Sebastian Dörfler

Blog von Sebastian Dörfler

04.06.2010 | 23:46

Wanted: Katastrophenbilder

"Endlich" würde ich am liebsten schreiben, wenn es nicht so sarkastisch klingen würde. BP hat bisher alles versucht, um zu verhindern, dass die Ölpest eine entsprechende Bebilderung in den Medien findet. Wochenlang hat man endlos Chemikalien ins Meer geschüttet, damit der braune Schlamm nicht an Land kommt. Bisher hat das funktioniert. Mal ehrlich: Wen berührt der Live-Stream (sofern er denn mal funktioniert) von dem ausströmenden Öl ins Meer wirklich? Die ganze Sache lässt sich einfach nicht fassen.

Klar, Boykottieren hilft nichts – das weiß auch Greenpeace und ruft nicht einmal dazu auf. Aber Greenpeace versucht sich im Rebranding des BP-Logos und hat damit den Kampf um die Bilder aufgenommen. Denn für eine Ölkatastrophe in diesem Ausmaß hält sich der öffentliche Aufschrei noch in Grenzen. Es ist kein Zufall, dass sich das gerade ändert. Denn das Öl erreicht seit letzter Woche "endlich" das Festland. "The big picture" auf boston.com erzählt Geschichten in Fotostrecken - die bewirken in einem mehr als tausend Worte.

Diese Bilder sind von vergangener Woche:
www.boston.com/bigpicture/2010/05/oil_reaches_louisiana_shores.html 

… und so sieht es jetzt aus:
www.boston.com/bigpicture/2010/06/caught_in_the_oil.html 

 

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
netzberg schrieb am 05.06.2010 um 00:39
Spätere extraterr. Besucher werden aufschreiben, daß die Menschheit in der Ölzeit untergegangen ist, daß diese Spezies von Anfang an nur eine klitzekleine Chance hatte und die in kürzester Zeit nicht wahrnahm.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 05.06.2010 um 06:41
mein kind sagt, das sei so, als hätten die ölbohrer in einen luftballon gestochen, und der platzt nicht, sondern schrumpelt zusammen. ich fand das einen sehr treffenden vergleich und ein markantes bild.
luggi schrieb am 05.06.2010 um 08:27
Die eigentliche Pest ist das Profitstreben der Ölmultis; egal ob Krieg um Öl oder Umweltverschmutzung. So isses.
j-ap schrieb am 05.06.2010 um 19:35
Nein, luggi. Die eigentliche Pest ist nicht das Profitstreben, sondern überhaupt der Ölbedarf, und der existiert ganz unabhängig davon, ob nun BP privat den Mehrwert abgreift oder nicht.

Ich darf daran erinnern, daß ganz in der Nähe, nämlich auch im Golf von Mexico, im Jahre 1979 die »Ixoc I« ein recht ähnliches Problem hatte. Es handelte sich dabei um den zweitgrößten Ölunfall überhaupt, noch weit von der Exxon Valdez oder der Amoco Cadiz. Da trat über neun Monate lang Rohöl aus dem Bohrloch, und zwar in recht ähnlicher täglicher Menge wie bei der Deepwater Horizon. Nun war aber die Ixoc I kein Privatunternehmen, sondern wurde von der 100% staatlichen mexikanischen Ölgesellschaft PEMEX.

Es scheint also keinen Zusammenhang zwischen privat betriebener Mehrwertrealisierung oder staatlicher »Gemeinwohlorientierung« zu geben. Beides ist nicht das Problem. Das Problem ist, daß Öl in diesen Mengen überhaupt gefördert werden muß.
Cassandra schrieb am 05.06.2010 um 19:46
Ich habe unten einen Radio-Beitrag zu Ixoc I verlinkt. Wie der Zufall so will.
claudia schrieb am 05.06.2010 um 20:30
>>Die eigentliche Pest ist nicht das Profitstreben, sondern überhaupt der Ölbedarf, und der existiert ganz unabhängig davon, ob nun BP privat den Mehrwert abgreift oder nicht.<<

Dass das Automobil, eigentlich zu teuer, zu wartungsintensiv, zu unfallgefährdet und eigentlich auch zu unkomfortabel, zum Massen Verkehrsmittel wurde, hat sehr viel mit emotionsbeladener Produktimagewerbung und "product placement" zu tun. Und das wiederum ist hat sehr viel mit Profitgier zu tun.

Dass die schlechte Bauqualität von Mietshäusern zu zu viel Heizöl verbraucht, hat damit zu tun, dass es keine Kostenbegrenzung pro qm gibt, deren Überschreitung der Vermieter zu tragen hätte.

Dass soviel Öl für Polymere verbarucht wird, hat mit Verpackungswahn und industriefreundlicher Abfallwirtschaft zu tun.

---
Wer Ursachen suchen will, sollte hin schauen.
Der Bau der Autobahnen war kein Mehrheitsbeschluss.
Der Abbau des Schienenverkehrs seit den 50er Jahren und der Umbau der Städte für Autoschlangen war kein Mehrheitsbeschluss.
Beides wurde vom Lobbystaat verordnet und mit gewaltigem Werbeaufwand als "modern" in die Köpfe gehämmert.

Dass staatliche, königliche, emirliche Ölgesellschaften am Boom teilnehmen, ist nicht verwunderlich. Sie sind nicht weniger kapitalistisch orientiert als Exxon oder BP.

Eine Rückverlagerung von Transport und Verkehr auf die Schiene war und ist übrigens jederzeit machbar. Dort, wo gut handhabbarer Schienennahverkehr angeboten wird wie im Raum Karlsruhe machen die Menschen auch mit.
Sogar im Land des heiligen Fahrbleches.
j-ap schrieb am 05.06.2010 um 23:29
Liebe claudia,

Sie argumentiere hier entlang der Linie der berühmten Auseinandersetzung zwischen Galbraith und Hayek über die Rolle der Werbung. Galbraith hatte damals (in »The Affluent Society«) postuliert, daß kapitalistische Produktion im Grunde gar keine Bedürfnisse befriedige, sondern sie selbst generiere. Hayek hat darauf erwidert, daß diese Frage schon aus epistemischen Gründen sinnlos sei, da niemand genau sagen könne, ob nun das Bedürfnis zuerst da war und die Befriedigung darauf folge oder ob ein bestehendes Angebot nur deshalb irgendetwas befriedigt, weil es sich das Bedürfnis selbst erst schaffe.

Und völlig recht hatte er, deshalb wird diese Frage seit damals auch nicht mehr ernsthaft in Betracht gezogen.

Bedenken Sie als triviales Beispiel dazu einmal folgendes: Ich lege zu musikalischer Erbauung die Goldberg-Variationen ein. Sie gehen draußen am geöffneten Fenster vorbei und hören sie, woraufhin Sie sich schleunigst auf die Suche nach einer CD mit den Goldberg-Variationen machen. Ist dieses konkretes Bedürfnis von ihnen nun ein 'reales' oder ein 'synthetisches'?

Man kann Bedürfnisse, die sich in konkreten Handlungen (hier also etwa: Erwerb der Goldberg-Variationen oder eines Automobils, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben) äußern, nicht auf eine zulässige Weise in einen 'realen' und in einen 'synthetischen' Bestandteil zerlegen und beide voneinander unterscheiden, deshalb ist diese postulierte Unterscheidung auch sinnlos — sie ist einfach nicht verifizierbar. Aus nicht verifizierbaren Prämissen kann aber jede beliebige Aussage und d.h. am langen Ende: gar keine Aussage folgen.

Dieses Problem ist besonders dann erhellend, wenn Sie sich vergegenwärtigen, welche politischen Dimensionen es annehmen kann. Denn wenn Sie's tatsächlich ans logische Ende denken, dann kommen Sie bei einer Gesellschaft heraus, die Menschen in Käfigen hält (das Bedürfnis nach freier Bewegung ist ja rein synthetisch, weil es von der Sportartikelindustrie generiert wurde, oder?) und ihnen medizinisch bzw. biologisch notwendige Dosen an Sonneneinstrahlung, Vitamin B, Hormonen etc.pp. verabfolgt, denn alles andere wäre ja ein 'synthetisches' Bedürfnis.

Wohin das führt, sollte klar sein.

Viele Grüße,
J. A.-P.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.06.2010 um 00:13
@J.A.P. "Hayek hat darauf erwidert, daß diese Frage schon aus epistemischen Gründen sinnlos sei, da niemand genau sagen könne, ob nun das Bedürfnis zuerst da war und die Befriedigung darauf folge oder ob ein bestehendes Angebot nur deshalb irgendetwas befriedigt, weil es sich das Bedürfnis selbst erst schaffe. "

Das sehe ich anders. Zwar kann ein einzelnes Unternehmen keine Bedürfnisse kreieren, aber Marketing-Massnahmen innerhalb einer Gesellschaft können durchaus den Erwerb von Bedürfnissen maßgeblich beeinflussen, Einfluss gewinnen auf Wertestrukturen innerhalb einer Gesellschaft. Und es gibt natürlich "Trends", die gezielt gesetzt werden...
Cassandra schrieb am 05.06.2010 um 19:23
Ich habe gestern oder vorgestern noch halb im Dämmerschlaf ein Radio-Feature zu Forschern gehört, die sich mit der genauen Auswirkung auf die Tier- und Pflanzenwelt beschäftigen. Um einen solch verdreckten Vogel wieder lebensfähig zu machen benötigt man 5 Helfer und rund 1000 Liter Wasser. Wenn man die Vögel jedoch wieder freilässt, finden sie nur selten ihre Nester wieder; der Nachwuchs ist also verloren.
Sebastian Dörfler schrieb am 05.06.2010 um 19:38
… wow. Vielleicht übersehe ich die ja, aber von solchen Berichten sollte es viel mehr geben, finde ich. Dann begreift man erst, was da wirklich passiert ist.
Cassandra schrieb am 05.06.2010 um 19:43
Stimmt. Ich finde ihn leider nicht wieder; dafür aber einen anderen:

Parallelen zu 1979, eine Katastrophe, an die sich niemand erinnert. Damals hat man 9 Monate gebraucht, um das ganze 'in den Griff' zu bekommen.
Sebastian Dörfler schrieb am 05.06.2010 um 19:54
Danke! Hör ich mir an.
j-ap schrieb am 05.06.2010 um 20:04
Vielen Dank für den Link, Cassandra. Genau soetwas meinte ich, vgl. meinen Kommentar weiter oben.

Und da es hier bei Herrn Dörfler im weiteren Sinne um den Komplex 'mediale Vermittelung' geht, sei eben auch die Frage dahingehend erweitert, ob uns nicht langsam aber sicher die Maßstäbe dafür abhanden kommen, wie wir derlei Katastrophen hinsichtlich ihrer Dimensionen einordnen.

Wir benötigen Bilder, Bilder, Bilder, immer neu, immer aktuell, immer »konkret«, immer im stream. Was kein Bild wirft, existiert nicht. Und die Bilder von gestern sind Schnee von gestern. Diese wahnsinnig erhöhte Zeitpräferenz verzerrt unsere Wahrnehmung der Realität dahingehend, daß das Anschauen von Bildern schon für das Nachdenken über größere Zusammenhänge selbst gehalten wird. Was ist denn das anderes als ein Wiedereintritt in die Sphäre der Selbstentmündigung, aus der wir eigentlich vor langer Zeit uns aufmachten, auszutreten? Wen interessiert es, daß allein in Deutschland Jahr für Jahr soviele Vögel in Windrädern gehäckselt werden wie nun am Strand im fernen Golf von Mexico? Es gibt dazu keine Bilder, diese Fälle treten nicht kondensiert an einem Ort mit eindeutiger Zurechenbarkeit an einen Schuldigen auf — also who cares?

Auf all das sollte man doch den einen oder anderen Gedanken verwenden, finde ich.
Sebastian Dörfler schrieb am 05.06.2010 um 20:20
@j-ap: Klar sollte man sich Gedanken machen. Das ist ja ein Riesenthema. Dennoch glaube ich, dass z.B. Vernunftappelle alleine nicht ausreichen werden, sondern dass es da noch ein emotionales Moment braucht.
Das ist natürlich ein Problem, weil sich genau damit dieser Bilder-Wettbewerb einstellt, den Sie ansprechen. Und unsere Empathie ist schließlich auch nur eine begrenzte Ressource.
Cassandra schrieb am 05.06.2010 um 20:53
Ich bin da etwas zerrissen.

Als die Katastrophe in Haiti passierte, trauerte jemand in der Community um eine Katze, die letztlich an Altersschwäche gestorben war, ja, die entsprechende Bloggerin noch nicht einmal persönlich gesehen hatte. Nur: Sie konnte einen Bus besteigen, war ergo etwas Besonderes, für das man Tränen vergießen musste. Ich fand das damals lächerlich abstrus, vor allem, weil ich diese Story dann noch in anderen Presseerzeugnissen fand. Wie kann man nur eine Katze so aufblasen, während gerade in dem Moment viel größeres Leid geschieht?

Menschen haben zu Haustiere. Deren Tod ist für viele näher und besser begreifbar, als wenn eine riesige Anzahl Menschen stirbt, eine große Fläche Natur verschmutzt wird, etc. Wer das emotional nachvollziehen kann, ist nicht gerade ein Glückspilz; es macht einen auf die Dauer kaputt, wenn man nicht mit aller Macht ausblendet. Bei vielen geht das von allein: Schutzmechanismus. Also muss man stattdessen mit dem Verstand nachvollziehen. Da das aber wiederum nicht in genügendem Ausmaße geschieht bzw. das ganze wieder für die Mehrheit zu weit weg ist, braucht man Bilder, um konkret zu verstehen, mitzufühlen. Dazu gehört auch das Skandalisieren durch die Massenmedien: Leider gelingt das nicht immer, die 'falschen' Themen werden groß gemacht, etc.pp. Aber es ist wohl leider nötig, weil sonst sehr viel mehr drängende Probleme noch viel schneller wieder in der Versenkung verschwinden würde.
Sebastian Dörfler
Autor
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 32 Wochen
Zuletzt aktiv:
20.05.2012
Status:
Autor
Aktivität:
Beiträge: 66
Kommentare: 187
Mein Web:
Logbuch
17:19
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:08
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:07
Lieschen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:04
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:56
j.kelim hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG