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Frieden – Wie geht das?

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Meine Frau weint

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Politik : S21: Vertreibung aus dem Paradies

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Reden wir mal von Lamu, einer Insel vor der Küste Kenias und Weltkulturerbe mit tausendjähriger Geschichte als Handelsort, wo afrikanische, arabische und indische Einflüsse miteinander verschmolzen, und mit der ein oberflächlicher, flüchtiger touristischer Blick die Qualifikation „paradiesisch“ verbinden mag. Hemmingway entdeckte sie für sich, nach ihm kamen Hippies und schließlich Edeltouristen wie „Prügelprinz“ Ernst August. „Noch eine Insel der Individualisten, entwickelt sich Lamu immer mehr zum Sandkasten für Investoren.“

www.welt.de/reise/article6302113/Lamu-der-Haeuserboom-im-teuersten-Dorf-Afrikas.html

www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,608444,00.html

www.swr.de/schaetze-der-welt/lamu/-/id=5355190/nid=5355190/did=5982732/mpdid=5982728/8mr1be/index.html

www.zeit.de/1986/12/muesli-auf-lamu/komplettansicht

Die Schlange „Gier“ ist also schon da. Sie muss ihre Wirkung nur noch entfalten. Und was ich am 9. Juli 2011 beim Heimweg von der Großkundgebung in Stuttgart im SWR hörte, spricht dafür, dass das bald der Fall sein wird: Es soll dort nämlich

„einer der größten Transporthäfen Afrikas entstehen. Über die Finanzierung wird mit den Chinesen verhandelt, die von dort aus Öl aus dem Sudan verschiffen wollen.....Etwa 10 Milliarden Euro soll das Projekt kosten - als Geldgeber sind die Chinesen im Gespräch. Sie sollen angeblich auch die Pipeline bauen. China ist der Hauptabnehmer sudanesischen Öls ….Das Konzept sieht außer einer Pipeline auch eine Bahnstrecke bis zum Hafen vor. Außerdem soll in unmittelbarer Nähe auf dem Festland ein Internationaler Flughafen gebaut werden..."Es gibt kein Zurück mehr. Es müssen nur noch wenige Dinge geklärt werden, bevor das Projekt endgültig startet."Für den Politiker zählt vor allem die Wirtschaft. Das Leben auf Lamu sieht er nicht dadurch beeinträchtigt, dass vor der Insel dann dicke Öltanker hin- und herschippern.“

www.dradio.de/dkultur/sendungen/weltzeit/1494157/

www.dradio.de/aodflash/player.php?station=3&;;;broadcast=348698&datum=20110705&/

Dem Paradies also steht ein Großprojekt bevor, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Alte Denke steckt dahinter. Ob die Insel anderes sein könnte, wird gar nicht erst gefragt. Land und Menschen, und deren Bedürfnisse spielen keine Rolle. Es zählen die Bedürfnisse und die „Ästhetik“ des Kapitals, denen sich alles andere unterzuordnen hat. Arbeitsplätze werden versprochen. Wohlstand. Die Schlange weiß, was gehört werden will. Vielleicht wird das so kommen. Vielleicht auch nicht. Kommen wird Umweltverschmutzung, internationales Lumpenproletariat, Prostitution, Krankheiten, Drogen und Entwurzelung. Und einiges davon wird bleiben, wenn das Öl – in absehbarer Zeit – versiegt sein wird.

Lassen wir einmal die Abwägung von Für und Wider. Die gehört vor Ort diskutiert. Lassen wir einmal die falsche Gleichsetzung von Paradies, „guten Wilden“ und Schlaraffenland.*) Oder das Übersehen des Unterschieds zwischen Touristenparadies und Einheimischen-Elend. Was mir persönlich in diesem Moment auffiel, waren natürlich eher die Gemeinsamkeiten zu dem, was ich gerade im Schlossgarten gesehen hatte und was die herrschende Kaste auch hier weder sehen noch in Rechnung stellen will: „paradiesische“ Zustände, die ebenfalls ihrer Zerstörung harren. „Paradies“ hier meint: auf schattigem Rasen lagernde oder spielende Menschen, in Springbrunnen planschende Kinder, buntes, pralles Leben im Zentrum der Stadt. Da, wo in Zukunft heiße, unwirtliche, wenngleich begrünte, Ödnis herrschen soll, die „Ästhetik“ von Geldgier und Größenwahn. Das, was Männer ohne sonstige Eigenschaften eben so in der stickigen Luft über ihren Schreibtischen oder Stammtischen so ausbrüten.....

Genau diese Verbindung, der räuberische Übergriff des politikgestützten Kapitals in das Leben und die Umwelt der Menschen weltweit, fehlte in dem Rundfunkbeitrag. Der Verzicht auf Vernetzung im Denken, die isolierte Betrachtung gleicher Mechanismen, das Ausspielen des größeren gegen das kleinere Elend, das ist ideologische Absicherung solcher Übergriffe gegen Erkenntnis und gegen die Vernetzung der Betroffenen zum gemeinsamen Kampf.

Lamu ist nur ein kleines Beispiel für das Fortschreiten kapitalistischen Räubertums weltweit. Ein anderes, geographisch näheres Beispiel für die Spur der Verwüstung, die das Kapital dabei hinterlässt, fand ich am Abend zuhause in der Wiener Zeitung online: „Stuttgart 21 auf Norditalienisch“. Im Susa-Tal nahe Turin

riecht es... nach Stuttgart 21. Auch hier soll eine neue Trasse der Bahn bessere Anbindungen, kürze Fahrzeiten und mehr ökonomische Effizienz verschaffen. Auch hier geht es um Investitionssummen in Höhe von hunderten Millionen Euro. Und auch hier eskaliert der ursprünglich friedliche Protest der Bürger und Anrainer in gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht....Die alteingesessenen und im Susa-Tal verwurzelten Trassengegner wie die Plattform "NO TAV" bekämpfen das Projekt …..schon, seit Italien und Frankreich vor 22 Jahren damit begannen, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Turin und Lyon zu planen. Mit dieser Strecke, auf der auch der französische Superschnellzug TGV verkehren soll, will man den transeuropäischen Bahnkorridor von Lissabon nach Kiew schließen. Dadurch würde sich etwa die Bahnfahrt zwischen Paris und Mailand von sieben auf vier Stunden verkürzen. Aus diesem Grund fördert auch die EU das insgesamt 15 Milliarden Euro schwere Projekt mit mehreren hundert Millionen.“

NO TAV zufolge wird dieses Projekt nicht gebraucht. Die bereits modernisierte Trasse durch das Tal ist nur zu 30 Prozent ausgelastet.

www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/europa/266273_Stuttgart-21-auf-Norditalienisch.html

Die Gemeinsamkeiten in der Sache selbst, wie auch die Linien der Argumentation springen einem förmlich ins Auge. Die Argumente der Gegner auch:

"Die Lokalbevölkerung wehrt sich gegen den Bau einer sinnlosen Infrastruktureinrichtung, die von Finanzlobbys betrieben wird ….. Der Staat werde 45 Milliarden Euro auftreiben müssen, um den Banken das Geld zurückzuzahlen, das für den Bau der Bahnstrecke zur Verfügung gestellt werde. "Sind wir wirklich bereit, 45 Milliarden Euro zu zahlen, damit englische Kekse schneller in unsere Supermärkte gelangen?", fragte Guerra. Er warnte vor der Zerstörung der Umwelt im Susa-Tal sowie vor der Freisetzung von Asbest und Uran bei den Grabungsarbeiten. ...“

diepresse.com/home/panorama/welt/675278/BahnProteste-in-Italien_Regierung-fordert-harte-Strafen?_vl_backlink=/home/panorama/index.do

Die EU setzte Italien ein Ultimatum: Hätten die Bauarbeiten nicht am 30. Juni begonnen, hätte das Land 670 Millionen Euro an EU-Förderungen verloren. Als vor einer Woche die Arbeiter anrückten, musste ein Großaufgebot von 2000 Polizisten die Baustelle für den 52-Kilometer-Tunnel nach Frankreich räumen und mit Stacheldraht einzäunen...Der Guerillakrieg dauert zehn Stunden. ... Am Abend sieht die Bilanz ernüchternd aus: 188 verletzte Ordnungshüter, über 220 verletzte Demonstranten, einige schwer, vier werden verhaftet.“

derstandard.at/1308680382329/Ausschreitungen-Italien-Die-Val-di-Susa-wird-euer-Vietnam

Was im Susa-Tal bereits Gegenwart ist, könnte im Nesenbachtal Zukunft sein: physische Gewalt als letztes Mittel gegen strukturelle Gewalt, die jederzeit bereit ist, in direkte physische (Staats-)Gewalt umzuschlagen.Brasilien ist da noch weiter:

Im Amazonas-Gebiet sind in nur einem Monat sechs Umweltaktivisten und Landarbeiter brutal ermordet worden. Die Taten ähneln Hinrichtungen....Wer sich im brasilianischen Amazonas-Gebiet mit den Schergen der mächtigen Holzmafia anlegt, dessen Leben ist nur noch wenig wert. ...
Am 24. Mai begann eine Mordserie, die vor allem den Amazonas-Bundesstaat Pará betrifft, ein Gebiet, das für illegale Rodungen bekannt ist. Jüngstes Opfer ist der 31-jährige Obede Loyla Souza. Der dreifache Vater wurde nach Polizeiangaben am 9. Juni erschossen, seine Leiche erst Tage später gefunden.“

plattformbelomonte.blogspot.com/2011/06/mordserie-gegen-umweltschutzer-am.html **)

Man soll sich nicht täuschen. Nicht nur die Sache, um die es geht, ist prinzipiell dieselbe. Auch die Gewalt, die zutage tritt ist dieselbe. Sie äußert sich nur in anderen moralischen, juristischen und staatlichen Kontexten anders. Und die können sich verschieben. Davon allein hängt es ab, ob die Fratze kapitalistischer Gewalt sich offener oder versteckter zeigt. Ein Spiel mit dem Feuer ist es an allen Schauplätzen, die Interessenkonflikte sind dieselben und ebenso der alleinige Herrschaftsanspruch des Kapitals.

Einen Unterschied zu Italien könnte man darin sehen, dass dort das System Berlusconi herrscht. Aber man sollte sich nicht täuschen. Medien können auf unterschiedliche Weise gleichgeschaltet werden. Und sie können sich auch selbst gleichschalten, wie dies beim Thema S21 immer deutlicher wird. Zuletzt beispielsweise bei der Tagesschau vom 9.7.2011. Was auf Besonderheiten in Baden-Württemberg verweist, wo es bei der CDU gerade ziemlich nach Berlusconisierung aussieht. Nachdem erst jüngst Christine Strobl Fernsehspielchefin beim SWR wurde, kandidiert nun ihr Gatte Thomas für den Parteivorsitz in Baden-Württemberg.

www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.aerger-beim-swr-bekannter-name-als-belastung.02a3beac-7dcb-4800-97eb-3d34b834bad9.html

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.mappus-nachfolge-thomas-strobl-kandidiert-fuer-cdu-landesparteivorsitz.1ee4a146-c983-4832-938f-f9849a2dc7b7.html

Vater bzw. Schwiegervater Wolfgang Schäuble sitzt bereits in Berlin in leitender Position. Dessen Bruder Thomas war schon einmal Verkehrsminister, Justizminister und Innenminister in BW und ist jung genug, um notfalls nochmal was werden zu können. Einstweilen sorgt er im Vorstand der Badischen Staatsbrauerei Rothaus dafür, dass der Alkoholspiegel nicht übermäßig absinkt. Und da Papa Karl, der Begründer dieser politischen Dynastie, kurz Abgeordneter im badischen Parlament war, sind schon mal gute Voraussetzungen für die Übernahme von Baden-Württemberg in den Familienbesitz vorhanden. Einstweilen darf man sich fragen, wer wie viel Einfluss auf die Berichterstattung des SWR ausübt.

de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Sch%C3%A4uble

Ein wesentlicher Unterschied zwischen S21 und weiter entfernten „Großprojekten“ besteht aber schon. Das international räubernde Kapital kann sich nämlich zu seiner Legitimation auf uns berufen: auf unserem Wunsch nach Öl, billigen Rohstoffen und billigen Produkten. Die Schlange Gier hat auch uns selbst längst im Griff. Und auch das hindert uns daran, international Solidarität zu üben und gemeinsam Widerstand zu leisten. Ohne unsere Beteiligung gibt es keine Vertreibung aus dem Paradies. Sagt schon die Bibel. Und das Kapital weiß, was da zu tun ist.

Ja, all sowas kann einem durch den Kopf gehen, wenn man nach der Demo nach Hause geht und dabei Radio hört.....

*) Während man die biblische Vertreibung aus dem Paradies als ein „göttliches“ oder der Evolution geschuldetes Ereignis der Bewusstwerdung des Menschen betrachten kann, die dazu führt, dass er nun nicht mehr integrierter Teil des Fressens und Gefressenwerdens ist, sondern sich diesem leidend entgegengestellt sieht, kommt mit dem „guten Wilden“ das Gefühl der Entfremdung von einer beherrschbaren, also nicht mehr prinzipiell bedrohlichen „Natur“ zum Ausdruck. Was schließlich in den oben geschilderten Beispielen als Vertreibung aus dem Paradies gemeint ist, ist kapitalistischer Gier geschuldet, die die bereits gebändigte und nunmehr als Wohltat empfundene Natur ihrer Logik und Herrschaft unterwerfen und damit dem Genuss durch alle entziehen will.

Update 12.07.2011, 01:43 Uhr:

**) www.zeit.de/politik/ausland/2011-07/brasilien-gesetz-rodung-urwald

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.