seriousguy47

Blog von seriousguy47

20.11.2011 | 20:42

Klassik-Tipps: Die Pianistin Janina Fialkowska

SPIEGEL-Leser wissen mehr, hieß es zu recht, bevor Stefan Aust sich daran machte, das Magazin zu einem neoliberalen Lifestyle-Blättchen für Herrenreiter umzuformen. Dass der ehemals zutreffende Slogan inzwischen nicht nur in S21-Angelegenheiten eher auf Internet-User zutrifft, bestätigt sich wieder einmal an einem politisch ganz unverdächtigen SPIEGEL Online Beitrag vom 19.11.2011 zu aktuellen Liszt-CDs von zwei „mutige[n] Pianistinnen“, in dem Werner Theurich neue Einspielungen von Janina Fialkowska und Ragna Schirmer lobend bespricht.

www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,798603,00.html

So lobenswert auch solche Besprechungen sind, wäre es insbesondere im Fall Fialkowska aber doch auch hilfreich gewesen, wenn man, neben den Hinweisen auf die neuen CDs auch Tipps bekommen hätte, wo man die PianistInnen mal probehören könnte. Die 1951 geborenen Kanadierin Janina Fialkowska (Eltern stammen aus Polen und Kanada) debütierte, laut SPIEGEL, nämlich erst 2010 in Deutschland , so dass ich selbst vermutlich nicht der einzige bin, der den Namen zum ersten Mal hört. Wer – außer Kennern - weiß denn z.B., dass diese Pianistin von Arthur Rubinstein gefördert wurde?

Auch bekommt das Wörtchen „mutig“ einen ganz besonderen Klang, wenn man jenseits des SPIEGEL-Beitrags aus bei YouTube eingestellten Interviews mit Fialkowska erfährt, dass bei ihr 2002 nach Entdeckung eines ca. 12 großen Sarkoms am linken Arm auch ein für ihr Klavierspiel zentraler Muskel entfernt und ersetzt werden musste. Vor diesem Hintergrund liest sich dann nicht nur Theurichs Urteil über “die polnischen Lieder, die man sich natürlicher und sinnlicher als unter Fialkowskas feinmechanischer Genauigkeit kaum vorstellen kann“ganz anders - aber nicht irgendeines Mitleids wegen, sondern weil man es einfach nicht glauben mag, dass solches Talent sich nach so einem Schlag nicht nur wiedergewinnen, sondern – so in etwa Fialkowski selbst – ganz neu entwickeln kann.

So gehört Fialkowskas Geschichte, wie sie in Musik und Interviews im Netz dokumentiert ist, nicht nur in den Bereich „Musik“, sondern gleichermaßen zu jenen neurowissenschaftlichen Mut- und Hoffnungsmachern, wie sie neulich unter dem Titel „Neustart im Kopf“ bei ARTE zu sehen waren. Die Beschäftigung mit der Pianisten lädt ein, den Horizont zu erweitern, zu hören, zu staunen, Mut, Hoffnung und Kraft zu gewinnen.

Das wiederum spricht dann allerdings doch wieder für das Verschweigen solcher Links. Ich selbst weiß z.B. nicht, was erlaubt und was unerlaubt bei YouTube eingestellt wird. Damit läuft man Gefahr, durch solche Tipps dafür zu sorgen, dass die Sachen – und damit aller Kollateralnutzen – via IMs der Schallplattenindustrie wieder aus dem Internet verschwinden und der Tipp schadet, anstatt zu nützen - zumindest solange, bis GEMA und Schallplattenindustrie sich mal die Mühe machen, sine ira et studio – bzw. ohne Tunnelblick für Profitinteressen - darüber nachzudenken, was man notwendigerweise sperren sollte und was lieber nicht. Weil so eine Sperrung nämlich womöglich den eigenen Interessen, vor allem aber den Interessen der Künstler am Ende eher schadet. In der kurzen Zeit, in der ich das Klassikangebot bei YouTube zu sichten versucht habe, gewann ich jedenfalls manchmal doch den Eindruck, dass die Grenzen zwischen Bürokratie und Blödheit bei einzelnen Sperr-Aktionen nicht immer genau zu erkennen sind....

Damit soll es sich mit der Einführung nun aber haben und das Probehören mit einem SPIEGEL-Zitat als weiterem Appetitmacher beginnen:

Fialkowska beweist in diesem CD-Recital ihr subtiles Können schon mit Liszts "Valse caprice No. 6", einem Horowitz-Paradestück, das sie mit geradezu aufreizender Delikatesse und Leichtigkeit spielt, ohne sich von der technischen Brillanz des Wunderwalzers zu sehr in die Pflicht nehmen zu lassen. Distanziert, aber anmutig und klar zupft sie dies Stück Salonzauber in Form, wobei es unter ihren Händen verschämt aufblüht. An Technik denkt man dabei zu keiner Sekunde, das hat sie dem manuell sicherlich potenteren Horowitz voraus. Ähnlich selbstverständlich sprechen die polnischen Lieder, die man sich natürlicher und sinnlicher als unter Fialkowskas feinmechanischer Genauigkeit kaum vorstellen kann: pure Piano-Lust.“

Bei YouTube gibt es diese CD natürlich nicht (?), aber ich habe auf die Schnelle eine relativ frühe (1977) Interpretation der Lisztsonate in h-moll gefunden.

www.youtube.com/watch?v=JJxnqtN9s8Q&;;feature=BFa&list=PL62DAED09B7B7A372&lf=results_video

www.youtube.com/watch?v=22RjOJVeVHI&;;feature=BFa&list=PL62DAED09B7B7A372&lf=results_video

www.youtube.com/watch?v=qAGCAzm0m7w&;;feature=BFa&list=PL62DAED09B7B7A372&lf=results_video

 www.youtube.com/watch?v=bbE87N80OYY&;;feature=BFa&list=PL62DAED09B7B7A372&lf=results_video

Auch Chopins Klavierkonzert Nr. 1 kann man, und zwar in einer außergewöhnlichen Einspielung für Klavier und Streichquintett, hören, in der das Klavier besonders stark zur Geltung kommt. In dieser Besetzung soll es – laut Fialkowska - auch von Chopin selbst uraufgeführt worden sein:

www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&;;v=uD0bF4WEM3E

Als Zuckerl obendrauf habe ich schließlich noch Moszkowskis Klavierkonzert in E-Dur Op. 59 als Hörversion in einer Einspielung mit Fialkowska gefunden:

www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&;;v=Q0jz9mQaxf0

www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&;v=FYi2MzWDAkQ

www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&;;list=UL7vlVNM9OpPs&v=7vlVNM9OpPs

www.youtube.com/watch?v=nma3JVPpGl0&;;feature=related

 www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&;;list=ULJ3JLODc2d_s&v=J3JLODc2d_s

Porträts und Interviews gibt es auf YouTube mehrere. Dort gibt es auch genauere Angaben zur Krebsoperation und ihren Auswirkungen. Ansehen lohnt sich aber auch aus ganz anderen Gründen: die Frau spielt hier (2010) z.B. Chopin geradezu als Traum.

www.youtube.com/watch?v=foWNvkEZbmE&;;feature

Noch mehr Informationen, Einsichten und Mutmacher gibt es in einem Gespräch mit Keith Horner (2009) – diesmal allerdings ohne Musik:

www.youtube.com/watch?v=mbKKm1rHrA8&;;feature=mfu_in_order&list=UL

www.youtube.com/watch?v=DCGq8wD9CnM&;;feature=mfu_in_order&list=UL

www.youtube.com/watch?v=9MfF6D-7r7U&;;feature=mfu_in_order&list=UL

Schließlich gibt es bei WGBH Boston nochmals 45 Minuten Interview plus Musik von Ravel und Chopin (u.a. Scherzo Nr. 1). Kernsatz hier: „Miracles happen“:

www.wgbh.org/programs/-276/episodes/From-Our-Studios-Pianist-Janina-Fialkowska-3912

Der BR führte am 12.09.2011 dagegen ein relativ nichtssagendes Interview mit Fialkowska auf deutsch: 

bit.ly/thJNPd

oder:

cdn-storage.br.de/mir-live/bw1XsLzS/bLQH/bLOliLioMXZhiKT1/uLoXb69zbX06/MUJIuUOVBwQIb71S/iw11MXTPbXPS/_2rc_K1S/_-QS/_-rc_Abg/110912_1615_Leporello_Gespraech-mit-der-Pianistin-Janina-Fialkows.mp3

Und, last but not least, muss natürlich auch noch der Wikipedia-Link her, diesmal habe ich den englischen Eintrag gewählt:

en.wikipedia.org/wiki/Janina_Fialkowska

Und dann vielleicht der Vollständigkeit halber noch dies:

www.youtube.com/watch?v=_g2kWmWK5gc&;;feature=related

 

 

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.11.2011 um 22:10
Lieber Seriousguy47,

vielen Dank für Ihre Tipps. Die Abende werden lang und ich hatte vor, mich demnächst mit neuen "Musikstoff" einzudecken. Da sind mir feine Kostproben mehr als willkommen.
Die Krankheitsgeschichte dieser Pianistin ist wirklich interessant. Neurologisch betrachtet, wäre es interessant zu erfahren, was sich da genau abgespielt hat; wie die Reha-Maßnahmen aussahen etc..

„SPIEGEL-Leser wissen mehr, hieß es zu recht, bevor Stefan Aust sich daran machte, das Magazin zu einem neoliberalen Lifestyle-Blättchen für Herrenreiter umzuformen.“

Na, na, na! Herr Aust hat ein Faible für die Pferdezucht. Das lässt darauf schließen, dass der Spiegel keine Hungerlöhne zahlt, und Aust mit Büchern, Drehbuchbuchadaptionen richtig gut dazu verdient hat.

Mit Verlaub für mich liegt das Glück der Erde auch auf dem Rücken der Pferde. Züchten, besitzen? Keine Sorge, daraus wird nichts!

Was das „Herrenreitertum“ allerdings anbelangt, da haben Sie natürlich recht. Betrachtet man Herrn Matussek einmal jenseits seiner Frömmeligkeit, worüber mir kein Urteil zusteht, dann schält sich da ein politisches Profil heraus, das mir auch nicht gefällt: Hinsetzen, Maulhalten, Ohren anlegen und dieses Gefasel vom Nationalstaat.

Anderseits fand ich es immer sympathisch, dass sich ausgerechnet der Spiegel diesen „Hofnarren“ gehalten hat. Da schreiben genug Journalisten, die dieses rückwärtsgewandte Geschrei sowohl übertönen als auch in die richtigen Rohre kanalisieren.

In der Tat, Spiegel-Leser wissen mehr. Neoliberalismus grassiert doch als Pandemie weltweit. Das können Sie dem Spiegel nicht allein anlasten. Diese Seuche hat alle Wirtschaftresorts von großen Zeitungen infiziert. Wer dagegen optiert hat, galt als "Auslaufmodell".
Dass ein FSchirrmacher hier in dFreitag karikiert wurde - ich erinnere an den Zeitunglesenden Marx – muss doch auch stellvertretend für andere Gazetten herhalten.

Salut
Ihre
HN

.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.11.2011 um 22:11
Frömmigkeit ist besser
seriousguy47 schrieb am 21.11.2011 um 09:36
Hinweis 21.11.2011, 10:35:

Bei Moszkowski fehlte ein Link. Ich habe ihn inzwischen nachgetragen.
Vaustein schrieb am 21.11.2011 um 15:05
Sehr interessanter Beitrag. Herzlichen Dank dafür.

Im "Gegenzug" gebe ich dafür einen Lesetipp, der zwar wenig mit Musik zu tun hat, dafür umso mehr mit den letzten Jahren der DDR und hier besonders mit dem "gehobenen Bürgertum" des untergehenden Staates in Dresden.

Autor Uwe Tellkamp. Titel: Der Turm.
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seriousguy47
Nicht so wichtig.
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Logbuch
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goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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