, in dem noch nicht einmal Verwaltungsvorschriften unbedingt etwas galten: Heer, Geheimdienst, SA, SS, Verwaltungs- und Parteiorgane lieferten sich einen erbitterten Kampf, der im Zweifel erst durch einen Führerbefehl mediatisiert wurde.

Ich wollte Sie übrigens schon lange einmal etwas fragen: Weshalb sind Sie eigentlich kein Anarchist?
ed2murrow schrieb am 16.06.2010 um 22:31
Lieber J-AP,

Ihre in eine Frage gekleidete Feststellung werde ich hier weder bestätigen noch dementieren, auch wenn das Vorliegende sich ja beinahe privatim abspielt.

Soweit darin tatsächlich ein Quantum Neugier zum Ausdruck kommen sollte, erscheint mir das, was ich kürzlich von Umberto Eco las, einleuchtend. In „Zwischen Dogma und Fehlbarkeit“ stellt er fest, dass es –glücklicherweise- eine wissenschaftliche Gemeinde gebe, die über die freie Zirkulation einer gemeinsamen Sprache (im Sinne von Begriffen) derart wacht, dass die Paradigmen erkennbar bleiben, die es letztlich immer wieder umzustürzen gilt. Wörtlich: „Paradigmen zu verteidigen birgt sicher das Risiko des Dogmatismus, aber auf diesem Widerspruch gründet sich die Entwicklung des Wissens.“

Nun ist es nicht jedem gegeben, solch ein Wissenschaftler zu sein, ein Prinzip überhaupt benennen zu können; diesem Blogger sicher nicht. Aber man kann Fragen stellen und gelegentlich, ziemlich menschlich, Schlüsse ziehen. Das Problem, dem man dabei immer wieder begegnet, bleibt, dass diese spezifische Sprache, auf die sich Eco bezieht, ein Jargon ist, den zu übersetzen sich die jeweiligen Spezialisten fast nie die Zeit nehmen. Auch insoweit haben wir es, meiner Wahrnehmung nach, mit einer Kaste zu tun, die letztlich nicht weniger machtvoll agiert als der fahnen- und programmschwenkende Leader politico oder der Manager, es aber nie zugeben wird, weil es so schlecht zum Selbstbildnis des „objektiven Wissenschaftlers“ und dem blütenreinen Elfenbeinturm passt. Das ist ja (auch) das Thema des Blogs. Und doch schafft man damit jene Räume, in denen Strukturen entstehen, wo das Verschieben der Macht still und leise und irgendwann –meist unter dem Stichwort Sachzwang- ganz evident verläuft.

Vielleicht sollte man daran denken, ein wenig mehr Dolmetsch zu sein. Das wäre angesichts von theoretischen 6 Milliarden Individualbibliotheken via Internet schon Aufgabe genug.
j-ap schrieb am 17.06.2010 um 12:10
Verehrter ed2murrow,

eigentlich hätte es mir klar sein müssen, daß man Ihnen mit so einer impliziten Frage gar nicht erst zu kommen braucht. In Wirklichkeit war's mir ja auch klar, nur ist der Versuch es allemal wert, unternommen zu werden.

Wo Sie schon Eco ansprachen: Ich erinnere mich noch dunkel an seine (intellektuellen) Auseinandersetzungen nicht nur mit der Kirche, sondern auch mit Indro Montanelli, der stets haarscharf am Nihilismus vorbeizuschrammen pflegte. Die Lektüre ist noch heute sehr gewinnend, zumal mir der vorsichtige Skeptizismus Ecos wesentlich näher liegt.

Was bleibt? Vermutlich nur die Einsicht, die gleichermaßen irritierend wie befreiend sein kann, wenn man sie richtig versteht: Daß nämlich jeder absolute Erkenntnisanspruch in letzter Konsequenz selbstfabriziert ist.

Viele Grüße an Sie,
J. A.-P.
ed2murrow schrieb am 17.06.2010 um 14:09
"selbstfabriziert" ist in der Tat der richtige Abschluß. Bei dem durch iPad möglicherweise ausgelösten Trend zum Zweit"buch" werden wir uns vor Heimgemachtem neben Kompott und anderen eingelegten Dingen gar nicht mehr retten können. Zumindest so lange der Strom noch aus der Steckdose fließt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Danke für die Kurzweil, geehrter J-AP und auf Wiederlesen.
ed2murrow
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