Vom Meer in die Mitte.
Nach Hause fahren, vor allem der Gedanke daran nach einem anstrengenden Familienwochenende, kann einem das Zugfahren ja schon versüßen. Die Familie war meine und ich war mit Max und Luke unterwegs. Da es meine Familie war, war es eben auch vor allem für mich anstrengend. Seine wohnt am anderen Ende der Republik, so dass uns (wir wohnen eher mittig) circa 400km von unseren jeweiligen Lieben trennen. Eigentlich optimal so ein Nord-Süd-Gefälle.
Apropos Nord-Süd. Kommen wir zu Ost und West. Das war im Grunde nie mein Thema. Außer, als ich klein war und über diesen oder jenen Nachbarn mal erzählt wurde, sie von Drüben, oder so. Das erste Mal, dass mir der Begriff Ossi unterkam war, als unsere neuen Nachbarn einzogen und der Sohn mir, ich war etwa sechs, er acht Jahre alt, sagte: Wir sind Ossis. Seine Eltern fanden es gut, als ich das Wort nicht kannte und erklärten mir, was es mit diesem Wort auf sich hat. Interessiert hat es mich nicht unbedingt, ich wollte lieber spielen.
Auf der letzten Zugfahrt war ich dann mitten drin in einer…naja, Diskussion will ich es gar nicht nennen. Es war wohl eher ein handfester Streit. Ich wollte nur auf die Toilette. Wer schon mal Zug gefahren ist, der weiß: mit Zugtoiletten ist nicht zu spaßen. Doch damit lässt sich umgehen. Ich weiß schließlich, was mich erwartet.
Klo: besetzt. Ich: warte. Notgedrungen. Buchstäblich.
Weitere Gäste: ein Mann um die sechzig (er). Eine Frau um die dreißig (sie).
Sie ham ja keine Ahnung! Noch nix erlebt und große Klappe, brüllte er.
Sie entgegnete: ich hab doch ganz normal gefragt, wenn sie so‘n überzeugter Ostler sind, warum sind sie dann nicht drüben geblieben?
Er schaut mich an. Ich zucke mit den Schultern und frage mich, wie lange das Klo wohl noch besetzt sein wird, weil ich spüre, dass ich bald dem Impuls, mich einzumischen, nicht mehr widerstehen kann.
Zu spät. Mit zuckenden Schultern höre ich mich sagen: ich finde, jeder sollte da leben wo’s gefällt, außerdem gibt’s dieses Drüben doch schon lang nicht mehr, oder gelten da immer noch andere Gesetze?
Sie biss in ihren Wrap und rümpfte verächtlich die Nase.
Die Toilette wurde frei. Rein da. Raus da.
Und weiter: Meine Mama, die kommt aus’m Osten und die hat gesagt, es war total scheiße da. Ihr hattet ja nix und habt Euch um die Bananen gekloppt.
Hä?
Du kommst direkt aus den Neunzigern, oder?
Verständnisloser Blick von ihr. Amüsiertes Lächeln von ihm. Ich lächele zurück und hebe die Hände. Das ist doch das Zeichen für: ich bin unbewaffnet, oder?
Schnell weg. Sonst wird’s unschön. Danke für die Hände, ruft er mir nach. Das letzte, was ich höre, ist ein: einundzwanzig Jahre deutsche Einheit und sie ham immer noch nix dazu gelernt!