30.01.2012 | 16:49

Wahlen in Frankreich ‖ Ein bisschen Royalty

Nicolas Sarkozy beruft sich bei seinem gestern Abend verkündeten Maßnahmenkatalog auf Deutschlands Beispiel dort, wo es um Zumutungen geht. Eine Berichterstattung

Der große Festsaal des Élysée-Palastes gibt üblicherweise den großartigen Rahmen zu besonderen Anlässen. Für zeremoniöse Empfänge zu Ehren ausländischer Staatsgäste. Oder für die feierliche Amtseinführung eines neu gewählten Präsidenten der französischen Republik. Und ist in jeder Hinsicht ein Kontrast zu einem scheidenden Präsidenten, der den Franzosen Maßnahmen verkündet hat, die von vielen als Schock wahrgenommen worden sind.

Über 8 Fernsehkanäle, das online-Streaming nicht eingerechnet, hat Nicolas Sarkozy gestern Abend aus dem royalen Ambiente mitgeteilt, was er in den ihm verbleibenden Wochen im Amt zu tun gedenkt: Erhöhung der Umsatzsteuer um 1,6 Punkte auf dann 21,2%, Einführung einer Finanztransaktionssteuer von 0,1% für alle Firmen mit Sitz im Inland, Ankurbelung der Bauwirtschaft durch Erhöhung des erlaubten Bauvolumens um 30%, Aufhebung der gesetzlich vorgeschriebenen 35-Stunden-Woche durch Betriebsvereinbarungen.

Den 16 Millionen Zuschauern, die die 72 Minuten Beinahemonolog verfolgt haben, präsentierte sich dabei nicht ein Kandidat, der angesichts historisch schlechter Umfragewerte Verzweiflungstaten begeht. Der klar und live formulierte Anspruch Sarkozys lautete vielmehr: „Ich bin der Präsident der Republik des fünften Landes der Welt“. Wer wollte dem angesichts der sagenhaften Ausleuchtung des Raumes, des erhöhten Podiums und der Staffage widersprechen? Die anwesenden zwei Journalisten, die als Moderatoren fungierten, später ergänzt um weitere zwei Kollegen, ganz sicher nicht – zu sehr war die Regie darauf bedacht, die Audienz reibungslos über die Bühne zu bringen.

Wo die angekündigten Maßnahmen zur Zumutung werden, hat Sarkozy vorsorglich Deutschland als Beispiel vorangestellt. Bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer etwa, die die Reduzierung von Arbeitgeberbeiträgen zu den Sozialversicherungen ausgleichen soll. Damit würde Kapital für notwendige Investitionen in der Wirtschaft frei. Dies hat man hierzulande 2007 so oder so ähnlich gehört. Für das französische Publikum ist das Junktim jedenfalls ein Novum. Genauso wie das Rühren an der sakrosankten und gesetzlich garantierten 35-Stunden-Woche. In Deutschland, so die präsidiale Botschaft, seien dank kollektivvertraglicher Vereinbarungen im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit Arbeitszeitverlängerungen mit oder ohne Lohnausgleich möglich gewesen.

Das Kompliment an die deutsche Einsichtsfähigkeit hat freilich den gleichen zweifelhaften Effekt wie der, Klassenprimus zu sein: Der wird beneidet, in der Schulpause verprügelt und alle vergessen unterdessen, dass Ursache dafür das öffentliche Lob des Lehrers war. Der Merksatz vom herrschen und teilen will schon in der Schule gelernt sein, was erst recht für ein Europa im Werden gilt.

Der losgelöste Kandidat

Nicolas Sarkozy ist darin ein Meister. Seinen ärgsten Konkurrenten, den Sozialisten François Hollande hat er nicht ein einziges Mal erwähnt, obwohl ein Teil der angekündigten Maßnahmen eine direkte Antwort auf das Programm des Parti Socialiste (PS) ist: Schaffung einer Industriebank statt Begründung eines staatlich geförderten industriellen Wachstumspols, Verpflichtung zu mehr Lehrlingsausbildung in der Großindustrie statt Förderung im Interesse der Kleinbetriebe, eine vage Aussage zu einer Finanztransaktionssteuer statt einer tiefgreifenden Steuerreform, die mehr Gerechtigkeit herstellt.

Die Berührungspunkte mit dem politischen Gegner zu vermeiden hat den Vorteil, weiter die inszenierten Bilder wirken zu lassen. Wo sich am Donnerstag vorher der Herausforderer Hollande in einem schlecht möblierten Fernsehstudio impertinente Fragen nach seinem Gewichtsverlust gefallen lassen musste, schwebt der Amtsinhaber in glänzendem Gold und Rot über den Dingen. Eigentlich, so seine Körpersprache, habe er selbst dafür keine Zeit, aber es muss ja wohl sein. Er habe demnächst „ein Rendezvous mit den Franzosen“.

Bislang hat nur einem das Spektakel gefallen. Benjamin Lancar, Vorsitzender der Jugendorganisation von Sarkozys Partei UMP, auf Twitter: „Was für ein sagenhafter Unterschied zwischen einem Einheizer von links am Donnerstag und einem Staatsmann am Sonntag, der die Franzosen schützt.“ Alle anderen fragen sich, wer da eigentlich Hof gehalten hat – der Präsident, der Kandidat oder nur ein Ego. e2m

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
goedzak schrieb am 30.01.2012 um 18:28
Interessante Interpretation.
Streifzug schrieb am 30.01.2012 um 19:38
Will Sarkozy nach Italien emigrieren? Oder warum beachtest du ihn?
ed2murrow schrieb am 30.01.2012 um 19:53
U.a. weil in dessen Regierungszeit die Installation von Hadopi fällt, das via Kultusminister Francois Mitterand, der auffallend oft zwischen Hollywood und Paris gependelt ist, in wesentlichen Punkten die Vorlage für SOPA geliefert hat.
Im Übrigen könntest Du genauso schlau danach fragen, ob er vor hat zu den Deutschen überzulaufen, eine Tedeschi hat er immerhin schon geheiratet.
Streifzug schrieb am 30.01.2012 um 20:02
Ha! Das ist es. Er macht einen Umweg über Deutschland, entführt Merkel und verschleppt sie nach Italien. Puhhh, ich drücke ihm alle Daumen. Dir spreche ich mein aufrichtiges Mitgefühl aus :-|
ed2murrow schrieb am 30.01.2012 um 20:06
Für Deine frommen Wünsche ist's noch zu früh, es gibt immer Alternativen.
Rosa Sconto schrieb am 31.01.2012 um 09:39
Das mit der deutschen Einsichtsfähigkeit und dem Klassenprimus, da stellt sich doch die Frage wer "der Lehrer" ist...

Der "Sarko" ist immer für Überraschungen gut: nach dem Anschlag auf französische Truppen vergangene Woche und der Androhung die Truppen aus Afghanistan abzuziehen machte er einen Salto rückwärts indem er Karzai in Paris antanzen liess.. Alles Wahlkampf. Was er versprochen hatte, diesen monströsen Filz der Beamtenschaft zu entstauben hat er bis heute nicht eingehalten. Dafür wurde er aber gewählt.

Ja, die HADOPI Datenkrake ist ganz sicher die Vorlage von SOPA.

Und das schlimmste ist, das weder Hollande noch Villepin die geringste Chance haben, - während Marine LePen immer mehr Stimmen erhält. Sie ist immer mehr in den Medien von Sarkos Freunden und so wird sich Sarko dann den Orden anheften, die Grand Nation vor einer Ultra-Rechts Präsidentin zu bewahren. Das bekannte Muster, wie überall in Europa...
ed2murrow
resisting anything but temptation (frei nach Oscar Wilde)
Mitglied seit:
2 Jahre 28 Wochen
Zuletzt aktiv:
24.05.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 205
Kommentare: 4136
Mein Web:
Logbuch
19:05
Morayma hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:02
bertamberg hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:02
xtnberlin hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:01
tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:01
Fräuleinchen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG