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Geistiges Ausrotzen geht schnell und erleichtert. Und Themen-Hopping macht die Sache noch angenehmer, bringt es doch Abwechslung. Und damit die Abwechslung nicht zu viel wird, hat man dann noch Ritual-Themen, die immer wieder – gerne auch zu feststehenden Zeitpunkten – abgehandelt werden.

Denken dagegen macht Mühe, kostet Zeit und kann – wenn es an einen Nerv geht – außerordentlich schmerzhaft sein. Insofern hat Reformunfähigkeit auch mit dem Tempo zu tun, in dem öffentliche Diskurse stattfinden – oder auch nicht. Denn schnelles Tempo lässt keine Suche oder Sorgfalt zu. In den Medien bedeutet dies zum einen, dass man gerne auf vorliegendes Material zurückgreift, das im Idealfall aktuell ist und unabhängig zustande gekommen. Zum andern aber dürfte es in der Regel auch bedeuten, dass man auf „bewährte“ Denkmuster zurückgreift, wobei es zunächst einmal gar nicht darauf ankommt, ob die denn tatsächlich passen. Das Gehirn greift einfach zu dem, was so gerade vorrätig ist und innerhalb dieses Vorrates am passendsten scheint. Denn, wie gesagt, Tempo ist gefragt.

Damit aber ist die vermeintliche Unabhängigkeit schon mal gegessen. Aber es ist noch brisanter. Denn, je öfter man mal schnell auf bewährte Denkmuster zurückgreift, desto mehr verfestigen sich diese und desto öfter wird dann wiederum in Zukunft darauf zurückgegriffen – sofern man damit bis dahin irgendwie durchgekommen ist. Und schon ist ein starres, sich selbst verfestigendes Schema oder Vorurteil oder eine schnelle Meinung usw. geboren. Und natürlich greift man auch zu Material, das den eigenen Denkmustern entgegenkommt. Man greift zu Medien und Blogs, die zu eigenen Denkmustern passen. Und schon werden individuelle Vorurteile zu gesellschaftlichen. Wählt man schließlich auch noch Parteien, die die eigenen Denkmuster bedienen, dann kann es schon mal zu Populismus – und am Ende Totalitarismus - kommen.

Verstärkt wird dieser Prozess noch dadurch, dass der oder das durch Aufmerksamkeit belohnt wird, was am schnellsten in der Öffentlichkeit ist. Also eher das tradierte Vor-Urteil als ein alternativer Lösungsvorschlag oder eine durchdachte Idee. Die brauchen Zeit und Anstrengung. Und die wiederum kosten in den traditionellen Medien Auflage und Geld.

Im Internet gibt es zumindest keine Aufmerksamkeit, wenn man zu lange nachdenkt und recherchiert. Und selbst wenn es manche doch tun und durch glückliche Umstände sogar wahrgenommen werden, laufen sie Gefahr, mit ihren Gedanken oder Lösungsvorschlägen beim Leser zu viel Zeit und Anstrengung zu beanspruchen,zu verstören oder zu schmerzen. Und die (vor-)schnellen und womöglich falschen Muster werden nun noch lieber in Anspruch genommen, während der „Störer“ diskriminiert oder wenigstens durch endgültige Missachtung bestraft wird.

Irgendwann ist dann in Gruppen oder in der Gesellschaft insgesamt ein quasi geschlossener Denkkreislauf entstanden, der nurmehr in sich selbst kreist und zu Korrekturen allenfalls noch durch eine schwere Krise oder den Zusammenbruch des Systems fähig ist. Und wenn auch diese Chance nicht genutzt wird, beginnt der Weg in die Eskalation bzw. Katastrophe.

Fukushima scheint hierzulande eher als Warnung und Chance genutzt worden zu sein. Die Finanzkrise nicht. Und Stuttgart 21 schon gar nicht. Weil dort aber bürgerlicher Widerstand die schnelle Flucht aus dem Problem und die Rückkehr in den verdrängenden Alltag blockiert, richten sich gegen ihn Aggressionen, Verleumdung, Desinformationskampagnen, politische und juristische Verfolgung – das ganze Waffenarsenal der militanten Status-Quo-Verteidiger eben, die sich in ihrer bequemen Denk- und Handlungsfaulheit nicht stören lassen wollen. Aus dieser Ecke der Denkfaulheit stammt auch der Begriff des „Wutbürgers“, und der hat innerhalb kürzester Zeit den oben geschilderten, sich selbst verstärkenden verhängnisvollen Vorurteils-Kreislauf durchlaufen. Der Kurs heißt hier, wie ich schon in früheren Beiträgen geschrieben habe, Katastrophe.

Insofern ist es ausgesprochen wichtig, dass die Unruhen in Großbritannien zumindest bei einigen mittlerweile zum Nachdenken und zum Abweichen von den bequemen und auch politisch gerne gepflegten Denkmustern geführt haben. Und mancher „Randalierer“ dort, würde sich, spräche er denn deutsch und würde die Vorgänge in Stuttgart verfolgen, dazu beglückwünschen, nicht in Stuttgart zu leben. Denn, was am 30.9.2010 polizeilich, und nach dem 20.6.2011 medienmäßig und juristisch abgelaufen ist, übersteigt die derzeitige Londoner „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ um ein Vielfaches, misst man die Reaktionen an den jeweiligen Vorkommnissen. Stuttgart ist dem Faschismus eben immer noch näher als London.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.