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Kultur : Loriot ist eine Insel

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An diesem Morgen bleibt der Regen aus. Die Pfützen auf dem Hauptweg spiegeln die Sonne. Freundlich liegt die Insel Hiddensee im Meer. Und das, obwohl Sonntag, halb zehn, die hellen Schrippen (die wie früher schmecken) aus sind. “Seit halb neun schon”, sagt die Bäckersfrau, als sei dies irgendein Trost. Nur noch Roggen.

Ein Kunde fragt, worin denn der Unterschied bestehe zwischen dem dunklen Brötchen dort, mit Mehl bestäubt, und dem daneben, ohne. “Eins ist mit Mehl bestäubt”, sagt die Bäckersfrau, “das andere nicht”. Der Mann nimmt also zwei von denen ohne.

Draußen: beinahe Ruhe. Nur das Outdoor-Jacken-Rascheln der Nachsaison. Wer jetzt noch kurze Hosen trägt, ist zu allem bereit. Entschlossen schwingt ein Opa den Stock durch die Pfützen Richtung Meer. Ihn umgibt ein Geräusch, eine anschwellende Melodie …

Der Opa legt den Stock beiseite, streift den Fototaschen-Riemen über den Kopf, schüttelt sich den Rucksack vom Rücken und findet sein Mobiltelefon noch vor Vollendung der achten Strophe.

“Nun hat es aber genug geklingelt!”, meldet er ich. Er sei jetzt an der Buchhandlung, Mutti mache noch die Ferienwohnung sauber. Ja. Ob denn die anderen noch oben seien, will er wissen, oder schon am Strand. Dann plötzlich Stille.

Die Verbindung ist wohl abgerissen. Rucksack, Fototasche, Krücke. Drei Meter kommt der Opa weit, dann erneut die Melodie. Krücke, Fototasche, Rucksack. “Es war doch alles besprochen!” Sich das gegenseitig zu bestätigen, dauert dann doch noch ein Weilchen.

Dialoge der Gegenwart sind immer öfter am sozialen Autismus geschulte Monologe. In eine Form gebracht, Gedankenaustausch simulierend, täuschen sie als Inszenierung der Kunst des Selbstgesprächs vor Publikum. Sie kommt von allen Kommunikationsformen dem Nichtssagen am nächsten. Nur viel lauter. So laut, dass nicht wenige Urlauber Ohrenzeuge werden, als das Mädchen seiner Mutter ein Foto des Hühnergottes zeigt, den es eben gefunden hat.

Dieses Kind kann nichts dafür. Genauso wenig wie Lenny, der Wassersträger. Sein Vater baut eine Sandburg therapeutisch relevanten Ausmaßes. Eine Trutzburg gleich neben der Windschutzidylle seiner Frau. Vier Türme hat die Wehranlage, Mauern und Schützengräben. Damit das alles stolz besteht, muss Lenny Wasser holen. Stunde für Stunde trottet er mit seinem roten Eimerchen zum Meer. Jeden Tag.

Die Frau und Mutter hat inzwischen etwas zu essen besorgt. “Loriot ist tot”, packt sie aus. “Ich muss nur diese Wand hier härten”, sagt der Mann. Nach ihrer Abreise ist die Sandburg plattgetreten. Hoffentlich war es Lenny.

(dieses blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.