Wenn Pastor Gauck die politische Kanzel betritt, ist einer schon da: Landespfarrer Kretschmann. Und das ist historisch auch völlig korrekt. Die Katholen waren schließlich zuerst da. Und dass der schwäbische Landesoberpfarrer ein waschechter Kathole ist, wurde spätestens nach der Volksabstimmungs-Farce unübersehbar, als er ex cathedra und urbi et orbi verkündete, er halte „weitere Demonstrationen gegen das Bahnprojekt für überflüssig. Da das Demonstrationsrecht ein verfassungsmäßig geschütztes Grundrecht sei, könnten die Bürger es zwar nach eigenem Gutdünken wahrnehmen, sagte er der "Bild am Sonntag". "Da das Volk aber seinen Spruch über den Bahnhof gemacht hat, halte ich weitere Demonstrationen nicht für zielführend." Und sein Oberministrant Hermann aus der Bischofsstadt Rautaburg sekundierte untertänigst: "Wenn Sie sich an Recht und Gesetz halten, können Sie Tag und Nacht demonstrieren. Aber jeder sollte sich ernsthaft fragen, was das heute noch bringt." Amen.
www.welt.de/regionales/stuttgart/article13750460/Kretschmann-haelt-S21-Demos-fuer-ueberfluessig.html
Nun hatte allerdings Pastor Gauck ein Problem. Wenn schon die Katholen in Sachen S21 (und Neoliberalismus) denselben Untertanengeist predigen wie er, wie kann er dann einen auf Protestant machen? Richtig: Einfach mal wohlfeil und honigsüß die schwabadische „Bürgerkultur“ loben. „In diesem Land gefällt mir besonders die Bürgerkultur.“ Der 72-Jährige fügte hinzu: „Das ist das, wovon ich träume, dass wir das auch im Osten haben.“ Aber natürlich nur die richtige: „Die Bürgerproteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 wollte Gauck nach der Volksabstimmung nicht weiter bewerten. „Das Volk hat gesprochen. Da braucht Bürger Gauck nicht mehr zu sprechen.“
Oooooh, da staunte Landespfarrer Kretschmann aber und fand das wahnsinnig „imponierend“, wie der Brodeschdand die Kurve kriegte. Der war in Bürgerverarschung ja fast so gut wie er selbst. Ha, mir setzat halt immer uff di richtige Kandidada, das isch doch klar. „Er wird uns viele Anstöße und Anregungen geben“. Ha freile!
Ja, unser Landesoberpfarrer. Moses wollte er sein. Als Schmerzensmann gab er sich. Vom schwarzen OB-Kandidaten Turner wurde er gerade sozusagen zum Abraham erklärt, auf dessen Schoß er schon als Knabe sitzen durfte ...und er hat gar nicht gepisst! ….
www.zeit.de/2011/13/Kretschmann/komplettansicht
www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2012/02/heilige-maria-hilf/
Da ist es zum Versuch eines eigenen Evangeliums nicht mehr weit. Aber das schreibt man üblicherweise ja erst im Ruhestand. Oder lässt es (posthum) schreiben. Und so beschränkt Kretschmann sich einstweilen aufs Üben an vorhandenem Evangeliengut. Wie neulich bei seiner neoliberal-autoritären Umdeutung des Zachäus:
„KRETSCHMANN: Sie spielen auf meine Fastenpredigt an. An der habe ich selber viele Stunden gearbeitet. Da gehen einem sofort Lichter auf.
Inwiefern?
KRETSCHMANN: Ich habe über die Zachäus-Geschichte geredet: Zachäus ist auf den Baum geklettert, weil er Jesus sehen wollte. Das war auch gewitzt von ihm: Er wurde gesehen und wahrgenommen. Das gehört ja auch zu meiner Politik: Ich rede zunächst mit den Bürgern, die sich bemerkbar machen. Da kam mir: Was ist eigentlich mit denen, die nicht auf die Bäume steigen, die schüchtern sind, die andere Probleme haben und vielleicht gar nicht den Bildungshintergrund, sich qualifiziert einzumischen? Die sind ja nicht unwichtiger, nur weil sie still sind. Wie können wir die Stillen mehr beteiligen? Sie sehen: Es ist wichtig, dass man auch kreative Phasen in diesen hektischen, einen ganz in Anspruch nehmenden Alltag einbaut.“
Hoppla, dachte ich. Mal abgesehen davon, dass Kretschmann sich hier quasi auf Augenhöhe mit Jesus höchstselbst begibt („ Das gehört ja auch zu meiner Politik“), will dieses Kretschmann-Evangelium so gar nicht zu dem Original des Jesus von Nazareth passen. Zachäus als Aufmerksamkeit heischender Parkschützer, der sich auf Kosten der wirklich Bedürftigen in den Vordergrund brüllt und so die wohlwollende Aufmerksamkeit der Obrigkeit auf sich zieht? Das konnte nicht stimmen. Und stimmt denn auch nicht. Vielmehr gingen dem Kretschmann wieder einmal Irrlichter auf und es zeigte sich wieder ganz jener Kretschmann, der das Ergebnis der Volksabstimmung umlügt, ohne sich weiter um den Text der Abstimmungsvorlage und die Vorgaben der Landesverfassung zu scheren.
Neu ist allenfalls die Vermutung, dass diese Art des Umdeutens und Zurecht-Lügens auf Kretschmanns Zeit im katholischen Internat zurückgehen könnte. Denn es war damals und ist heute in den Kirchen nicht unüblich, sich Bibeltexte je nach persönlichem Gusto oder „ordnungspolitisch“ Erforderlichem zurecht zu deuten. Was der Text sagt, was die Seele dazu assoziiert, was die Bibelwissenschaft dazu herausgefunden hat ist wurscht. Die Bibel ist bloß ein Steinbruch, in dem man sich nützlich Scheinendes heraussucht und zurecht klopft. Und wenn die Bibel nichts rechtes hergibt, dann schweift man hinaus in Kunst, Musik und Literatur, die dabei vom Religionsersatz zum Bibel-Wurmfortsatz mutieren.
Heraus kommt dabei zwar nicht unbedingt, was der Bibeltext meinen könnte. Aber es kann schon mal sicht- und hörbar werden, was der Prediger predigen möchte. Bei Kretschmann wird die Bibel zur Waffe gegen den Stuttgarter Widerstand. Und aus der Ferne grüßt Pfarrer Bräuchle, dem solches sicherlich ein Wohlgefallen ist.
Und das Beispiel zeigt auch, wie wenig nötig ist, um aus dem Opium fürs Volk hetzerisches Gift zu machen. Es ist nur eine winzige Ergänzung des Originals nötig: „Das war auch gewitzt von ihm: Er wurde gesehen und wahrgenommen.“ So wird aus sehen wollen, „gesehen und wahrgenommen werden wollen“. Aus verschämtem Außenseitertum wird egomanisch „gewitztes“ Drängen in den Vordergrund. Die ständig Weggedrängten werden zu Dränglern umgelogen. Die lauten Drängler, Bestecher, Erpresser, Täuscher auf den dauergemieteten Logenplätzen werden zu angeblich Übersehenen erklärt. Aus der Gnade des Wahrgenommenwerdens und der Gewährung von Zuwendung an einen gesellschaftlich Gächteten wird das wohlkalkulierte Ergebnis lobbyistischen Kampfes um Privilegien gemacht. Und das „Wunder der Liebe“, zu dem es am Ende kommt, weil eben das nicht Erwartete passiert und die eingefahrenen neuronalen Bahnen in ihrem gewohnten Ablaufmuster stört, fällt vollkommen unter den Tisch. Und damit auch die „frohe Botschaft“ von der verändernden Macht der Liebe oder, säkular formuliert, einer Art paradoxer Intervention *. Die herrschenden, ungerechten Verhältnisse werden als gerecht gepriesen und geheiligt.
Ganz anderes scheint man üblicherweise in der unverfälshten Geschichte zu sehen, nämlich etwas, worauf sich die "Sehnsucht nach dem ganz anderen" (Horkheimer) richtet :
„Diese Episode veranschaulicht einen Grundzug der Verkündigung Jesu, der sich gerade den damals in Israel verachteten Gruppen zuwandte. „Zöllner“ wurden von den Römern eingesetzt, um Tribute und Abgaben von der jüdischen Bevölkerung einzutreiben. Sie waren als Kollaborateure mit der Besatzungsmacht verhasst und wurden gesellschaftlich isoliert. Sie bestritten ihren eigenen Lebensunterhalt oft durch überhöhte Forderungen und Unterschlagung, um so einen bescheidenen Wohlstand - der damals jedoch weit über dem Durchschnittseinkommen lag und insofern als „Reichtum“ galt - zu erlangen. Dies wiederum verstärkte die Ablehnung im Volk, die sie erfuhren. Auch in religiöser Hinsicht galten sie als „Sünder“, die mit Raub und Beihilfe zum Raub die überlieferte Tora übertraten und sich am Volk Gottes vergingen.
…....
Die Einkehr bei Zachäus zeigt, wie Jesus die „Sünder“ berief: indem er ihre Isolation durchbrach und ihnen als ihr Gast Gottes Gegenwart schenkte.
Der Konflikt zwischen Arm und Reich, den gerade der Evangelist Lukas hervorhebt, wird durch die unerwartete Begegnung zwischen dem Messias der Armen und dem Vertreter der reichen jüdischen Oberschicht, die von der Ausbeutung der armen Mitjuden lebte, überwunden: Der Reiche gibt freiwillig sein geraubtes Gut zurück. Daraufhin nimmt Jesu Heilszusage ihn wieder in das Volk Gottes auf. Damit erfüllte er seine Sendung zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 10,5 EU)“
de.wikipedia.org/wiki/Zach%C3%A4us
Und so liest sich der Kern der Geschichte denn auch im Original deutlich anders als Kretschmanns neoliberal-autoritäre Verfälschung:
„Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“**
Nur wenig später folgt bei Lukas übrigens eine Stelle, die Kretschmann und den Barbaren des Kapital zu denken geben sollte:
„Als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen. Es wird eine Zeit für dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. Sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein auf dem andern lassen; denn du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt. Dann ging er in den Tempel und begann, die Händler hinauszutreiben. Er sagte zu ihnen: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.“
www.bibleserver.com/index.php?ref=Lk19%2C1-10&;;trl_desig=EU&language=de&gw=go
Wie heißt es doch in den Lamentationes Jeremiae, die gerde wieder Saison haben: „Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum.“***
www.youtube.com/watch?v=qIavER7OqC0
Wie wäre es zur Abwechslung mal damit, Herr Kretschmann?
Ende der etwas anderen Fastenpredigt.
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* Zur ursprünglichen Definition:
de.wikipedia.org/wiki/Paradoxe_Intervention
** Die bei Lukas dann unmittelbar folgende Geschichte des „Wer hat, dem wird gegeben“ übergehe ich hier ausdrücklich, weil die einer gründlicheren Betrachtung bedürfte, will man sie nicht unhinterfragt als Kapitalismus-Parabel verstehen.
*** „Jerusalem, Jerusalem bekehre Dich zu Gott, deinem Herrn.“