seriousguy47

Blog von seriousguy47

18.03.2010 | 10:18

In Sachen Odenwaldschule und Mißbrauchsdebatte

[Hinweis: Dieser Text wurde nach Lektüre des Beitrages Hänseljagd an der Odenwaldschule von Volker Zastrow in der FAZ  vom 21.03.2010 geändert ( www.faz.net/s/Rub79FAD9952A1B4879AD8823449B4BB367/Doc~E6FA18EC7D19E40B8807801A02C670FB3~ATpl~Ecommon~Sspezial.html). Falls es zutreffen sollte, dass Gerold B. es 1970 abgelehnt hat, eine Psychotherapie wegen seiner sexuellen Orientierung zu machen(ich vernmute: Pädophilie) dann ist er in meinen Augen ein Überzeugungstäter und ich möchte die gelöschten Äußerungen nicht aufrecht erhalten.]

 

"Ich mache mir Vorwürfe". Gestern Abend nahm Berhard Bueb auf SWR2 Stellung zu seiner Rolle in der Odenwaldschul-Thematik(  www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/rueckschau/-/id=660194/nid=660194/did=5955728/16rjlbl/index.html ). Zuvor hatte er bereits in der FAZ ausführlich zu seinem Anteil am Thema Stellung genommen ( www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc~E923EFAB46B7641439A6050EBE308A0F7~ATpl~Ecommon~Scontent.html ). Jetzt hat ihm auch die ZEIT die Möglichkeit zu einer Stellungnahme eingeräumt (  www.zeit.de/2010/12/C-Odenwaldschule?page=all ).

Er ist nicht der Einzige, bei dem nun selbstkritisches Nachdenken angezeigt ist. Die ganze Pädagogik ist gefragt: Idealisten, grenzverletzende Idealisten und didaktische Pragmatiker, die sich nie groß um das Thema Menschlichkeit im Lehrerberuf geschert haben. Alle, diejenigen, die die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Schule unreflektiert angegangen sind, diejenigen, die sie mit Ideologie statt mit tiefenpsychologischer Selbstreflektion angingen und die, die sie erst gar nicht zur Kenntnis genommen haben, tragen Verantwortung an dem, was in den vergangenen Jahrzehnten passiert und im Gegensatz zu dem Eindruck, den die öffentliche Debatte vorgibt, noch lange nicht hinreichend aufgeklärt ist.

Und je länger ich die Debatte verfolge - ich tue dies seit Ende Januar sehr intensiv - desto drängender stellt sich mir die Frage: Wo waren eigentlich die Eltern? Diese Frage stellt sich in den Heimen und Internaten weniger drängend, da die Distanz zur Einrichtung erheblich ist. Aber am Canisius und an ähnlichen Einrichtungen, wo die Dinge sich quasi vor den Augen der Eltern (und der Schulbehörden!) abspielten, da frage ich mich schon, ob das jetzige Weh-Geschrei das nagende Gefühl einer eigenen Mit-Verantwortung übertönen soll.

Kaum aber hat die Debatte begonnen, da schleichen sich schon wieder falsche Töne und Voreingenommenheiten ein. Beispielhaft sei das Zitat von Ingeborg Bachmann genannt, das die neue Schulleiterin der Odenwaldschule in einer Pressekonferenz anführte, um die richtige (ihre) Strategie zu charakterisieren: »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.« ( www.zeit.de/2010/11/Missbrauch-Kinder-Odenwaldschule?page=all )

Ich bitte um Verständnis, wenn ich nun in Wut verfalle, aber das ist wieder so ein Beispiel, wo die Grenze zwischen bildungsbürgerlicher Scheinwelt und Dummheit fließend wird und sich die Frage pädagogischer Eignung in Krisenzeiten stellt. Mal abgesehen von der altbekannten Frage, was denn "Wahrheit" sei, kann ich der Formulierung aus dem Johannesevangelium: "Die Wahrheit macht euch frei"(Johannes 8, 31-33) durchaus zustimmen. Gerade bei einem Thema aber, wo es auch um schwer traumatisierte Menschen geht ist die undifferenziert pauschalisierende Behauptung der "Zumutbarkeit" von "Wahrheit" mehr als kontraindiziert. Zu viel Wahrheit zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort und auch noch von außen aufgedrängt birgt die Gefahr der Re-Traumatisierung (und Stigmatisierung) und verbaut die Chance zur Heilung.

Vielleicht sollte man sich, bevor man so ein Zitat leichfertig in die Öffentlichkeit wirft es an erst einmal an dem Menschen testen, der es geprägt hat: Ingeborg Bachmann soll tablettenabhängig gewesen sein( de.wikipedia.org/wiki/Ingeborg_Bachmann ;  ).  Könnte es sein, dass sie selbst von zuviel "Wahrheit" überfordert war? Und was die gegenwärtige Debatte betrifft, so mag sich selbst manch bloßer Zuschauer zeitweise überfordert fühlen angesichts der Fülle an schwer Erträglichem, das sich seit Wochen über uns ergießt.  Hat eigentlich noch irgendjemand überhaupt noch einen Überblick über all das, was, beginnend mit der Heimerziehung, da alles hochgekocht ist?      

Und ich frage mich schon auch, ob all diejenigen, die jetzt  - ob  routiniert betroffen  oder ehrlich empört -  von "abscheulichen Verbrechen" u. Ä. sprechen, wo es z.B. um Schläge auf den nackten Hintern geht oder um "Knabenlutschen" (Bodo Kirchhoff im SPIEGEL 11/2010 / www.spiegel.de/spiegel/0,1518,683572,00.html) wissen, was sie da eigentlich tun. Sind sie sich sicher, dass sie die Missbrauchsopfer damit nicht noch mehr verletzen durch Stigmatisieren? Sie erneut demütigen, weil sie Vorgefallenes aufblasen, um sich danach umso besser an ihm aufgeilen zu können? Wäre es nicht angebrachter, solchen Kindern und Jugendlichen (auch denen in den heutigen Erwachsenen), die - Gott sei Dank - nicht in jedem Fall vergewaltigt wurden (im klassischen physischen Sinne),  das klare Signal zu geben, dass sie dabei nicht beschmutzt oder verdorben wurden (Bodo Kirchhoff)? Dass sie zwar mit den Folgen des Mißbrauch leben müssen, der Kern des Missbrauchs aber und seine Behaftung mit Scham  (und Schulgefühlen) durch die gesellschaftliche Moral mit ihrer Person nichts, aber auch gar nichts zu tun haben,  sondern ihnen von  Tätern und Gesellschaft übergestülpt wurden? (Entschuldigung für eventuell fragwürdige Formulierungen!)

In jedem Fall aber schiene mir weniger "moralische" Nassforschheit beim Vorwurf der "Vertuschung" angebracht. Vielleicht ist es ja gelegentlich tatsächlich im Sinne eines Opfers, wenn nicht alles und sofort BILD & Co zum Fraß vorgeworfen wird. Ein Skandal ist zuallererst die Nichtbeachtung der Opfer - von wem auch immer.

Wäre es schließlich nicht allmählich an der Zeit, dass man sich endlich einmal ernsthaft Gedanken darüber machte, was an die Öffentlichkeit gehört, was vor die Justiz oder andere Gerechtigkeit herstellende Gremien (bei Verjährung der Fälle) und was in die geschützten Räume einer Therapie?  Wäre es nicht endlich an der Zeit, dass man differenzierte zwischen Mißverständnissen, Fehlern, Übergriffen, Perversitäten, Grenzwertigkeiten, sexuellen Zudringlichkeiten, sexuellen Übegriffen, psychischen Überwältigungen, psychophysischen Vergewaltigungen ( z.B. im Fall Manuel N., geschildert bei: www.michaeltfirst.blogspot.com/ ;;;;;;;;  4.bp.blogspot.com/_lPF17H6QN2w/SoJ5H8NUJNI/AAAAAAAADkA/6InJ2cMTi0k/s1600-h/A+manuelnowatschek19oa8.jpg ; )
und brutalster Gewalt und Sexualmord?

Was Hentig oder Becker betrifft, so habe ich mit ihnen nie etwas am Hut gehabt. Das war mir alles zu fremd und abgehoben. Es ist an mir vorbei gerauscht. Ich habe da also persönlich nichts zu verteidigen. Ich gehöre aber zu der Generation, die für sexuellen Aufbruch steht. Ich war und bin viel zu verklemmt um dabei mehr als gemäßigte Positionen vertreten zu können. Und ich möchte an dieser Stelle auch nicht weiter auf jene Zeiten, Zustände und Folgen eingehen, sondern stattdessen auf ein Zitat aus dem letzten Interview mit Wilhelm Reich verweisen, das er kurz vor seinem Tod als eine Art Lebensresümee im Gefängnis gab:

"What are the social consequences of the libido theory? ... I would like to summarize [it] in an few words: If you have a stream, a natural stream, you must let it stream. If you dam it up somewhere, it goes over the banks. That's all. Now, when the natural streaming of the bio-energy is dammed up, it also spills over, resulting in irrationality, perversions, neuroses, and so on. What do you have to do to correct this? You must get the stream back into its normal bed and let it flow naturally again. That requires a lot of change in education, in infant upbringing, in family life. These are the social consequences." (Reich speaks of Freud. ed. by M. Higgins and Ch.M. Raphael. New York 1968, p. 43 f)

Das ist nur ein Bild, keine "Wissenschaft". Trotzdem klingt es für mich plausibel. Es lädt dazu ein, den Vorkommnissen bei den kirchlichen wie bei den weltlichen Einrichtungen gleichermaßen einen Hintergrund zu geben. Und es mag dazu taugen, "Canisius" und "Odenwald" dennoch unterschiedlich einzuordnen. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass zumindest einige der jetzt angeklagten Priester an der verordneten Eindämmung ihrer Sexualität gescheitert sind, während Menschen wie Gerold B. jenen "change in education" versucht haben mögen und dann gescheitert sind, dass sie nicht sahen oder sich weigerten zu sehen, dass die eigene Sexualität in eine falsche, für Kinder hoch gefährliche Richtung lief.

Das rechtfertigt die vorgeworfenen Taten nicht. Es soll nur andeuten, dass das Problem älter ist und sehr viel tiefer verortet sein kann als die Öffentlichkeit wahrhaben möchte.

Weitere Links zum Komplex "Odenwaldschule":
(Falls nicht alle Links funktionieren sollten: Entschuldigung!)


www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E6647558913184B628A9D0245FBCCA73B~ATpl~Ecommon~Scontent.html

www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E436D017C0EE94881B1FC1C946D44C232~ATpl~Ecommon~Scontent.html

www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,683439,00.html

zfi-archiv.beepworld.de/files/internatesexuellermissbrauchdrogen.pdf

www.spreeblick.com/2010/02/02/sexueller-missbrauch-von-schulern-nicht-nur-jesuiten-schulen-sind-betroffen/

de.wikipedia.org/wiki/Odenwaldschule

www.michis-seiten.de/seite448.html

[Zuletzt überarbeitet am 29.03.2010, 16:20]

 
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Kommentare
Lee Berthine schrieb am 18.03.2010 um 10:40
Breitgefächerte und tiefgründige Kritik an der "sensationslüsternen" Öffentlichkeit, die ja im Prinzip dieselbe Öffentlichkeit ist, die das Fehlverhalten von Erziehungsberechtigten (also Mächtigen) zuließ.
Sehr passend finde ich die Frage "wo waren eigentlich die Eltern", denn wenn sie von ihrem Kind so wenig mitbekommen, dass ihnen so wichtige emotionale und intime Vorfälle t o t a l entgangen sind, dann entgeht ihnen wohl auch einiges andere.
Und, ja, stimmt, den Mißbrauchsopfern bringt es wenig, wenn nun jedes Detail unter Ach und Weh in den Medien diskutiert wird. Das stigmatisiert nur zusätzlich.
Die Anregung für mich: was verbindet mich eigentlich mit Tätern und Opfern, da ich doch in ein und derselben Gesellschaft mit ihnen lebe.
Und: wie gehe ich selber mit Macht und Mächtigen oder der Position der Ohnmächtigen in meinem Leben um.
seriousguy47 schrieb am 18.03.2010 um 12:48
Ich möchte mit diesem Kommentar auf Ihre beiden Kommentare antworten.

1.Fehlendes Bewußtsein der Täter. Das ist in der Tat schockierend. Ich hatte während meines Praktikums einen längeren Gesprächskontakt zu einem Pädophilen, der sich an einer Therapie versuchte. Zum Abbruch des Kontaktes kam es, als er darauf beharrte, jeder Erwachsene - also auch ich - habe doch sexuelle Gefühle gegenüber Kindern. Das sei doch völlig normal. Ich wolle es nur nicht zugeben. Es gab dann noch eine Weigerung, sich damit therapeutisch auseinander zu setzen. Und für mich war's das dann.

2. Mangelndes Bewußtsein in der Gesellschaft. Wenn ich heute an jene Unterhaltungen zurückblicke, dann erschrecke ich, wie naiv ich mir damals seine Phantasien anhörte (z.B. mit Kindern in der Badewanne sitzen, sie streicheln). Obwohl ich wußte, dass er als Jugendlicher wegen Mißbrauchs vor Gericht gestanden hatte, realisierte ich nicht, dass er davon nicht als Vater sprach, sondern als Fremder (wobei dieser Unterschied manche Kinder auch nicht schützt, wenn nämlich der Vater selbst der Missbraucher ist). Der Groschen fiel bei mir erst, als er seine Art der "Liebe" als "normal" deklarierte. (Später hörte ich, er säße im Gefägnis....)

Obwohl Pädagoge, war damals auch für mich der "böse Onkel" mit der Bonbontüte am Spielplatzrand der Prototyp des Missbrauchers, aber doch nicht der charmante, hilfsbereite, gesellige und liebenswerte Typ "von Nebenan"....

3. Nähe und Distanz. Macht und Abhängigkeit. Ich denke, eine Faustregel kann sein: in Beziehungsdingen zwischen Erwachsenen und Kindern bestimmt immer das einzelne Kind, was mit dem jeweiligen Gegenüber geht und was nicht - solange keine Grenzen überschritten und keine Gesetze verletzt werden. Der Erwachsene ist dafür verantwortlich, dass dabei nichts aus dem Ruder läuft.

Auf irgendeiner Ratgeberseite fand ich ein Beispiel, das nicht unbedingt zu starken Kindern führt: wenn Eltern ein Kind z.B. zwingen, jemanden zu küssen, obwohl es das nicht will. Klingt erst einmal übertrieben, aber hat doch etwas für sich, denn es kann ja in der Tat dazu beitragen, den eigenen Gefühlen nicht mehr zu trauen.
Lee Berthine schrieb am 18.03.2010 um 13:01
@ Seriousguy
Zustimmung für den Kommentar oben von 12:48.
Im letzten Absatz schreibst du "wenn Eltern ein Kind z.B. zwingen, jemanden zu küssen, obwohl es das nicht will" - genau mit solchen "Kleinigkeiten" fängt es an und geht weiter zu Punkten wie:
- das Kind freundlich aber bestimmt dazu bringen, Kleidung anzuziehen, die es nicht mag
- in der Schule kritiklos Meinungen von Lehrern zu übernehmen, obwohl sie ihm komisch vorkommen
- das Kind eben insgesamt in seiner Wahrnehmung der Umwelt und Äußerung seiner Bedürfnisse n i c h t zu unterstützen.
Wenn das im kindlichen Alltag die Regel ist, führt es zu mangelndem Selbstvertrauen und ist nicht gerade ein Schutz gegen Manipulation und Fremdsteuereung - im Gegenteil!
Danke, dass du darauf hinweist, wie wichtig es für Kinder ist, den eigenen Gefühlen zu trauen und darin von den Erwachsenen bestärkt und unterstützt zu werden!
Hermanitou schrieb am 18.03.2010 um 10:46
1. Missbrauch ist nicht erst seit heute erkennbar. Das Problem liegt darin, daß Kinderschutzbund und die Präventionsarbeit der Polizei bis heute weit außen vor sind und ihre Fortbildungsangebote nicht oder nur wenig genutzt werden.

2.Es sollte eine gesetzliche Verpflichtung für Lehrer/Erzieher/Ärzte etc. bestehen,Präventionsseminare zu besuchen.

3. Insbesondere Kinderärzte sind mit am Ende der Schlange und nur schwer in die Gänge zu bringen.

4. Die Eltern. Wenn die Kinder nicht gerade in Heimen und Internaten sind, sinds meist die Papas und Brüder,die Onkels und Opas, die sich an ihren eigenen Kindern/Geschwistern/Enkeln etc. vergehen. Viel öfter als Pädagogen und Pädophile im Gebüsch des Spielplatzes. Es ist die Pflicht der Jugendämter, viel genauer in die Familien zu schauen und Beschwerden ernst zu nehmen. Passiert leider auch viel zu wenig. Im Übrigen findet der Mißbrauch auch in den guten und besten Familien statt.

5. "Auch Täter sind Menschen". Die Kirchen und Internate sollen Namen nennen, die Täter einer Bestrafung zuführen und sich nicht länger weigern, die Opfer (sofern das möglich ist) zu entschädigen.

6. Ich als "Nichtopfer" habe kein Verständnis. Null. Niente. Ich sehe die Kinder und Jugendlichen, die mißbraucht wurden,leider viel zu oft in meiner beruflichen Praxisarbeit.
Lee Berthine schrieb am 18.03.2010 um 11:00
@ Hermanitou
Das Thema sexueller Mißbrauch ist, wie du schreibst, schon länger thematisiert worden. In den vergangen 10 Jahren gab es im Hinblick auf "therapeutische" oder psychologische Literatur und auch in privaten Biographien viele Veröffentlichungen.
Bekannt ist auch, wie du erwähnst, dass der Tatort leider allzu oft die eigene Familie ist. Und genau das ist auch das Problem für die Betroffenen.
Die vertraute, emotionale, seelisch abhängige Position, in der sich die Kinder und Jugendlichen befinden, wird ausgenutzt und aus meiner Sicht ist das wie ein seelischer Mord, was da passiert. Auch ich habe schon mißbrauchte Kinder kennengelernt.
Auf die Jugendämter zu hoffen, halte ich nach meinen rudimentären Einblicken in Sozialarbeit für aussichtslos.
Aber da könnte was dran gedreht werden, da gebe ich dir recht.
Was nicht vergessen werden sollte, ist, dass wir alle in einer Welt leben, die so weit vom darwinistischen Frißoderstirb nicht entfernt ist, natürlich gekoppelt an humanistische Ideale und Grundrechte.
Jeder von uns hat schon die Erfahrung gemacht, dass er sich eher in einem kannibalistischen geldgierigen Dschungel als in einer solidarischen Gesellschaft befindet, wobei beides nebeneinander existent ist!
Täter sollten angemessen bestraft oder diszipliniert oder gar therapiert werden, aber das kann nur ein erster Schritt sein.
Und, was auch bekannt ist: die Opfer von gestern sind oft die Täter von heute oder morgen. Gerade Machtmissbrauch und Mißhandlungen im Kindesalter werden verinnerlicht, es findet die "Identifikation mit dem Täter" statt (es sei denn, denn Mißbrauch wird therapeutisch aufgearbeitet) und der Betroffene lebt seine Prägung seinerseits wieder an anderen, Schwächeren aus.
Am schockierendsten finde ich daran das fehlende Bewusstsein der Täter, was sie dem anderen damit antun.
Denn sie müssten es eigentlich besser wissen.
seriousguy47 schrieb am 18.03.2010 um 12:15
Mit Ihren Punkten 1- 4 habe ich keine Probleme. Die Differenzen beginnen bei Punkt 6:

1. Ich kann nicht erkennen, wie man mit totalem Nicht-Verständnis herausfinden will, was Täter antreibt - und damit, wie T ä t e r präventiv verhindert werden könnten.
Als drastisches Beipiel könnte man die "Erkundung" des Jürgen Bartsch anführen, die diesem brutalen Sexualmörder im Vergleich zu seinen bestialisch ermordeten Opfern ein Vielfaches an Aufmerksamkeit einbrachte - aber eben auch enthüllte, welche brutalen Erfahrung zur Entwicklung dieser Mörderkarriere beitrugen.

Wie man erfahren will, was die derzeit in der Diskussion stehenden Täter angetrieben hat, wenn man sie ständig unter Dauerbeschuß hält, vermag ich nicht zu erkennen. Darauf bezog sich meiune Bemerkung mit dem "Verständnis". Und wir müssen uns schon entscheiden, was uns als Gesellschaft jetzt wichtiger ist: moralische Dauerempörung oder Erkenntnisgewinn.

2. Wie Menschen, die Mißbrauchsopfern helfen möchten, dies tun wollen, wenn sie das, was passiert ist, schon mal gleich und pauschal dem Bereich von "Monstern", "Bestien" usw. zuordnen, vermag ich auch nicht zu erkennen. Mir scheint, ein Opfer kann erst dann Urvertrauen zurückgewinnen, wenn man ihm Raum und Zeit läßt, das, was ihm passiert ist
S E L B S T zu definieren. Das scheint mir vor allem dann möglich, wenn die Opfer als Erwachsene Hilfe suchen. Die Definitionen, die ich teilweise öffentlich höre, scheinen mir nur zu stigmatisieren und sonst gar nichts.

Wir müssen uns als Gesellschaft schon entscheiden, was wir wollen: "moralische" Abreaktion oder bedingungslose Rücksicht auf die Opfer.

Ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe an, Opfern vorzuschreiben, w a s sie zu fühlen haben und wie das, was sie erlebt haben zu w e r t e n ist. Wenn es als Katastrophe erlebt wurde, habe ich das so anzunehmen. Wenn es als ambivalent erlebt wurde, habe ich das so anzunehmen. Wenn es als "ok" erfahren wurde, obwohl es eine Grenzverletzung und ein Gesetzesbruch war, habe ich das so anzunehmen.....Es steht mir nicht zu, einem Opfer zu signalisieren oder gar vorzuschreiben, dass seine Gefühle "falsch" seien, nur weil sie nicht meinen Ansichten entsprechen.

3. Öffentlichkeit hat ihren Platz und ihre Zeit in Mißbrauchsangelegenheiten. Sie hat aber nach meinem Dafürhalten da aufzuhören, wo das öffentliche Eindringen in "Seelen" beginnt. Auch hier hat die Gesellschaft sich zu entscheiden, was im Vordergrund zu stehen hat: Rücksicht auf die Opfer oder der Genuß der Empörung.

Was schließlich die Prävention betrifft, so halte ich persönlich es jetzt für unabdingbar, dass ab vorgestern die Behandlung der Probleme von Nähe und Distanz, Missbrauch und Grenzüberschreitung und verwandte Themen z w i n g e n d Teil jeder Lehrerausbildung sind. Psychotherapie und Selbsterfahrung dürfen von Schulbehörden nicht mehr nur als Problem gesehen werden, das eine Einstellung erschwert oder gar verhindert, sondern auch als möglicher (wünschenswerter) Teil einer Lehrerausbildung ("Lehrtherapie").

Ich sage dies im Übrigen nicht erst seit heute. Ich habe es schon in meiner Diplomarbeit 1974/75 sehr ausführlich theoretisch erörtert und meine ganz persönliche praktische Konsequenz daraus gezogen, um selbst wenigstens eine rudimentäre Fähigkeit zu kritischer Selbstreflexion in meinen Beruf mitzubringen. Das mag "Vulgärpsychologie" sein, wie ein Kommentator mir jüngst in's Stammbuch schrieb. Aber ich selbst habe es lieber so als gar nicht.
dame.von.welt schrieb am 18.03.2010 um 12:35
Sie müßten es eigentlich besser wissen?

Das finde ich nun ein bißchen gnadenlos und auch wirklichkeitsfern - wie sollen sie es denn besser wissen, wenn ihr Erleben aus Gewalt besteht?

So sehr ich Ihnen wirklich und ganz und gar darin zustimme, daß von Gewalt Betroffene sehr gut beraten sind, ihre Geschichte therapeutisch aufzuarbeiten, so wenig sollte bitte übersehen werden, daß es zunächst NUR darum gehen kann, daß es ihnen selbst besser geht. Es sollte bitte auch nicht übersehen werden, daß sie damit eine ganze Weile zu tun haben. Es kann aber nicht angehen, daß Opfer mittelbar zu schonungsloser und brutalstmöglicher Aufklärung gezwungen werden.

Ich habe in den letzten Wochen reichlich viel zum Thema nachgelesen, unter anderem auch über Therapien und mir stand bei Einigem schlicht der Verstand still. Ich suchte z.B. nach Material über 'Implantierte Erinnerungen' - im Zusammenhang mit dem Montessoriprozeß und den Wormser Prozessen und stieß dabei zufällig auf den blog einer Frau mit Gewalterfahrungen in der Kindheit, der in einem mehr als 10jährigen Leidensweg in verschiedenen Analysen eine multiple Persönlichkeit angedichtet wurde (von den Folgetherapeuten jeweils ungeprüft übernommen) und der im Rahmen dessen Erinnerungen implantiert wurden, bis hin dazu, daß man sie dadurch in eine Psychose getrieben hat. Nach Abbruch der letzten Analyse verschwanden ihre psychischen wie körperlichen Symptome wie von Zauberhand und sie konnte endlich damit anfangen, ihre Geschichte tatsächlich mal aufzuarbeiten.

Will damit sagen - werden Opfer nun auch noch mit einer Art Therapiezwang unter Druck gesetzt, ist es mit dem ohnehin nur rudimentär vorhandenen Gefühl für sich selbst und dafür, was und zu welchem Zeitpunkt gut tut, endgültig vorbei. Es sind auch weder alle Therapieformen noch alle Therapeuten befähigt, bei Traumapatienten tatsächlich heilend zu wirken - hier gibt es noch überreichlich Nachholbedarf. Die Kassen bezahlen immer noch gern bis zu 300 Stunden Analyse, bei der sehr viel sinnvolleren Technik von Gesprächstherapie und EMDR aber sind die wenigen, von der Kasse bezahlten Therapeuten so überlaufen, daß die Wartezeiten endlos sind. Auch Kureinrichtungen sind oft B-Klasse und selten in der Lage, individuell sinnvolle und notwendige Therapiepläne zu erstellen. Das ist alles nicht so ganz einfach.

Und es ist auch weder so, daß alle Täter selbst mal Opfer waren, noch, daß alle Opfer automatisch zu Tätern werden.
Lee Berthine schrieb am 18.03.2010 um 12:49
@ Dame.von.Welt
Mein letzter Satz "sie müssten es eigentlich besser wissen", war darauf bezogen, dass Menschen, die in ihrer Biographie sehr gelitten haben und von anderen (meist nahestehenden) Menschen traumatisiert wurden, den Schmerz und die abgrundtiefe Verzweiflung darüber kennen. Manche berichten, sich wie zerschlagen und zerstört zu fühlen.
Wenn nun ein solcher Mensch seinerseits anderen Menschen was Böses antut - herrje, da bin auch ich nicht völlig frei von, jeder verletzt doch mal andere Menschen - dann weiß ich im Grunde, wie furchtbar sich das anfühlen muss.
So - und nicht anders - habe ich meinen Satz gemeint.

Und auch, dass jedes Opfer automatisch zum Täter wird und damit auch jeder Täter folgerichtig selber mal Opfer war, habe ich so nicht geschrieben und auch nicht gemeint.

Liebe Dame, ich stimme ihnen zu, Missbrauchsopfer sollten alles tun, damit es i h n e n besser geht, ob mit oder ohne Therapie. Abgesehen davon kann es heilsam sein, seine Gefühle künstlerisch (da fällt mir zum Beispiel Niki de St.Phalle ein) oder schriftstellerisch auszudrücken. Auch das ist für mich im weitesten Sinne ein therapeutischer, weil heilender Prozess.
seriousguy47 schrieb am 18.03.2010 um 13:09
Liebe Dame,
worauf beziehen Sie sich? Auf mich? Falls ja, ich fordere nirgends einen Therapiezwang, sondern das genaue Gegenteil: die Selbstbstimmung des Opfers. Es sollen Angebote und Einladungen vorhanden sein, aber kein Zwang.
Kennzeichen von zielführenden Traumatherapien wie EMDR bieten, nach meiner Kenntnis, genau das, was ich für die Opfer fordere: Raum und Zeit, selbst herauszufinden, was war. Sie begleiten und unterstützen, geben aber nicht vor. Darum scheint es mir aber genau zu gehen. Denn am Ende weiß jeder nur selbst, was er fühlt - auch wenn es schwierig sein kann, die lebenslange Gehirnwäsche zu überwinden.

Was die P ä d a g o g e n betrifft, so meine ich, dass es eine gute Sache wäre, wenn der Begriff "Lehrtherapie" sich langsam als wünschenswerte O p t i o n auch in deren Köpfen festsetzen würde. Auch da ziele ich auf keinen keinen Zwang (das wäre schon rein organisatorisch nicht zu leisten), sondern auf einen notwendigen Abbau von Vorurteilen.
Hermanitou schrieb am 18.03.2010 um 13:12
Kein Verständnis für Gewaltanwender zu haben muss nicht ausschließen, daß Erkenntnisse über den Grund ihres Tuns erlangt werden. Würde mich auch sehr interessieren, aber ist jenseits von einfachen Antworten zu suchen. Oder reicht es, wenn ich vermute, daß die Meisten davon ohne jedes Gefühl für Andere "erzogen" werden?

Wie gesagt, erfolgsversprechender ist die Früherkennung und der Schutz weiterer potentieller Opfer.
seriousguy47 schrieb am 18.03.2010 um 13:47
Meine Einschätzung:
1. Es gibt Pädophile und Pädosexuelle, bei denen es erst einmal einiges zur Kenntnis zu nehmen gibt, vor allem, dass sie eine bestimmte sexuelle Orientierung haben. Dann gilt es, sie dafür zu gewinnen, die entsprechenden gesellschaftlichen Normen zu akzeptieren - auch wenn es weh tut. Das wäre ein Beitrag zur Prävention und er wird ja wohl in Berlin, Augsburg (?) und demnächst München (?) auch versucht.
2. Dann sehe ich "Erwachsene", deren Sexualität nicht adäquat gereift ist. Da kann man versuchen, zu verstehen, wo es hakt und dann, soweit möglich, therapeutisch zu helfen versuchen. Das wäre der Versuch, (Wiederholungs-)Taten zu verhindern
Und auch hier könnte sich zeigen, ob es spezifische biographische Ursachen für Missbrauchsverhalten gibt, die man dann in die Erziehungsdebatte einbringen kann.
3. Für die "üblichen" psychisch Kranken gilt 2 entsprechend.
4. "Psychopathen" sind wohl eher weniger zu verstehen und auch kaum zu therapieren (?).....

Was immer es sonst noch geben mag, mir schiene es in der derzeitigen Debatte schon ein Fortschritt, wenn man zwischen den Tätern (und den Taten) wenigstens erst einmal differenzieren würde, denn sie sind doch offensichtlich unterschiedlich in ihren Ursachen und Auswirkungen.
Ansonsten ist mir, ehrlich gesagt, jeder Erkenntnisgewinn willkommen. Was aber eine allgemeine, pauschalisierende Empörung bringen soll, sehe ich nicht. (Ich wiederhole mich.)
dame.von.welt schrieb am 18.03.2010 um 13:55
Tut mir leid! Ich wollte Sie, @Lee Berthine nicht angreifen - mich piekte aber dieser eine Satz sehr. Weil eben für von Gewalt Betroffene die Welt nur aus Gewalt bestehen kann und eben jedes Gefühl und jede Proportion zuallererst für sich selbst dabei verloren geht, damit auch ganz zweifellos die Gefahr besteht, auch keins für andere haben zu können - auch deswegen ist Aufarbeitung wichtig.

Ich bin mit Ihnen @seriousguy völlig einer Meinung, was die unbedingt notwendige Selbstbestimmung der Opfer angeht - ohne geht's schlimm schief. Mir wird wirklich ganz übel bei Formulierungen wie 'schonungsloser Aufklärung' - es wird dabei offenbar vergessen, daß auch die Betroffenen eine Intimsphäre haben, die für das frisch entdeckte Straf- und Gerechtigkeitsbedürfnis einer sensationsgierigen Öffentlichkeit auf gar keinen Fall verletzt werden darf - das wäre weiterer Mißbrauch.

Was die 'Angebote und Einladungen' angeht - so ist hier noch wirklich sehr viel zu verbessern. Die Realität besteht zu oft aus inkompetenten und überforderten Therapeuten und aus ewigsten Wartezeiten.

@Hermanitou - das gilt übrigens auch für 'Angebote und Einladungen' an potentielle Täter und das wäre aktiver Opferschutz. Das meines Wissens in Deutschland einzige Forschungs- und Therapieprojekt, 'Kein Täter werden' der Charité konnte bis 2008 bei etwa 700 Bewerbern auf Therapieplätze nur etwa 150 einen Platz anbieten - Unterfinanzierung. Mir scheint auch, daß es bislang sehr wenig seriöse Erkenntnisse über Pädophile gibt, die aber wiederum nach Dunkelfeldschätzungen nur ein Fünftel der Verbrechen gegen Kinder begehen.

Wie all diejenigen erreicht werden können, deren Sexualität sich eigentlich an Erwachsene richtet und die Verbrechen an Kindern aus Machtgier und Kontrollzwang begehen, steht dabei noch völlig in den Sternen. Die aber sind die Mehrheit, vier Fünftel, ebenfalls Dunkelfeldschätzung.
Rahab schrieb am 18.03.2010 um 11:55
nein, hermanitou, so wird das nicht gehen!
was du vorschlägst, läuft auf noch mehr vom selben hinaus. nämlich kontrolle und strafe und kontrolle und strafe.
nein, ich hätte überhaupt nicht gern einen sozialarbeiter of all three+x sexes in meiner familie herumpoltern gehabt. einen, der zum einen alle abwatscht, die nicht genau "hingeguckt" hatten, danach lautstärkt verkündet, wie er dauerhaft und definitiv 'meinen mißbraucher' von seinem trieb befreit (von 'seinem' oder von seinem?), um mir mittenrein die frage zu stellen, warum ich nicht schön früher etwas gesagt hätte und ob mir eigentlich klar sei, dass ich durch mein langes schweigen vielleicht selbst dafür gesorgt hätte, später selbst 'mißbraucher' zu werden ....kurzum: einen, der alle mächtigen demontiert, um sich in dieser demontage anderer selbst als die einzige und wahre supermacht anzubieten. Und der mir damit zu verstehen gibt, dass ich nun keine chance mehr habe, jemals solch eine supermacht zu werden.
Oder vielleicht doch? Wenn ich nur kooperiere, dann könnte ja vielleicht, ganz vielleicht, alles noch gut werden?

nein danke - sowas hätte ich nicht brauchen können!
Hermanitou schrieb am 18.03.2010 um 13:03
wieder einmal verstehst Du mich miss. wer will denn einen sozi der in familien rumpoltert? es geht ausschließlich um die fehlende systematische früherkennung und die oft fehlende oder nicht angewandte fachlichkeit.
Lee Berthine schrieb am 18.03.2010 um 13:09
So hatte ich deine Bemerkung auch in etwa gedeutet, Hermanitou. Das Problem liegt einerseits in fehlender "Früherkennung" (wie soll das gehen, wenn nicht ein Nachbar oder Angehöriger Hinweise gibt) und darin, dass Sozialarbeiter gar nicht "in Familien rumpoltern" dürfen, es sei denn, die betreffende Familie ist bereit und explizit willens, sich dahingehend beraten zu lassen. Und dieser Fall ist wahrscheinlich seltener als die Nadel im Heuhaufen...
seriousguy47 schrieb am 18.03.2010 um 13:30
"Systematische Früherkennung". Ich denke, Rahab weist schon zu Recht auf ganz problematische Entgleisungsmöglichkeiten hin, die passieren können, wenn man so etwas in Bereich der F a m i l i e zu radikal umsetzen möchte. Bei
S c h u l e n und ähnlichen Einrichtungen ist das weniger problematisch. Deshalb sollte man das vielleicht besser gesondert debattieren.
Die große Chance im Moment scheint mir darin zu liegen, vor allem Schulen, Heime, Internate usw. zu noch sichereren Orten für Kinder zu machen. Damit aber wäre dann auch für Opfer in Familien viel erreicht, denn es gäbe dann Alternativen, in die sie - mit behutsamer Hilfe von Außen - "flüchten" könnten.
Rahab schrieb am 18.03.2010 um 13:38
und wie, hermanitou, bekommst du "systematische Früherkennung" hin ohne umfassende kontrolle aller möglichen "Tatorte" bis in die intimebreiche aller! menschen hinein? denn es sind ja nicht orte, die etwas tun oder denen etwas angetan wird, es sind menschen!
dame.von.welt schrieb am 18.03.2010 um 14:16
Mir erscheint hier zum Beispiel ein immer erreichbares Notfalltelefon für Kinder und Jugendliche mehr als sinnvoll - 0800 111 0 333 ist nur von Mo-Frei von 15-19h erreichbar.

Grundsätzlich halte ich es für vorrangig, Kinder dahingehend zu stärken, daß sie Nein sagen dürfen und sollen. Und zwar überall, in Familien, Schulen, beim Sport, in Kinder- und Jugendeinrichtungen. Das macht Kinder natürlich auch weniger stromlinienförmig und weniger leicht zu handhaben. Mir scheint es dennoch der wirksamste Weg der Prävention.
Hermanitou schrieb am 18.03.2010 um 16:22
Früherkennung, rahab, findet vom Kinderarzt über die Kita bis in die schulen hinein statt. Da brauchts kein schnüffeln, keine kontrolle. gut ausgebildete pädagog(inn)en erkennen meist die symptome. wenn einige sehr typische zusammentreffen, sollte man/frau tätig werden können. deine angst ist zwar verständlich, aber unnötig.
Rahab schrieb am 18.03.2010 um 16:40
meine 'angst' wird, fürchte ich, immer begründeter, wenn ich deines von 16:22 lese.
ich halte es da mit dame.von.welt: kindern (und nicht nur kindern!) glauben. nicht nach symptomen fahnden.
Rahab schrieb am 18.03.2010 um 14:07
der Odenwaldwald ist übrigens eine ganz 'finstere' gegend.
heute lasen wir in unserer zeitung, dem darmstädter echo folgendes:
www.echo-online.de/wissen/esa-spezial/20091228ariane./art1283,741983
unter "Abiturfragen gegen Sex" + darmstädter echo auch zu ergoogeln.

hier taucht auch das wieder auf, was Amelie Fried in ihrem beitrag für ?? bereits schrieb: das mitmachen/machen lassen, um nicht als prüde/frigide zu gelten.
seriousguy47 schrieb am 18.03.2010 um 21:23
Danke für den Link. Schwer zu glauben, was da erzählt wird und doch doch sehr vorstellbar, wagt man einen erneuten Blick auf den damaligen Zeitgeist - was dummerweise durch den vorlauten Mixa nicht gerade erleichtert wird ("Sexuelle Revolution"). Es ist zum Schämen.
Rahab schrieb am 18.03.2010 um 21:39
ich dachte wirklich, ich lese nicht richtig: im lehrerzimmer wurde eine liste der schülerinnen mit den größten brüsten herumgereicht. - das läßt sich mit tiefster provinz nicht erklären. und wenn's gelogen ist, dann ist es gut erfunden!
mein örtlicher 'gewährsmann' aus der odenwaldschule hat mir sehr klar gesagt, dass frauen, die zu (seinen) sexuellen avancen 'nein' sagen, in seiner vorstellungswelt nicht vorkommen. einfach so. nicht, weil er ein besonderer beau wäre.
seriousguy47 schrieb am 19.03.2010 um 00:01
Allmählich frage ich mich, ob das eigentlich ein Hessenphänomen ist, sowas wie "Klein Pauker macht eben mal auf sexuelle Revolution"? Klingt jedenfalls wie "Schulmädchen-Report" und muss, von mir aus gesehen (konservativer Süden), auf einem anderen Planeten stattgefunden haben....
Rotspoon schrieb am 27.03.2010 um 14:30
Ich stelle vorab fest: Es wird wieder eine Sau durchs Dorf gejagt.

Die betroffenen Kinder stellt die Öffentlichkeit als Opfer, Mißbrauchte und Geschändete dar und beschädigt sie damit erneut. Ganz nebenbei übt die Reaktion späte Rache an der Reformschule.

Wie das hunderttausendfache Vergehen (letztlich des Staates, der nicht zur Kenntnis nahm) an westdeutschen Heimkindern auch, wird auch diese böse Angelegenheit unter einem Runden Tisch verschwinden.

Aber die alte Bundesrepublik hat noch weitere Leichen im Schrank: SS und Gestapo in der Polizei, Hitlers Geheimdienst in Pullach, Kommunistenverfolgung (mehr als 120 000 Jahre Gefängnishaft verhängt und vollzogen), organisierter Menschenhandel mit der DDR.

seriousguy47

Dass sie zwar mit den Folgen des Mißbrauch leben müssen, der Kern des Missbrauchs aber mit ihrer Person nichts, aber auch gar nichts zu tun hatte, sondern ihnen von den Tätern übergestülpt wurde? (Entschuldigung für eventuell fragwürdige Formulierungen!)
seriousguy47 schrieb am 29.03.2010 um 16:15
Hallo Rotspoon,
den Zusammenhang mit NS-Zeit und Kaiserreich könnte man unmittelbarer andeuten: gerade in den katholischen Einrichtungen - vor allem auch in den schon wieder in den Hintergrund gedrängten Heimen - prägte ja bis über die Nachkriegszeit hinaus Personal das Klima, das der NS-Zeit entstammte. Zumindest die Brutalität dürfte das mit erklären. Den sexuellen Missbrauch in den Heimen insofern auch, als man die dort untergebrachten Kinder ohnehin als "minderwertig" ansah.

In der jüngeren Vergangenheit wollte die Gesellschaft manches wohl nicht sehen, weil man "darüber nicht redet". Anderes hielt man für "normal" - so wie man es in den "tausend Jahren" gelernt hatte. Und manche hatten wohl im Wiederaufbau- und Wirtschaftswunder-Staat nicht die Zeit und die Nerven, sich überhaupt groß um Kinder zu kümmern. Und es sollte auch nicht übersehen werden, dass der Missbrauch ja eine lange Tradition hat. Kinder werden ja erst seit kurzer Zeit als Geschöpfe gesehen, um die man sich kümmern und die man fördern sollte. Da wäre also eine Menge an "Trauerarbeit" (Mitscherlich) bis tief in die Geschichte hinein notwendig.

Zu dem Zitat aus meinem Beitrag noch eine kurze Erläuterung: Ich meine, aus dem häufigen Sprechen über Scham (und Mit-Schuld) herauszuhören, dass Opfer den Missbrauch viel zu sehr aus der Perspektive der Täter und der Gesellschaft betrachten, dies aber mit ihnen selbst eigentlich nichts zu tun hat. Was ich mal so als Kern des Missbrauchs bezeichnet habe, ist die Täterperspektive (Kind als (un-)williger Sexualpartner usw.). Scham scheint mir von der Gesellschaft und ihrer Moral verordnet. Und mir scheint, die Opfer sollten sich von beiden Sichtweisen frei machen und für sich selbst herausfinden, was ihre eigene Sicht ist. Dann erst, so meine Meinung, können sie leichter mit den Missbrauchsfolgen umgehen.
seriousguy47
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