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Berlin mag viele Reize haben, zu den besonderen gehört das Zusammenwachsen von Dingen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Armut und Sexyness zum Beispiel. Chai Latte und Friedrichshain. Unterhaltung und Kritik.

Die Verblüffung ist groß, als Tom Erben und René Strien ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto in die Abendsonne halten: Johannes R. Becher ist darauf zu sehen. Dichter der Nationalhymne der DDR. Die Älteren lächeln, manche schauen leer.

Die Geschäftsführer des Aufbau Verlags schenken das Bild dem Eigentümer, Matthias Koch, zur feierlichen Einweihung der neuen Verlagsräume am Berliner Moritzplatz. Weil Becher den Aufbau Verlag initiiert hat – wie auch den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, „die Älteren werden sich erinnern“. Weil er „ein Visionär“ war. Und Koch, Verblüffung die zweite, zeigt sich glücklich, denn: er habe sich das Bild gewünscht. So nah beieinander können Geld und Ideale wohnen.

Die Besinnung auf alte Zeiten beginnt schon mit den Erinnerungen Striens an die ehemaligen Räumen in der Französischen Straße. 50 Jahre lang sind die großen Schriftsteller der DDR dort ein- und ausgegangen, summte der „Bienenstock“, wie Anna Seghers es nannte. Goethe und Schiller wurden hier verlegt, Tolstoi und Puschkin, Hemingway und Sartre. Klassik und Weltliteratur.

Zur Party auf der Sonnenterrasse sind die Bestseller-Autoren von heute angereist: Bernd-Lutz Lange („Ratloser Übergang“) und Matthias Frings („Der letzte Kommunist: Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau “). Neben anderen. Wie nah doch plötzlich alles beieinander liegt. Aus dem Schatten der Mauer (Ostseite) ging es in den Ex-Schatten der Ex-Mauer (Westseite), in eine viele Jahre tote Gegend, dominiert von einem Kreisverkehr mit riesiger U-Bahnstation, die sich das Kaufhaus Wertheim einst hat bauen lassen. Heute gehen die Anwohner zu Aldi oder in den benachbarten International Supermarket.

Und nun auch ins Aufbau-Haus. Damit leistet sich Matthias Koch nicht nur ein neues Domizil für seinen Verlag, sondern auch ein Kreativ-Zentrum für Kreuzberg. Partner ist Planet Modulor, ein Kreativkaufhaus. Eine Buchhandlung ist schon eingezogen, weitere Läden, Galerien, ein Theater sowie das Restaurant Coledampf’s & Companies, wo wiederum Preis und Leistung dicht beieinander liegen und überdies Kochbücher und -Zubehör. Gleich dahinter macht eine begehbare Kamera lebensgroße Selbstporträts, nebenan an der U-Bahn-Station tut dies ein paar Nummern kleiner ein Passbild-Automat.

Am sinnlichsten zeigt sich das Nebeneinander von Kultur & Genuss auf den Eröffnungsbuffets in den Verlagsräumen. Hier werden kulinarische Themen mit literarischen verbunden: Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ krönt die Abteilung Berliner Küche. Darunter Bulettchen, Rollmops, Gürkchen auch.

Wenn Geld und Ideale so zueinander finden, mag sich erfüllen, was Verleger Koch verspricht: kritischer und unterhaltsamer Begleiter der Berliner Republik zu sein.

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(dieses Blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.