Merle war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal beschloss, auszuziehen. Den Gedanken in die Tat umzusetzen, dafür fehlte ihr der Mut. Und was ihr sonst noch fehlte, merkte sie erst Jahre später. Wieso wollte sie eigentlich ausziehen?
So konkret konnte sie das nicht sagen. Sie fand es nicht sehr schön zu Hause. Im Vergleich mit ihren Klassenkameraden hatte sie (so ganz objektiv betrachtet) ein wunderschönes Zuhause und auch zwei Eltern, die sie lieb hatten. Geschwister gab es keine, aber ein paar nette Nachbarskinder.
Irgendwann stapfte Merle verträumt in die Küche und blieb vor dem raumtrennenden Regal stehen, hinter dem ihre Eltern saßen. Ihre Mutter weinte, das konnte sie hören. Und ihr Vater rauchte. Das machte er sonst nur abends, auf der Terrasse.
Was soll das denn heißen, bankrott, hörte sie die Mutter fragen.
So wie ich’s sage halt.
Merles Vater hatte einen Ton in der Stimme, den sie noch nie gehört hatte und ihre Mutter weinte sonst nur, wenn sie eine Schnulze im Fernsehen sah.
Aber warum erst jetzt, Du hättest es mir früher sagen müssen. schluchzte sie.
Es knallte. Die Zigarettenstummel waren in der ganzen Küche verteilt, Merle hatte sich erschrocken und wurde von den Eltern bemerkt.
Als hätte sie die Situation nur geträumt, lächelten sie die Eltern an und fragten was sie denn essen wolle. Nie wieder vor der Kleinen, raunte es.
Beim Abendbrot kam Merle dann die Idee des Auszugs. Sie erzählte ihren Eltern davon. Der Vater schaute sie an, hatte Tränen in den Augen. Die Mutter runzelte die Stirn. Merle fragte sich, was sie falsch gemacht hatte.
Nein Merle, nicht Du ziehst aus, sagte ihr Vater, ich werde ausziehen.
Dann gab es dieses Gespräch, von dem ihre beste Freundin Britta ihr schon erzählt hatte: wir haben dich beide lieb, Du musst Dich nicht entscheiden, Du kannst Papa immer sehen… Merle weinte. Sie wusste, dass das nicht stimmte: Brittas Eltern hatte ihr das auch versprochen, aber sie haben sich immer so doll gestritten, dass Britta sich entscheiden musste wen sie lieber mag.
Bei uns ist das was anderes, Merle. Wir sind doch vernünftige Menschen. Und Deine Eltern.
Ein halbes Jahr später, sah die Welt schon ganz anders aus. Vernünftig war schon lange vorbei und war gegen verletzt getauscht worden. Merle hatte das Gefühl, dass es keine Rolle spielte, was sie wollte. Sie hatte das Gefühl sich, genau wie Britta, entscheiden zu müssen. Sie war auch in diesem Gericht. Das war nichts zu essen, sondern ein Saal, in dem viele große Leute saßen, die Fragen stellten und immer wieder Sätze sagten, die mit Du hättest, Sie sollten, ich will, ich kann nicht… begannen.
In der Zwischenzeit hatte Merle sich erst mit ihrer Mutter und dann mit ihrem Vater gestritten. Beide sagten, sie sei genau wie der Vater…oder eben die Mutter und sie wusste nicht, was daran so schlimm sein sollte.
Als der Richter sie fragte, was sie denn möchte, sagte sie: ich will ausziehen.
Das geht aber nicht.
Aber es ist das, was ich möchte.
Kann ich nicht zu Britta ziehen? Die wohnt doch auch nicht mehr zu Hause?
Der Richter schaute die Eltern fragend an.
Britta lebt in einem Heim.
Mitleidig schaute der Richter zu Merle. Ich denke, so weit ist es noch nicht, Merle, oder?
Nein, weit weg ist es wirklich nicht, murmelte Merle.
Jahre später, sie war ausgezogen und erwachsen, saß sie mit den Eltern am Abendbrottisch.
Schön, dass Du’s geschafft hast, Merle.
Ja, wer hätte gedacht, dass wir, nach allem was passiert ist noch einmal so zusammen sitzen?
Da war er wieder. Der schuldbewusste Blick. Sie hasste diesen Blick, weil sie sich dann immer wieder fühlte, wie vor zwanzig Jahren. Merle verdrehte die Augen.
Merle! Eine Trennung kann jedem passieren. Das müsstest Du doch am besten wissen!
Ja, Mama, ich weiß es am Besten. Sogar doppelt. Aber fällt Euch nicht auf, dass das bei mir anders läuft? Pierre ist doch mitgekommen. Er ist gerade mit Marlene spazieren, damit wir hier in Ruhe reden können. Als Ihr Euch damals getrennt habt, ging es nur darum, wem ich gehöre. Wer ein Recht auf mich hat. Keiner von Euch hat sich überlegt, dass ich das Zentrum sein müsste. Immer nur die Frage nach dem Geld.
Die hat Deine Mutter gestellt.
Und Du hast geantwortet. Indem Du den Kontakt immer wieder abgebrochen hast.
Da hat sie Recht.
Und Du? Du hast mich als Druckmittel benutzt.
Und dann, als ich zu Dir gezogen bin, Papa? Du hast genau das Gleiche getan wie Mama. Ich war so froh mit 18 endlich aus dieser Unerträglichkeit herauszukommen.
Das ist der Grund, warum Pierre und ich, als ich schwanger wurde darüber gesprochen haben, was passiert, wenn unsere Gefühle zueinander sich ändern. Und ich finde, wir machen das ganz gut.
Wir sind Eltern. Das war ein gemeinsamer Entschluss, auch wenn Marlene ein Unfall war. Wir haben beschlossen, diese Verantwortung gemeinsam zu übernehmen. Keiner von uns beiden hat ein Recht auf dieses Kind.
Merles Eltern stutzen.
Ja, ganz richtig: die einzige, die hier ein Recht zu haben hat, ist Marlene. Sie hat das Recht auf ihre Eltern. Sie hat das Recht auf Geborgenheit. Und wenn sie die mehr bei Pierre findet, als bei mir, dann ist das so. Das tut weh, aber in solchen Momenten muss ich mein Ego, Ego sein lassen. Umgekehrt muss Pierre das auch.
Es ist ihre Entscheidung, und es hätte damals auch meine sein sollen.
Aber Du warst erst zehn.
Ja, und Marlene ist 6. Trotzdem hat sie Rechte. Und wenn es bei Gericht schon keine Rolle spielt, das Kinder Rechte haben, dann sollten sich wenigstens die Eltern damit auseinander setzen.
Es klopfte. Pierre und Marlene kamen rein. Mama, Mama! Ich bin auf einen Baum geklettert und dann von ganz oben runtergefallen und Papa hat mich aufgefangen. Papa ist sau-stark und er hat gesagt, Du würdest das Gleiche für mich tun, stimmt das?
Sie streichelte Marlenes feinen Haare: natürlich.
Merle lächelte Pierre an. Der lächelte zurück. Beide dachten an das Versprechen, das sie sich von knapp sieben Jahren gegeben haben: wir werden Eltern sein. Für immer.