jens kassner

firmensprecher einer ich-ag

22.11.2011 | 14:54

Aristoteles als Carpaccio

Entgegen aller Prognosen zum Sterben der Printmedien sind doch immmer wieder mal neue Zeitschrften - so richtig altmodisch auf Papier gedruckt - zu finden. Als mich vorige Woche im entsprechenden Ständer bei Edeka zwischen Super-Illu und Computer-Bild ein Blatt namens Philosophie anstrahlte, griff ich jenseits jedes Rationalismus zu und erwarb das Printprodukt. Erare humanum est.

Schon die auf dem Cover angepriesene Themenstrecke Warum haben wir Kinder? hätte mich doch vom Kauf abhalten sollen. Meine Tochter ist gerade 28 geworden, was gibt es für mich da jetzt noch gründlich darüber nachzudenken?

Doch dann wird eben auch mit einem Interview mit Julian Assange geworben sowie einem Gespräch mit Axel Honneth unter der gerade vermarktungsträchtigen Überschrift Das Finanzkapital entmachten. Das sind auch die beiden interessantesten Beiträge des Heftes. Doch sie könnten genau so im Feuilleton von Die Zeit oder auch im Spiegel oder Stern nachzulesen sein.

Die Zeitschrift kommt im Layout eines Journals für gesundes Kochen oder Einkaufen mit der Zielgruppe Mittelschicht daher. Als Gimmick ist ein Heft im Heft als sogenannte Sammelbeilage eingeheftet, ein Auszug aus der Nikomachischen Ethik des Aristoteles Über die Freundschaft. Da Aristoteles seit etwas mehr als siebzig Jahren tot ist, kann man sich eigentlich sein Gesamtwerk, soweit überliefert, irgendwo im Internet herunterladen. Doch 14 Seiten Sammelheft mit Pop-art-Cover machen natürlich mehr her. Vielleicht sollte man trotzdem der nächsten Ausgabe ein Foucaultsches Pendel oder eine LED-Taschenlampe zum Nachspielen  des Höhlengleichnisses beilegen?

Wen wollen die Macher von Philosophie eigentlich erreichen? Hausfrauen, die sich von ihren Spezialblättern unterfordert fühlen? Manager, die in den kurzen Pausen zwischen feindlichen Übernahmen etwas über Freundschaft wissen wollen? Garantiert keine Leute, die zumindest dann und wann sich ohnehin philosophischer Denktraditionen bedienen.

Bezüglich der Überlebenschancen dieses Journals würde ich die Schule des Skeptizismus empfehlen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Angelia schrieb am 22.11.2011 um 19:48
gefällt mir. Ich fürchte, dass derartige Blätter das ohnehin nicht ungefährliche Halbwissen fördern. Nur hat philosophisches Halbwissen vielleicht weniger gravierende Folgen als medizinisches.

Jedenfalls ist es schick, wenn man auf einer Party Platon, Kant, Hegel oder Schopenhauer zitieren kann.
Zumindest so lange niemand nachfragt.
Wolfram Heinrich schrieb am 22.11.2011 um 21:08
Erare humanum est.

Was für ein süßer Tippfehler!

Schon die auf dem Cover angepriesene Themenstrecke Warum haben wir Kinder? hätte mich doch vom Kauf abhalten sollen. Meine Tochter ist gerade 28 geworden, was gibt es für mich da jetzt noch gründlich darüber nachzudenken?

Jetzt sag schon, warum haben wir nun eigentlich Kinder? Was sagen die Experten der neuen Zeitschrift? Meine beiden Söhne sind zwar auch schon erwachsen, aber man ist ja neugierig.

Da Aristoteles seit etwas mehr als siebzig Jahren tot ist,

Wie ist denn das passiert? Ich hoffe, er hat nicht lange leiden müssen.

Vielleicht sollte man trotzdem der nächsten Ausgabe ein Foucaultsches Pendel oder eine LED-Taschenlampe zum Nachspielen des Höhlengleichnisses beilegen?

Obacht! In der Höhle sind manchmal unheimliche Fälscher zugange:


Bezüglich der Überlebenschancen dieses Journals würde ich die Schule des Skeptizismus empfehlen.

Ach, dem Vielosof is nix zu doof.

Ciao
Wolfram
Angelia schrieb am 22.11.2011 um 22:47
nanana Wolfram bitte keinen Spott ;-)

denn:

Wilhelm Busch
Der Philosoph
Ein Philosoph von ernster Art,
der sprach und strich sich seinen Bart:
»Ich lache nie. Ich lieb' es nicht,
mein ehrenwertes Angesicht
durch Zähnefletschen zu entstellen
Uund närrisch wie ein Hund zu bellen;
Ich lieb' es nicht, durch ein Gemecker
zu zeigen, daß ich Witzentdecker;
Ich brauche nicht durch Wertvergleichen
mit andern mich herauszustreichen,
um zu ermessen, was ich bin,
denn dieses weiß ich ohnehin.
Das Lachen will ich überlassen
den minder hochbegabten Klassen.
Ist einer ohne Selbstvertraun
in Gegenwart von schönen Fraun,
so daß sie ihn als faden Gecken
abfahren lassen oder necken,
und fühlt er drob geheimen Groll
und weiß nicht, was er sagen soll,
dann schwebt mit Recht auf seinen Zügen
ein unaussprechliches Vergnügen.
Und hat er Kursverlust erlitten,
ist er moralisch ausgeglitten,
so gibt es Leute, die doch immer
noch dümmer sind als er und schlimmer.
Und hat er etwa krumme Beine,
so gibt's noch krümmere als seine.
Und tröstet sich und lacht darüber
und denkt: Da bin ich mir doch lieber.
Den Teufel lass' ich aus dem Spiele.
Auch sonst noch lachen ihrer viele,
besonders jene ewig Heitern,
die unbewußt den Mund erweitern,
die, sozusagen, auserkoren
zum Lachen bis an beide Ohren.
Sie freuen sich mit Weib und Kind
schon bloß, weil sie vorhanden sind.
Ich dahingegen, der ich sitze
auf der Betrachtung höchster Spitze,
weit über allem Was und Wie,
ich bin für mich und lache nie.«
Angelia schrieb am 22.11.2011 um 22:53
und C.F. v. Weizsäcker meinte über die Philosophie: „welche auch sonst ihre Verdienste sein mögen, sie ist berühmt als die Wissenschaft mit den ausdauerndesten und unlösbarsten Streitigkeiten.“
Wolfram Heinrich schrieb am 22.11.2011 um 23:11
@Angelia
Wilhelm Busch (...)
und C.F. v. Weizsäcker meinte über die Philosophie: „welche auch sonst ihre Verdienste sein mögen, sie ist berühmt als die Wissenschaft mit den ausdauerndesten und unlösbarsten Streitigkeiten.“


Ha, ich schlage zurück mit Schillern:
Einstweilen, bis den Gang der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sich das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe.

Pariere, Weib!

Ciao
Wolfram
jens kassner schrieb am 23.11.2011 um 07:36
Wegen der Kinder werden etwa gleich viel Argumente pro wie contra angeführt, ist ja ein diskursorientiertes Blatt.
Angelia schrieb am 23.11.2011 um 07:44
Pariere, Weib!

guten Morgäähhnn...
aber gern :-)

Philospohie ist wenn die Mägde lachen.

Hans Blumenberg bezieht sich auf den Brunnensturz des Thales
Wolfram Heinrich schrieb am 23.11.2011 um 08:07
@Angelia
guten Morgäähhnn...

Moin, Moin.

Philosophie ist wenn die Mägde lachen.
Hans Blumenberg bezieht sich auf den Brunnensturz des Thales


Wahrscheinlich gibt es noch keine wissenschaftliche Untersuchung darüber, aber... könnte es nicht sein, daß Philosophen umso klarsichtiger und erdverbundener denken, je mehr sie von den alltäglichen Existenzsorgen nicht entlastet sind?
Kurz & knackig: Je Lehrstuhl desto verblasendenk?

Ciao
Wolfram
Angelia schrieb am 23.11.2011 um 08:16
Kurz & knackig: Je Lehrstuhl desto verblasendenk?

Ja Wolfram, bei dem ein oder anderen Philosophen sind schon mal Blasen und Schäume beim Denken rausgekommen.

und nein denn ab und zu macht es Sinn die Perspektive zu wechseln und sich sich zur Betrachtung höchster Spitze zurückzuziehen.

Muss jetzt aber ins alltägliche Leben.

Bis später
claudia schrieb am 23.11.2011 um 10:03
>>...ab und zu macht es Sinn die Perspektive zu wechseln und sich sich zur Betrachtung höchster Spitze zurückzuziehen.<<
Sich ab und zu zurückzuziehen, um Erfahrungen zu verarbeiten und die Dinge mal "von aussen" zu betrachten: Das täte jedem Menschen gut.

Wer aber sein ganzes Leben in einem Elfenbeinturm verbringt, kann sich eben nur über Elfenbein äussern und ahnt noch nicht mal wieviele Elefanten dafür starben...
Wolfram Heinrich schrieb am 23.11.2011 um 10:36
@Angelia
Ja Wolfram, bei dem ein oder anderen Philosophen sind schon mal Blasen und Schäume beim Denken rausgekommen.

Solange es hübsche Blasen und Schäume sind geht es ja noch.
"Das Fassende des Fassens ist die Nacht. Sie faßt, indem sie übernachtet. So gefaßt, nachtet das Faß in der Nacht. Was faßt? - Was nachtet? Dasein nachtet fast. Übernächtig west es in der Umnachtung durch das Faß, so zwar daß das Faßbare im Gefaßtwerden durch die Nacht das Anwesen des Fasses hütet. Die Nacht ist das Faß des Seins. Der Mensch ist der Wächter des Fasses. Dies ist seine Verfassung. Das Fassende des Fasses aber ist die Leere. Nicht das Faß faßt die Leere - und nicht die Leere das Faß, sie fügen einander wechselseitig in ihr Faßbares. Im Erscheinen des Fasses als solchem aber bleibt das Faß selbst aus. Es hat sein Bleibendes in der Nacht. Die Nacht übergießt das Faß mit seinem Bleiben. Aus dem Geschenk dieses Gusses west die Fasnacht. Es ist unfaßbar."
Der Fairneß halber sei hinzugefügt, daß es sich hier um eine Parodie handelt, eine Büttenrede (daher das Thema "Fasnacht") von Fritz Heidegger, dem Bruder von Martin.

und nein denn ab und zu macht es Sinn die Perspektive zu wechseln und sich zur Betrachtung höchster Spitze zurückzuziehen.

Wohl dem, der dies kann. Wer das Spülwasser abläßt, sich die Hände abtrocknet und die Zeit, die das Geschirr zum Trocknen braucht, zum Denken nutzt, der mag wohl leicht den Blick nach oben wenden und die Verbindungen zwischen dem Essen, dem Wohnen und der Fäkalienentsorgung der Menschen einerseits und ihrem Denken andererseits herstellen. Wer aber vom Frühstück, das ein anderer bereitet hat, aufsteht, das Geschirr, das ein anderer abspülen wird, hinter sich läßt und in die Denkerstube eilt, der wird sich schwer tun, den Blick nach unten zu wenden und eine Verbindung herzustellen zwischen dem Umstand, daß andere den Weg durch den Alltag für ihn ebnen und dem seienden Sein.

Muss jetzt aber ins alltägliche Leben.

Fall mir in keinen Gully.

Ciao
Wolfram
Angelia schrieb am 23.11.2011 um 23:54
Fall mir in keinen Gully.

heute ist alles gute gegangen :-)

Die Heidegger Parodie ist köstlich :-)

dem 2. Abschnitt kann ich zustimmen. Jedenfalls halte ich es auch für sinnvoll den Bogen immer wieder zum Konkreten zurückzuspannen.

Einige, die ich kenne, bügeln gern, weil sie dabei gut nachdenken können. Ich jedoch hasse bügeln und kann deshalb auch dabei nicht nachdenken.

Ich gehen dazu lieber in den Wald oder runter zum Rhein.
Angelia schrieb am 23.11.2011 um 23:54
PS gute Nacht
Wolfram Heinrich schrieb am 24.11.2011 um 08:52
@Angelia
"Fall mir in keinen Gully".

heute ist alles gute gegangen :-)


Ein Tag ohne Brunnenfall
Ist so herrlich, ist so tall.
(Thales von Milet, "Über das Glück")

Die Heidegger Parodie ist köstlich :-)

Hmnja, Fritz hat die Manier seines Bruders, sich nicht an Begriffen entlangzuhangeln sondern an Wörtern (der deutschen Sprache), sehr gut getroffen.

Ciao
Wolfram
jens kassner schrieb am 23.11.2011 um 08:10
War es nicht Thales, der sagte, alles käme aus dem Wasser? Und dahin ist er auch zurückgegangen? Wusste ich nicht, ist aber eine Konsequenz, die heutige Philosophen vermissen lassen.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.11.2011 um 10:32
@jens kassner
War es nicht Thales, der sagte, alles käme aus dem Wasser? Und dahin ist er auch zurückgegangen?

Es gibt die Version, daß er bei seinem Brunnensturz umgekommen ist, es scheint mir aber eher unwahrscheinlich. Vermutlich ist er nur als pudelnasser Depp aus dem Loch herausgezogen worden, das Gelächter der thrakischen Magd in den Ohren. Ich vermute mal, es wäre ihm, als ernsthaftem Philosophen lieber gewesen, er wäre einen tragischen Tod, wie es sich gehört, gestorben, statt sich Dienstbotengekichere anhören zu müssen.
Im Wikipedia-Artikel über Thales habe ich das Bild eines Brunnens gefunden. Es handelt sich um den Thales-Brunnen in Deggendorf (Niederbayern). Ein wunderbares Bild, in dem die Welt des Denkens - "Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser. Aus Wasser ist alles und in Wasser kehrt alles zurück" - und die Welt des Alltags - "Jeden Mittwoch Currywurst mit Pommes, nur 3,40 €" - harmonisch nebeneinander stehen.


Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 23.11.2011 um 10:35
@jens kassner
War es nicht Thales, der sagte, alles käme aus dem Wasser? Und dahin ist er auch zurückgegangen?

Es gibt die Version, daß er bei seinem Brunnensturz umgekommen ist, es scheint mir aber eher unwahrscheinlich. Vermutlich ist er nur als pudelnasser Depp aus dem Loch herausgezogen worden, das Gelächter der thrakischen Magd in den Ohren. Ich vermute mal, es wäre ihm, als ernsthaftem Philosophen lieber gewesen, er wäre einen tragischen Tod, wie es sich gehört, gestorben, statt sich Dienstbotengekichere anhören zu müssen.
Im Wikipedia-Artikel über Thales habe ich das Bild eines Brunnens gefunden. Es handelt sich um den Thales-Brunnen in Deggendorf (Niederbayern). Ein wunderbares Bild, in dem die Welt des Denkens - "Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser. Aus Wasser ist alles und in Wasser kehrt alles zurück" - und die Welt des Alltags - "Jeden Mittwoch Currywurst mit Pommes, nur 3,40 €" - harmonisch nebeneinander stehen.


Ciao
Wolfram
jens kassner
Subjektives zu Politik, Kultur und anderen schönen Dingen
Mitglied seit:
16.11.2011
Zuletzt aktiv:
22.04.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 12
Kommentare: 31
Logbuch
15:24
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:21
TST hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:18
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:13
delloc hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:10
Ichda hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG