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Ist von der Buchstadt Leipzig die Rede, dann oft in Verbindung mit „ehemalige“. Bis zum Mauerfall gab es hier große, traditionsreiche, wichtige Verlage. Es gab gute Autoren. Und es gab viele, schöne, inspirierende Buchhandlungen. Und heute? Sind die Verlage neuer und kleiner, die Schriftsteller immer noch gut. Und einige Buchhandlungen trotzen den Buchwarenhäusern. In einer kommt seit über 20 Jahren alles zusammen: in Peter Hinkes Connewitzer Verlagsbuchhandlung mit ihrem kleinen Außenposten, dem “Wörtersee”.
Im hintersten Winkel des “Wörtersee” entstehen Bücher. Unter der Schreibtischlampe sitzt Hinke mit Thomas Böhme über letzten Korrekturen der “101 Asservate. Alter Worte Welt”, die im Februar erscheinen. Hinke zeigt begeistert ein paar Seiten. „Der Aberwitz“ steht da oder „Das Angebinde“… Böhme sammelt alte Wörter. Um sie zu bewahren. Nicht vor etwas oder jemandem, sondern für sich und andere. Für Seelenverwandte vielleicht.
Im heimischen Bücherregal finden sich zwei Gedichtbände Böhmes: “Die schamlose Vergeudung des Dunkels” aus dem Jahr 1985 und “stoff der piloten” von 1988. Beide aus dem Aufbau Verlag. Sie stehen neben den Büchern von Steffen Mensching. Das ’83er Debüt, “Mit der Sanduhr am Gürtel”, ist leider nicht dabei. Macht nichts, das hat Peter Hinke vor einem Jahr neu aufgelegt, mit Nachbemerkungen Böhmes, in denen er schreibt: „Ich habe dem Erfolg der ,Sanduhr’ von Anfang an mißtraut und wollte auch nicht in diesem Stil weiterschreiben, denn längst hatte ich begriffen, dass gute Lyrik noch etwas anderes war, als ein Tagebuch in Versen.“
Eine Daseinsberechtigung als Zeitdokument spricht er den Texten aber zu, weil sie Zeugnis ablegten vom Unbehagen an der erstarrten Verhältnissen in der DDR der 80er Jahre „und vom Spagat eines Verlags zwischen kulturpolitischen Zwängen und der Öffnung für die neuen Stimmen, die aus diesen Verhältnissen hervorgegangen waren“.
Das war etwas Besonderes damals. Mit der Lyrik. In der DDR. Lesungen gab es nicht nur zahlreich und gut besucht – sie hatten etwas von Untergrund-Treffen. Nicht der Orte wegen, sondern wegen des Publikums. Finden Leute, die Wörter und Bilder entschlüsseln können, eher zueinander? Ist dies ihre gemeinsame Sprache? Sind Dichter konkreter? Vielleicht lag es auch am schnellen Zugang, dem kürzesten Weg zum Inhalt.
In den beiden Böhme-Bänden klemmen Lesezeichen. Die “elegie” auf Seite 32 endet so:
und irgendein fremder falter
mit zusammengeklebten flügeln
verendet, von niemandem aufgefordert
dazu
Es klingt nach Warten in einer äußerlich verwahrlosten Freiheit. Böhme beschreibt einen vernieselten Sommer und das schimmelnde Leder eines vergessenen Fußballs unter Holunderbüschen. Herausgelesen wurde freilich etwas ganz anderes, auf die Spur gesetzt von Zeilen wie dieser: “doch auch unsere Hüllen sind perforiert”. Lyrik als Lebensmittel, so war das.
In dem anderen Buch sind zwei Gedichte markiert: “Heisser Herbst”, eine atemberaubende Endzeitahnung des damals 28-Jährigen, und :
"DAS
ACHTE SCHWEIGEN ABER
IST TÖDLICH
Das erste ein kindlicher
Verrat das zweite eine not
Lüge das dritte im einverständnis mit der ohn
Macht das vierte eine chance
Zu überleben das fünfte eine kopf
Prämie das sechste auf kosten der schweigenden
Minderheit das siebente für den general
Stabsplan heilewelt
Um lieben friedens
Das achte"
Wahrscheinlicher sei es gewesen, nicht gedruckt zu werden, sagt Böhme heute und wundert sich noch immer über die Genehmigung. Im Buch ist ein vollbärtiger junger Mann mit dickem Pullover abgebildet. Darunter steht, dass er 1955 in Leipzig geboren wurde, 1974 Abitur gemacht hat, “danach Lehrerstudium (nicht beendet), Bibliotheksfacharbeiter, Werberedakteur, Fernstudium am Literaturinstitut ,Johannes R.Becher’ von 1981bis 1984. Seitdem freier Schriftsteller.”
“Lehrerstudium (nicht beendet)” bedeutet Exmatrikulation nach der Biermann-Ausbürgerung. Werberedakteur war er bei Edition Leipzig, wo er sich nebenbei autodidaktisch bilden konnte. Wenn es etwas gab, dann Zeit und ein bildungsaffines Umfeld. Heute sei der Bildungsbegriff einer Umbewertung unterworfen, sagt Böhme. Kurzfristig abrufbarem Quiz-Wissen zieht er ein komplexes Bildungsgefüge vor, das auf einem historischen Fundament steht.
Auch wenn es so klingen mag, er hadert keineswegs mit der Gegenwart. Und wenn er lacht, dann lachen immer auch die Augen. Er erfüllt nicht das Klischee des traurigen Dichters, sondern leuchtet als ironischer Sprach-Spieler. Er lebt nicht in Cafés und Kneipen, sondern umgibt sich in seinem Haus mit Freunden, Musik und natürlich Büchern. Überall Bücher. Außer in der Küche. Ein Mobiltelefon aber hat er nicht. “Ich muss nicht immer erreichbar sein.” Und er reist mit dem Zug. Er muss die Zeit nicht überlisten.
Er will sie auch nicht zurückdrehen, wenn er von dem Gefühl spricht, im falschen Jahrhundert aufgewachsen zu sein. „In die Epoche vor dem Ersten Weltkrieg hätte ich hineingepasst.“ Was ihn am jungen 20. Jahrhundert reizt, ist das Lebenstempo, das geringere. Es sind die Brüche in jener Zeit, „die schon alle Elemente der Moderne enthielt: Nationalisierung, Industrialisierung, Kommunismus, Anarchie … Da sind Bewegungen aufeinandergeprallt, in denen viel Potenzial gelegen hat – zum Guten wie zum Bösen.“ Und all die Neuerungen fanden sichtbar statt, was die Chance gab, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Von all dem erzählen die Wörter, Begriffe wie „Das Stelldichein“ oder „Die Ottomane“. Böhme fühlt ihnen auf den Zahn, assoziiert in kurzen Prosastücken, die meist in genau neun Punkten strukturiert sind. Er liebt beim Schreiben das Kurze, Konzentrierte, das Überschaubare, das man im Blick behalten kann. Und schon immer war es das Spiel mit Wörtern und Masken, das ihn reizt.
Selbst wenn die Texte sich aus Erinnerungen speisen, können sie Kommentare zur Zeit sein. Über den Aberwitz schreibt Böhme, dass er Staub angesetzt hat, „seitdem der Wahnsinn ihm in allen Medien Konkurrenz macht, ob als Mißfallensruf oder als Ausdruck der Begeisterung sei dahingestellt.“ Diesen Staub bläst der Autor fort.
Thomas Böhme: „101 Asservate. Alter Worte Welt“. Connewitzer Verlagsbuchhandlung; 136 Seiten, 18 Euro (erscheint im Ferbruar)
(zuerst unter www.lvz-online.de)
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Schön.
Der Text. Danke @kay.kloetzer! Asservate. Ich könnte ja schon wieder ins Schwärmen kommen. Wenn ich bedenke, wie oft ich eine SMS in meinem Telefon ohne Texterkennung schreiben muss, weil das System immer nur 'Bahnhof' versteht, dann ist es in Zeiten des restringierten Denglish auch mir ein Bedürfnis, Worte zu bewahren, zu nutzen, aber nicht bloß auszustellen. Finanzspezialisten, die Finanzierungen "bridgen" und Verluste "eincashen" um neue Finanzprodukte zu "promoten" erkennen "at the end of the day" nicht mal die Peinlichkeit ihrer Fachsprache, die sich nur mühsam als "know how" eines "inner circle" verkaufen lässt, aber letztendlich doch nur nur über einen hanebüchenen Mangel an Wissen und Bildung hinwegtäuschen soll. Ich geh jetzt erstmal meinen Rechner booten, um dann ein bisschen Musik zu googlen und dann downzuloaden. *brüll* *wild herumfuchtel* Nicht mal die Methode aus 'Clockwork Orange' hilft in diesem Fall. |
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wie wahr. zwar gehöre ich nicht zu jenen, die zum laptop klappcomputer sagen, doch dieser sprachmatsch zur verständnisvermeidung nervt enorm. da bin ich aber sowas von ganz "breit aufgestellt" ...
gewiss ist der tag nicht mehr fern, an dem selbst in journalistischen texten ironisch gemeinte passagen mit entsprechenden emoticons gekennzeichnet werden. kommunikation allein im interesse der zeichensetzung. oder war er gar schon, der tag? |
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und herzliche grüße natürlich
kk |
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Ihre Texte lösen bei mir immer ein kosmopolitisches Heimatgefühl aus. Es ist eine Kunst heute aus Connewitz in die Welt aufzubrechen.
In jener Zeit, in der Thomas Böhme gern leben möchte, rollten durch Connewitz vom Eilenburger Bahnhof hinter dem Gerichtsweg her kommend, noch die an die Reichsbahn angehängten Bücherwagen zu allen Buchhandlungen im Deutschen Reich. Damals lag Connewitz an der Hauptschlagader von Wissen, Aufklärung und Unterhaltung, die zum Herz des deutschen Buchhandels eben am Gerichtsweg im Zentrum von Leipzig führte. Vielleicht pulst ja heute unter Connewitz ein dickes Glasfaserkabel den Leipziger Beitrag in die Welt. Es pumpt die mdr-Formate "Nebel - Frühlingsfest der Volksmusik" und "Escher - Rächer der Entschärften" in die entleerten Hirne, die "leichter nicken" (@Gero, Clockwork). Gibt es denn wirklich Hoffnung, dass Thomas Böhme durch die Keller und Kanäle von Connewitz einen geheimen Weg zur Pipeline findet? |
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"Damals lag Connewitz an der Hauptschlagader von Wissen, Aufklärung und Unterhaltung ..." - also zumindest die unterhaltung gibt es noch, gastronomisch und durchaus auch kulturell in morbiden gpflegten hallen und häusern. die connewitzer verlagsbuchhandlung hat vor allem dem namen nach (und historisch) bezüge zum stadtteil.
und: ja, es gibt immer hoffnung, hoffe ich ... herzlich kk |
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Ich muss es deutlicher schreiben:
Mit der "Hauptschlagader" meine ich die Bahnlinie durch Connewitz auf der tatsächlich der allergrößte Teil aller (!) deutschen Bücher (ca. 90%) vom "Leipziger Platz" (www.boersenverein.de/de/portal/glossar/157963?glossar=L&wort=220807) aus seine Reise in die deutschen Buchhandlungen antrat. Damals war Leipzig nicht nur im übertragenen Sinne das Herz von Wissen, Aufklärung und Unterhaltung und Connewitz lag an der Hauptschlagader, sondern das im ganz wörtlichen und sachlichen Sinne. Beinahe jedes deutsche Buch lief über Leipzig. Wenn ich das im Zusammenhang mit Thomas Böhme und seiner Sehnsucht nach 1900 schreibe, will ich diese Sehnsucht in Beziehung zu einer Art von Wissen, Aufklärung und Unterhaltung setzen, die es so auch in ihrer materiellen Voraussetzung nicht mehr gibt. Wenn Böhmes Texte mit jenen alten Wörtern "Kommentare zur Zeit sein können", dann muss ich fragen, wie er durch Keller und Kanäle zum "Glasfaserkabel" gelangen möchte. Oder gibt es andere Wege auf denen diese Worte ihre Wirksamkeit entfalten? Connewitz jedenfalls ist hoffentlich noch gut von Kapillaren durchblutet, an einer Hauptschlagader aber liegt es nicht mehr. Ihr Text berührte mich durch seine lebendige Schilderung eines an die Schrift und den Text gebundenen Aufklärers. Wird es der Aufklärung gelingen, Text und Schrift in ihrer enormen Bedeutung für die Presse, die Demokratie, den Diskurs zu erhalten? Welche Worte benötigen wir dafür? Deshalb ist die Arbeit Böhmes notwendig, nicht weil ich ihn als einen pedantischen Sammler antiquierter Wörter verstehe. |
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Rapanui schrieb am 23.01.2012 um 16:44 Damals war Leipzig nicht nur im übertragenen Sinne das Herz von Wissen, Aufklärung und Unterhaltung und Connewitz lag an der Hauptschlagader, sondern das im ganz wörtlichen und sachlichen Sinne. Beinahe jedes deutsche Buch lief über Leipzig. Merci, für all diese Infos. |
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liebe kk, schon das wort asservatenkammer löst unbehagen bei mir aus. und in die kaiserzeit zurück, wer kann sich sowas wünschen?
selbst der neueste dicke duden ist eine rumpelkammer von archaismen und auslaufvokabeln. die werden von dudens seit je gepflegt. denn in der rückwärtsrepublik ist nur die vergangenheit richtig schön. sprachwandel ist wie klimawandel realität. es gibt siedlungswüstungen, die durch pest und krieg in vergangenen jahrhunderten entstanden, die man in umrissen nur aus der vogelperspektive noch erkennen kann. die vogelperspektive gefällt mir überhaupt besser als die rückspiegelschau. wortwüstungen oder untergegangene, d.h. ungebräuchlich gewordene wörter, sind spuren, die aufzunehmen ich mal geplant hatte. lyrisch war mir dabei nicht zumute. |
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lieber h.yuren,
"selbst der neueste dicke duden ist eine rumpelkammer von archaismen und auslaufvokabeln. die werden von dudens seit je gepflegt. denn in der rückwärtsrepublik ist nur die vergangenheit richtig schön." - das wäre mal ein interessantes blog (aus er vogelperspektive). vielleicht auch, um das bewahrenswerte vom zu recht vergessenen zu trennen. oder zumindest darüber zu diskutieren ... herzlich kk |
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Liebe kay,
darf das Diskussionsblog auch von oranier sein? Dann bitteschön, herzlich zur Diskussion eingeladen: www.freitag.de/community/blogs/oranier/fuer-kaykloetzer-und-hyouren Grüße oranier |
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Sorry,
offenbar wegen eines verbesserten Schreibfehlers in der Überschrift funktioniert der angegebene Link nicht. Hier neu: www.freitag.de/community/blogs/oranier/fuer-kaykloetzer-und-hyuren |
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@ Oranier schrieb am 23.01.2012 um 18:51
Die Vorstellung, dass die Wörter eine Asservatenkammer für zukünftige Untersuchungen unterhalten könnten, ist doch sehr amüsant. Die Asservatenkammer der Polizei bezeichnet ja auch nicht eine Kammer in der die Polizei aufbewahrt wird. Die Wörter verwahren also diejenigen Asservate auf, die für eine Ermittlung Verwendung finden werden. Was können die Wörter ermitteln wollen? Missbrauch, Unterschlagung, Mord, Entführung - an ihresgleichen vielleicht. Vielleicht stellt sich dann auch heraus, das manches von ihnen eines natürlichen Todes gestorben ist, ein Fundstück ist oder ein nicht gemeldetes Findelkind. Ich verstehe die Wörter. |
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@Rapanui
Dem Umstand, dass es viel mehr hässliche Worte als hässliche Wörter gibt, könnte man insofern Rechnung tragen, indem man die Asservatenkammer den hässlichen Worten lässt. Da sind sie gut aufgehoben. |
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Ach, dieses und das Vorblog habe ich sehr gerne gelesen. Vielen Dank, Frau Kloetzer.
Mein "kleiner", in Wahrheit ist er ein ganz großer Vers- und Tilgemeister aus Mainz, dem es so auf die Worte ankommt, wie nun ihren Leipzigern, sogar auf ihren Klang, der heißt Heinz G. Hahs. Das ist sein Schriftstellername. Er erträgt den Hungertuchpreis und den alten Breitbach-Preis des Landes Rheinland-Pfalz und schreibt über Bahnwärter knappe Gedichte, berichtet von Hafenkonzerten und weiß von Kaldaunos zu erzählen, der sich beim Symposion einen humpt. Von der "Papierführung", von der "Schreibzeilenbegrenzung", Von der "Tot-Taste" berichtet er und notiert Sätze wie, >>Man sieht: es bleibt so vieles falsch da stehen. So vieles auch läßt Gscheid ungeklärt. Die Hauptsachen lässt er ungesagt. Mit Hauptsätzen habe er nichts am Hut. du bist ein schäbiger Wortvertreter, Gscheid, eine verschlissene Type bist du. << >>Namen lassen sichzurückführen. Namen werden als symbolische Adressen aufgefasst, ich wohne im Kalk.<<, und er dichtet von der >>stromschwäche hingemurmelt<<, am Rhein. Die Asservatenkammer schau´ ich mir an. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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@ Columbus
"... dem es so auf die Worte ankommt, wie nun ihren Leipzigern, sogar auf ihren Klang..." - auf die Worte oder auf die Wörter? Siehe meinen Blogtext! Grüße oranier |
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Ja, es müsste beides genannt werden, wenn es um literarische Sprache geht. Sie denken da strenger, sicher auch mit einigem Recht, wie ich ihrem Blog entnehme.
Worte, das sind auch Sprüche, Zitate, etc. "Wörter", so ist es amtlich, bleibt die Mehrzahlbildung von "Wort". Asservate, das spielt, nach meinem Gefühl, für diesen Sammler Thomas Böhme eher im Sinne von Beleg eine wichtige Rolle. Das Bändchen kommt ja erst noch und dann gilt es zu prüfen, ob das die staubige und längst ausgewilderte Wunderkammer der Leipziger Sprachkenner ist, oder eben uns anregt, bestimmte Asservate abzustauben und wieder zu benutzen. Ich finde z.B. "bomfortionös" ist ein wunderbar sprechendes Wort, das z.B. für Affären, Medienhypes und andere gewaltige Blasen, wieder in Gebrauch kommen sollte. NB: In meinem Kommentar habe ich "du bist ein schäbiger...", das du klein geschrieben. Ein "Fehler", der nicht dem Sprachmeister angelastet werden sollte. Zudem gerieten "sich" und "zurückführen" zu nahe aneinander. LG Christoph Leusch |
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Lieber Columbus, lieber Rapanui,
eure Aspekte zur Asservatenkammer: Verwahrunsort für künftige Untersuchungen und die Belegfunktion haben mir zu denken gegeben. Danke, so soll es sein in einer Diskussion. Es ist schwierig, über zwei Blogs hinweg zu diskutueren. Ich verweise daher, z.B. im Hinblick auf das "Entstauben", auf meine differenzierte Antwort an h.yuren in meinem Blog und sage erst einmal mit vielen Grüßen tschüss. oranier |
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@columbus
danke für diesen tipp. und auch für die erinnerung an "bomfortionös"! |
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liebe kk, aber natürlich sehe ich aus der vogelperspektive auch nicht weniges aufbewahrenswerte. ja, manches wort ist so gelungen in lautgestalt und sinngehalt, dass es nicht untergehen darf.
ein blog aus der luftigen höhe werde ich wohl nicht fabrizieren, wenngleich es mir widerstrebt, deiner anregung nicht zu entsprechen. was könnte noch ungesagt sein, nachdem ich "Aristopháns Vögel" mir gründlich vorgenommen habe? was könnte der blick von den starenkästen aus über die sprechenden da unten auf der erde für einsichten öffnen? jetzt bald, sorry, ich weiche vom thema ab, jetzt ende januar erwarte ich die künder des frühlings, die stare, zurück. ich mags, wie sie eher schwadronieren als singen von den landschaften und stimmen, die sie aufgenommen und bewahrt haben. herzlich hy |
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liebe kk, aber natürlich sehe ich aus der vogelperspektive auch nicht weniges aufbewahrenswerte. ja, manches wort ist so gelungen in lautgestalt und sinngehalt, dass es nicht untergehen darf.
ein blog aus der luftigen höhe werde ich wohl nicht fabrizieren, wenngleich es mir widerstrebt, deiner anregung nicht zu entsprechen. was könnte noch ungesagt sein, nachdem ich "Aristopháns Vögel" mir gründlich vorgenommen habe? was könnte der blick von den starenkästen aus über die sprechenden da unten auf der erde für einsichten öffnen? jetzt bald, sorry, ich weiche vom thema ab, jetzt ende januar erwarte ich die künder des frühlings, die stare, zurück. ich mags, wie sie eher schwadronieren als singen von den landschaften und stimmen, die sie aufgenommen und bewahrt haben. herzlich hy |
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lieber hy, ja, alles scheint gesagt. und dennoch schwadronieren die stare ...
ich bin soeben aus freiburg zurück, dort ist es schon recht frühlingshaft. stare allerdings, nein, stare sind mir noch nicht aufgefallen. vielleicht haben sie noch nichts zu erzählen ... herzlich |
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liebe kk, wie oft hat der schein schon getrogen, wenns ums sagen des unsagbaren ging...?
in freiburg müssen die schwadronierer längst angekommen sein, sie waren sicher nur da, wo du nicht warst, etwa auf bäumen und dächern. als ich mal in freiburg weilte für ein paar tage, weckte mich um zwei in der nacht die erschütterung eines harmlosen erdbebens, das mein bett kurz schaukeln ließ. tektonisch unzuverlässige regionen meide ich möglichst. herzlich |
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o, und ich dachte, es liegt am viertele weißburgunder, dabei war das vielleicht wieder ein erdbeben? wer hätte gedacht, dass das dort tektonisch so unsicher ist. der mobiltelefon-empfang jedenfalls ist, nunja, schwankend. aber stimmt, auf dächern und bäumen waren wir kaum. stattdessen in wunderbaren kinos mit beinfreiheit und freier sicht auf die leinwand - auch wenn der saal nur 38 plätze hat. und im theater zur liederabend-premiere "children of the revolution", die irgendwie links war, und natürlich auf der internationalen kulturbörse, wo auch viel, viel geredet, nicht immer etwas erzählt wurde. unsere leipziger teilnehmer allerdings waren ausgezeichnet.
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@ kk
Ich wünsche deinem Bücherhändler wirklich die Situation, dass er so schnell wie möglich in der Situation ist und Bücher verkaufen muss, wie vor hundert Jahren ... oder bist du in einer falschen Romantik verfangen? Was führt dich auf den Realiterboden zurück? Glaubst du allen Scheiß, wenn jemand erzählt, er musste etwas wegen der Biermann-Aussonderung beerdigen? Kann es nicht sein, dass seine Fähigkeiten für ein erfolgreiches Studium nicht ausreichten? Biermann war ein schlechter Poet, aber eine hervorragende Begründung für eigene, nicht mehr erschließbare Entwicklungsmöglichkeiten. Wie bezeichnet man Menschen, die Verkommenes verkaufen? Ja nje snaju. |
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hm. warum so misstrauisch? weil es das auch gibt, ich weiß schon. aber bei thomas böhme kenne ich die ganze geschichte, die hier nicht hingehört. und die hängt unmittelbar mit der biermann-ausbürgerung zusammen. romantisch übrigens finde ich das eher nicht. (gibt es "falsche romantik"?).
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... schnell, schnell,
noch ein paar Sterne, bevor die Nacht um ist..... |
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Ach ja, „DAS ACHTE SCHWEIGEN ABER IST TÖDLICH“.
Ach, wenn es doch nur acht wären, welche ein deutscher Dichter von den Leipziger Literatureliten erhielte, er könnte schon heute etwas anderes als immer wieder nur Nudeln auf seinen Speiseplan setzen. So aber erscheint mir schon deren erstes Sprechen tödlich, drehe mich daher auf die Seite, und sauge lieber nochmal aus den Zeilen Michael Zochs, des einzigen noch aktiven deutschen Dichters, den ich hier nach intensiver Suche gefunden hatte: „ein planloser himmel gurrende tauben die sonne schlägt im rinnstein ein zu jeder vollen stunde ein dreister wind hinter den aufgegeilten bäumen die straßencafétische mit hobbyhuren dekoriert mein hirn vornübergebeugt ins zeitliche ragend dorthin wo’s weh tut“ Und so wäre es meiner Meinung nach das neunte Schweigen, das tödlich ist – für die deutsche Lyrik. |
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Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Meine Kritik entzündete sich nicht an Böhme, sondern an jenen Seilschaften eines Instituts, welche dem Wahn verfallen sind, neben ihren Empfehlungen könne es keine nennenswerte deutsche Dichtkunst geben.
War denn „dichten“ jemals etwas anderes, als Erbrechen dessen, was nicht mehr bei sich zu halten war, in Worte dieser Zeit gepresst? Sorry. Da hab ich wohl in meinem Leben immer die falschen Gedichte gelesen, und möchte mich daher in aller Form … Stop! Was lese ich da gerade? „Dein Gedanke zersplittert in Worte auf deinen Lippen. Vorsichtig nehm‘ ich die Splitter füg‘ sie zusammen, schneide mich und bau‘ einen neuen Gedanken der meiner ist.“ Thuridur Gudmundsdóttir (Aus dem Isländischen von Wolf Kühnelt) Hielte ich Böhme nicht für einen Dichter, wie könnte ich dann aus seinem Gedanken meinen neuen Gedanken bauen? Ziehe meine Entschuldigung zurück. Bezog sich doch mein Kommentar auf jene seilschaftenden Steigbügelhalter, und nicht auf den Dichter. Und weswegen sollte ich mir die Chuzpe der sich als Literaturexperten darstellenden Personen versagen? Weil wir uns im Grad an Seriosität, Bildung und Wahrnehmungsfähigkeit unterschieden? Na gut. Bei einem Besuch in Bayern wurde ich einmal Zeuge, wie ein gewöhnlicher Mensch auf Basis eines Zurufs Gereimtes, sogenannte „Gstanzl“ zur Gaudi des Publikums zum Besten geben konnte, und das aus dem Stegreif heraus. Mal sehen, ob mir das auch gelinge. Moment … (in freier Versform): Zuruf: Leipziger Literaturbetrieb! Gstanzl (aus dem Stegreif): Leipzig er Seil schaften die… Bohlen der Macht im D(S)D(S)der Dschungel camps voller Worte verstumme lung Naja, bin ja auch kein Skalde. Aber zur Gstanzl-Melodie passt es, hab es ausprobiert. Bin dann mal wieder auf der Suche nach weiteren Splittern. Teile ich doch meine Ansicht mit þórarinn Eldjárn, der in seinem Gedichtband „Skuggabox“ hinterließ: „Ich für meinen Teil möchte jedoch all den Worten mein Mitgefühl aussprechen die nicht in Gedichte kamen Noch sehe ich Holzscheite Sehnsucht Ewigkeit Wo sind Plastikkanister Geilheit und Atemzug geschweige denn Microchips?“ Der Rest ist Schweigen. Nix für ungut. ;-) |
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@björn eriksson
bezieht sich Ihr unmut eigentlich auf das heutige institut oder auf das damalige? ich halte das instituts-bashing für folklore. lyrik lese ich, wenn mir danach ist, und ich mag manche gedichte - oder eben nicht. das hängt von so vielen dingen ab und kann sich immer verändern. seilschaften, sollte es sie geben, sind mir da egal. |
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schrieb am
27.01.2012 um 20:49
Das ist zutreffen, ich schätze leider auch noch auch Folklore. Und deswegen sammle ich die Wörter, denen der Zutritt in die Asservatenkammer der Worte verwehrt bleibt, weil sie darin nichts zu suchen hätten:
„Achsel, des Raums / Assoziation, abgegriffene / Augen, rotlackierte / Ausbruchstraum / Baum, aufgegeilter / Baum, gebärender / Begierde, verkündete / Bierzeltmusik, gepökelte / Blume, Klartext sprechende / Blume, nach Pommesbude riechende / Bügelfaltenseele / Bürger, beglühweinte / Bürgerlangeweile / Bürgerschmerbäuche / Dienstag, eingezäunter / DIN A 4 Gesicht, steifes / Dräuen, poetisches / Einbahnstraße, zusammengerollte / Eintagslügen, verfallene / Engel, schwer erziehbarer / Fachwerkbalken, schweigende / Fenster, nimmermüdes / Ferne, spiegelglatte / Fetischlein / Fleisch, bebrilltes / Flimmern, endgültiges / Fragen, des Lichts / Frau, ausgedrückte / Galaxie, vergilbte / Gesten, gestrige / Gleichgültigkeit, satte / Gott, schwarzfahrender / Götter, strammstehende / Herz, Beifall klopfendes / Himmel, planloser / Himmel, schneekranker / Hirn, vorübergebeugtes / Hobbyhuren / Humanität, gefühlsduselige / Illusionsgespinste, gebärende / Junkfoodmösen / Krümelacker, der Worte / Lachmeßgeräte / Leben, abgesagtes / Licht, bauchfreies / Licht, Eingeweide entwachsendes / Lippen, obdachlose / Lippen, splitternackte / Lude Reibach / Luft, spindeldürre / Marktwert, deiner Haut / Meeresgrund, abstrakt flambierter / methaphernschwanger / Mond, aufgedunsener / Mütchen / Nabelohren / Nacht, verreckte / Nebenstraße, wundgehetzte / Neujahrsversprechen / Nichts, blitzblankes / Panzer, außerirdische / Pappkamerad, eingefleischter / Pergament, meiner Seele / Phantasie, lästerliche / Plastiklachen, dieser Zeit / Politikerlächeln / Pressluftterror / Rabenhirn / Raum, alternder / Raum, sich benommen kratzender / Raum, umarmter / regnen, unter der Haut / Rose, gesinnungstreue / rubeldollarbescheckt / Rücksitz, der Ewigkeit / Schädeldecke, der Welt / Schädeldecke, gepökelte / Schaufensterpuppe, Sonnenmilch blutende / Schlaf, 90 Meter tiefer / Schlürfaugen / Schnee, faulender / schneekrank / Seele, brillant-illuminierte / Seelenbaumeln / Sehnen, ermattetes / Sentimentalität, vergilbte / Shoppingmallmusik / Sinnlichkeit, südlicher Luft / Sommer, splitternackter / Sonne, aufgedonnerte / Sonne, einschlagende / Sonne, in sich selbst verbissene / Spätburgunderschnitte, krakelende / Stein, Seele des / Stiefmund / Stolz, erworbener Verdienste / Tag, entgleister / Tag, Nadelstiche setzender / Toiletten-Einsamkeit / Traum, angesengter / Traum, hinterrücks gepanschter / Traum, unbeirrbarer / Überdosis, an Fragen / Urologen, geklonte / Weite, buntgeweinte / Welt, hängende / Welt, in alpinagrau gestrichene / Welt, kostenpflichtig gelynchte / Wert, moralisch vorbildlicher / Wesen, real existierendes / Widerwort, halb verglühtes / Wind, begrapschender / Wind, dreister / Wirklichkeit, einzig greifbare / Wohlstandsphilister / Wolke, blutjunge / Wort, ungeschliffenes / Wörterkolonnen“. Und dies sind nur die obdachlos gewordenen Worte aus einer kleinen Auswahl von Gedichten zweier deutscher Dichter, von denen der eine es bereits aufgegeben hat, lyrische Texte zu verfassen, und der andere immer noch trotzig weiterschreibt, ungerührt von dem Schweigen der nicht vorhandenen Seilschaften. Gottseidank. |
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na gut, wenn Sie so wollen, und weil Sie mich irgendwie darauf gebracht haben, und weil liedtexte ja auch dazugehören hier "Schlohweißer Tag" von Silly (1986, text von werner karma):
Vögel aus Zigarettenpapier landen auf Deiner Haut Ich ruf uns'n Taxi und schick es nach Bier im Kühlschrank brennt Licht wo bin ich denn hier ist alles so kalt ist alles so leer ich mache mich hin ich mache verkehr die Neonröhre röhrt leis dazu nur ich, nur ich und Du. Schiffe aus Zigarettenpapier kentern auf Deiner Haut Du öffnest Dir 'ne Dose Kompott der Saft läuft auf das Laken mein Gott sieh Dich doch vor sieh Dich doch an das schlürft und schleckt sich die Pfunde ran die Neonröhre röhrt leis dazu nur ich, nur ich und Du. Schlohweißer Tag Du bist so jung ergraut Schlohweißer Tag ich fühl mich wohl in meiner Haut Schlohweißer Tag Du leeres Blatt Papier Schlohweißer Tag was fang ich an mit mir Schweine aus Zigarettenpapier suhln sich auf Deiner Haut ich seh aus'm Fenster die Stadt ist schon da Du fragst nach der Uhrzeit ich sage ja ich füttre die Vögel ein gutes Werk mit Butterkeksen aus Radeberg die Neonröhre röhrt leis dazu nur ich, nur ich und Du. Schlohweißer Tag ... |
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schrieb am
27.01.2012 um 21:25
Sorry, das Gedicht kommt sicher nicht in meine private Asservatenkammer :-(
Aber ich bin ja auch kein Literturexperte. Und was den Verdacht eines Instituts-Bashing betrifft: keineswegs. Ich bin nur der unsinnigen Auffassung, menschliche Sprachen zeigten ihre Mächtigkeit erst in der ihnen innewohnenden Fähigkeit, neue Dinge, die sich da einem zeigen, aus bereits Vorhandenem nach allgemein gebräuchlichen und verständlichen Regeln generieren zu können. Es ist die Fähigkeit der Dichter, die in diesen Sprachen aus elementarstem Bedürfnis heraus „dichten“ müssen, welche erst die neuen Dinge prägen, die sich ihnen schon deswegen zeigen, weil sie dies aus elementarstem Bedürfnis heraus tun, und nur elementarste Bedürfnisse jemandem Augen öffnen, für Dinge, die da wahrzunehmen sind. Das heißt, bevor sich die Schöngeister über die Dichtkunst wölbten, denen der Schöngeist als das einzige ernstzunehmende elementare Bedürfnis gilt. So konnte es kommen, dass die Lyrik mit dem Einzug der Koryphäen in Deutschland verkümmerte. Zuerst zog sich die Lyrik aus den Salons zurück. Nachdem die Zimmer immer kleiner ausfielen, zog sie sich dann aus den Wohnzimmern zurück, und landete dann, heimatlos geworden, bei den Experten in sogenannten Literatur-Hochburgen, wo sie seziert und neu formuliert wurde. Und damit auch alles seine Richtigkeit und Ordnung habe, ignorierten deren Anhänger seitdem alles, was nicht dieser Richtigkeit und Ordnung entspreche, monologten die Experten in drögen Gesprächsrunden solange, von sich selbst und diesem Esprit getragen, bis nur noch ein Häufchen ergriffener intellektueller, oder sich für intellektuell haltender Enthusiasten übrig blieb, aus denen dann das magere Brot zu generieren war, dass sich Lyriker, Verlage und sonstige abhängige Dienstleister zu teilen haben. Dass dem so nicht sein müsste, zeigt sich in der Tatsache, dass sich in anderen Kulturen z. B. eine Hundertschaft von Lyrikern ihr Brot verdienen kann, indem sie ihre Gedichte einer möglichen Leserschaft nur in Bücherregalen anbietet, unbegleitet von Experten, und dies einer - ihre Sprache sprechenden - Bevölkerung, die so klein ist, dass sie nicht einmal die Einwohnerzahl der Stadt Augsburg erreicht. Und nicht alle von denen werden alle deren Bücher auch kaufen. Nun mag man in die deutsche Manier fallen, für diesen trostlosen Zustand dem Volk die Schuld zu geben, da es mittlerweile zu sehr degeneriert sei, um sich noch für Lyrik zu interessieren, doch soll damit nur geschickt davon abgelenkt werden, dass es in Wirklichkeit die Koryphäen selbst sind, die Deutschland mit sich selbst zupflasterten, und verbergen wollen, dass sie in Wirklichkeit zu laufen versuchen, bevor sie gehen gelernt haben. Und so kam es hier zu jener Situation, die Gudbergur Bergsson einst wie folgt beschrieb: „Die Erfahrung besteht besonders darin, dass ich gemerkt habe, dass es in Enge und Nähe keinen Platz für den Traum gibt. Enge weckt eine Art von gelangweiltem Wahnsinn, eine absurde Verirrung anstelle der Klarheit des Traums. Dies zeigt sich überaus deutlich in der Literatur der Gegenwart und in der Kunst überhaupt. … Die Freiheit in der Kunst der Gegenwart gleicht also mehr einem peinlichen Absturz der Fantasie als einem Höhenflug in den stilisierten Körper und die Weiten der Menschenseele.“ Bergsson schrieb dies in einem Land, in welchem sogar ein Milch-Absatzkartell einen Poesie-Wettbewerb unter Schulkindern auslobte, und die Familien danach beim gemeinsamen Frühstück den Tag mit Gedichten begannen, da der Hersteller der Milchkartons die Verse der kleinen Dichter auf seinen Verpackungen abdruckte, z. B. „Damals war ich so glücklich ihn zu peinigen und keiner wagte mich anzuklagen. Jetzt sah ich ihn heute, er ist berühmt. Ich beneide ihn; was bin ich? Nichts!“ Und daher: Instituts-Bashing? Keineswegs. Bin nur seit meiner Kindheit in lyrische Texte verliebt, und war daher nur etwas enttäuscht, mehr nicht. Bleibe es auch ;-) |
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schrieb am
27.01.2012 um 21:50
Und was Lied-Texte, betrifft, hätte ich da noch einen alten Text von Hannes Wader. Kann man zwar nicht unbedingt als Gedicht bezeichnen (eher für einen gut gemeinten Rat), aber passt gut zum Thema, und reimt sich auch noch:
„In Deutschland, der Kulturnation, schätzt man den Dichter immer schon – betrachtet man es mal genau – nicht höher ein als eine Sau, die im Dreck nach Futter gräbt, verachtet wird, solang sie lebt. Ist sie dann eines Tages tot, befreit man sie von Schmutz und Kot, deckt sich mit ihren Innerei’n für lange, harte Winter ein. So könnt es mir wohl auch ergehn. Drum will ich, das wird man verstehn, wie selbst das allerdümmste Schwein zu Lebzeiten gemästet sein. Dem Schlachter, der mir ganz zuletzt das Messer an die Kehle setzt, dem rat ich und auch seiner Frau: Falls sie noch nach der Tagesschau schnell einen Schlachter zeugen wolln, dass sie an Sülze denken solln und dass sie bei gelöschtem Licht ja nicht mehr tun als ihre Pflicht. Sonst kommt als Schande für das Haus Noch ein Dichter dabei raus.“ |
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schrieb am
28.01.2012 um 13:52
Ein Vorschlag zur Güte: könnten wir uns evtl. darauf einigen, dass es sich bei mir um einen naiven Schwärmer von abzulehnenden lyrischen Texten handelt? Das wäre fein.
Dann bliebe mir mehr Zeit, mich z. B. zum x-ten Mal in die Texte eines Hochseilartisten zu vertiefen, der seine Intention einst in seinem Gedicht „Balanceakt“ offenlegte: „Die Gaffer bilden eine Gasse unter dem Hochseil, um bei meinem Aufschlag nicht von herumspritzendem Hirn bekleckert zu werden; stehen aber nahe genug, möglichst deutlich das KLATSCH zu hören - während ich, konzentriert balancierend, zufrieden errechne, dass ich mit einigem Schwung bei parabolischer Flugbahn weit genug käme, um wenigstens einige ihrer frisch geputzten Schuhe zu besudeln.“ Und nach dem KLATSCH versenke ich mich dann in dem „Gerücht“ eines anderen Dichters: „9 uhr morgens preßluftterror die nacht endlich verreckt an einer überdosis fragen der tag setzt erste nadelstiche aufgedonnert vor dem fenster die sonne in sich selbst verbissen auf wundgehetzten nebenstraßen frauen die nicht fliegen können ausgedrückt im aschenbecher halb verglühte widerworte mit wasserdichtem alibi ich nur ein gerücht im all das nichts zu übertönen“ Und schon bin ich – futsch. Auf der Fahndung nach weiteren Worten, welchen der Zugang in die Asservatenkammer der Worte verwehrt bleibt. Aus Mitleid. Mit den Worten (siehe oben). Nicht mit den Dichtern. Denn die besitzen sich noch selbst. Im neunten Schweigen. Träumend. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg, und freue mich auf Ihren nächsten Artikel. |
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Sie schreiben. "Ein Vorschlag zur Güte: könnten wir uns evtl. darauf einigen, dass es sich bei mir um einen naiven Schwärmer von abzulehnenden lyrischen Texten handelt?" - aber sehr gern! zumindest zu den naiven schwärmern zähle ich mich ja auch.
herzlich kk |
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schrieb am
29.01.2012 um 10:45
Danke.
Sie kennen sicherlich auch die Geschichte von jenem Dummkopf, der entdeckte, dass das Wasser im Brunnen des Dorfes vergiftet sei, und jeder, der davon trinke, daher verrückt werden würde. Also warnte er die Dorfbewohner vor dem Wasser, aber keiner wollte ihm Glauben schenken. So kam es, dass die Dorfbewohner verrückt wurden, wirr daherredeten, und keiner mehr diesen Dummkopf verstand, woraufhin der sein Dorf verließ. In der Fremde fühlte er sich aber so einsam, dass ihn das Heimweh zurück ins Dorf trieb, er zum Dorfbrunnen ging, und von dessen Wasser trank. Diese Geschichte ist natürlich frei erfunden. Wahr ist vielmehr, dass auserwählte Dorfbewohner Wasser von einem bestimmten Brunnen tranken, da dieses Wasser sie sehend mache. Danach streiften die Erwählten durchs Dorf, und belehrten all jene Dorfbewohner, die nicht aus diesem Brunnen schöpften. Aber die Dorfbewohner waren nicht gewillt, ihnen zuzuhören, bis auf ein paar Wenige, und so begannen sie, gemeinsam mit diesen wenigen Willigen, Gemeinschaften zu gründen, und verächtlich auf diese unwillige Mehrheit herabzublicken. Und jedem, der nicht bereit war, ihre Auffassung zu teilen, erklärten sie für einen Kretin. Was sie denen aber nicht mitteilten, da sie gute Menschen waren. Und so beschieden sie den Kretins, falls das Schweigen denen noch nicht beredt genug war, dass es nun mal so sei, wie es ist, das eine würde ihnen gefallen, das andere nicht, da das eine gut sei, und das andere eben nicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Und ich? Ich bin nur ein Konsument lyrischer Texte. Und das ist gut so. Herzlich Björn Eriksson |
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liebe kommentar-schreiber, habt vielen dank auch für die anregungen (und oranier für das extra-blog). ich bin im moment ein wenig ein- und angespannt und werde später erst antworten.
herzlich kk |
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Ich bin mal, nicht verraten, in ein Museum eingebrochen und habe ein paar Exponate aus der sammlung geklaut:
anheischig baldowern, Behuf, blümerant, bramarbasieren, brandschatzen flanieren, flattieren, fürderhin Gevatter, greinen Hagestolz, hienieden, hinwiederum, höchstselbst, hoffärtig inkommodieren Kandelaber, Kapaun, klandestin, kommod, kredenzen leutselig malad, mäandern, maliziös, Mär, Metze poussieren Remise, reüssieren salbadern, Scharmützel, Scharteke, schurigeln, schwadronieren, selbdritt, somnambul, spornstreichs Unbill, ungeschlacht weiland, wohlfeil www.wortmuseum.de/Sammlung-1.32.0.html |
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schön, darin zu stöbern. danke! "spornstreichs" ist ja auch ein ganz wunderbares wort. und "kandelaber" erst!
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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