seriousguy47

Blog von seriousguy47

02.05.2011 | 15:31

Baden-Württemberg: Ganz entspannt im Hier und Jetzt * (1)

Der Mai ist gekommen. Aber von wegen „die Bäume schlagen aus“. Das haben wir längst hinter uns.  Stuttgart ist durchgegrünt. Und wie. Aber das war schon am 27. März. Nicht nur politisch. Politisch aber mit Macht: Drei von vier Direktmandaten sind grün. Und je näher das Wahllokal an S21, desto höher der grüne Stimmanteil. Stuttgart I: 42,5% (+18,6%), Stuttgart II: 34,2% (+17,4%), Stuttgart IV: 32,3% (+17,9%) . Und grüne Stimmenkönigin im Lande ist eine Frau mit dem urschwäbischen Namen Muchterem Aras. Wie die stellvetretende First Lady Tülay Schmid hat sie einen türkischen Migrationshintergrund. (1) „Mappus stürzt, Stuttgart steht Kopf“, meldete Michael Schlieben damals völlig korrekt auf ZEIT Online (mittlerweile eher „Offline“). (2)

Die Bäume schlagen also nicht mehr aus. Dafür aber die Bayern. Egal, ob es Restalkohol-Bestände aus der Starkbierzeit sind oder die Entzugserscheinungen danach, es scheint jedenfalls, als ob in der Jauche-Saison nicht die gesamte angesammelte Scheiße auf den Äckern ausgebracht werden konnte. So schwappt sie nun zu uns herüber. „Seehofer beendet Zusammenarbeit mit Baden-Württemberg“ titelt die WELT und zitiert noch einen "Wettbewerb der Systeme" hinterher, den sich Seehofer herbei-halluziniert. „Die Grünen seien der politische Arm von Krawallmachern, Steinewerfern und Brandstiftern“ sinniert derweil der Partei-Intellektuelle Dobrindt hoch oben in seinem Baum über die baden-württembergischen Landsleute, die in der Evolution dem Boden schon etwas näher gekommen sind und sogar in der Lage sind, sich auch ohne Auto fortzubewegen. Und:

Jedes Unternehmen, das in Baden-Württemberg durch grün-rote Planwirtschaft verprellt wird, ist in Bayern hochwillkommen“, sagte Dobrindt. „Investitionsgelder, die in Baden-Württemberg nicht mehr erwünscht sind, nehmen wir gerne in Bayern.“ (3)

Klar, da gibt es ja auch eine lange eingespielte Tradition. Schließlich hat man sich ja u.a. vom Ur-Geberland Baden-Württemberg von 1950 bis 1988 über den Länderfinanzausgleich die eigene Entwicklung finanzieren lassen, mit der man heute so gerne prahlt. (4) Es könnte allerdings Probleme beim Unternehmensumzug geben, denn mir ist auf Anhieb nicht bekannt, ob wir industriell gerade etwas dem bayrischen Anforderungsprofil (Typ: Hypo-Alpe-Adria) Entsprechendes im Angebot haben. Flowtex steht nämlich leider nicht mehr zur Verfügung. (5)

Ich will den Beweis antreten, dass wir in Bayern bessere Ergebnisse erzielen“, sagte Seehofer noch laut WELT. Und vor allem in der Bildungs- und Hochschulpolitik sehe er einen Wettbewerb. Also, wenn die Äußerungen von Seehofer und Dobrindt typisch für das sein sollten, was das bayrische Bildungssystem so hervorbringt, dann können wir diesem Test gelassen entgegensehen. Und Sekretärinnen können auch wir an die Wäsche gehen. Man merkt es nur nicht so leicht, weil wir auch über Verhütung Bescheid wissen.

Was soll's. Noch-Finanzminister Willi Stächele hat bereits das Nötige dazu gesagt: "Ich halte diese Äußerung für stillos, um nicht zu sagen 'rotzfrech'". Und da die Bayern es zum besseren Verständnis gerne auch etwas bildhafter haben, fügte er noch hinzu: "Wer Baden-Württemberg schadet, kriegt auf die "Hörner" - auch wenn er CSU-Nachbar ist". (6) Das ist doch schon mal eine gelungene Bewerbungsrede für den Landtagsvorsitz. SWR2 hat dazu gleich noch das passende Musikstück der Woche ausgewählt: „Geist und Seele wird verwirret“, von Johann Sebastian Bach. (7) Und Autor Ralf Jandl stellt bei 21einundzwanzig.de die naheliegende Frage: „Erreicht die CDU im Land nur noch die Dummen?“ (8)

Damit wieder  zurück zum Thema. Mappus ist weg. Denkmalschutz-und-Baumfällstop-Scheißegal-Andriof ist weg. Wasserwerfer- Stumpf ist weg. Sprühregen-Rech? ECE-Gönner? Weiß-von-nix-Goll? Lange nichts gehört. Wenn aber etwas wirklich den gewaltigen Schritt deutlich macht, den Baden-Württembergs Bürgertum am 27. März 2011 getan hat, dann ist es eine fast schon provozierende Gelassenheit, die nach anfänglichen allergischen Zuckungen einiger Rechts-Konservativer und ihrer Hofberichterstatter mittlerweile die Stimmung im Land kennzeichnet. Man könnte es so umschreiben: Egal, was kommt, Hauptsache Schwarz-Gelb ist erst einmal weg. Oder, wie es Daniel Kartmann, einer der durch Mappus' Rambo-Politik schwer am Auge Verletzten es aus der Sicht des Widerstands formuliert:

"Egal, was noch kommt, der Protest gegen Stuttgart 21 hat so viel Kreativität und Produktivität freigesetzt wie kein Thema zuvor. Die Leute haben sich die Stadt zurückerobert." Deshalb sieht er den Stresstest und das Danach viel gelassener: "Wenn Stuttgart 21 gebaut wird, werde ich nicht auswandern."(9) Ich auch nicht. Jedenfalls nicht deswegen.

Es scheint nicht nur, als ob eine schwere Last und Denkblockade vom baden-württembergischen Bürgertum (CDU inklusive) abgefallen sei. Der Widerstand gegen das geisteskranke Bahnhofsprojekt hat längst das erreicht, was schwäbischer Minderwertigkeitskomplex sich eigentlich erst und nur von der Pissoir-Architektur von S21 erhoffte: auch Stuttgart wird zur Kenntnis genommen. Als reich, sexy, kreativ und nicht nur wirtschaftlich innovativ.

Das kratzt natürlich. Zuerst fiel es mir beim letzten Familientreffen auf. Ein Opa mit bayrischem Migrationshintergrund ließ zwischen zwei Stück Erdbeerkuchen die Bemerkung fallen, jetzt bekämen wir ja nun wohl die Einheitsschule. Aber keiner griff dankbar zu. Stattdessen begannen nun selbst eingefleischte FDP- und Steuersenkungs-Anhänger das baden-württembergische Schulsystem zu kritisieren. Panik vor oder gar Hetze gegen Grün-Rot? Keine Spur. Nirgends.

Ähnlich auf Landesebene. Kaum war das amtliche Endergebnis bekanntgegeben**, vermeldete die Pforzheimer Zeitung unter der Überschrift „Wird jetzt alles anders?“ Erstaunliches:

Die Sektion Pforzheim des Wirtschaftsrates erwartet, „dass der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg weiter ausgebaut wird und die Politik den Abbau von Bürokratie unterstützt“

Die Deutsche Polizeigewerkschaft Baden-Württemberg blickt zuversichtlich in die neue Legislaturperiode.“

Die evangelische Landeskirche in Baden blickt optimistisch auf die neue Legislaturperiode.“

Wir hoffen, dass wir auch mit der neuen Regierung die gute Zusammenarbeit fortsetzen können“, sagt Helmut Sickmüller, Vizepräsident des Badischen Fußballverbands. Die insbesondere von der SPD versprochenen höheren Fördergelder könne der Sport gut gebrauchen.“

Und weniger Erstaunliches:

Ich erwarte mir grundsätzlich einen Wechsel im Politikstil: eine dialogorientierte Politik“, sagt Brigitte Dahlbender“ (Vorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Baden-Württemberg)

Wenn die Wahlgewinner Grüne und SPD ihre Zusagen wahr machen, haben wir endlich die Chance für einen Neustart in unseren Kitas, Schulen und Hochschulen.“ (GEW)

Der Lesben- und Schwulenverband Baden-Württemberg (LSVD) ist optimistisch.“

Und bitte beachten:

Für die Parkschützer ist die Zeit des Protests gegen Stuttgart 21 keineswegs vorbei. Einstweilen jedenfalls hält man an den Montagsdemos fest.“ (10)

...und selbst mit dem VfB geht es wieder bergauf....

Erwas länger hat die katholische Kirche gebraucht, dafür jubelt sie jetzt umso lauter: "Als 'wegweisend' bezeichnete Ordinariatsrärin Irme Stetter-Karp die Pläne der grün-roten Landesregierung zur Kindererziehung und Familienbildung in Stuttgart....Damit sei die grün-rote Koalition den seit Jahren erhobenen Forderungen der Kirche nachgekommen..." (StZ, Printausgabe vom 03.05.2011) Erstaunlich.

 

Anmerkungen:

* Nachdem von Bayern aus eine grün-rote Planwirtschaft in Baden-Württemberg ausgerufen wurde, wurde der zweite Teil der Überschrift nicht mehr Schwarz-Gelb-gemäß plagiatiert, sondern kurzerhand von Jörg Adrees Eltens gleichnamigem Buch enteignet:

/zeitschriftenartikel/zeitgeschehen/zeitgeschehen-einzel.html?no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=59&tx_ttnews[backPid]=41&cHash=4c57aa78c298ae988a3561f30f59d166

** Wie ungerecht dieses Wahlsystem immer noch ist und wie sehr es die Starken bevorzugt und die Schwachen benachteiligt, zeigt sich in den unterschiedlichen prozentualen Anteilen der Parteien an Stimmen und Parlamentssitzen (Tabelle leider von FREITAG zerstört):

 

Partei         Stimmanteil %            Sitze (absolut)                   Sitzanteil %

CDU             39,00%                              60                                   43,47 (+ 4,47)

Grüne        24,20%                               36                                    26,08 (+1,88)

SPD            23,1                                      35                                    25,36 (+2,26)

FDP            5,3                                         7                                      3,84 (-1,5)

                  91,6                                                                               98,71

Hoffentlich korrekt errechnet aus den amtlichen Zahlen:

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.landtagswahl-2011-amtliches-endergebnis-mitgeteilt.a6ae0a97-cf75-4589-ac91-6b23624e548a.html

 

(1) www.stuttgarter-zeitung.de/landtagswahl/ergebnisse

(2) www.zeit.de/politik/deutschland/2011-03/landtagswahl-baden-wuerttemberg-machtwechsel

(3) www.welt.de/politik/deutschland/article13308056/Seehofer-beendet-Zusammenarbeit-mit-Baden-Wuerttemberg.html

(4) de.wikipedia.org/wiki/L%C3%A4nderfinanzausgleich

(5) de.wikipedia.org/wiki/FlowTex

www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2001/12/19/a0100

(6) www.welt.de/politik/deutschland/article13310117/Rotzfrech-Streit-zwischen-CDU-und-CSU-eskaliert.html

(7)www.swr.de/swr2/musik/-/id=661124/did=7942674/pv=mplayer/vv=popup/nid=661124/4in0f8/index.html

(8) 21einundzwanzig.de/558/die-erosion-des-konservativen

(9) www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.opfer-des-polizeieinsatzes-schatten-im-blick.3c00775f-ffbd-46df-a329-4baa0ddda2a8.html

(10) www.pz-news.de/Home/Nachrichten/Suedwest/arid,259827_puid,1_pageid,26.html

 

Teil 2 folgt

[Überarbeitet am 03.05.2011, 12:48]

 
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Kommentare
hardob schrieb am 03.05.2011 um 10:01
Bayern ./. Baden Württemberg: Die Geburt einer ganz wunderbaren Erbfeindschaft, gegenseitige Gebietsansprüche nicht ausgeschlossen. Vielleicht erleben wir die Renaissance der Wehrpflicht in der vergangenen Südschiene.

Ich werde schon mal vorgriffs- und vorsichtshalber Mitglied der 5. Kolonne, Angeboten dazu aus B-W vor- und vollfreudig und erwartungsfroh entgegensehend.
seriousguy47 schrieb am 03.05.2011 um 12:19
Hallo hardob,
im Gegensatz zur CDU-CSU-"Schiene", die ja eher eine gelegentliche gemeinsame Protzwettbewerb-, Sauf- und Wahlkampftour im überalterten Rumpelbus war, gibt es ja längst eine stille demokratische Südschiene, die als unbeachtete Nebenstrecke bislang zwar eher im gemeinsamen stillen Leiden an der Unveränderbarkeit der Verhältnisse bestand, aber dennoch funktioniert(e). Sie verbindet Stuttgart wohl auch eher mit Nürnberg als mit dem "römisch-dekadenten" München - um es mal mit Westerwelle zu formulieren.

Und was das jüngste Gegröhle aus der CSU-Zentrale betrifft, so hat Baden-Württemberg am Fall des Haudrauf-Mappus ja gezeigt, dass Manches sich langfristig von selbst erledigt, wenn man es nur läßt. Konkret: ich selbst hatte nach Weihnachten immer wieder Themen, über die sich zu schreiben gelohnt hätte. Ich habe es aber meist gelassen, weil es mir so komplett sinnlos erschien. Ich hatte das Gefühl, Mappus habe am 30.9.2010 eine Saat gesät, die man nur noch aufgehen lassen konnte, an der man aber nach Geißler nichts mehr verstärken oder beschleunigen konnte. Man konnte nur abwarten, was da wachsen würde.

Ähnliches hatte ich schon bei meinem Chef erlebt: sabald man aufhörte, sein Mobben zu bekämpfen, begann er, sich selbst zu erledigen. Ich schätze, darauf kann man jetzt in Bayern auch hoffen. Wenn erst einmal ein Punkt erreicht ist, wo so viel Dämlichkeit offenbar wird, wie jetzt (Guttenberg nicht zu vergessen), kann das Ende der CSU-Herrschaft nicht mehr weit sein - obwohl man da natürlich keine Gewissheit haben kann.

Ausserdem kommt den Bayern ja das Verdienst zu, bei der letzten Landtagswahl als erste das Undenkbare denkbar gemacht zu haben....

Kurz: 5. Kolonne ist höchst angebracht;)
hardob schrieb am 03.05.2011 um 19:48
ich selbst hatte (...) immer wieder Themen, über die sich zu schreiben gelohnt hätte. Ich habe es aber meist gelassen, weil es mir so komplett sinnlos erschien.

Geht mir eben oder gerade genau so.

Und was München betrifft, da habe ich ganz eigene Erlebnisse und weiß, neben dem "dekadenten Staatskanzlei-München" gibt es dort auch eine ganz lebendige Stadt. Ich mein, der Dobrindt, der heißt schon so, wie er sich äußert, so dobbio - rindsmäßig, womit ich den Rindviechern nichts nachsagen will. Nicht einmal die haben einen solchen Generalsekräter verdient.

Apropos 5. Kolonne. Wie ist denn eigentlich das Sabotagepotential der höheren und mittleren Ministerialbürokratie in des Ländles Machtzentren einzuschätzen. Ich denk, da werden viele, - und auch manche Vorzimmerdamen -, schwer zu kauen haben, dass jetzt die Anderen dran gekommen sind. Da liegt es immer nahe, ein paar illoyale Geschäftle zu machen. Ich bin gespannt. Und hab eigentlich die Ruhe weg. Seh' mer mal, dann schau' mer schon.
seriousguy47 schrieb am 03.05.2011 um 20:10
"...das Sabotagepotential der höheren und mittleren Ministerialbürokratie..."

Die StZ sieht das relativ entspannt - was immer man daraus schließen mag. Was mich selbst betrifft, so trage ich mich ein bisschen mit dem Gedanken, mich an einer eventuellen Kehrwoche zu beteiligen. Hätte da z.B. einen höheren Beamten, der zunächst nach einem unverbindlichen Telephonat einen gestellten Antrag fetstellte und auch flugs genehmigte. Nach korrektem Widerspruch focht er die Sache bis zum VGH Mannheim durch und log dann uneidlich, dass sich die Balken bogen, womit er das Gericht prompt überzeugte. Dass er dabei genau wusste, was er tat und worum es ging, könnte man aus dem Umstand schließen, dass er vor der Verhandlung auf dem Klo so laustark schiss, dass fast die Schüssel krachte.... Überliefert ist von ihm auch die Ankündigung eines Rechtsverstoßes verbunden mit dem Kommentar: Sie können dann gern den ganzen Instanzenweg herauf und herunter prozessieren."
Da hätte ich z.B.schon ein gewisses Hygienbedürfnis.....

Aber natürlich muss man auch davon ausgehen, dass es in jeder Verwaltung Leute gibt, die das herrschende System mit all seinen willigen Helfern eher erleiden als genießen. Vielleicht sprießt da ja aus manch verdorrter Wurzel noch neues Grün - oder Rot. Für die Lehrerschaft gilt das allemal. Und man sollte auch nicht vergessen, dass der Widerstand in Stuttgart ja auch deshalb so erfolgreich sein konnte, weil aus der Verwaltung immer wieder etwas durchgestochen wurde.

Schaun mer mal.

"München"

Also ich hatte da durchaus auch schöne Zeiten, als es noch weniger Schicki-Micki, und dafür mehr Fredl Fesl live gab. Meine Bemerkung bezog sich auch nur auf den allzu großmäuligen Teil der Stadt....
seriousguy47
Nicht so wichtig.
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Logbuch
10:45
oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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dame.von.welt hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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gerhard monsees hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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