Es war Spätherbst. Ich war frische Studentin. Gerade eingeschrieben und auf meiner ersten Vollversammlung, als ich sie das erste Mal hörte.
Ihre Stimme ging mir durchs Mark. Nicht weil sie besonderes schön, oder krächzend gewesen wäre. Es war der selbstbewusste Unterton, der mich beeindruckte. Ich drehte mich um, um zu sehen, welcher Mensch zu dieser Stimme gehört. Welche Frau so laut, vor so vielen Menschen spricht. Welche Frau einfach sagte: Leute, so geht das nicht. Wir müssen was machen, da hilft es nichts den Profen immer den Bauch zu pinseln!
Ich hielt mich bis Dato immer für selbstbewusst und im Grunde meines Herzens war (und bin) ich eine kleine Rampensau. Aufmerksamkeit habe ich mir immer schon verschafft.
Meine KlassenkollegInnen honorierten das mit der ständigen Wiederwahl zur Klassensprecherin. Der SchülerInnenrat fand irgendwann, dass ich in die SchülerInnenvertretung gehörte. Das habe ich nur ein Jahr gemacht und fand es ermüdend, mich mit der Schulleitung, auf dieser administrativen Ebene, auseinanderzusetzen.
Das kam mir die Friedens-Ag ganz gelegen. Und so stand ich, etwas bewegend, immer wieder im Fokus der Aufmerksamkeit.
Aber das, was ich hier erlebte, ließ mich und mein Selbstbewusstsein…ja, mickrig wirken. Diese Frau. Auf jeder Versammlung, die ich besuchte, ergriff sie das Wort. Sie war wie ich, als ich noch zur Schule ging, nur viel, viel größer. So kam es mir vor.
Ich hielt nie etwas davon, aber ich muss zugeben: ich hatte ein Idol.
Die Meinungen zu ihr gingen auseinander. Noch heute ist das so.
Momentan arbeiten wir zusammen an einem Projekt. Und letztens auf einer Soli-Party, war sie sehr freimütig und erzähle mir ein bisschen von sich. Und fragte mich, warum ich nicht die Moderation bei unseren Treffen übernehmen möchte. Ich würde ja, sagte ich, aber ich trau mir das so spontan nicht zu. Ohne Briefing und ohne wirkliche Übung. Wir überlegten hin und her und beschlossen, dass wir, wenn sie aus dem Urlaub wieder da ist, zusammen üben und die Moderation dann gemeinsam machen.
Hilde ist Feministin. Hilde ist Netzwerkerin. Hilde will fördern. Die Jungs aus Deiner Gruppe stehlen Dir sonst doch immer die Show. Hilde war betrunken, das muss dazu gesagt werden. Sie mag die Jungs aus „meiner“ Gruppe. Wir arbeiten alle zusammen und die Jungs, aus „meiner“ Gruppe, fänden es völlig in Ordnung, wenn ich etwas offensiver wäre. Sie sagen nicht selten: Leute, das kann nicht sein, dass wieder nur Typen da vorne stehen.
Ich saß am Infotisch und verteilte Informationen. Noch müde von der Nachtschicht, ärgerte ich mich etwas, dass ich die Schicht von 00h-02h übernommen hatte, was sich aber nicht mehr ändern ließ. Hilde setzte sich neben mich und wir hielten ein Pläuschen. Das wurde ausgelöst, als Sniggel vorbei lief. Was hälste denn von dem, fragte Hilde. Grenzwertig, aber ganz ok, war meine Antwort.
Sie erzählte mir eine Geschichte. In ihrer Studienzeit (die Zeit, in der ich sie das erste Mal erlebt hatte) gab es eine Veranstaltung. Es war ein Vortrag zum Thema soziale Bewegungen. Hilde hatte danach Lust zu diskutieren und stellte Fragen. Sie ging auf andere Fragen ein, hinterfragte Antworten. So war sie, die Hilde. So ist sie noch.
Als alle den Veranstaltungsort verließen, kam besagter Sniggel auf sie zu, baute sich vor ihr auf und sagte: Ey, weißt Du überhaupt, dass Du uns alle ganz schön genervt hast, da drin?
Ich hätte nicht gedacht, dass Hilde sich von solcherlei Kritik berühren lässt. Für Hilde war das schlimm, damals. Heute nicht mehr. Damals hat sie gedacht: habe ich was falsch gemacht? Nerve ich wirklich? Sollte ich mich zurück halten?
Heute sagt sie: das ist eben das Problem. Selbst einige der Männer, die sich als emanzipatorisch begreifen und bezeichnen, finden es noch irritierend, wenn eine Frau Raum einnimmt.
Ich lächelte. Hilde wollte wissen, warum.
Als ich ihr meinen Eindruck von ihr schilderte und sagte, dass es ganz gut tut, zu erleben, dass sie auch nur ein Mensch ist, musste sie lachen.
Nächste Woche üben wir das Moderieren.