jens kassner

firmensprecher einer ich-ag

28.01.2012 | 17:04

Deutschsprachige Medien vor feindlicher Übernahme

Okkupieren ist gerade ein politischer Trend, wenn auch zumeist nur symbolisch praktiziert. Nun soll auch das Feuilleton besetzt werden. Oder zumindest erst einmal die Straßenlaternen. Zwischen beiden Dingen liegt zwar nicht nur materiell, sondern auch in der Strahlkraft ein erheblicher Unterschied, aber wer nicht in höhere Kreise hineingeboren wurde, muss ja zumeist klein anfangen, will er Großes erreichen.
Occupy the Feuilleton steht groß auf dem Aufkleber, links unten ein stilisiertes Porträt von Frank Schirrmacher, daneben die Unterzeilen: Kritisiert die Kritiker! Beobachtet die Beobachter! Eine Initiative zur Rettung des Geistes! Und klein unten in der rechten Ecke (sic!) das  Logo eines Bogenschützen und der Schriftzug Blaue Narzisse. lesen und handeln.
Die Blaue Narzisse ist eine Internetplattform, hervorgegangen aus einer Chemnitzer Schülerzeitschrift, die von der Pennalen Burschenschaft Theodor Körner initiiert wurde. Man kann sie als so etwas wie eine Jugendbrigade der nicht mehr so ganz jungen Jungen Freiheit ansehen. Für diese ist BN-Chef Felix Menzel auch gelegentlich tätig, ebenso für Götz Kubitscheks Zeitschrift Sezession. Tätig sein heißt nicht nur Artikel schreiben, sondern auch in Kubitscheks Konservativ-subversiver Aktion mitwirken, indem etwa Veranstaltungen mit Linksradikalen wie Günter Grass oder Daniel Cohn-Bendit gestört werden. Der Name der Aktion deutet schon darauf hin, dass man Mittel des politischen Handelns der eigentlich so verhassten 68er politisch wenden will.
Im vergangenen Jahr hatten es diese Zirkel nicht leicht, die zwar auf keinen Fall als Nazis gelten möchten, sich aber deutlich rechts des im Bundestag präsenten Parteienspektrums sehen. Zuerst das Breivik-Attentat, dann die Aufdeckung der NSU-Zelle. Und kurz vor Silvester noch die Veröffentlichung der Nazi-Leaks durch Anonymous. Von den Zwickauer Terroristen meinten sich die Autoren von BN wie auch Sezession recht einfach distanzieren zu können. Zum historischen deutschen Nationalsozialismus bemühen sie sich um formelle Distanz. Nicht so von anderen Diktaturen wie die Pinochets oder Mussolinis. Nur mit Sozialismus darf es eben nichts zu tun haben, da sind sie eifrige Anhänger der Totalitarismuslehre.
Schwerer haben sie es mit Anders Breivik, ist doch einer der Schlüsselbegriffe in dessen 1500-Seiten-Pamphlet jene „Konservative Revolution“, welche die Neuen Rechten ebenfalls anstreben. Doch auch dazu findet man eilig angebrachte Abstandshalter, notfalls juristische Anzeigen wegen Verleumdung, wenn doch jemand Schnittmengen festzustellen meint.
Nun also statt der zuletzt erzwungenen Dauerverteidigung wieder eine Offensive. Die Blaue Narzisse will zunächst die linke Polithoheit der Straßenlaternen  zunichte machen. Dazu dient eine ganze Serie von Aufklebern – die Europafahne als Stacheldrahtkranz umgeformt, „Ganz normal heterosexuell“, für ein Europa der Regionen und Völker, „Niemand in meiner Klasse spricht deutsch“ etc. Die Mittel ihres Kampfes müssen sie sich erneut im gegnerischen Lager ausborgen. So gab es schon mehrfach Anleitungen und Aufrufe, Street Art, Popkultur oder Poetry Slam für rechtskonservative Zwecke umzunutzen. Auch ihr Slogan von der Hegemonie im vorpolitischen Raum stammt ja vom Marxisten Antonio Gramsci. Ganz neu ist die Aneignung der Parole nicht, und die mangelnden Erfolge ihres andauernden kulturpolitischen Besetzungskampfes lassen zuweilen resignative Untertöne anklingen: Die Bauchnabelschau von Nationalen bzw. Konservativen ist dafür verantwortlich, daß sie ihre kulturellen Aufgaben vollkommen aus den Augen verlieren und somit an ihrer Abschaffung mitwirken.
Die frisch gedruckten Aufkleber, käuflich für je einen Euro erwerbbar, seien ein Aufruf gegen die Allmacht der Jakobiner in den meinungsbestimmenden Feuilletons. Und warum dann gerade Schirrmacher als Anti-Ikone, quasi als Robespierre der deutschen Medien? Da für die Blaue Narzisse das meinungsdiktierende linke Lager haarscharf hinter der NPD anfängt, folglich CDU/CSU, FDP und auch die Freiheit von Stadtkewitz einschließt, ist das ganz natürlich. Die linken Medien reichen von Junge Welt und taz bis Welt und Bild, der Freitag darf sich irgendwo mittendrin suchen. Da ist der FAZ-Herausgeber eben ein Musterbeispiel für das, wogegen die Blauen Narzissten kämpfen: Gleichmacherei, Meinungsdiktatur, Scharia und Sozialismus. Wie ich mich doch bisher in ihm geirrt habe.
Auch wusste ich noch nicht, dass der Weg ins deutschsprachige Feuilleton über die Hoheit an den Laternenmasten führt, sonst wäre ich schon viel intensiver klebend tätig geworden. Aber mal angenommen, sie haben Erfolg. Michael Angele muss seinen Schreibtisch also bald an Felix Menzel abgeben, Kubitschek übernimmt die Kulturredaktion der FAZ, Marco Reese hat bei Lettre international das Sagen und Martin Lichtmesz beim Spiegel. Zwar wären Scharia und Sozialismus damit in Deutschland noch nicht sofort überwunden, das ist mit rein publizistischen Mitteln nicht zu schaffen, doch zumindest mit Gleichmacherei und Meinungsdiktatur wäre schlagartig Schluss. Ungarische Zustände! Eine Nebenerscheinung könnte allerdings sein, dass Deutsche Stimme und Junge Freiheit eingehen, weil sie keiner mehr benötigt.
Fast befürchte ich aber, dass es nicht ganz so einfach laufen wird. Möglicherweise müssen die Jungs von „Occupy the Feuilleton“ ihren linken Stichwortgebern noch ein Stück des Weges weiter nachlaufen und zwecks Rettung des Geistes Zeltlager vor den Medienmonopolen aufschlagen. Werte Freitag-Redakteure, macht euch auf harte Zeiten gefasst. Wahrscheinlich müsst ihr euch wochenlang auf dem Weg zur Arbeit durch eine wütende Meute von Nonkormisten kämpfen und dann doch kapitulieren. Ich hoffe, dass die härtesten von euch danach noch ein kleines hektografiertes Blättchen produzieren. Ich würde ab und zu kostenfrei Beiträge liefern. Vielleicht auch Schirrmacher.

 
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Kommentare
DerHans schrieb am 29.01.2012 um 08:58
In meiner Küche hängt ein Plakat „NEIN ZUR EU-DIKTATUR" vom „Bündnis gegen den Lissabonner Vertrag" mit einem Aufruf zu einer Demo am 5.9.2009 in der Berliner Innenstadt. (Ich war dabei.) Der zum gleichen Anlaß entworfene Werbespot wurde im U-Bahn-Werbevideoangebot „Berliner Fenster" nicht gezeigt, weil dort, wie auf dem Plakat, die Europafahne als Stacheldrahtkranz (s.o.) gezeigt wurde. Das Bündnis wurde maßgeblich von der Volksinitiative gegen das Finanzkapital getragen, die wiederum von Jürgen Elsässer initiiert wurde. Herr Elsässer schrieb einst auch für den Freitag und besteht geradezu trotzig darauf, immer noch ein Linker zu sein.
Unter dem Ex-Maoisten Rainer Zittelmann schien das Konzept eines Gramscismus von rechts im letzten Jahrtausend kurzfristig sogar von Erfolg gekrönt zu, doch dann wurde dieser von seinem Arbeitgeber (Springer/Ullstein) kaltgestellt und machte daraufhin lieber Kohle als Immobilienmakler.
juergenelsaesser.wordpress.com/2009/09/03/zensur-gegen-unsere-demo/
claudia schrieb am 29.01.2012 um 09:26
>>...Volksinitiative gegen das Finanzkapital...<<
Gottfried Feder lässt grüssen.
Es wird beflissen verschwiegen, was "Finanzkapital" ist: Privatisierter Mehrwert, der nicht mehr in die Produktion reinvestiert wurde. Somit eine direkte Folge der Privataneignung der menschlichen Arbeitskraft.

Auf den Hype scheint ja jetzt auch Josef Ackermann aufzuspingen, da er aus dem Vorstand der Deutschen Bank ausscheidet.

Meine Empfehlung: Am Henkel packen und wegschmeissen.
DerHans schrieb am 29.01.2012 um 10:39
Es ist immer amüsant, zu beobachten, wie Feindbilder aufgegeben werden, weil sie mit der erreichten eigenen gesellschaftlichen Stellung nicht mehr kompatibel sind oder weil sie von Leuten geteilt werden, mit denen man nichts gemein haben möchte.
Traurig ist es dagegen, daß Leute wie Henkel, Ackermann oder Bundeswehr-Generäle erst dann zur Einsicht gelangen (?), wenn sie ihre Stellung in den Funktionsellten aufgegeben haben.
Und merkwürdig ist es, daß prominente Juden „Antisemitismus!" schreien, wenn von Heuschrecken oder Finanzkapital die Rede ist, obwohl in den inkriminierten Texten ein derartiger Bezug nur durch Interpretrationsmeisterschaft herzustellen ist und sie unschuldigen Lesern antisemitische Vorurteile dadurch erst beibringen.
Zwischen „Finanzkapital" als Kampfbegriff und alsTerminus der Nationalökonomie besteht natürlich ein Unterschied; ich habe Elsässer und Konsorten auch die ubiqutitäre und abstumpfende Verwendung des Faschismus-Begriffs vorgeworfen. Wenn mich jemand als Nazi bezeichnet, weil ich das „Finanzkapital" als schlimmsten Feind der Menschheit betrachte, ist mir das auch wurscht.
jens kassner schrieb am 29.01.2012 um 11:11
Über die Wandlungen von Elsässer und manch weiteren wundere ich mich auch manchmal.
Aber man sollte sich generell nicht Symbole oder gar Themen wegnehmen lassen, nur weil sie auch von rechter Seite benutzt werden. Immerhin ist es noch ein großer Unterschied, ob man die Funktionsweise der EU kritisiert oder eine europäische Einigung generell in Frage stellt. Oder ob man den Mangel an Demokratie kritisiert oder die Demokratie als Prinzip.
Und von ernstzunehmender Auseinandersetzung mit dem Finanzkapital habe ich bei den Leuten, die ich dargestellt habe, noch nichts gemerkt. Dafür sind sie zu sehr auf einen Kampf gegen jeden Sozialismus fixiert oder was sie dafür halten.
DerHans schrieb am 29.01.2012 um 14:12
Bei der „Jugendbrigade" mögen Sie damit Recht haben. Aber lesen Sie mal die Artikel zur Euro-Krise in der Jungen Freiheit, die sagen, wer Roß und wer Reiter ist und wozu und wem der ESM (neues Ermächtigungsgesetz) dient! Die Euro-Kritiker und -Kläger Hamer, Hankel und Schachtschneider, die dort schreiben und auch bei der II.Aktionskonderenz gegen den Euro-Wahn am 12.Februar in Berlin auftreten, kann man wohl kaum als rechtsextrem bezeichnen.
jens kassner
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