kay.kloetzer

robinson

29.08.2011 | 18:33

Loriot ist eine Insel

An diesem Morgen bleibt der Regen aus. Die Pfützen auf dem Hauptweg  spiegeln die Sonne. Freundlich liegt die Insel Hiddensee im Meer. Und das, obwohl Sonntag, halb zehn, die hellen Schrippen (die wie früher schmecken) aus sind. “Seit halb neun schon”, sagt die Bäckersfrau, als sei dies irgendein Trost. Nur noch Roggen.

Ein Kunde fragt, worin denn der Unterschied bestehe zwischen dem dunklen Brötchen dort, mit Mehl bestäubt, und dem daneben, ohne. “Eins ist mit Mehl bestäubt”, sagt die Bäckersfrau, “das andere nicht”. Der Mann nimmt also zwei von denen ohne.
 
Draußen: beinahe Ruhe. Nur das Outdoor-Jacken-Rascheln der Nachsaison. Wer jetzt noch kurze Hosen trägt, ist zu allem bereit. Entschlossen schwingt ein Opa den Stock durch die Pfützen Richtung Meer. Ihn umgibt ein Geräusch, eine anschwellende Melodie …
 
Der Opa legt den Stock beiseite, streift den Fototaschen-Riemen über den Kopf, schüttelt sich den Rucksack vom Rücken und findet sein Mobiltelefon noch vor Vollendung der achten Strophe.

“Nun hat es aber genug geklingelt!”, meldet er ich. Er sei jetzt an der Buchhandlung, Mutti mache noch die Ferienwohnung sauber. Ja. Ob denn die anderen noch oben seien, will er wissen, oder schon am Strand. Dann plötzlich Stille.
 
Die Verbindung ist wohl abgerissen. Rucksack, Fototasche, Krücke. Drei Meter kommt der Opa weit, dann erneut die Melodie. Krücke, Fototasche, Rucksack. “Es war doch alles besprochen!” Sich das gegenseitig zu bestätigen, dauert dann doch noch ein Weilchen.
 
Dialoge der Gegenwart sind immer öfter am sozialen Autismus geschulte Monologe. In eine Form gebracht, Gedankenaustausch simulierend, täuschen sie als Inszenierung der Kunst des Selbstgesprächs vor Publikum. Sie kommt von allen Kommunikationsformen dem Nichtssagen am nächsten. Nur viel lauter. So laut, dass nicht wenige Urlauber Ohrenzeuge werden, als das Mädchen seiner Mutter ein Foto des Hühnergottes zeigt, den es eben gefunden hat.
 
Dieses Kind kann nichts dafür. Genauso wenig wie Lenny, der Wassersträger. Sein Vater baut eine Sandburg therapeutisch relevanten Ausmaßes. Eine Trutzburg gleich neben der Windschutzidylle seiner Frau. Vier Türme hat die Wehranlage, Mauern und Schützengräben. Damit das alles stolz besteht, muss Lenny Wasser holen. Stunde für Stunde trottet er mit seinem roten Eimerchen zum Meer. Jeden Tag.
 
Die Frau und Mutter hat inzwischen etwas zu essen besorgt. “Loriot ist tot”, packt sie aus. “Ich muss nur diese Wand hier härten”, sagt der Mann. Nach ihrer Abreise ist die Sandburg plattgetreten. Hoffentlich war es Lenny.

(dieses blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de)

 
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Kommentare
luggi schrieb am 29.08.2011 um 20:30
Dialoge bei den Vorpommern geht nicht. Diese Leute sind genetisch geprägt durch ihre Lebensweise. Was einem vorkommt wie ein Dialog sind geordnete Monologe mit Gruppendynamik, unterbrochen durch zustimmendes Schweigen, deren Regie der vorpommerschen Landschaft geschuldet ist: kein richtiges Meer noch nicht, kein richtiger Strand irgendwie, nicht Ebbe weder Flut ... entweder ein Landstrich mit Entwicklungspotenzial oder Hoffnungslosigkeit ... Wahlkreis von Dr.in Angela Merkel.

Und.

Schön zu wissen, dass es einen Ort gibt, wo man frisch vermehlte maskuline und feminine Roggenbrötchen bestaunen und kaufen kann.

Und.

Mit Hiddensee verbinde ich immer den Aufenthaltsort eines Literaten. Spürt man denn den Einfluss dieser Person in den Gesprächen der HiddenSeer?
kay.kloetzer schrieb am 30.08.2011 um 17:53
luggi, leider nein. die selbsternannte "künstlerinsel" zeigt sich im überfluss vielfarbiger aquarell-motive vom leuchtturm oder auch mal den blick vom "malerblick". das kulturprogramm im gerhard-hauptmann-haus besteht aus eigenartigen klassikkonzertchen, dvd-abenden und immer mal einer lesung, zuletzt war ingo-schulze da mit seinem italien-reise-buch "orangen und engel". nix gegen schulze, aber noch vor wenigen jahren lasen hier christa wolf, dieter mann, barbara schnitzler ... es gab theater- und kabarettabende. immerhin gibt es den "freitag" zu kaufen, wenngleich nur in vitte.

was die gespräche der hiddenseer betrifft, kann ich nicht viel sagen, da gbt es gute und schlechte erfahrungen, aber nur wenige, da müsste ich wohl mal im winter hin.
Vadis schrieb am 29.08.2011 um 21:49
Wenn das Banale uns zum Schmunzeln bringt, ist es schon nicht mehr banal. Es muss sich auch nicht rechtfertigen. Und wer den Sandburgbauern unterstellt, sie wüssten nicht um die Vergänglichkeit ihrer Werke, weiß nicht, was es heißt, in einer Beschäftigung aufzugehen, Muße, Freude, Spiel...



goedzak schrieb am 30.08.2011 um 10:26
Ich schätze, das alles ist nicht frei von Konservierungsstoffen.
Vadis schrieb am 30.08.2011 um 12:57
Den Gedanken hatte ich beim unteren Clip auch kurz. Um so schöner fand ich den oberen.
Nach ihrer Abreise ist die Sandburg plattgetreten.

Diesen Satz fand ich bezeichnend für einen wenig wohlwollenden Blick auf die geschilderten Szenen. Und was Kay Kloetzer mit »am sozialen Autismus geschulte Monologe« bezeichnet, hieß auch mal ›Mentalität‹. Aus anderem Blickwinkel könnte man zB. den Brötchen-Dialog als humorvoll ansehen oder unter ›understatement‹ verbuchen – cool eben.

Vielleicht kommt es dann auf die Reaktion des Kunden an. Ich hätte evtl. erwidert »Dann geben Sie mir zwei von den schwereren.« oder, je voller der Laden, desto intensiver nach dem Sinn der Mehlbestäubung gefragt.
kay.kloetzer schrieb am 30.08.2011 um 18:02
Vadis, der kunde blieb cool. so wie die bäckersfrau, als eine kundin angesichts der überquellenden brötchen-regale fragte, ob es denn brötchen gebe. sie meinte die hellen, die doppelschrippen, die wie früher ...

meine aktive sandburgen-zeit liegt schon ein paar jahre zurück, in meiner erinnerung hatte das aber unbedingt mit phantasie zu tun. und kinder auen meist selbst, statt als sklaven auf zuruf des vaters ausschließlich das wasser zu holen.

zur mentalität: die zitierten stammen hörbar aus sachsen-anhalt, baden-würtemberg und dem brandenburgischen. nur beim baumeister bin ich nicht sicher. und die bäckersfrau ist natürlich von hiddensee
archinaut schrieb am 30.08.2011 um 02:07
“Loriot ist tot”, packt sie aus.
“Ich muss nur diese Wand hier härten”, sagt der Mann.....

der könnte von Loriot sein,
aber das weißt Du natürlich,
deswegen steht's ja da ;-))

Danke für Mehr!

archie
goedzak schrieb am 30.08.2011 um 10:30
Als ich zurück kam, lebte Loriot noch, war aber schon sehr altersschwach.

GeroSteiner schrieb am 30.08.2011 um 10:57
Guck mal! Ein Esel!
paulart schrieb am 30.08.2011 um 15:53
goedzak,
die hintere Kuh sieht aus wie Yvonne!
Aber... wie ist die nach Rügen gekommen?

Yvonne

Wenn mich keine Blicke trügen,
steht da hinten, hier auf Rügen,
eine Kuh. - - -
Du...
ich will ja gar nicht lügen -
diese Kuh ist "die Yvonne"!
Leider läuft sie; nein, sie rennt,
erstmal fort und dann davon.
Ohne Foto - hab's verpennt! -
glaubt das niemand hier im Ort.

Auch egal, sie ist ja fort...

;-)
kay.kloetzer schrieb am 30.08.2011 um 18:04
wie schön!
wenn der herbstwind sommerwiesen zaust ...
Wolfram Heinrich schrieb am 30.08.2011 um 18:14
@paulart
die hintere Kuh sieht aus wie Yvonne!

Sieht sie nicht.


Yvonne, die übrigens früher Angie (!) hieß, hat inzwischen einen eigenen Wikipedia-Eintrag.
de.wikipedia.org/wiki/Yvonne_%28Hausrind%29

Ciao
Wolfram
GeroSteiner schrieb am 30.08.2011 um 23:11
Hingegen ist Melanie ein entzückender Name für ein Nilpferd.
Magda schrieb am 30.08.2011 um 11:34
Na, das ist ja wieder - also nee. Herrlich.
"Nur das Outdoor-Jacken-Rascheln der Nachsaison." - noch herrlicher und das alles auch noch auf Hiddensee.

Danke, danke. Ich komme mir übrigens auch immer autistischer vor. Heute hätte ich beinahe den Geburtstag meines Mannes verpasst.
kay.kloetzer schrieb am 30.08.2011 um 18:06
und was hat dich daran erinnert? der mann in der sofa-ecke? liebe grüße nach berlin!
GeroSteiner schrieb am 30.08.2011 um 13:18
Ich habe es jetzt dreimal gelesen.
Ein sehr schöner Text.

Die Episode mit den Brötchen erinnerte mich an etwas, ich weiß jetzt auch wieder was.
Eine Szene aus Ödipussi.
Herr Winkelmann steht hinter dem Tresen mit mehreren Stoffballen, davor ein interessierter Kunde.
"Was ist das für ein Stoff?"
"Das ist Baumwolle."
"Und dies? Was ist das?"
"Das ist gestreift."
"Ah, ja."
kay.kloetzer schrieb am 30.08.2011 um 18:06
o ja, herrlich.
paulart schrieb am 30.08.2011 um 16:09
Liebe kay.kloetzer,
ein sehr schöner Text! So etwas liest man hier und anderswo nicht täglich - so kann halt nicht jede(r) schreiben.

Ein Kapitel über Brötchen könnte u.U. etwas umfangreicher werden. Wenn ich an Rundstücke, Semmeln, Spitze, Mehrkorn- und Roggenbrötchen, Schrippen, Franzbrötchen (hm!), Herd- und Hausbrötchen, Sonnenblumenkern- und Fitnessbrötchen etc. denke.

Sandburgenbauen ist der Deutschen liebste Ferienbeschäftigung. Das kommt gleich hinter Bildzeitungkaufen. "Aber, wo Gesi, ist denn hier ein Kiosk?!"
kay.kloetzer schrieb am 31.08.2011 um 09:42
danke, paulart. bei bäcker kasten in kloster auf hiddensee heißen die brötchen übrigens noch wie sie aussehen: also kümmel, mohn, sesam, rosine usw. es gibt zwei sorten brot. reicht völlig. diese ganzen "kornspeicher", "kosakenmützen" oder "roggstars" der industriebäcker-"brotagonisten" verweisen nur darauf , dass sie im grunde keine brote sind.
paulart schrieb am 31.08.2011 um 16:36
Herzlichen Glückwunsch, kay.kloetzer,
"Brotagonist"!
Das wäre in der Bäckerblume das Zitat des dritten Quartals geworden! ;-)
kay.kloetzer schrieb am 01.09.2011 um 01:42
das gibt es wirklich! der wendl-bäcker in leipzig nennt sich so.
h.yuren schrieb am 30.08.2011 um 21:55
liebe kk, deine hiddensee-impressionen aus wetterlage, handyklingeln, brötchenkauf und burgenbau wecken bei mir kein bisschen reiselust. ich bleib schön zuhaus im regen-wolken-sonnenschein-mix und glaube nicht, dass loriots mopslob möpse besser macht.

aber meine erinnerungen an inseln und ostsee bleiben unangetastet.
kay.kloetzer schrieb am 31.08.2011 um 09:33
lieber h.yuren, was die möpse angeht, muss ich sagen: hier irrte loriot. die nerven am strand genauso wie all die anderen sorten, die lustig durch den sand pflügen und den fellkontakt zu fremden menschen suchen. abends werden sie dann vom herrchen durch den garten getragen, weil sie (die hunde) angst vor der katze des vermieters haben ...
GeroSteiner schrieb am 30.08.2011 um 23:08
Dreissig Minuten, das ist der Abstand zwischen Hiddensee und der Hektik vom Rest der Welt:
kay.kloetzer schrieb am 31.08.2011 um 09:43
ach ja, das paradies.
kay.kloetzer
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