seriousguy47

Blog von seriousguy47

10.07.2011 | 18:02

S21: Vertreibung aus dem Paradies

Reden wir mal von Lamu, einer Insel vor der Küste Kenias und Weltkulturerbe mit tausendjähriger Geschichte als Handelsort, wo afrikanische, arabische und indische Einflüsse miteinander verschmolzen, und mit der ein oberflächlicher, flüchtiger touristischer Blick die Qualifikation „paradiesisch“ verbinden mag. Hemmingway entdeckte sie für sich, nach ihm kamen Hippies und schließlich Edeltouristen wie „Prügelprinz“ Ernst August. „Noch eine Insel der Individualisten, entwickelt sich Lamu immer mehr zum Sandkasten für Investoren.“

www.welt.de/reise/article6302113/Lamu-der-Haeuserboom-im-teuersten-Dorf-Afrikas.html

www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,608444,00.html

www.swr.de/schaetze-der-welt/lamu/-/id=5355190/nid=5355190/did=5982732/mpdid=5982728/8mr1be/index.html

www.zeit.de/1986/12/muesli-auf-lamu/komplettansicht

Die Schlange „Gier“ ist also schon da. Sie muss ihre Wirkung nur noch entfalten. Und was ich am 9. Juli 2011 beim Heimweg von der Großkundgebung in Stuttgart im SWR hörte, spricht dafür, dass das bald der Fall sein wird: Es soll dort nämlich

„einer der größten Transporthäfen Afrikas entstehen. Über die Finanzierung wird mit den Chinesen verhandelt, die von dort aus Öl aus dem Sudan verschiffen wollen.....Etwa 10 Milliarden Euro soll das Projekt kosten - als Geldgeber sind die Chinesen im Gespräch. Sie sollen angeblich auch die Pipeline bauen. China ist der Hauptabnehmer sudanesischen Öls ….Das Konzept sieht außer einer Pipeline auch eine Bahnstrecke bis zum Hafen vor. Außerdem soll in unmittelbarer Nähe auf dem Festland ein Internationaler Flughafen gebaut werden..."Es gibt kein Zurück mehr. Es müssen nur noch wenige Dinge geklärt werden, bevor das Projekt endgültig startet."Für den Politiker zählt vor allem die Wirtschaft. Das Leben auf Lamu sieht er nicht dadurch beeinträchtigt, dass vor der Insel dann dicke Öltanker hin- und herschippern.“

 www.dradio.de/dkultur/sendungen/weltzeit/1494157/

www.dradio.de/aodflash/player.php?station=3&;;;;broadcast=348698&datum=20110705&/

Dem Paradies also steht ein Großprojekt bevor, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Alte Denke steckt dahinter. Ob die Insel anderes sein könnte, wird gar nicht erst gefragt. Land und Menschen, und deren Bedürfnisse spielen keine Rolle. Es zählen die Bedürfnisse und die „Ästhetik“ des Kapitals, denen sich alles andere unterzuordnen hat. Arbeitsplätze werden versprochen. Wohlstand. Die Schlange weiß, was gehört werden will. Vielleicht wird das so kommen. Vielleicht auch nicht. Kommen wird Umweltverschmutzung, internationales Lumpenproletariat, Prostitution, Krankheiten, Drogen und Entwurzelung. Und einiges davon wird bleiben, wenn das Öl – in absehbarer Zeit – versiegt sein wird.

Lassen wir einmal die Abwägung von Für und Wider. Die gehört vor Ort diskutiert. Lassen wir einmal die falsche Gleichsetzung von Paradies, „guten Wilden“ und Schlaraffenland.*) Oder das Übersehen des Unterschieds zwischen Touristenparadies und Einheimischen-Elend. Was mir persönlich in diesem Moment auffiel, waren natürlich eher die Gemeinsamkeiten zu dem, was ich gerade im Schlossgarten gesehen hatte und was die herrschende Kaste auch hier weder sehen noch in Rechnung stellen will: „paradiesische“ Zustände, die ebenfalls ihrer Zerstörung harren. „Paradies“ hier meint: auf schattigem Rasen lagernde oder spielende Menschen, in Springbrunnen planschende Kinder, buntes, pralles Leben im Zentrum der Stadt. Da, wo in Zukunft heiße, unwirtliche, wenngleich begrünte, Ödnis herrschen soll, die „Ästhetik“ von Geldgier und Größenwahn. Das, was Männer ohne sonstige Eigenschaften eben so in der stickigen Luft über ihren Schreibtischen oder Stammtischen so ausbrüten.....

Genau diese Verbindung, der räuberische Übergriff des politikgestützten Kapitals in das Leben und die Umwelt der Menschen weltweit, fehlte in dem Rundfunkbeitrag. Der Verzicht auf Vernetzung im Denken, die isolierte Betrachtung gleicher Mechanismen, das Ausspielen des größeren gegen das kleinere Elend, das ist ideologische Absicherung solcher Übergriffe gegen Erkenntnis und gegen die Vernetzung der Betroffenen zum gemeinsamen Kampf.

Lamu ist nur ein kleines Beispiel für das Fortschreiten kapitalistischen Räubertums weltweit. Ein anderes, geographisch näheres Beispiel für die Spur der Verwüstung, die das Kapital dabei hinterlässt, fand ich am Abend zuhause in der Wiener Zeitung online: „Stuttgart 21 auf Norditalienisch“. Im Susa-Tal nahe Turin

riecht es... nach Stuttgart 21. Auch hier soll eine neue Trasse der Bahn bessere Anbindungen, kürze Fahrzeiten und mehr ökonomische Effizienz verschaffen. Auch hier geht es um Investitionssummen in Höhe von hunderten Millionen Euro. Und auch hier eskaliert der ursprünglich friedliche Protest der Bürger und Anrainer in gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht....Die alteingesessenen und im Susa-Tal verwurzelten Trassengegner wie die Plattform "NO TAV" bekämpfen das Projekt …..schon, seit Italien und Frankreich vor 22 Jahren damit begannen, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Turin und Lyon zu planen. Mit dieser Strecke, auf der auch der französische Superschnellzug TGV verkehren soll, will man den transeuropäischen Bahnkorridor von Lissabon nach Kiew schließen. Dadurch würde sich etwa die Bahnfahrt zwischen Paris und Mailand von sieben auf vier Stunden verkürzen. Aus diesem Grund fördert auch die EU das insgesamt 15 Milliarden Euro schwere Projekt mit mehreren hundert Millionen.“

NO TAV zufolge wird dieses Projekt nicht gebraucht. Die bereits modernisierte Trasse durch das Tal ist nur zu 30 Prozent ausgelastet.

www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/europa/266273_Stuttgart-21-auf-Norditalienisch.html

Die Gemeinsamkeiten in der Sache selbst, wie auch die Linien der Argumentation springen einem förmlich ins Auge. Die Argumente der Gegner auch:

"Die Lokalbevölkerung wehrt sich gegen den Bau einer sinnlosen Infrastruktureinrichtung, die von Finanzlobbys betrieben wird ….. Der Staat werde 45 Milliarden Euro auftreiben müssen, um den Banken das Geld zurückzuzahlen, das für den Bau der Bahnstrecke zur Verfügung gestellt werde. "Sind wir wirklich bereit, 45 Milliarden Euro zu zahlen, damit englische Kekse schneller in unsere Supermärkte gelangen?", fragte Guerra. Er warnte vor der Zerstörung der Umwelt im Susa-Tal sowie vor der Freisetzung von Asbest und Uran bei den Grabungsarbeiten. ...“

 diepresse.com/home/panorama/welt/675278/BahnProteste-in-Italien_Regierung-fordert-harte-Strafen?_vl_backlink=/home/panorama/index.do

Die EU setzte Italien ein Ultimatum: Hätten die Bauarbeiten nicht am 30. Juni begonnen, hätte das Land 670 Millionen Euro an EU-Förderungen verloren. Als vor einer Woche die Arbeiter anrückten, musste ein Großaufgebot von 2000 Polizisten die Baustelle für den 52-Kilometer-Tunnel nach Frankreich räumen und mit Stacheldraht einzäunen...Der Guerillakrieg dauert zehn Stunden. ... Am Abend sieht die Bilanz ernüchternd aus: 188 verletzte Ordnungshüter, über 220 verletzte Demonstranten, einige schwer, vier werden verhaftet.“

derstandard.at/1308680382329/Ausschreitungen-Italien-Die-Val-di-Susa-wird-euer-Vietnam

Was im Susa-Tal bereits Gegenwart ist, könnte im Nesenbachtal Zukunft sein: physische Gewalt als letztes Mittel gegen strukturelle Gewalt, die jederzeit bereit ist, in direkte physische (Staats-)Gewalt umzuschlagen.Brasilien ist da noch weiter:

Im Amazonas-Gebiet sind in nur einem Monat sechs Umweltaktivisten und Landarbeiter brutal ermordet worden. Die Taten ähneln Hinrichtungen....Wer sich im brasilianischen Amazonas-Gebiet mit den Schergen der mächtigen Holzmafia anlegt, dessen Leben ist nur noch wenig wert. ...
Am 24. Mai begann eine Mordserie, die vor allem den Amazonas-Bundesstaat Pará betrifft, ein Gebiet, das für illegale Rodungen bekannt ist. Jüngstes Opfer ist der 31-jährige Obede Loyla Souza. Der dreifache Vater wurde nach Polizeiangaben am 9. Juni erschossen, seine Leiche erst Tage später gefunden.“

plattformbelomonte.blogspot.com/2011/06/mordserie-gegen-umweltschutzer-am.html  **)

Man soll sich nicht täuschen. Nicht nur die Sache, um die es geht, ist prinzipiell dieselbe. Auch die Gewalt, die zutage tritt ist dieselbe. Sie äußert sich nur in anderen moralischen, juristischen und staatlichen Kontexten anders. Und die können sich verschieben. Davon allein hängt es ab, ob die Fratze kapitalistischer Gewalt sich offener oder versteckter zeigt. Ein Spiel mit dem Feuer ist es an allen Schauplätzen, die Interessenkonflikte sind dieselben und ebenso der alleinige Herrschaftsanspruch des Kapitals.

Einen Unterschied zu Italien könnte man darin sehen, dass dort das System Berlusconi herrscht. Aber man sollte sich nicht täuschen. Medien können auf unterschiedliche Weise gleichgeschaltet werden. Und sie können sich auch selbst gleichschalten, wie dies beim Thema S21 immer deutlicher wird. Zuletzt beispielsweise bei der Tagesschau vom 9.7.2011. Was auf Besonderheiten in Baden-Württemberg verweist, wo es bei der CDU gerade ziemlich nach Berlusconisierung aussieht. Nachdem erst jüngst Christine Strobl Fernsehspielchefin beim SWR wurde, kandidiert nun ihr Gatte Thomas für den Parteivorsitz in Baden-Württemberg.

www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.aerger-beim-swr-bekannter-name-als-belastung.02a3beac-7dcb-4800-97eb-3d34b834bad9.html

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.mappus-nachfolge-thomas-strobl-kandidiert-fuer-cdu-landesparteivorsitz.1ee4a146-c983-4832-938f-f9849a2dc7b7.html

Vater bzw. Schwiegervater Wolfgang Schäuble sitzt bereits in Berlin in leitender Position. Dessen Bruder Thomas war schon einmal Verkehrsminister, Justizminister und Innenminister in BW und ist jung genug, um notfalls nochmal was werden zu können. Einstweilen sorgt er im Vorstand der Badischen Staatsbrauerei Rothaus dafür, dass der Alkoholspiegel nicht übermäßig absinkt. Und da Papa Karl, der Begründer dieser politischen Dynastie, kurz Abgeordneter im badischen Parlament war, sind schon mal gute Voraussetzungen für die Übernahme von Baden-Württemberg in den Familienbesitz vorhanden. Einstweilen darf man sich fragen, wer wie viel Einfluss auf die Berichterstattung des SWR ausübt.

de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Sch%C3%A4uble

Ein wesentlicher Unterschied zwischen S21 und weiter entfernten „Großprojekten“ besteht aber schon. Das international räubernde Kapital kann sich nämlich zu seiner Legitimation auf uns berufen: auf unserem Wunsch nach Öl, billigen Rohstoffen und billigen Produkten. Die Schlange Gier hat auch uns selbst längst im Griff. Und auch das hindert uns daran, international Solidarität zu üben und gemeinsam Widerstand zu leisten. Ohne unsere Beteiligung gibt es keine Vertreibung aus dem Paradies. Sagt schon die Bibel. Und das Kapital weiß, was da zu tun ist.

Ja, all sowas kann einem durch den Kopf gehen, wenn man nach der Demo nach Hause geht und dabei Radio hört.....

*) Während man die biblische Vertreibung aus dem Paradies als ein „göttliches“ oder der Evolution geschuldetes Ereignis der Bewusstwerdung des Menschen betrachten kann, die dazu führt, dass er nun nicht mehr integrierter Teil des Fressens und Gefressenwerdens ist, sondern sich diesem leidend entgegengestellt sieht, kommt mit dem „guten Wilden“ das Gefühl der Entfremdung von einer beherrschbaren, also nicht mehr prinzipiell bedrohlichen „Natur“ zum Ausdruck. Was schließlich in den oben geschilderten Beispielen als Vertreibung aus dem Paradies gemeint ist, ist kapitalistischer Gier geschuldet, die die bereits gebändigte und nunmehr als Wohltat empfundene Natur ihrer Logik und Herrschaft unterwerfen und damit dem Genuss durch alle entziehen will.

 

Update 12.07.2011, 01:43 Uhr:

**) www.zeit.de/politik/ausland/2011-07/brasilien-gesetz-rodung-urwald

 
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Kommentare
Don Quijote schrieb am 10.07.2011 um 18:42
Auch dies ist wieder ein hervorragender Beitrag von Dir.
Danke dafür!

Q.
ostello jaeger schrieb am 10.07.2011 um 20:09
...und ich habe das gefühl es ist gut, dass ich diesen artikel gelesen habe. obwohl, durch das lesen ist mir wieder mal bewusst geworden, wie gefühlt hilflos ich mich diesem zerstörerischen machtgebaren in nah und fern zzt ausgeliefert fühle. aber es macht mich wütend, und rundet meinen gesamteindruck ab, und dass wiederum ist sehr sinnvoll.
hg
S. Steinebach schrieb am 10.07.2011 um 20:15
So ist es , lieber Ostello, wir mögen uns zwar machtlos fühlen, aber es ist wichtig, sich den kritischen Blick zu bewahren. Zu schnell wird bedingungslos geschluckt - und sei es noch so absurd - was in den Medien verbreitet wird. Und wer noch wütend sein kann, ist nicht eigentlich hilflos. Nur nicht so spektakulär.
seriousguy47 schrieb am 10.07.2011 um 21:57
@ alle

Der gelegentliche Blick in die Ferne kann gut tun, den Horizont weiten und - im Idealfall, den ich gern ein bisschen öfter hätte - zu internationaler Solidarität führen. Er kann natürlich auch frustrierend sein, weil man sich da u.U. besonders hilflos fühlt.

Der Blick in die Nähe dagegen eröffnet viel mehr und viel schnellere Aktionen. Aber er ist auf Dauer anstrengend. Und in Stuttgart ist es deshalb gut, dass man feste Rituale und Termine hat, wo man immer wieder Kraft tanken kann. Ich habe z.B. das Gefühl, dass es den Menschen richtiggehend gut tut, am gemeinsamen Montagsritual teilzunehmen und sich auszutauschen.

Insofern kann man gerade an so Beispielen wie Stuttgart oder NO TAV - die sich ein bisschen austauschen - auch Mut gewinnen und sehen, dass etwas geht - selbst wenn offenbleibt, ob am Ende ein Erfolg steht. Man stärkt sich gegenseitig im Prozess, tauscht sich aus, rückversichert sich. Und immerhin haben wir ja - was selten genug vorkommt - einen (Wahl-)Erfolg gehabt.

Daneben gibt es die Unterstützung von Außen. Demnächst durch Hannes Wader und Konstantin Wecker. Und schließlich fördert es ganz schön den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn du plötzlich auf der Demo deinen Hausarzt triffst oder einen alten Klassenkameraden aus dem Internat.

Ich denke, die kritisch engagierten Menschen hierzulande haben lange Zeit den Fehler gemacht, sich zu einseitig auf die "großen" Themen und die internationale Bühne zu konzentrieren. Am meisten Änderung aber ist direkt vor der Haustür möglich - wenn der erste Schritt erst einmal getan ist.

Und das ist so ein persönlicher Frust einiger Leute hier: dass der Funke noch nicht in die Republik übergesprungen ist. Auch deshalb ist ein Erfolg in Stuttgart so wichtig. Er könnte bundesweit Türen aufstoßen. Auch deshalb kämpft die herrschende Clique so heftig für die Rettung dieses ebenso kriminellen wie sinnwidrigen Projektes.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.07.2011 um 00:02
Vielleicht steckt hinter der Ästhetik des herum vagabundierenden Kapitals ja nur der Wunsch mit Volldampf bloss nicht bei der nächsten wirklichen Pleite im Kopfbahnhof stecken zu bleiben? So eine Art von Angst vor Lawinen. Schön das Sie mal die internationalen Vergleiche bemüht haben. Die Pipelines aus dem süd-sudanesischen Juba nach Kenia sind sogar schon fertig. Daher auch die Ausrufung der Unabhängigkeit.
mcmac schrieb am 11.07.2011 um 01:10
Die Tagesschau www.tagesschau.de/multimedia/video/sendungsbeitrag119954_res-.html" target="_blank">
www.tagesschau.de/multimedia/video/sendungsbeitrag119954_res-.html">berichtete am Samstag in ihrer 20-Uhr-Sendung über die Stuttgarter Demonstration:

(falls der tag nicht funktioniert..)

www.tagesschau.de/multimedia/video/sendungsbeitrag119954_res-.html

Auf der Seite der Parkschützer wurde dazu heute ein Schreiben an die Redaktion der Tagesschau veröffentlicht:

"Sehr geehrte Damen und Herren,

Entschuldigen Sie, dass ich sofort mit der Tür ins Haus falle, aber: so geht das nicht! Dass Sie und der Rest der (deutschen) medialen Welt insgesamt den anhaltenden Protesten gegen S21 nicht besonders gewogen sind, dass Sie mit einer bestimmten Tendenz selektiv berichten, ist zwar ärgerlich, aber mag ja noch angehen. Wenn allerdings die Wirklichkeit derart verzerrt dargestellt wird, so dass daraus unter dem Strich eine subtile S21-Propaganda entsteht, wie nun geschehen, dann überschreiten Sie eine Grenze. Sie selbst beschädigen damit massiv und letztlich irreversibel Ihre eigene Glaubwürdigkeit.

Sie berichteten gestern Abend in Ihrer 20.00-Uhr-Tagesschau-Ausgabe über die Protestveranstaltung in Stuttgart gegen das Projekt S21. Der Beitrag gibt sich, oberflächlich betrachtet, möglichst objektiv: Alle Seiten kommen irgendwie mal zu Wort, Transparente werden gezeigt usw., usf. . Man berichtet über die Zahl der Demonstranten und darüber, dass es viel weniger als erwartet gewesen seien. Und dann bleibt der Beitrag genau darin stecken, indem er in dieser Richtung weiter insistiert, sich darin badet. Am Ende entsteht der Eindruck, dass eigentlich eine Mehrheit S21 will, während die Protestler, diese uneinsichtige Splittergruppe, in ihrer Verbohrtheit jedoch nur noch nerven.

Würde ich nicht wissen, was ich weiß, wäre meine Haltung nach solchem Bericht eindeutig: Auch ich hätte kein Verständnis für die Proteste. Der Wunsch keimte in mir hoch, dass man denen langsam mal den Bahnhof eingräbt, damit „die“ endlich Ruhe geben.

Wissen Sie, das ist eigentlich sogar ziemlich perfide, was Ihr Beitrag da suggeriert. Vor allem, wenn man in Betracht zieht, dass seit Tagen der bislang nur als Verdacht vorhandene Vorwurf an Hand von Originaldokumenten belegbar und bekannt ist, dass es hier um einen riesigen, strafwürdigen Betrug nach § 263 StGB geht. (Fragen Sie mal nach bei den Journalisten-Kollegen von „Spiegel“, „Stern“ und „Stuttgarter Zeitung“.) Egal wie man zu dem Projekt S21 steht (und als halbwegs vernünftiger Mensch am Beginn des 21. Jahrhunderts stehend kann man es nach eingehender Begutachtung eigentlich nur ablehnen), erreicht die Auseinandersetzung damit eine ganz neue Qualität und Dimension: Bundes-und Landesminister, ehemalige Ministerpräsidenten, Staatssekretäre und DB-Konzernvorstände haben sich verabredet (also vorsätzlich) und gemeinschaftlich Mandatsträger/innen und die Öffentlichkeit über die wahren Kosten des Projekts belogen. Mit dem Ziel, durch parlamentarische und öffentliche Zustimmung das Projekt zu legitimieren. Noch einmal und ganz deutlich: Dieses Projekt ist n a c h w e i s b a r illegal und illegitim! Es ist ein Betrugsfall, in dem die Staatsanwaltschaften tätig werden müssten. Dazu sind diese verpflichtet, wenn dies noch ein Rechtsstaat ist.

Selbst wenn NIEMAND mehr gegen S21 protestieren würde, ändert das nichts an dieser Tatsache. Der eigentliche Skandal also, über den Sie zu berichten hätten -so Sie sich denn Objektivität und Ausgewogenheit verpflichtet fühlten- wäre dieser.

Statt dessen beteiligen Sie sich zusammen mit vielen anderen Medien lieber daran, die Proteste gegen diesen maßlosen Betrug und Rechtsbruch weiter zu diffamieren, lächerlich zu machen und (wenn es passt und gar nicht mehr anders gehen will) auch zu kriminalisieren. Ihnen „entgeht“ dabei, dass es angesichts dieser tsunamiartigen Medienkampagnen gegen den Bürger-Protest diesen TROTZDEM immer noch gibt.

Sie dürfen nicht glauben, dass Sie dies alles unbemerkt und unvergessen tun können. Im Übrigen stellen Sie sich nicht nur selbst ein Bein damit (von Moral und Berufsethos will ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen), nein, inzwischen laufen Sie darüber hinaus Gefahr, sich mit mutmaßlichen Straftätern gemein zu machen. Damit fügen Sie -ob Sie das nun so sehen wollen oder nicht- der Demokratie in diesem Land weiteren schweren Schaden zu.

Mit freundlichen Grüßen
XXX

P.S.: Bereits vor einigen Tagen habe ich mich in diesem Zusammenhang schon einmal an Sie gewandt. Offensichtlich nehmen Sie Kritik und Hinweise diesbezüglich nicht sonderlich ernst, wie die darauf folgende Antwort eines verantwortlichen Redakteurs vom SWR nahe legt. Und wie eben auch Ihr gestriger Beitrag vermuten lässt (übrigens ebenfalls wieder vom SWR). Schon in Ihrem eigenen Interesse sollten Sie solche Entwicklungen stoppen."


Quelle
seriousguy47 schrieb am 12.07.2011 um 01:47
Hallo mcmac,

vielen Dank für den sehr guten Brief und die Ausweitung der Information.
glaubdir schrieb am 11.07.2011 um 01:30
@mcmac, gute aktion der parkschützer. ;-)
tlacuache schrieb am 11.07.2011 um 04:32
seriousguy47 hat's kapiert,
was bei einigen Blogteilnehmern noch nicht ankommt:
Man kann in Zeiten der Globalisierung nicht immer mit altertümlichen Herzogsflickenteppichen kommen.
Das ist nicht
"think Global - act Local",
das ist
"give local beer - and go fucking global landless"

Da hat sich seit 1885 Sitting Bull nicht viel geändert, und WO war das?

Dazu Medienvolksverarsche:
"...1885 wurde er in der Wild-West-Show von Buffalo Bill in den USA und in Kanada vorgeführt. Ihm war dabei wegen mangelnder Englischkenntnisse und Vorspiegelung falscher Tatsachen nicht bewusst, dass es sich lediglich um eine Show handelte. Vielmehr glaubte er, auf diesem Wege (er hielt Ansprachen in Lakota) über die Verbrechen der Weißen an den Indianern sprechen und ein Umdenken erreichen zu können..."

Man glaubt, es wäre gestern gewesen.

Vielen Dank seriousguy47 dass Sie sich die Arbeit gemacht haben. Seit Wochen regt mich dieses kleinstaatskarierte Denken mancher Blogger auf, "Isch in Stuttgart" etc...

Wer dem "Tiger aus Manchester" auf die Füsse treten will, bzw. wenigstens verstehen will, muss in der Lage sein, internationale Zusammenhänge erkennen zu können, insbesondere, was PR-Massnahmen = Medienmanipulationen von Kleinstaaten
(z.B. Deutschland u.a.) im Kontext zu Global agierenden
"Blue - Chips" angeht.

seriousguy47, für die Arbeit die Sie sich gemacht haben , nicht ***** Sterne,
sondern
******** Sterne.
LG
seriousguy47 schrieb am 12.07.2011 um 02:18
Hallo tlachuache,

die Kommentare überraschen mich teilweise. Ich habe das jetzt nicht für sooo besonders gehalten. War nur, was mir so durch den Kopf ging plus ein paar Surf-Ergänzungen.

Was den globalen Horizont betrifft, so vermisse ich das auch ziemlich beim Stuttgarter Widerstand. Allerdings gibt es die Vernetzung mit No TAV schon länger, zu Kaito gab es früh eine Solidaritätsadresse, in Spanien halfen Stuttgarter bei der Einrichtung von Videoportalen im Internet und aus Lateinamerika war schon ein prominenter Redner hier. Wenn ich das richtig verstanden habe, werden bei einer Veranstaltung demnächst außerdem Vertreter aus Athen usw. (?) hier sein.

Es läuft also schon ein bisschen was, das über den Talkessel hinausreicht. Ansonsten darf man nicht vergessen, dass Stuttgart mit 40 Prozent den höchsten Migrantenanteil der deutschen Großstädte (?) hat - und da sind die sogenannten "Heimatvertriebenen" und die zahlreichen "Migranten" aus anderen deutschen Landen noch gar nicht mitgerechnet. Zumindest was Europa betrifft, haben wir in Stuttgart also vermutlich für jeden Konflikt im Ausland Betroffene hier.

So provinziell und im eigenen Saft schmorend, wie man manchmal meint, sind wir hier also nicht, denn für jeden, der von hier nach Berlin geht, kommt international jemand nach ;)

Auch ist diese ganze Bahnhofsfolklore hauptsächlich ein Medienphänomen, das der Ablenkung von den eigentlichen Problemen dienen soll. Manche hier sehen den Bahnhof schon als EIN Symptom (unter vielen) für den globalen Versuch des Kapitals, einen technokratischen Faschismus zu errichten - auch wenn die Mehrheit dies eher unbewußt über den Kampf gegen Bahnhofs- und Parkzerstörung bekämpft. Und natürlich ist es auch so, dass man an so einem nahen Projekt natürlich am besten die ganze Kriminalität und alle anderen Schweinereien erkennen kann, was bei fernen Ereignissen so gar nicht möglich ist.

Außerdem ist dieser Widerstand mit anderen lokal vernetzt. So wurde z.B. erreicht, dass das nachgelassene Kaufhaus eines ehemaligen Nazi-Profiteurs nicht die ehemalige Gestapozentrale abreißt und durch einen Konsumtempel ersetzt.
Und wenn man dann noch berücksichtigt, dass z.B. Zetsche von Daimler S21 unterstützt, so bietret sich durchaus an, der Rolle nachzugehen, die Daimler in Argentinien zu Zeiten der Junta gespielt hat....

bit.ly/lR8ML7

Es ist also nicht zwingend, sich schenkelklatschend auf ein "Wir in Stuttgart..." zu beschränken. Aber die ständige Flut von Trickserein, Lügen und rechtswidrigen Aktionen, die Schwarz-Gelb-Rot und der Bahnkonzern fortlaufend absondern, binden natürlich sehr viel Aufmerksamkeit, Energie und Zeit, wenn man diesem Raubtier wirksam auf die Füße treten will.
seriousguy47
Nicht so wichtig.
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