Weihnachten 2025 in Leipzig. Die Kinder sind zu Besuch: Sohn Kevin und Schwiegertochter Cindy. Mit ihnen die Enkel Laura-Hermine und Ron-Robin. Weil der Bildschirm des iWatch zu klein für alle ist, Kevin nennt es nicht ohne Grund Ego-Watch, wird der alte Fernseher aus der Kammer geholt. Auf ARD1 und ARD2 spricht Päpstin Käßmann noch immer den Segen. Es geht um Autos im Allgemeinen und rote Ampeln im Besonderen.
Auf Rowling-TV aber läuft ein Remake von „Harry Potter VII 3/4“. Sohn und Schwiegertochter greifen sofort zu den Taschentüchern, die seit der 3. Hochzeit von Fürst Albert von Monaco auf dem Wohnzimmertisch bereitliegen. (Es war wohl die mit seinem Schulfreund Alain.)
Hogwarts war nur im Vorspann zu sehen, da nölen die Enkel schon: „Blödes Schulfernsehen.“ Laura-Hermine fragt ihre Mutter, was sie nur finden könne an dieser öden Doku, dagegen sei ja Onkel Justins Plattensammlung aus der Zukunft. Onkel Justin fing 2013 an, alle mp3-Dateien mit Schellack-Platten zu verschmelzen, nachdem Mark Zuckerberg angekündigt hatte, das Internet zu löschen, wenn nicht binnen 24 Stunden jedes Haustier ein Facebook-Profil hat. (Das war, bevor Zuckerberg Geschäftsführer von google+ wurde.)
Als Sohn und Schwiegertochter gerade einlenken wollen, schreckt ein Schrei alle auf. „Habt Ihr das gesehen?!“, rufen Ron-Robin und Laura-Hermine wie aus einem Munde. Und dann: „Was war das denn!?“
„Das ist ein Bahnsteig, der gehört zu einem Bahnhof“, erklärt der Opa. „Dort fuhren früher Züge ein und aus, sie fuhren von A nach B, manchmal sogar bis C.“
„Was ist A und B und C?“, will Ron-Robin wissen. „Das“, sagt nun die Oma, „waren Tasten auf einem Brettchen, das vor dem Computer lag, bevor die Spracherkennungsprogramme sich durchgesetzt haben.“ Die Enkel staunen. „Und was genau“, flüstert Laura-Hermine, „ist dieses Züge?“
Alle überlegen.
„Damit haben sie Klimaanlagen getestet“, vermutet die Schwiegertochter.
Der Sohn widerspricht: „Ich denke eher, es war so eine Art mobile Geldwaschanlage.“
Der Opa aber weiß es noch: „Züge waren so etwa wie Shuttles, allerdings an Schienen gebunden.“
Die Oma kichert: „An Schienen gebunden – waren die das nicht in Gorleben auch?“
Das hat der Opa vergessen und fährt fort: „Züge waren teuer, unpünktlich oder ganz kaputt. Aber wenn sie kamen, konnte man drinnen einen Kaffee trinken. Aus Porzellantassen!“
„Wo sind die Züge hin?“, will Laura-Hermine wissen.
„Sie wurden als Reparationsleistungen nach Griechenland verlegt“, knurrt der Opa.
„In den Windpark.“ Ron-Robin ist schon 12.
„Im Prinzip ja“, sagt die Schwiegertochter, „aber damals war das noch ein richtiges Land – so wie die schwedischen Provinzen Spanien und Portugal.“
„Wo ist es denn hin?“ Laura-Hermine ist den Tränen nah.
„Es wurde 2016 anlässlich der Olympischen Winterspiele komplett nach Pyeongchang verkauft und dort neu aufgebaut.”
Laura-Hermine weint nun doch. „Hört auf!“, ruft Ron-Robin. „Das macht ihr Angst!“
„Seht Ihr“, die Oma wirft noch eine Brausetablette mit Riesling-Schorle-Geschmack ins Wasser, „darum haben Eure Eltern Harry Potter geliebt.“
„Genau!“, hört man gedämpft die Stimmen von Opa und Sohn aus der luftdichten Glaskabine auf dem Balkon, wohin sie sich zum Rauchen zurückgezogen haben.
(dieses blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de)