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Nach den Riots in Großbritannien ist zu hoffen, dass sich dort, anders als in Stuttgart, jetzt endlich ein aufgeklärter Diskurs durchsetzt und vor allem ENDLICH die Konsequenzen gezogen werden, die spätestens seit den Unruhen in Brixton 1981 überfällig sind:
„Lord Scarman said "complex political, social and economic factors" created a "disposition towards violent protest".
He found the disorders were not planned but a spontaneous outburst of built-up resentment sparked by particular incidents.
He found loss of confidence and mistrust in the police and their methods of policing. Liason arrangements between police, community and local authority had already collapsed before the disturbances......
The problems of racial disadvantage and inner-city decline were highlighted and a more concerted and co-ordinated approach to tackling them was seen as essential. …..
His warning was stark: "Urgent action" was needed to prevent racial disadvantage becoming an "endemic, ineradicable disease threatening the very survival of our society". ….
Some of Lord Scarman's reforms were implemented. The Police and Criminal Evidence Act 1984 set out the way police officers were to carry out their duties. It stated specific codes of practices for police procedures and established the rights of people detained by the police for a suspected crime or offence.
But the Commission for Racial Equality says his wider social and economic reforms were "seriously out of key" with the political tempo of the times.
Lord Scarman later acknowledged he could have been "more outspoken about the necessity of affirmative action to overcome racial disadvantage". [1] [Hervorhebungen von mir]
Anstatt sich aber damals um die soziale Lage in den ethnischen Ghettos zu kümmern, kümmerte man sich um die Taktik der Polizei, was zwar auch notwendig war, aber indirekt auf einen Umgang mit sozialen Problemen verweist, den der Londoner Soziologe Jeremy Gilbert auf taz online so beschreibt:
„Seit Mitte der 1970er gibt es einen graduellen Prozess der Kriminalisierung von Armut, der in erster Linie männliche afrokaribische Jugendliche anvisiert. Seit Thatcher sind davon allerdings auch weiße Jugendliche aus Arbeitermilieus betroffen.....1981 existierten antirassistische Organisationen, die die Belange der Randalierer politisch artikulieren konnten. Heute sind die Jugendlichen jedoch sowohl von den Traditionen der Arbeiterbewegung als auch von den offiziellen politischen Institutionen ausgeschlossen. Nur religiöse Gruppen interessieren sich noch für sie. So bleibt ihnen als einzige Möglichkeit, auf die Straße zu gehen oder unsichtbar zu bleiben. Es existiert kein öffentliches Bewusstsein darüber, wie weit entfernt von demokratischen Traditionen sie leben.“ [2]
Bei SPIEGEL Online ergänzt der britische Historiker Clive Bloom:
„Wir anderen haben zu lange in die falsche Richtung geschaut: auf die Milieus der Islamisten.....Wir haben nicht gemerkt, was in unserer Nachbarschaft passiert......Zunächst ist das Verbrechen innerhalb dieser Viertel eskaliert: Messerstechereien, Schießereien, Drogenhandel. Die Strukturen sind nach und nach zerbrochen, halbe Familien sitzen im Gefängnis, die Kinder lungern auf der Straße herum. Das ist das Ergebnis von 30 Jahren Vernachlässigung.“
Und zu den Riots selbst meint er: „Es ist Straßenkapitalismus - die Jugendlichen ahmen das nach, was die Banker am anderen Ende des Spektrums tun.“ [3]
Das klingt nun allerdings eher nach Verschlimmerung durch Ignorieren. Und wenn Privatschulbubi Cameron dann auch noch meint, den Familien der Randalierer staatliche Unterstützung bzw. das Anrecht auf eine Sozialwohnung entziehen zu müssen, dann fragt man sich schon, wie sozial verblödet dieser Mann und seine Kaste eigentlich sind – und wie lange die Liberaldemokraten das noch hinnehmen wollen. Denn das ist nun wirklich der sichere Weg zu noch mehr sozialer Not und noch mehr Gewalt. Dass da offenbar auch noch eine Online Petition eine Rolle spielt, die bis zum 12.8.2011 ca.160 000 Menschen unterschrieben haben sollen, macht die Sache eher noch schlimmer. Das ist keine rationale Politik mehr, das ist bestenfalls falsche Symbolpolitik, wenn nicht Populismus pur – und damit von faschistoiden Tendenzen nicht mehr allzu weit entfernt.[4]
Hier zeigt sich, dass nicht nur innerhalb der Ghetto-Milieus am unteren Ende, sondern auch in denen weiter oben der soziale und Werte-Zerfall fortgeschritten zu sein scheint – um dann wohl unten wieder als verstärkender negativer Lernprozess durch Nachahmung zu wirken. So jedenfalls scheint es Peter Osborne vom Daily Telegraph zu sehen. Er entdeckt in all dem Krisengeschwätz im Parlament einiges an Verlogenheit und Scheinheiligkeit und meint, man könne die Kriminalität auf der Straße nicht losgelöst von der moralischen Desintegration auf den oberen Ränge betrachten. „The last two decades have seen a terrifying decline in standards among the British governing elite. It has become acceptable for our politicians to lie and to cheat. An almost universal culture of selfishness and greed has grown up.“ Nicht nur die verwilderten Jugendlichen von Tottenham hätten vergessen, dass sie neben Rechten auch Pflichten hätten, sondern auch die verwilderten Reichen von Chelsea und Kensington, von denen die meisten genauso entwurzelt und vom Rest entfremdet lebten wie die Ghettokids.
Osborne erinnert an die Spesenbetrügereien von Abgeordneten und meint, beim Premierminister gäbe es keinerlei Anzeichen dafür, dass er verstanden habe, dass die Parlamentsdebatte zu den Riots geradezu „stank“. Angesichts seiner eigenen Verfehlungen in der causa Murdoch habe er gesagt, jeder verdiene eine zweite Chance. Für die randalierenden Jugendlichen gelte das nun aber plötzlich nicht mehr.
Diese Jugendlichen aber könnten zu ihrer Verteidigung allerdings dies vorbringen:
„....they are just following the example set by senior and respected figures in society. Let’s bear in mind that many of the youths in our inner cities have never been trained in decent values. All they have ever known is barbarism. Our politicians and bankers, in sharp contrast, tend to have been to good schools and universities and to have been given every opportunity in life.
Something has gone horribly wrong in Britain. If we are ever to confront the problems which have been exposed in the past week, it is essential to bear in mind that they do not only exist in inner-city housing estates.
The culture of greed and impunity we are witnessing on our TV screens stretches right up into corporate boardrooms and the Cabinet. It embraces the police and large parts of our media. It is not just its damaged youth, but Britain itself that needs a moral reformation.“[5]
Das ist ehrlicher Konservatismus und nicht das verlogene Lügen-Gesülze der Polit-Prostituierten kapitalistischer Gier. So nimmt es nicht Wunder, dass das, was Osborne schreibt, sich mühelos an das anfügen lässt, was weiter links in SPIEGEL und taz, oder im Independent zu lesen ist. Dort schreibt Janet Street-Porter einen Satz, der mich besonders freut, weil er ähnlich klingt wie einiges, das ich selbst weiter oben geschrieben habe. „In a crisis, those struggling to assert authority rapidly develop a common language“ und fährt dann fort: „We're told one section of Britain doesn't want to abide by the rules. They don't know the real meaning of respect, and they have no interest in shouldering responsibility. That might be true of many who took part in the casual violence and happy- go-lucky looting and arson, but we need to look closely at our own personal ethics before rushing to blame one age group or social class.“
Was sie damit meint folgt kurz darauf als Klartext, der ein gerne verdrängtes Phänomen in Großbritanniens „besseren“ Kreisen anspricht: ein durchaus verbreiteter Hang zu Exzessen, der sich bei denen, die unter günstigen sozialen Bedingungen aufwachsen „wieder auswächst“ bei anderen nicht.
„I find it a bit rich [hier wohl: absurd, lächerlich, sg] when Cameron and the London Mayor, Boris Johnson, blather [schwätzen, schwafeln, faseln etc., sg] about looters [Plünderer, sg], when they both belonged to the Bullingdon Club at Oxford University, where no evening was complete without a bit of pointless destruction [ein paar sinnlose Zerstörungen, sg]. Even Nick Clegg admits to setting fire to things as a youth.“
Manches allerdings wächst sich offenbar nur zu Doppelmoral und Scheinheiligkleit aus:
„Johnson's alleged marital infidelities [mutmaßliches Fremdgehen, sg] hardly make him the right person to pontificate [dozieren, sich über etwas auslassen, predigen, sg] about broken homes. As for antisocial behaviour, politicians and bankers are both guilty of diddling [Beschwindeln, Betrügen,sg] ]the taxpayer – and I didn't see many of them go to jail for nicking [klauen, abstauben, sg] a bottle of wine or a television set on expenses [über Spesenabrechnungen, sg]. Journalists can't be too self-righteous [selbstgerecht, sg] either, as the number of arrests in the phone-hacking scandal [Murdoch-Ahör-Skandal, sg] reaches 12, with more expected.“
Die Realität der Ghetto-Mentalität in den ganz üblen Verhältnissen schildert Street-Porter, das elitäre Wertegeschwätz aufgreifend, schließlich so:
„In broken families, or homes where mum is a teenager, respect is what you want from your mates[Kumpels, sg]. Respect is not something you naturally grew up with, learnt from a set of boundaries or rules imposed [auferlegt, sg] by your parents. To the young, respect is a way of making you feel important when you have very little and no support system at home.....some kids attack their mums if they are told what to do. They don't know any better. Kids know teachers aren't allowed to touch them. They can threaten to report to the social services anyone in authority who disciplines them – that's how far the balance of power has shifted [sich verschoben hat, sg]. The fact that kids, black and white, have adopted [übernommen, angenommen, sg] quasi-American slang, where the police are "feds" and pals are "bruvs" shows they regard life as a battle in which they are warriors. They have no high-minded cause but a complicated set of rules and regulations. Discipline exists within their peer group; it's just not the kind most of us understand.“
[6]
Damit schließt sich der Kreis zu der weiter oben eingeräumten völligen Unkenntnis der extrem auseinanderliegenden sozialen Gruppen übereinander. Und wenn dann noch eine Regierung aus privilegierten Privatschulbubis Jugendbetreuungs- und Förderungsprogramme zusammenstreichen möchte, dann möchte ich lieber nicht wissen, zu was das am Ende führen wird.
Aber offenbar haben einige Leute, die Zugang zum öffentlichen Gehör haben, diesmal wieder die Schrift an der Wand gesehen. Bleibt zu hoffen, dass ihre Stimmen am Ende nicht wieder, wie schon so oft in der britischen Nachkriegsgeschichte, ergebnislos verhallen.
[1] news.bbc.co.uk/2/hi/programmes/bbc_parliament/3631579.stm
en.wikipedia.org/wiki/Scarman_report
en.wikipedia.org/wiki/1981_Brixton_riot
news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/april/11/newsid_2523000/2523907.stm
news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/november/25/newsid_2546000/2546233.stm
www.woz.ch/artikel/rss/21032.html
www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/aug/09/tottenham-2011-brixton-1981
www.cilip.de/ausgabe/44/bunyan.htm
Videos:
www.youtube.com/watch?v=cCjZEZt3QKc&;feature=related
www.youtube.com/watch?v=fW6kY6HfAqk&;feature=related
www.youtube.com/watch?v=9CH5RLEZhXs&;feature=related
www.youtube.com/watch?v=4-hLc1_lVvk&;feature=related
www.youtube.com/watch?v=Wa9r25f1yWY&;feature=related
www.youtube.com/watch?v=fqDLg6GEfGg&;feature=related
www.youtube.com/watch?v=u7KN_67sQy8
www.youtube.com/watch?v=bnp9K4Dm_SM&;feature=related
Umfassender Blog zu den Riots 2011:
thewestlondoner.wordpress.com/
[2] taz.de/Soziologe-ueber-Armut-in-Grossbritannien/!76184/
[3] www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,779606,00.html
[4] bit.ly/ppDlKF
[5] tgr.ph/qedW7L
[6] ind.pn/qbehTL
Weitere deutschsprachige Artikel zum Thema:
www.jungewelt.de/2011/08-13/028.php
www.zeit.de/politik/2011-08/manchester-krawalle-armut/komplettansicht
www.zeit.de/wirtschaft/2011-08/grossbritannien-Wirtschaft/komplettansicht
Und hier schreibt Frank Schirrmacher zum Thema Konservatismus:
Zwei dazu gehörende Links zu englischen Beiträgen:
toryreformgroup.tumblr.com/post/8020653866/nik-darlington-charles-moore-might-be-right
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Danke für diese Beitrag, seroiousguy47.
Wenn man England und den deutschen Südwesten vergleicht, sind die Ähnlichkeiten frappierend, aber es sind andere Gruppen, man vergreift sich eben nach seinen Möglichkeiten... In London führt die Korruption der Menschlichkeit zu zerstörten Straßenzügen und einigen geplünderten Läden, zu geraubten Klamotten. In Baden-Württemberg führt die Korruption der Menschlichkeit zur Zerstörung des Herzens einer Stadt, des angeschlossen Bahnsystems und zur Plünderung der Stadt- und Staatskassen, zu geraubten Stadtflächen. In London sind es die Underdogs, in BaWü die in Nadelstreifen. Q. |
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@ Don Quijote
Hurra! Zwei Leser! Oder 3? Zum Kommentar: "In London sind es die Underdogs, in BaWü die in Nadelstreifen." Ich meine - in Übereinstimmung mit einigen kritischen Beobachtern/ Analytikern - , in London sind es beide, Underdogs UND Nadelstreifen. Der Unterschied zu Stuttgart besteht hauptsächlich darin, dass in S die Underdogs gemeinsam mit den Bürgern kämpfen, während in GB die Bürger - jedenfalls lt. ZO - ihren Wohlstand genießen und die Nadelstreifen machen lassen. Nur die Underdogs machen hin und wieder Rabbatz, weil sie günstige Anlässe offenbar dazu nutzen wollen, auch ein bisschen am Marken-Gottesdienst teilzuhaben. |
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>>>Hurra! Zwei Leser! Oder 3?
Unfug! Mindestens 4! (Und ich wette jeden müden Cent, den ich inne Tasche habe, dass hier ganz, ganz viele Interessierte mitlesen. Und nicht nur hier. Ich für meinen Teil bin froh und dankbar, dass es Menschen wie Sie gibt, die die Zeit aufbringen und die Fähigkeit haben, aktuelle Themen fundiert und belegbar, nachprüfbar und verständlich zu dokumentieren. Dank dafür.) Gruß Tom -------------------- Kein Projekt nirgends |
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@ Tom Bombadil
Nun, wie es doch irgendwo so schön heißt: "Es genügt nicht, keine Meinung zu haben, man muss auch unfähig sein, sie umzusetzen." Was die Meinung betrifft, so leide ich an einem Übermaß daran.......;) Gruß zurück! |
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Sehr gut seriousguy47,
hab '81, '91, '01 London gesehen und kommen seh'n..., hab' schon mal in nem anderem Blog geschrieben, bei den Zähnen die Die Kinder 1991 in den Arbeitervierteln hatten mochte ich die Schulen von innen gar nicht erst kennenlernen... LG |
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>=6, mindestens
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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