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Politik : Zugfahrt in Fetzen

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Es war die erste Zugfahrt für mich und Luke (den ich als einzigen in meinen Beiträgen bei seinem echten Namen nennen werde). Luke war extrem aufgeregt und in ständigem Konflikt. Bei Hunden geht das schnell und bei Luke ist das, wie mit seinem Namensvetter und -geber Herrn Skywalker, der sich ja auch schwer für eine Seite entscheiden konnte, Teil seines bisherigen Lebens.

Aber darum soll es nicht gehen.

Nachdem wir in Hannover umgestiegen waren kamen auch die Vatertagsbetrunkenen. Eine Vierergruppe Mädels, zwischen 16 und 19 irgendwo, aber ich kann das nicht so gut einschätzen. Die waren laut und Luke wurde sehr nervös. Ich als alte Bardame, lächelte die Rädelsführerin an und fragte, ob sie vielleicht eine kleines bisschen leiser sein könnten (böser Blick), weil mein Hund ein bisschen Angst habe (Blick weichte auf und wurde zu einem Lächeln). Der sei soooo süß. Ich gab ihr ein Leckerli und schon nahmen sie Rücksicht, zwischendurch gab es ein Lächeln oder einen netten Kommentar in meine Richtung. Luke beruhigte sich und ich hörte zu.

Gesprächsfetzen

Die KlamottenfrageDas Schulterfreie Top mit dem Rock ist geht gar nicht. Ich mein das ja nicht böse, aber oben frei und unten frei ist echt übertrieben.

Die FigurfrageHör auf mich auf meine Muskeln anzusprechen, ich bin da echt empfindlich! Man kann voll meinen Bizeps, oder wie das heiß sehen…Ich will nicht muskulös sein, ich will weiblich sein!

Die Bildungsfrage – Du und Deine Scheiß Gymnasiastenfreunde! Mit denen säufst du immer, nie mit uns!

Die Soapfrageich guck den ganzen Kram nicht, mir sind die Sommerpausen viel zu lang. Ich guck nur die Dailysoaps, also jeden Tag.

Die Ähnlichkeitsfrage Lena Meyer-Landruth sieht voll opfermäßig aus, aber sie sieht Dir ähnlich.

Die FurchtfrageHast du Angst vor mir, oder was? Ja, Du hast EHEC, man!

Die PartnerfrageEy man, wenn Du dem das immer durchgehen lässt, dann wird der sich nie ändern!

Den Rahmen dieser illustren Runde, bildeten übrigens Geschichten um den Alkohol.


Mann in Fetzen

Auf dem letzten Teil der Strecke, trafich einen Mann, mit einer Bierdose in der Hand. Ich dachte spontan an ein brach liegendes Schiffswrack. Er sah Luke und wollte ihn mal eben streicheln, was mich wieder dazu brachte mit einem mir unbekannten Menschen reden zu müssen. Ich erklärte ihm also, dass er Angst habe vor Fremden und gerade Männer würden ihm Probleme bereiten.

Ob er scheiße erlebt habe, wollte er wissen. Ich weiß nicht, aber es wirkt schon. Er kommt aus Ungarn von der Straße, da erlebt man als Hund wohl viel…

Ich bräuchte ihm nichts zu erzählen, er sei zwei Jahre in Afghanistan gewesen, er wisse wie es in solchen Ländern abgeht.

Ich musste schlucken. Betrachtete ihn genauer. Ausgemergelt, Dosenbier, trauriger, nein, leerer Blick, als hätte er sein Ziel verloren.

Das Mitgefühl überwältigte die Antimilitaristin in mir. Das habe ich bisher noch nicht erlebt. Nach dem Ausstieg übergab ich meiner Mutter den schweren Rucksack, damit ich mit Luke noch durch den Park meiner Kindheit schlendern konnte. Schließlich lagen knapp fünf Stunden Zugfahrt hinter uns.

Eine Gruppe junger Menschen kam an uns vorbei und bewunderte ein Haus, seiner schönen Fassade wegen. Als ich mir das Haus ansah, hörte ich den gebrochenen Soldaten, der auf der anderen Straßenseite auf einer Bank saß und murmelte: es gibt auch schönere Häuser…Die Fragen, die sich mir stellten, kann ich nicht selbst beantworten.

Ist das in Ordnung?

Meine persönliche Meinung zum Militär mal beiseite gelassen, darf ein Staat „seine“ Bürger in Kriege schicken, sie Menschen töten lassen, Menschen beim Sterben zugucken lassen und sie dann, als Mensch in Fetzen, eben mit zerfetzter Seele, durch die Gegend fahren lassen, ohne sich zu kümmern?

Mich hat dieser Mensch so betroffen gemacht, dass ich keine Freude mehr an den vorigen Gesprächsfetzen haben konnte. Dieses Gefühl möchte ich hiermit weitergeben.


Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.