Stephan Humer

Blog von Stephan Humer

06.09.2011 | 22:17

Die beiden trennen Welten: Herr Uhl von der CDU und das Internet

Wenn man den Innenexperten der CDU-Bundestagsfraktion Hans-Peter Uhl in den Medien zum Thema Internet reden hört, ahnt man schnell, daß das nicht sehr lange gutgehen wird. Und so zeigte sich Herr Uhl auch am Dienstag bei Phoenix wieder von seiner besonders analogen Seite, die erfahrungsgemäß der digitalen Lebensrealität diametral entgegen zu stehen und auch keinerlei Berührung mit derselben zu dulden scheint. Man wolle sich auch weiterhin für Klarnamen im Internet einsetzen, denn man brauche, so Uhl in der Bundestagsdebatte, in unserem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat schlicht keine Anonymität im Internet. Jeder könne sich schadlos zu allen Themen äußern. Wer allerdings politisch diskutieren und ggf. auch mitwirken wolle, der solle sich, so die Idee von Herrn Uhl, bitte auch identifizieren – man habe schließlich nichts zu befürchten.

Mal ganz abgesehen von der Tatsache, daß das nicht nur verdächtig nach dem in anderen Kontexten bemühten Unsinnsmantra „Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten“ klingt und das mit den schadlosen Äußerungen freilich eher Wunschdenken als absolute Realität sein dürfte (mit Absolutheitsansprüchen sollte man gerade bei solchen Themen doch sehr vorsichtig sein): der Unterschied zwischen dem bayerischen Stammtisch und dem Internet liegt vor allem im Unterschied zwischen Flüchtigkeit und Persistenz. Das Stammtischgeplauder verfliegt in der Regel und bleibt höchstens (und auch eher unpräzise) im Gedächtnis der wenigen Anwesenden, die Digitalisierung hingegen bewahrt grundsätzlich auch Geplauder nicht nur präziser, sondern vor allem länger und für einen viel größeren, viel diffuseren Personenkreis. Weiß Herr Uhl heute schon, was einem in zehn Jahren digital zum Verhängnis werden könnte? Das wäre erstaunlich, erscheint allerdings höchst unrealistisch.

Und gerade im politischen Bereich sollte man in nicht wenigen Fällen sehr sensibel vorgehen: es dürfte allgemein bekannt sein, daß links- bzw. rechtsextreme Gruppierungen – der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und ihren Gesetzen zum Trotz – nicht selten Listen mit personenbezogenen Daten ihrer „Gegner“ anfertigen und diesen durchaus auch mal wenig erfreuliche Hausbesuche abstatten. Was sagt Herr Uhl dann zu dem nicht unwahrscheinlichen Szenario, daß eine rechtsextreme Gruppe die Namen von schwulen Aktivisten sammelt und sich im Diskussionsforum somit gar nicht auf die Argumente gegen menschenverachtende Schwulenfeindlichkeit konzentriert, sondern nur auf die Identität der Diskutanten? Gibt es da wirklich nichts zu befürchten?

Nun könnte man die Diskussion als medienphilosophisch abtun und darauf verweisen, daß Anonymität im weltweiten digitalen Raum weder technisch noch rechtlich komplett aufgehoben werden kann. Anonymität und Pseudonymität sind deshalb nicht grundsätzlich gefährdet, das ist korrekt. Jedoch würde eine solche Sichtweise massiv zu kurz greifen, denn im Bereich der Bundesverwaltung beispielsweise können Herr Uhl und seine Partei ihre Idee ja durchaus umsetzen und Anonymität bzw. Pseudonymität zumindest massiv einschränken (und damit auch ein nicht gerade erfreuliches Vorbild sein). Schon jetzt setzt zum Beispiel die E-Petition-Website des Bundestages eine umfangreiche Anmeldung mit Namen, Adresse usw. voraus, wenn man dort aktiv werden möchte – und dank des neuen Personalausweises (nPA) könnte man hier sogar eine technisch zwingend erforderliche Echtzeit-Identifikationspflicht einführen. Ohne nPA kein Login, so das mögliche Szenario. Für die Bundesverwaltung eine gleichermaßen zielführende wie effizienzsteigernde Idee und zugleich auch ein Schub für den nPA (sowie gleichzeitig allerdings ein Problem für alle ohne eID-Funktion auf dem Personalausweis).

Keine Angst: hier wird Herr Uhl nicht auf eine neue Idee gebracht. Diese Möglichkeit dürfte den Verantwortlichen längst bekannt sein. Was aber Politikern wie Herrn Uhl noch nicht bekannt sein dürfte, ist die Möglichkeit, hier explizit pseudonym handeln zu können. Soll heißen: es existiert das mithilfe der eID-Funktion problemlos realisierbare Szenario, ohne Darstellung von Vor- und Nachnamen beispielsweise in einem Forum aktiv zu sein. Niemand, auch nicht der Forenbetreiber, hätte hier einen umfassenden Einblick in die eigenen Daten, denn der nPA unterstützt ausdrücklich pseudonyme Handlungen. Das ist nicht weniger als ein extrem starker Schutz der eigenen Identität: das Handeln ist zwar unzweideutig zurechenbar, doch die eigenen Daten fallen Dritten nicht in die Hände. Man könnte dieses Szenario sogar auf die Spitze treiben und mithilfe dieser Pseudonymitätsfunktion nicht nur über Petitionen diskutieren, sondern auch gleich rechtssicher daran teilnehmen. Ohne den Ausweis – also ohne eine „reale Identität“ bzw. nur mit einer Fake-Identität – wäre dies nicht möglich, die Preisgabe der eigenen Daten jedoch wäre nicht nötig.

Hier hätte Herr Uhl endlich mal die Chance, ein System zu fördern, welches ihm eigentlich gefallen müßte: Mehrfachanmelder, Fakeidentitäten und Trolle hätten keine Chance mehr, denn der nPA verbindet die Individuen mit ihren Aussagen. Jeder hätte exakt eine Stimme, so wie in der Demokratie üblich und seit Jahrzehnten bewährt. Dafür würde natürlich nicht mal Herr Uhl wissen, wer genau hinter den Äußerungen und Abstimmungen steckt – er könnte sich jedoch sicher sein, daß es jemand mit einer realen, verantwortungsbewußten Identität ist. So wie im Alltag auf der Straße, wenn ihm mal wieder Nerds persönlich begegnen und aufgrund seiner Internetäußerungen nur müde spotten. Dann braucht er nicht mal ihre Vor- und Nachnamen, um festzustellen, was sie von seiner Netzkompetenz halten.

 
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Kommentare
laubfrosch schrieb am 07.09.2011 um 12:02
herr uhl ist schon eine besondere erscheinung des bundesdeutschen politischen lebens.

und er ist sicherlich nicht dumm oder weltfremd, herr uhl ist bösartig !

natürlich weiß er dass die rechtsextreme szene schwarze listen im internet führt, die zur gewalt gegen mißliebige politische gegner aufrufen.
natürlich weiß er, dass bei jeder bewerbung ein personalchef/arbeitgeber sich über die politische haltung eines potentiellen angestellten informieren kann, wenn pseudonyme im internet verboten werden.

genau das ist nämlich der plan : die gesellschaftskritischen stimmen mit allen mitteln mundtod zu machen.
sozialisten, menschenrechtler, ökoaktivisten ... das sind die feindbilder eines herrn uhl die er bekämpfen will.

wie weit herr uhl bereit ist zu gehen, wie weit er er bereit ist zu lügen und dabei die menschenwürde zu verletzen, dass hat er z.b. in der debatte um die von der EU finanzierten libyschen flüchtlings-konzentrationslager gezeigt :

www.youtube.com/watch?v=h938-iBQDMY

da war herr uhl der vorsitzende einer parlamentarischen untersuchungskommission, welche die zustände vorort inspizieren und bewerten sollten.
herr uhl befand dass die unterbringung von 100 flüchtlingen in einem raum von 50 qm ohne jegliche möbel, mit katastrophalen hygienischen bedingungen nicht gegen die menschenwürde verstoßen würde.
selbst die lieferung von 1000 leichensäcken an das gaddafi regime bringt diesen mann nicht zum zweifeln.

herr uhl verkörpert das menschenverachtende gesicht der unionsparteien in reinstform.
ein ekelhafter zeitgenosse ...

laubfrosch
deviant schrieb am 07.09.2011 um 13:10
„Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten“
Was genau sagt dieser Polizeistaatsfreund eigentlich denen, die jahrelang unschuldig im Knast waren, die sich zufällig in der selben Mobilfunkzelle wie einige mutige Gegendemonstranten aufhielten, so dass ihre Handies de facto angezapft wurden, denen, deren politische Karriere durch "haltlose" Vergewaltigungsvorwürfe ruiniert wurden?
Waren die eigentlich schuldig, mussten aber, aufgrund juristischer Probleme tatsächlich aufgrund von etwas anderem dafür bestraft werden? Sie hatten ja offenbar alle ein schreckliches Geheimnis, sonst hätten sie nichts zu befürchten gehabt...?!

Dieser Staat schafft seine Zwänge nicht vor allem durch eine StaSi mit Allmachtsbefugnissen, sondern durch ökonomische Zwänge: Wer keinen Job kriegt, muss hungern - und wer seine Meinung frei und offen äußert, bekommt oft genug den Job nicht - ob durch gewerkschaftliche Organisation, politische Arbeit oder andere divergierende Meinung. Bosse wollen "Humankapital", keine Bürger - das Schulsystem berücksichtigt das seit langem, die Universitäten werden gerade einmal wieder daraufhin umgebaut.
Pickelhaube schrieb am 07.09.2011 um 14:01
Klarnamen im Internt?

Ich erinnere mich gut. Als ich das das erste mal gelesen habe, habe ich das für eine Scherz gehalten. Aber offenbar ist die letzte Stufe der Volksverdummung erreicht - nachdem eh schon fast alle Mauern des Datenschutzes eingerissen sind, fordern google+ und der Deutsche Staatsschutz den deutschen Michel dazu auf, den Rest doch am besten gleich selbst besorgen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer, der noch einen Rest an klaren Verstand hat, Klarnamen verwendet. So viel Mündigkeit muss jeder aufbringen, dass er sich dann halt die Teilnahme an google+ und ähnlichen Veranstaltungen schlicht schenkt.

Dass ein Herr Uhl jetzt auch nochmal Klarnamen fordert, ist mir ehrlich gesagt egal. Dieser Mann wird in seiner tumben "Staatsgläubigkeit" selbst in seiner eigenen Partei nicht ernst genommen.
laubfrosch schrieb am 07.09.2011 um 17:18
bei allem respekt ...
aber herr uhl wird von seiner eigenen partei nicht ernst genommen ?

das kann nicht ihr ernst sein.
herr uhl ist der vorsitzende des innenpolitischen arbeitskreis der CDU/CSU ...

und wird gerne als bulldogge in die talkshows geschickt wenn es ums grobe geht.

z.b. zuletzt bei anne will, als dort die auf aufstandsbekämpfung spezialisierten leopard-panzer thema waren, welche nach saudi arabien geliefert werden.
als man dort die aufstände in bahrein erwähnte, welche vom saudi arabischen militär mit vielen toten niedergeschlagen wurden, da hat herr uhl die dreistigkeit besessen die demonstranten in bahrein als 5.te kolonne teherans zu bezeichnen; und damit die legitimation für die lieferung der panzer zu begründen.

seien sie nicht naiv ...
herr uhl und sein weltbild wird von großen teilen der union getragen, sonst wäre er kaum in der position in der er tätig ist.

und er ist keinesfalls tumb.
er weiß genau was er tut und warum er es tut.

laubfrosch
Stephan Humer
Stephan Humer ist promovierter Diplom-Soziologe und Forschungsleiter an der Universität der Künste Berlin. Er schreibt vor allem über die Digitalisierung der Lebenswelt, Internetsoziologie und Medientheorie.
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Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Columbus hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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lurch hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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