Jan Jasper Kosok

Berufsjugendlicher

13.05.2009 | 19:07

Die "Weiße Wahl"

Wahlzettel Europwahl '99"Weiß wählen" wird in der letzten Zeit vor allem in Frankreich und bei unseren Nachbarn aus Österreich kontrovers diskutiert. Dabei handelt es sich um einen relativ stillen Protest: Statt einer Partei sein Kreuz zu geben, macht der Wähler seinen Stimmzettel durch das Auslassen einer Wahl nichtig.

Aber welchen Effekt hat dies? Zunächst einmal keinen großen. An der Stimmverteilung und damit an den Mehrheitsverhältnissen im Parlament ändert sich wenig; alles bleibt beim Alten. Man könnte sogar argumentieren, dass man gerade die kleinen, radikalen Parteien durch ein solches Wahlverhalten stärkt. Auch die Aussagekraft der ungültigen Stimmen selbst ist zweifelhaft, das sich kaum nachvollziehen lässt, ob es sich um eine echte ungültige oder eine weiße Stimme handelt.

Auf der anderen Seite steht der Protest gegenüber den etablierten Parteien. Diesem soll die Flut an ungültigen Stimmen ein "Gesicht" verleihen. Eines, das mehr ist als eine schwindende Wahlbeteiligung, die vermeintlich ebenso Stärkung für die äußeren politischen Positionen ist. Im Gegensatz zu dieser handelt es sich bei der "weißen Wahl" aber um eine aktive Verweigerung.

Wie effektiv das "Weiß wählen" wirklich sein kann, würde sich vermutlich erst zeigen, wenn genügend Bürger davon Gebrauch machen. Ob dies allerdings passiert, ist zumindest fragwürdig, und somit auch der Effekt der "weißen Wahl".

Sinn würde sie erst machen, wenn sie breite, gesellschaftliche Akzeptanz - und damit die entsprechenden Zahlen - oder offizielle Unterstützung - z.B. in Form einer echten Wahlalternative "Weiß", die sich explizit auf dem Stimmzettel wieder findet - erfahren würde.

Bis - falls je - dem so ist, bleibt sie eine Idee, deren Verfolgung unter Umständen wenig Sinn macht - gerade im wenig wagemutigen Deutschland. Den hiesigen Politikern wird so auf unbestimmte Zeit verborgen bleiben, wie viele Wähler sich am Tag des Urnengangs verzweifelt fragen: "Welches Schweinderl hätte ich denn gerne?"

Wie wenig Volk und Volksvertreter vergleichsweise gemein haben, sieht man an der aktuellen Posse um das Gesetz für Internetsperren. Dem Volk also ein Instrument zu geben, mit dem es seine Politiker wieder einfangen kann, wäre sicherlich von Nöten. Das "Weiß wählen" in seiner jetzigen Form ist dies aber (noch) nicht. In einem Zeitalter aber, in dem fast alles evaluiert wird, wäre ein solches Mittel mehr als überfällig.

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 13.05.2009 um 20:02
Weisse Wahl - Weisse Armee, eine Wahlverwandtschaft.

Ich habe auch einen Artikel zu dem Thema geschrieben: Gabor wählt nicht http://www.freitag.de/community/blogs/streifzug/gabor-waehlt-nicht

Bist du wirklich der Ansicht nicht zu wählen würde irgendwas bewirken?
Jan Jasper Kosok schrieb am 13.05.2009 um 21:56
Steht doch da oben.

Ich bin der Meinung, dass es so (gar)nichts bringt. Bringen würde es etwas, wenn die Zahl der Weißwähler enorm wäre oder es eine offizielle Wahl namens "weiß" gäbe, die auch dementsprechend medial (emnit
Streifzug schrieb am 14.05.2009 um 16:02
Wie wäre es mit: "Der weiße Riese"

Ich habe extra gefragt ob du -wirklich- der Ansicht bist.Nur um mich nochmal zu versichern.

Warum plädierst du denn dann nicht gleich für das Zensuswahlrecht? Bestimmt Kreise würden sich über die "Weiße Wahl" freuen und sie als Bestätigung fafür empfinden, dass es eh dumm war dem Pöbel die Mitsprache einzuräumen.
Jan Jasper Kosok schrieb am 14.05.2009 um 22:34
"Warum plädierst Du dann nicht gleich für's Zensuswahlrecht?"

Entschuldige mal, aber wie Du von "Weiß wählen" zu Zensus kommst, erschließt sich zumindest mir nicht. Auch wie diese Windung dann beim "Weißen Riesen" die Biege macht, ist mir schleierhaft. Wenn Du das vielleicht nochmal stringent logisch kausal verknüpfen könntest, wäre das sicher hilfreich. Ansonsten empfehle ich eine nochmalige Lektüre meines Textes. Ich ahne nämlich, dass Du an mir vorbei redest.
Streifzug schrieb am 14.05.2009 um 23:02
Der "Weiße Riese" war ironisch. Er wäscht den Stimmzettel weiß.

Wenn ich die Verknüpfung mit dem Zensuswahlrecht stringent logisch kausal betrachte, sieht es folgendermaßen aus:

Wenn sagen wir mal die Oberen 10.000 ihre Partei wählen und der Rest eine "Weiße Wahl" macht, was hätten wir dann? Das Ergebnis sähe so aus, wie die Oberen 10.000 es bei einem sehr strengen Zensuswahlrecht gerne hätten. Die Stimmverteilung und damit die Mehrheitsverhältnisse im Parlament würden sich massiv ändern. Nicht ganz ohne Grund habe ich im ersten Kommentar auf die Verwandtschaft von Weiße Wahl - Weiße Armee hingewiesen.

Gäbe es eine "Weiße Alternativpartei" wie den "Weißen Riesen", wäre es wieder eine Wahl. Wahlenthaltung ist das Dümmste was einfache Bürger in einer Demokratie machen können. Abgesehen davon ist "Weiß wählen" stringent logisch betrachtet ein Widerspruch in sich.

Sollte ich dich missverstanden haben und an dir vorbeireden hilfst du mir nun bestimmt weiter :)
Jan Jasper Kosok schrieb am 14.05.2009 um 23:22
Gern. Dort oben steht klipp und klar unter welchen Bedingungen ich die weiße Wahl für sinnvoll halte.
Streifzug schrieb am 14.05.2009 um 23:24
Welche sind das auf die ich nicht Bezug nehme?
Jan Jasper Kosok schrieb am 15.05.2009 um 00:05
Nun, Du unterstellst - ich sage mal unterstellen - meine Aussage bezüglich des Weißwählens wäre gleichzusetzen mit der Forderung nach Zensuswahlrecht, konstruierst eine Situation, die eh nicht eintreten wird (nur die "oberen" wählen) und sagst mir, der ich sage, dass Weißwählen nur funktionieren könnte, wenn es gesetzlich oder gesellschaftlich legitimiert wäre (durch mediale Aufmerksamkeit -> Politiker, die Weißwähler als zu umkämpfende Gruppe wahrnehmen / per Wahlalternative Weiß gesetzlich legitimiert und an Folgen gebunden), das Weiß wählen Unsinn ist. Und da widersprechen wir uns ja eben garnicht bis kaum.

Der einzige Unterschied ist, dass ich denke, dass "da oben" niemand denkt "ach, die Deppen", sondern - falls es eine der oben beschriebenen Lösungen gäbe - eine positive Reaktion der Politiker käme. Graue Theorie.

Abgesehen davon ist deine Freitagsfrage längst online. ;)

www.freitag.de/community/arena/debatte?frage=65

Findet man unter der Freitagsfragenübersicht und da nach Einstellungsdatum sortieren.

Und nun wünsche ich Dir noch eine gute Nacht. Ich muss. Das Büro wartet leider nicht auf mich.

Grüße,

Jan
Streifzug schrieb am 15.05.2009 um 00:10
Ich hab vorhin eine Benachrichtigung bekommen dass sie freigeschaltet ist.

Ich denke mal die Politiker geben nichts auf "Weiße Wähler". Die geben ja nicht mal was auf ihre eigenen Wähler - siehe SPD.

Gute Nacht - ich wollte auch gerade gehen.
Titta schrieb am 13.05.2009 um 22:40
Wir haben das in den 80er/90er Jahren gemacht. Die ungültigen bzw. nichtgültigen Stimmen wurden meistensteils auf den Ergebnislisten nicht mal aufgeführt. Also der Protest blieb völlig unsichtbar.
jfenn schrieb am 13.05.2009 um 23:01
Protest ist bei einer Wahl nicht vorgesehen. Man wählt nicht gegen etwas, man stimmt immer für einen Wahlvorschlag. Genau genommen ist das ein Manko des Verfahrens, denn wer sich keiner Partei anschließen möchte, hat keine andere Möglichkeit, als entweder sich zu enthalten oder der Wahl fernzubleiben. Gemessen wird aber nur die Wahlbeteiligung, während man in Frankreich umgekehrt die Enthaltungen (les abstentions) angibt. Und wenn die Bürger der Wahl fernbleiben, liegt es immer an ihnen (politikverdrossen? zu schlechtes Wetter? zu gutes Wetter?), niemals an den Parteien, den Themen und den Politikern, die zur Wahl standen, nicht wahr?
kukidenta schrieb am 14.05.2009 um 10:30
Ich denke, dass eine solche Weisse Wahl ein Option ist, auch wenn die Parteien von diesem Protest keine Notiz nehmen werden. Aber für mich als Wähler drückt es auch eine Art Freiheit aus. Denn wenn ich gewillt bin zu wählen, aber mit den "Angebot" nicht zufrieden bin, dann kann ich dies durch eine Weisse Wahl artikulieren.
peter.doerrie schrieb am 15.05.2009 um 20:06
Protest alleine bringt einen praktisch nie weiter. Hier ist Frankreich ein ausgezeichnetes Beispiel. Die Franzosen haben eine ausgeprägte Protestkultur, trotzdem beschließt die Regierung unter dem Hampelmann Sarko ein idiotisches Gesetz nach dem anderen. Nein, was zählt ist -konstruktiver- Protest. Nur wenn man nicht nur sagt das etwas doof ist, sondern auch eine (bessere) Alternative bietet, hat man die Chance nachhaltige Veränderungen herbei zu führen. Klar, dass ist oft anstrengender, aber es geht ja auch im die eigenen Anliegen.

Bezogen auf den Zustand der deutschen Politik heißt das: Partei ergreifen und wenn einem keine Partei so ganz gefällt, die Parteien selbst verändern. Wer der Meinung ist, dass die SPD wieder sozialer werden sollte, hat jederzeit die Möglichkeit in sie einzutreten und sie sozialer zu machen. Genau die selbe Möglichkeit haben jene, denen die CDU zu sehr von ihrem konservativen Profil abgerückt ist. Und wer in Deutschland so gar keine Partei findet, in die er passen würde (nach meiner Studie des Wahlscheins zur Europawahl fände ich das allerdings unwahrscheinlich), sollte selbst eine gründen statt nur zu meckern.
denoc schrieb am 17.05.2009 um 17:24
Wieso bin ich nicht selber draufgekommen? Dann trete ich mal in die SPD ein und mache es wieder sozialer:)
Baszlo schrieb am 16.05.2009 um 12:38
Diese "Weiße Wahl" ist eine kuriose Idee. Wenn schon Wählen nix ändert - was soll dann Nichtwählen ändern?
JohnnyB schrieb am 17.05.2009 um 13:11
... zumal die Nichtwähler als die Wechselwähler von morgen angesehen werden und die betroffenen Parteien sich einbilden, durch bessere Werbung, diese bei nächsten Spiel einfangen zu können.

Effektiver wäre dem gegenüber taktische Protestwahl.
freigeistvonkiel schrieb am 17.05.2009 um 13:29
Das "Weiß-Wählen" wird auch in dem Roman "Die Stadt der Sehenden" von José Saramago thematisiert:
Bei einer Kommunalwahl ist ein Großteil der abgegebenen Stimmen trotz hoher Wahlbeteiligung einfach weiß. Als die Wahl wiederholt wird, verstärkt sich der Effekt noch, es gibt noch mehr weiße Stimmzettel. Die Regierungspartei ist erzürnt, ruft den Notstand aus und riegelt schließlich die Hauptstadt, in der die Wahl stattfand, ab, um den Bürger sich selbst zu überlassen, damit er schließlich, wenn, so erwartet man es, das Chaos herrscht, von allein angekrochen kommt und seine "Dreistigkeit" bereut. Es geschieht aber ganz anders. Die Leute lassen sich von der Gefangenschaft in ihrer Stadt nicht stören und leben friedlich, als wäre nichts geschehen.
Interessantes Buch, lohnt sich zu lesen.
JohnnyB schrieb am 17.05.2009 um 23:19
vielen Dank für den Hinweis :)
Jan Jasper Kosok
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