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Mens ist weiblich, corpore männlich - was ist dann Sport?

Nach einigen Wochen Enthaltsamkeit von Neuigkeiten aus und in Europa ist der Verfasser der Zeilen geneigt, dem Großereignis dieser Tage in Deutschland weniger Bedeutung zuzumessen, als gebührend wäre. Wäre, denn was gebührt, ist natürlich immer eine Frage des Blickwinkels.

Der der alten Römer war einer der mens sana in corpore sano, wurde uns lange Zeit gelehrt. Darauf bauten Generationen von Emulatoren nach Turnvater Jahn auf, nicht zuletzt jene, die in der Wehrertüchtigung die physische Formvollendung einer Ideologie betreiben wollten. Dabei fielen ganze Mannschaften auf die Oberflächlichkeit ungenauer Rezeption des Decimus Iunius Iuvenalis herein, der eigentlich ganz anderes im Sinn hatte. In seinen Satiren hieß es nämlich: „Beten sollte man darum, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei.“

Seit jenen tragischen Tagen der Klitterung hat sich einiges ereignet. Eine Notwirtschaft, die auf die Arbeitskraft von Frauen aufgebaut war, während Männer an der Front verreckten; Trümmerfrauen, die Mörtel von Mauerresten hämmerten, um erste Behausungen nach der allumfassenden Zerstörung zu bauen. Und Kinder bekamen, obwohl der Gatte seit mehr als neun Monaten in irgendeiner Gefangenschaft war. Notwendigkeiten, die mit keiner Anschauung, keiner Moral in Einklang zu bringen waren.

Es bedurfte schon des neutralen Bodens der Schweiz und eines Wunders, um der Restauration Vorschub zu leisten. Bern 1954 markierte nicht nur die Rückkehr Deutschlands in die Riege jener Völker, die Suprematie sportlich zu verbrämen pflegen, koste es was es wolle. Der Gewinn der Weltmeisterschaft im Fußball war das unumwundene Zeichen, dass Männer unter vollem körperlichem Einsatz doch noch Siege zu erringen in der Lage waren. Und damit keine(r) auf dumme Gedanken käme, verbot der Deutsche Fußballbund 1955 den Frauenfußball. Begründung: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“

Schaut man ein wenig drüber über den engen Horizont dieser abendländlichen Abstraktion, lässt sich ohne weiteres feststellen, dass der Hauptteil körperlicher Arbeit in der Welt nach wie vor von Frauen geleistet wird. Egal ob auf den Feldern, beim Einholen des täglichen Wassers oder beim Tragen des Nachwuchses, ohne den weiblichen Ameisenfleiß wäre das satte männliche Bauchkratzen in Erwartung der nächsten Großtat die schiere Utopie. Und ganz im Einklang mit Ideologien und Moralvorstellungen ist die Abwesenheit von Spaß daran geradezu verpflichtend.

Ist es da ein Wunder, dass Stürmerin Birgit Prinz das Angebot abgelehnt hat, sich in den italienischen Männerdomänen eines AC Perugia als Werbegag eines schönen Arsches zu verdingen? Soweit man Interviews mit ihr liest, will sie selbst Spaß und nicht nur anatomisch bieten. Mit ihr ganze Hundertschaften Frauen, die 2011 in Deutschland mit etwas weniger Körpermasse als die Herrschaft beweisen, dass Sport und Kampf eine Domäne der Einstellung ist und nicht die eines Geschlechts. Das ist keine Sonderheit, vielmehr ein alter Römer, der endlich richtig verstanden wird. Und damit weit mehr als nur ein Blickwinkel. e2m

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.