Es gibt Tage, Tage in Berlin, da fühle ich mich diskriminiert. Oder zumindest übergangen, ausgeschlossen, nicht beachtet. Ich weiss, es liegt wahrscheinlich an meinem Narzißmus. Es beginnt oft schon vor der eigenen Haustür, oder zumindest ein paar Straßenzüge weiter, während eines Spaziergangs durch den eigenen Kiez, wie durch ein paar andere Bezirke in Berlin – wie Neukölln, Kreuzberg, und natürlich auch den Prenzlauer Berg.
Immer wieder – zwar nicht oft, dennoch regelmäßig – begegnen mir emtionsgeladene Ausdrücke einer besonderen Öffentlichkeit, in Form von Graffitis, manchmal auch aufgeklebten, selbstgedruckten Miniplakaten. Diese Meinungsäußerungen sind meist kurz gefaßt, prägnant, und meist durch Ausrufungszeichen emotional in Art einer Forderung, gar eines Aufrufs verfasst.
„Schwaben raus!“
„No tourists!“
„No Americans!“
„Touristen fisten!“
„No yuppies!“
oder gar:
„Schwaben töten!“
Schon das erste Beispiel erinnert eindeutig an das wohlbekannte „Juden raus!“, das vielleicht dieselben Wände vor 70-80 Jahren schmückte. „Schmückte“ meine ich natürlich ironisch, denn schon rein esthetisch wie sprachlich sind diese Aufschriften weder originell, noch schön.
Aber zurück zum Inhalt. Nach der unschönen historischen Assoziation des „... raus!“ frage ich mich – und daher mein Gefühl des Übergangen-Seins – warum denn ICH es nicht mit auf eine solcher Listen schaffe. Denn es gibt neulich sogar Kneipen, die vor dem Eingang oder im Inneren darauf hinweisen, daß man hier keine Toruisten, Amerikaner, oder Spanier wünsche. In solchen Momenten habe ich das Bedürnis zu fragen: „Warum setzt ihr MICH nicht mit auf die Liste??“ Ein „Polen raus!“ oder „Hier werden keine Polen bedient“ wäre doch ein ausgleichender Zusatz – warum sollte man wiedermal uns Osteuropäer vergessen?... Warum werde ich und meine ethnische Zugehörigkeit hier ausgelassen?
Denn es gibt bestimmt mehr Polen in Berlin als Amerikaner. Vielleicht sogar mehr als Schwaben. In „gelebten Tagen“ pro Jahr gerechnet auch mehr als Touristen. Auch ich bin kein „echter“, hier geborener Berliner. Vielleicht habe ich mich auch gar nicht richtig integriert, geschweige assimiliert, auch ich beherrsche den hiesigen Dialekt nicht einmal als humorvolle, rudimentäre Nachahmung. Auch ich bin manchmal „laut“ durch die Straßen gezogen (übrigens: nicht nur in Berlin), wahrscheinlich hat auch mein Zuzug in diese Stadt jemanden „gentrifiziert“, vertrieben, möglicherweise sogar das Preis- und Mietniveau erhöht. Und bestimmt wurde Berlin durch mein Ankommen und mein Leben hier weniger als mehr „berlinerisch“ (wieder dieser Narzißmus, als würde meine Person diese Großstandt verändern...).
Doch, scheint mir zumindest, bin ich nicht allein. Die meisten meiner Nachbarn haben ebenso einen „Migrationshintergrund“ - seien es „nicht Berliner“-Ossis, Westphalen, Hamburger, Hessen, Afrikaner, Polen, Türken, ein amerikanischer Jude (oder jüdischer Amerikaner?), ja – sogar tatsächlich zwei Schwaben. Sie leben hier seit fünf, zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren.
Komischerweise gibt es unter ihnen wie unter meinen sonstigen – meist nicht „urberlinerischen“ - Bekannten und Freunden auch solche, die ähnliche Meinungen wie die o.g. Graffitis äußern. Vielleicht nicht derart radikal (und keiner würde aus „Schwabenhaß“ Brände in Treppenhäusern legen), doch die Aussage ist dieselbe: „Hier seien zu viele Touristen“, „Diese blöden Amis“, oder „...daß die Schwaben neulich sogar in unsere Kneipen rein wollen!“... Komisch ist an solchen Aussagen vor allem die Tatsache, dass die Urheber meist selber keine Berliner sind (waren) – sondern ebenfalls „Zugezogene“. Auch sie waren mal Touristen, Studenten, fremd und neu in dieser Stadt. Manche wurden selber mal in ihrer Heimar nationalistisch diskrimiert.
Wahrscheinlich fühlen sie sich nun als „echte Berliner“, und möchten sich von anderen „Migranten“ oder Touristen abgrenzen. Wahrscheinlich fühle ich mich selbst ein bisschen wie ein Berliner – indem ich mich bei Begegnung solcher fremdenfeindlichen Parolene - infach nur schäme. Sollte ich nun ebenfalls der nächtlichen Zeit raus auf die Straße, mit einer Spraydose bewaffnet, um direkt unter meinem Fenster ein deutliches „...Raus-Graffitis – RAUS!“ zu schreiben?
Oder doch lieber schweigen, und warten, bis die nicht nur fremdenfeindlichen, sondern einfach menschenfeindlichen Slogans in den Köpfen der vorbeispazierenden und lesenden Bevölkerungsmehrheit tief genung eingesickert und sich festgesetzt haben? Wie vor 80 Jahren.