Katrin Rönicke

Katrin Rönicke

14.09.2011 | 20:40

Tod, Therapie und dieses Bäm

 

ich bin momentan ganz schön alle. mein kopf fühlt sich ein bisschen leer gepustet an. die vergangenen zwei wochen hat mich praktisch jeder tag an meine grenzen getrieben. irgendwo, irgendwie. in so einer zeit, mit dem eigenen leicht wahnsinnigen kontext, dann auch noch als feministische mutter mit einem hang dazu, verklemmt zu sein, diese "schoßgebete" in der wenigen freien zeit zu lesen ist... einfach "bäm"!

die letzten seiten, seit meinem ersten eindruck, waren brutal (ich schreibe dies, mich auf s. 185 befindend). einige davon habe ich nicht ausgehalten, ich musste sie überblättern, sie haben mich und meine vorstellungskraft (die ist sehr gut, immer gleich alles in bildern im kopf - juchuuu!) überfordert.

was bleibt mir also zu sagen? ich kann ja mal sagen, dass mich diese schonungslosigkeit sprachlos macht. sie imponiert mir ein bisschen und ich finde es ja eh immer gut, wenn eine da hin geht, wo es vielen weh tut. kleines beispiel: der umgang mit dem tod. weil das thema beinahe auf jeder seite des buches auftaucht, kann man nicht umhin kommen, einmal darüber nachzudenken, wie wenig es sonst in unserem leben vorkommt. eines der ersten dinge, die elisabeth mit ihrem mann georg zu beginn der beziehung tut, ist das regeln von testamenten und patentienverfügungen. das nennt sie ihre spezielle form der romantik. ich musste sehr grinsen, mir gefällt das.

ein anderes tabu ist das wünschen von tod. wer nach elisabeths wunsch schon so alles hätte sterben sollen. manchmal zumindest. ein bisschen zumindest. mit den unterschiedlichsten motiven. mit elisabeth kiehl tritt in diesem buch eine in eine hygienisch vom sterben bereinigte gesellschaft, die den tod in alles hineindenken kann. der tod ist ihr ständiger gedanklicher begleiter. sie spielt hier und da damit, hat manchmal panik, manchmal sehnsucht... außer beim sex ist er eigentlich immer präsent. deswegen ja auch dieser sex, da am anfang des buches, auf den manche das buch reduzieren wollen. wie sinnig.

noch so ein tabu: "therapie ist geil!" - macht alle therapie, dann werdet ihr glücklicher! - naja. schön wär's, wenn's so einfach wäre. ich habe selbst leider einmal erleben dürfen, wie schwer es war, für einen massiv in einer krise steckenden menschen einen termin bei IR-GEND-WEM zu bekommen. da habe ich schon gar nicht mehr nach qualität geschaut. da ging es quasi um leben oder tod - also gefühlt - aber zeit hatte dafür natürlich niemand. daneben kenne ich zu viele leute, die scheitern, weil die qualität nicht stimmt. in großstädten mag man ja jemanden finden. aber auf dem land?! die leute sollen nach elisabeths meinung alle eine therapie machen. um eine gute frau, mutter, wasweißich zu sein. so sehr ich sympathie für diese einstellung entwickeln kann, die dazu ermuntert, therapie nicht als stigma, sondern als chance zu begreifen - das tu ich wirklich!! - dieses überschwängliche stört mich doch sehr. 1. weil wenn alle idioten mit idioten-problemchen plötzlich "therapiebedürftig" werden, dann bekommt man für die ECH-TE krise ja noch viel länger keinen termin. und 2. krieg ich die motten, wenn ich daran denke, dass plötzlich alle unsere macken "behandelbar" sein sollen. "das kann man wegmachen" - mit therapie. so ist das vielleicht - hoffentlich! - nicht gemeint, aber manchmal könnte der eindruck entstehen. es gibt keine schlimmere krankheit, als die diagnose. und ich bin da ganz bei manfred lütz, der in "irre! - wir behandeln die falschen, die normalen sind das problem" darlegt, warum dieser ansatz, man müsste leute mit ner psychischen macke alle "richtig stellen" total gefährlich ist. liebe elisabeth, bitte lies mal dieses buch.

wie ich merke, fällt es mir ansonsten sehr schwer, viel und tiefergehend etwas über das buch zu sagen, und was es in mir auslöst, weil es zu persönlich würde. das ist ja keine therapie hier! deswegen halte ich jetzt die klappe.

nee, eins noch: als feministin, das muss ich jetzt schon nochmal loswerden, käme es mir nicht in den sinn, an diesem buch anstoß zu nehmen. es ist ja ein roman. es ist keine reportage. schon gar kein ratgeber. - eher im gegenteil. also, ich glaube, wenn feministinnen an diesem buch rumzukritisieren begännen, dass es heteronormativ! sei oder dieses mütter-ideal!, oder diese ganze sex-puff-porno-kacke! - ja, also dann käme ich nicht umhin, zu vermuten, dass frau roche mit ihrem roman wirklich irgendwohin getroffen hat, wo es eben vielen weh tut. und das ist auch gut so. aber mit feminismus hat so eine kritik für mich dann nicht viel zu tun.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
GeroSteiner schrieb am 15.09.2011 um 11:22
Danke für den Text.

Soviel ist jetzt mal ganz sicher: Ich werde mir das Buch "über eines der letzten Tabus" nicht kaufen und ich werde es mir auch nicht antun. Wenn ich es mir recht überlege, will ich auch gar nicht mitreden müssen wollen.
Teil 3 (denn aller guten? Dinge sind drei!) der medialen Rochade wird dann wohl als goldverpacktes Rocher "Charlotte" ganz sicher das allerallerletzte Tabu berühren, um mit traumwandlerischer Sicherheit auf die prognostizierten Verkaufszahlen zu kommen.
If you think a fuck is funny, fuck yourself and save the money.
Magda schrieb am 15.09.2011 um 22:36
Ich bin auf Tabubrüche nicht mehr heiß. Wenn es aber ein Roman ist: Könnte er es denn auf die Longlist des Buchpreises schaffen?
Wie ist denn die Sprache?

Wenn es wirklich ein Roman wäre, würde er sich nicht so verkaufen, denke ich.
Katrin Rönicke
ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
3 Jahre 15 Wochen
Zuletzt aktiv:
16.05.2012
Status:
Autorin
Aktivität:
Beiträge: 70
Kommentare: 129
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
03:39
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:36
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:31
mcmac hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:18
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:10
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG