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Kultur : Nicht sprachbarrierefrei

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Damals, als ich klein und die Welt noch hässlich und gemein war, gab es überall Industriegebiete und im Osten die DDR. Es gab Gastarbeiter, Zigeuner und sogar Behinderte. Oh, gruselige Vergangenheit, hoch lebe unsere schöne neue Welt!

Selbst die Menschen mit Behinderungen, die nach den Behinderten und zeitgleich mit den schönen Industrieparks kamen, findet man nicht mehr so leicht. Als Personen mit besonderen Bedürfnissen, die mit der Mobilität der Arbeitskräfte auftauchten, gehen Blinde jetzt auf Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Sehen. Gehörlose treffen sich in Schulen mit dem Schwerpunkt Hören. Sinti und Roma gibt es jetzt nur noch als Kollektiv, da scheitern wir am Singular.

Wäre fleischlose Ernährung ein besonderes Bedürfnis, müssten sich vegetarische Restaurants vermutlich Gaststätten mit dem Schwerpunkt Fleisch nennen. Auf mich könnten die lange warten. Diese Sprachbarriere überwinde ich nicht. Aber ich rede ja auch nicht von der „ehemaligen“ DDR, wie die DDR jetzt gerne genannt wird. Seit dem Mauerfall soll in unserer schönen neuen Welt möglichst alles andere auch barrierefrei, aber auf keinen Fall mehr behindertengerecht sein. Wozu auch, es gibt ja keine mehr.

Als die Welt noch nicht schön war, gab es doch tatsächlich Mongoloide. Meine Mutter, nichts ahnend vom Minenfeld der politcal correctness, nannte sie immer liebevoll Mongölchen. Heute bekäme sie dafür eine Klage an den Hals. Die Menschen mit Down-Syndrom, die es dann gab, will man auch nicht mehr wirklich. Syndrom klingt so krank. Menschen mit Trisomie 21 wären der neuen heilen Welt willkommener.

Nur ich patze noch manchmal beim Neusprech. Rutscht mir tatsächlich ein Downie aus dem Mund, erstarre ich angesichts dieses schockierenden Rückfalls in hässliche Zeiten. Dabei möchte man doch ganz locker über die, ähm, naja, die Kinder mit, Sie wissen schon, Förderbedarf und so, sprechen. Meine Kinder besuchen schließlich eine Integrationsschule. Oh je, da war es. Das neue Tabu. Integration ist diskriminierend. Heißt nun Inklusion.

Also lieber sprachlos bleiben? Und warten, bis hinter vorgehaltener Hand von anderen die längst vergessenen Idioten und Krüppel hervorgezerrt werden?

Am 21.3. ist Welt-Downsyndrom-Tag. Neue Bluttests bei Schwangeren zur Diagnose dieses „besondere Bedürfnisses“ werden diese ganz normal besonderen Menschen vermutlich nicht nur sprachlich noch rarer werden lassen. Ich empfehle eine „Downie-Initiative“. Die „Krüppelinitiativen“ haben es vorgemacht.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.