14.01.2011 | 12:35

Mr. Bunga-Bunga most wanted

Fast scheint es, als wollten die Ermittler das gestrige Urteil des italienischen Verfassungsgerichtshofes abwarten. Denn kaum da fest steht, dass Ministerpräsident Silvio Berlusconi sich nicht mehr ohne weiteres durch „begründetes Fernbleiben“ seinem gesetzlichen Richter entziehen kann, wird er mit einem Verdacht konfrontiert, der mit den bisher ihm vorgeworfenen „white-collar-Delikten“ rein gar nichts mehr zu tun hat: Amtsmissbrauch und Jugendprostitution.

Den Fall ins Rollen gebracht hatte ein Artikel der in Rom erscheinenden Tageszeitung Il Fatto Quotidiano vom 26. Oktober 2010. Eine Marokkanerin, die, um ihre Anonymität zu schützen, Ruby genannt wurde, war nach einer Diebstahlsanzeige am frühen Abend des 27. Mai in Mailand festgenommen worden. Bei der Identitätsfeststellung ergab sich, dass sie zu der Zeit minderjährig und ohne festen Wohnsitz war. Während auf der Polizeistation das Ergebnis einer Entscheidung des Jugendrichters abgewartet wurde, erreichte ein Telefonanruf den Dienststellenleiter, wonach Ruby die Tochter des ägyptischen Präsidenten Mubarak und daher sofort auf freien Fuß zu setzen sei. Auf sie warte bereits ein Auto vor dem Kommissariat. Der Anruf kam direkt aus dem Amt von Ministerpräsident Berlusconi.

Zwar übernahm kurz nach Bekanntwerden der Einzelheiten ein Mann aus der Eskorte des Ministerpräsidenten die Verantwortung für den Anruf. Die Ermittlungen jedoch, so weit ist man bereits, sprechen davon, dass Berlusconi selbst am Telefon gewesen sein soll und dass Ruby natürlich keine Tochter des ägyptischen Staatspräsidenten ist.

Ein Märchen entpuppt sich als saftige Geschichte

Sie von der Polizei fern zu halten, habe vielmehr einen weitaus saftigeren Hintergrund gehabt: Sie sei in einen Prostitutionsring rund um den Geschäftsmann Lele Mora geraten, der dafür bekannt sei, weibliche Begleitung für die zahlreichen privaten Feste Berlusconis in Rom und Mailand zu liefern. Offenherzig berichtete Ruby später, sie habe an mindestens zwei solcher Veranstaltungen teilgenommen. Beliebtestes Gesellschaftsspiel dabei das „Bunga-Bunga“, dessen Regeln sie zwar nicht preis gab, aber irgendwie damit zu tun hatte, dass alle Anwesenden schließlich nackt waren. Im Übrigen sei Berlusconi stets generös gewesen, seine Zuwendungen hätten von Kleidern bis zu einem Auto mit den vier Ringen gereicht.

Die Arbeitshypothese der Mailänder Staatsanwaltschaft ist nun, dass Berlusconi, sein Gewicht und Amt missbrauchend, den Anruf getätigt habe, um eine potentiell unbequeme Zeugin seiner Eskapaden von noch unbequemeren Fragen fern zu halten. Zwar hatte nach Erscheinen des Artikels des Fatto Quotidiano Staatsanwalt Edmondo Bruti Liberati noch dementiert, dass der Ministerpräsident selbst auf der Liste der Verdächtigen stehe. Seit heute in den frühen Morgenstunden durchsucht jedoch die Polizei Büros und Privaträume diverser an der Sache Beteiligten, unter anderem auch das von Giuseppe Spinelli, einem der engsten Vertrauten Berlusconis und Leiter dessen politischen Büros als Abgeordneter. Auf den Durchsuchungsbeschlüssen wird der Ministerpräsident Medienberichten zufolge als Angeschuldigter geführt. Damit steigen die gegen Berlusconi aktuell laufenden Ermittlungs- und Strafverfahren auf vier; Amtsmissbrauch ist in Italien mit zeitiger Strafe von vier bis zwölf Jahren bedroht.

[15.01.2011, 10:50 errata corrige: Ruby wurde in dem erwähnten Telefonat nicht als "Tochter", sondern als "Enkelin" des ägyptischen Staatspräsidenten bezeichnet]

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
msuess schrieb am 14.01.2011 um 12:47
Immerhin wurden keine Amici beauftragt, für Totenruhe zu sorgen. Der Cavaliere wird weich im Alter. Das Netzwerk von Propaganda Due sollte es doch noch geben.
msuess schrieb am 14.01.2011 um 12:48
Jetzt wurde bei meinem Kommentar das "< zynismus_mod >" wegautomatisiert
Vaustein schrieb am 14.01.2011 um 17:01
Die Fragen, die sich mir in diesem Zusammenhang stellen, sind in erster Linie Fragen nach der tatsächlichen Unabhängigkeit der Juristen, die Mr. Bunga Bungas Taten zu beurteilen haben.
goedzak schrieb am 14.01.2011 um 18:04
Boa, cool, manche Stories, die das Leben schreibt, sind noch trashiger als fiktive Räuberpistolen.
merdeister schrieb am 14.01.2011 um 19:12
Seit heute Mittag fehlen mir die Worte, oben stehen die Richtigen.
Mariam schrieb am 15.01.2011 um 07:23
Ich verstehe einfach nicht, warum die Italiener diesen Mafioso immer wieder wählen? Warum wird der im Parlament immer wieder bestätigt? Wird der sich jemals vor Gericht verantworten? Ich glaub´s irgendwie nicht. Womit haben die Italiener den verdient, und haben sie ihn überhaupt verdient?
ed2murrow
resisting anything but temptation (frei nach Oscar Wilde)
Mitglied seit:
2 Jahre 28 Wochen
Zuletzt aktiv:
24.05.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 205
Kommentare: 4136
Mein Web:
Logbuch
19:01
tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:01
Fräuleinchen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:00
Rosa Sconto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:57
bertamberg hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:46
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG