Die Berliner Occupy-Bewegung hat ein neues Zuhause: Am Kapelle-Ufer, zwischen Hauptbahnhof und Bundeskanzleramt, haben Aktivisten am frühen Morgen des 9. November den Bundespressestrandes besetzt (Video hier), um dort eine Zeltstadt und ein öffentliches Protestforum einrichten. Die Pächterin des Geländes will die Besetzung offenbar dulden – zumindest bis zum 15. Dezember, weil sie bis dahin das Hausrecht hat.
Am Morgen nach der Besetzung ist es am Bundespressestrand kalt und neblig. Etwa 20 Zelte stehen auf dem feuchten Sand des eingezäunten Geländes, einige von ihnen sind unbesetzt – zumindest hängt an manchen Zelten ein Stofffetzen mit der Aufschrift „Frei – Come In“. Zur Straße hin hängen bunte Transparente mit Parolen wie „Empört Euch! Bewegt Euch!“, „Sei dabei – Occupy“ und „Revolution“.
„Die Sachen selbst in die Hand nehmen“
Saskia und René sind gerade erst aus ihren Zelten gekrochen. In der provisorischen Küche des neuen Camps – eingerichtet in der ehemaligen Bar – trinken sie heißen Kakao. Saskia, die sich selbst grinsend als „hauptberufliche Aktivistin“ bezeichnet, erzählt, wie es zu der Besetzung kam. „Wir hatten die Hinhaltetaktik von Stadt und Versammlungsbehörde satt“, sagt die 26-Jährige. Eigentlich hätten sie auf legale Art und Weise ein Camp einrichten wollen. Weil sie aber nirgendwo einen öffentlichen Ort bekommen hätten, seien sie und zehn andere Aktivisten dann „einfach über den Zaun gestiegen“. Es sei den bisher 20 bis 30 Campbewohnern aber wichtig, dass die Besetzung von der Pächterin akzeptiert werde.
René, 31 Jahre alt und selbständig, berichtet, dass das bisherige Lager an der Klosterstraße bereits aufgelöst sei. Es sei zwar gut gewesen, dass die örtliche Kirchengemeinde sie dort geduldet hätte, „aber das entsprach nicht ganz unserer Vorstellung von öffentlichem Raum.“ Wenn es nach René ginge, würde das Camp in den nächsten Wochen sogar an einen noch zentraleren Ort ziehen – auf den Alexanderplatz oder auf den Schlossplatz. „Da ist für mich das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht“, sagt er.
Wut auf Politik und Medien
Die Gründe, sich an der Occupy-Bewegung zu beteiligen, sind bei beiden ähnlich. Sie verstehen die Occupy-Bewegung als „Demokratiebewegung“, nicht einfach als Protest gegen die Banken. Die herrschende Elite habe sich einfach zu weit von den normalen Bürgern entfernt, sagt René. Er findet sogar, dass eine kleine Minderheit die Mehrheit der Menschen unterdrücke. „Ich habe daher keine Forderungen an die Politiker“, sagt er. „Sondern ich fordere die Bewegung auf, die Sachen selbst in die Hand zu nehmen.“
Saskia sagt, neben den Bildern von Protesten in New York, Griechenland und den arabischen Ländern hätte sie vor allem der Frust über die „Lügen der Medien“ motiviert, sich der Occupy-Bewegung anzuschließen. „Überall auf der Welt stehen die Menschen auf, und die Medien berichten nicht frei darüber“, sagt sie. „Ich glaube, da ist viel Lobbyismus im Spiel –mancher Journalist bekommt sicher gesagt, was er schreiben darf und was nicht.“
Ihr Hoffnung ist, dass sich jetzt viele Menschen dem Camp anschließen. Das Medieninteresse sei bereits groß, außerdem blieben viele interessierte Passanten stehen, um mit den Aktivisten zu diskutieren. „Irgendwann werden wir sicher auch Forderungen und Ziele aufstellen“, sagt Saskia. Erst einmal würden sie aber von Tag zu Tag planen und sich darauf einrichten, längere Zeit am Bundespressestrand zu bleiben. „Minusgrade halten uns jedenfalls nicht ab.“