Steffen Kraft

Blog von Steffen Kraft

19.04.2010 | 16:15

Öko-Gewissheiten am Ende - und jetzt?

Nach einem Durchgang durch die Reaktionen zum aktuellen Wochenthema "Wir Bio-Heiligen" muss ich sagen: Ich bin überrascht. Nicht nur von der Fülle der Reaktionen, sondern auch davon, wie nah vielen das Thema Ernährung doch geht.

Viele lehnen schon die Idee ab, Kritik, zum Beispiel am Ökolandbau, auf ihren Gehalt zu überprüfen, sie sind sich gewiss, dass Skepsis hier unangebracht ist, dass sie gar einer vermeintlich guten Sache schaden könnte.

Nun, diese Meinung mag man vertreten. Ich selbst will mich damit nicht abfinden - und das schon, weil ich aus Bequemlichkeit gerne weiter im Bio-Laden einkaufen gehen möchte (der ist bei uns direkt um die Ecke) und dafür gerne gute Gründe hätte. Ich möchte wissen, wo die Agrarlobbyisten recht und wo sie Unrecht haben. Ich will vorbereitet sein auf das absehbare Ende des Bio-Hypes - vor allem aber möchte ich nicht deshalb Bio kaufen, weil es ein moralisch gutes Gefühl vermittelt, das womöglich trügt.

Und daher frage ich mich: Welche Konsequenzen hat es, wenn ich nicht mehr sicher sein kann, dass der Kauf von Bio-Lebensmitteln die Vorteile hat, die mir Handel und Produzenten weismachen? Dass wir schlicht die Tatsache leugnen, dass dem so ist? Dass wir einfach zurück in den normalen Supermarkt gehen und gedankenlos einkaufen?

Ich denke nicht. Aber mir scheint, dass die Idee des ethischen Konsums überbewertet wird, im Vergleich etwa zur Wichtigkeit von politischem Engagement.

Das Konzept des strategischen Konsums ist ja unheimlich praktisch: Es löst scheinbar das alte Problem der Öko-Bewegung, die früher Verzichtspredigten hielt und bemerkte, dass sich damit einfach keine Massen mobilisieren lassen. Und es macht es so einfach, sich als Aktivist zu fühlen.

Das hat sicher Vorteile, wenn es bei Einzelnen die Schwelle senkt, sich auch jenseits des Warenregals zu engagieren, sich also vom Verbraucher zum politischen Bürger zu wandeln. Ich frage mich nur: Hilft Öko-Konsum da wirklich oder wirkt es nicht viel mehr als Ersatz?

 
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Kommentare
mh schrieb am 19.04.2010 um 16:26
du kannst dir sicher sein, dass kein lebensmittel der welt die vorteiel mit sich bringt, die dir seine hersteller weismachen wollen.

mfg
mh
jayne schrieb am 19.04.2010 um 16:30
Sie schreiben: Viele lehnen schon die Idee ab, Kritik, zum Beispiel am Ökolandbau, auf ihren Gehalt zu überprüfen, sie sind sich gewiss, dass Skepsis hier unangebracht ist, dass sie gar einer vermeintlich guten Sache schaden könnte.
Diese von Ihnen beschriebene Haltung habe ich aus dem bisherigen Diskussionsstrang zum Wochenthema nicht herauslesen können. Problematisch finden einige der Teilnehmer, darunter auch ich, mit welchem Aplomb die Schlachtung einer vermeintlich Heiligen Kuh resp. Delegitimierung des ökologischen Landbaus z.B. in den Einführungstexten betrieben wird. Der Ton macht auch da die Musik, wie es so schön heißt. Unbestreitbar ist hingegen, daß sich auch ökologisch orientierte Produktions- und Lebensweisen kritischer Hinterfragung stellen müssen und da noch einiges zu tun ist, nicht nur in Bezug auf den Eintrag von Kupfer ... Nur soviel erst einmal, muß jetzt weg.
ed2murrow schrieb am 19.04.2010 um 16:41
Sehr geehrter Herr Kraft,

mich hat das Thema ua. deswegen interessiert, weil um mich herum nicht nur ländliches Idyll und seine bucholische Einfachheit herrschen. Einige meiner Nachbarn sind Bauern, deren Höfe noch richtig mit 16 Stunden Arbeit und Kleinparzellen betrieben werden. Die jungen Übernehmer, die sich nicht per Stilllegungsprämien haben aus dem Beruf kaufen lassen, nehmen den Job sehr ernst. Hier sind Tierhaltungen entstanden, die Kuh machen lassen, was Kuh will: Frei laufen, sich unterstellen, sich putzen und ... sich melken lassen. Wenn der Euter anfängt zu schmerzen, wissen die Tiere ganz genau, wo sie die Last abgeben können.
Das Ergebnis sind: Weniger Tiere, bessere Qualität bei annähernd gleichen Preisen.

Wer das durch die (Schlacht)Bank nicht tut, sind die grossen Agrarbetriebe, und glauben Sie mir, ich kenne einige davon. Die produzieren nach reinem Schema F, intensiv und mit Blick darauf, was in den Fördertopfen der EU gerade anliegt. Und schaffen es dann auch noch, das eine oder dem anderen mit ein Label des Öko oder Bio tz vershen.

Das sind die Vorgänge, die der Konsument nicht durchschaut: Wo kommt was her? In meinem Umkreis weiß ich, wo die Eier, das Gemüse, das Obst usw. herkommt. Was macht aber der ... Städter? Wenn man also schon etwas "Kult" nennt und dann die Säulenheiligen einen nach dem anderen vom Sockel holt, was ja manchmal schon zu abstauben gut sein soll, wo bleiben denn da die Alternativen, wenn sich schon die Predigten übers Fasten als massenunträchtig erwiesen haben?

Ich danke Ihnen jedenfalls, die Gelegenheit geboten zu haben, das Thema angeschnitten zu haben. Vielleicht wird es hier dann weiter vertieft.
Steffen Kraft schrieb am 19.04.2010 um 16:44
Ist Aktivismus eine Alternative?
ed2murrow schrieb am 19.04.2010 um 16:45
Btw: Mußte deswegen ein neuer Blog begonnen werden? Ich finde, der von Herrn Leusch geht schon in die richtige Richtung und genügend in die Breite, so dass ich meine weiteren Kommentare dort hinsetze.
ed2murrow schrieb am 19.04.2010 um 16:47
Ist Aktivismus eine Alternative?

Yep, die Jungs hier jedenfalls haben sich davon recht nachhaltig beeindrucken lassen. Wird vielleicht daran liegen, dass der hiesige Guru Sepp Daxenberger heißt.
Magda schrieb am 19.04.2010 um 22:08
Dass Ihr nicht wenigstens auf auf den Columbus-Blog verlinkt, finde ich nicht sehr freundlich. Christoph Leusch ist immer umfassend, aber drauf eingehen solltet Ihr wenigstens per Verweis.

www.freitag.de/community/blogs/columbus/der-freitag-und-die-oekologische-wahrheit-das-wochenthema#comment-108916
Steffen Kraft schrieb am 20.04.2010 um 09:47
Danke, war keine Absicht.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.04.2010 um 00:36
Es muss ja nicht unbedingt eine gebügelte Karotte sein, es reicht doch schon wenn ich nichts kaufe was aus hunderten von Kilometern herbeigefahren wird.
Columbus schrieb am 20.04.2010 um 01:06
Lieber Herr Kraft,

Bitte seien Sie nicht so überrascht. Ernährung ist vor Sechs schon ein wichtiges, vielleicht das wichtigste, Thema (Koch und Gärtner). Danach, na ja.

Ich glaube ja schon, dass viele Konsumenten wissen, sie werden von der Billig-Ernährung, die uns langsam, aber dafür mit Hartnäckigkeit als Standard verkauft wird, nicht da abgeholt, wo sie hin wollen. Sonst glotzten sie doch nicht beständig Kochsendungen und läsen nicht überall die Rezepte zuerst. Aber Ermattung, Ermüdung und Abgespanntheit sind so ausgeprägt, man glaubt keine Energie für den alltäglichen Widerstand zwischen den Regalen zu haben. Damit rechnet die Industrie und die Werbung.

"Ich will vorbereitet sein auf das absehbare Ende des Bio-Hypes...." - Kluge Idee, die aber an dem Faktum scheitert, dass auf dem Papier und im Netz, auch in den Bild-Medien, zwar ein Bio- und Ökorausch herrscht, in Wahrheit aber die Weltagrarindustrie die überwiegende Produktpalette weiterhin und noch gesteigert, konventionell produziert.

Es ist wie mit der Automobilindustrie, die ein paar Öko-Studien umhersausen lässt, ansonsten derweil zum nächsten konventionellen Motorisierungsschlag in China und Indien ansetzt.

Bei Agrar läuft das auf der verlängerten Werkbank, indem für den Westkonsum radikal die besten Böden aufgekauft und verfügbar gemacht werden. Z.B. Rosenzucht in Afrika, patentierte Gen-Produkte für die Schwellenländer (Heimatsorten weg, Märkte in Westhand) und für den Energiepflanzenanbau (Lieferung nach Westen und Osten). -Die Flächen sind alle in Konkurrenz zu heimischen Märkten und Nahrungspflanzen.

Stellen Sie sich nur einmal vor, die Agrarindustrie setzt sich weltweit mit dem Wunsch durch, mit der einzigen wirklich effizienten, verbliebenen Hybrid-Kuhrasse, der Holstein-Frisian (HF-Kühe), in Industriestallproduktion Milch und Folgeprodukte herzustellen. Die typischen Betriebsgrößen liegen dann bei 100 aufwärts, bis 2000 Stück Vieh. Alles, von der Gülle bis zum Melkstand ist programmiert. Sie brauchen zusätzliches Grünland, z.B. auch auf heute noch vorhandenen Extensivflächen, Sie brauchen proteinreiche Pflanzenproduktion, die Sie in dieser Dimension nur im Ausland, vorw. in den Soja-Anbaugebieten anlegen müssen. Usw., usw.,...

Eine Landschaftpflege, Weidewirtschaft, Viehtrieb, Vielfalt und Hofproduktion gibt es dann nicht mehr. Ich denke, ein Mensch, der die meiste Zeit nicht aus dem Bermuda-Dreieck um Reichstag, Paul-Löbe Haus und Kanzleramt, oder aus Berlin-Mitte nicht heraus kommt, vielleicht schon gar nicht mehr hinaus will, dem wird es mit der Zeit auch egal sein, ob seine Nahrung von einer Kuh, oder in ferner Zukunft aus einer Mikro-Mischdüse stammt. Dann braucht man auch keine Methan-Kühe mehr.

Sie, lieber Herr Kraft, können aber ihren Bio-Laden testen. Sie können schauen, wo er sein Obst und Gemüse her hat, welches Brot er bietet, ob der Käse vor Ort her kommt. Natürlich nicht für Alles und für jedes Produkt. Das geht derzeit einfach nicht. Aber die Mühe ist ganz sicher erkennbar und dann bleiben Sie dem Laden treu.

Auf der großen Doppelseite zum Wochenthema sind ja auch fair gehandelte Produkte. Die müssen nicht unbedingt Bio sein, erfüllen aber schon ein wesentliches Nachhaltigkeitskriterium (Agenda21).

Wenn die Redaktion in der Nähe in eine Kantine kann, die z.B. ökologisch kocht, dann wäre das doch was ganz Aktives und Sie müssten nicht so tiefschürfende Überlegungen am Feierabend anstellen.

Sie müssen nicht Bionade trinken, sie müssen nicht ihr "Nutella" durch eine Pampe aus Bioproduktion ersetzen.Sie sind nicht gezwungen, Produkte die schon konventionell Nonsense waren und sind, durch Bio-Produkte zu ersetzen. Statt eines Mars-Riegels, die Firma bestimmt in England mit, wo es gesetzmäßig zugeht im Agrarbereich, nun ein "Bio-Barn Riegel". Das ist natürlich eher eine Augenwischerei.

Zum Ende: Ich bin mir sicher. Wenn Sie ein frisches Kastenbrot aus dem Bioladen kaufen und eine gute Butter dazu, dann müssen Sie in Berlin schon weit laufen und fahren, bevor Sie eines ähnlicher Qualität aus koventioneller Produktion kaufen können. Billiger wird es dann übrigens auch nicht.

Liebe Grüße
und gute Nacht

Christoph Leusch
Steffen Kraft schrieb am 20.04.2010 um 09:46
Das ist ja alles wirklich schön und vermeintlich gut, aber es bestätigt eher meine Vermutung.

Hier wird eine Hoffnung auf den Verbraucher gesetzt, die er nicht erfüllen kann: die Änderung, respektive Konservierung gesellschaftlicher Verhältnisse, in diesem Fall im Agrarsektor. Das heißt nicht, dass man den bewusst konsumierenden Verbraucher ablehnen muss, aber muss man ihn in der Illusion lassen, er handele politisch? Das scheint zwischen Ihren Zeilen mitzuschwingen.
Columbus schrieb am 20.04.2010 um 21:45
Lieber Herr Kraft,

Ich stelle mir das so vor. Sie haben sich nun, a) durch die, ach so zahlreichen, "Ökoreligiösen" abgestoßen und b) durch Zweifel die Ihnen evident erscheinen (Öko-, besser Bioprodukte sind nicht energieeffizent, nicht treibhausgassenkend, nicht gesund, nicht landschaftsschützend), politisch aktiv und gut vorbereitet (informiert), entschieden, beim Weg nach Hause,- Dürfen Sie das beim kleinen "Freitag" überhaupt, oder müssen Sie am Schreibtisch in der Redaktion übernachten?-, an dem Bioladen ihres langjährigen Vertrauens vorbei zu gehen.

Politisch korrekt erklären Sie dem Besitzer, warum Sie leider bei ihm kein Brot und keinen Käse mehr kaufen, das Obst liegen lassen und die Milch lieber wieder als LSL-Milch beim "Penny"-Markt kaufen.

Künftig kaufen Sie bei Aldi- und Co. Selbstverständlich nur konventionelle Nahrungsmittel, weil die die Umwelt zumindest nicht belasten.

Ist das jetzt politisch, oder ist es das nicht?

Das Wochenthema des "Der Freitag" war ja auch nicht ganz klar und eindeutig auf eine Gruppe gerichtet. Ging es politisch um die Anbieter (Industrie, Landwirtschaft, industrielle Landwirtschaft, Energie- und Rohstoffmarkt), oder um die Konsumenten/Verbraucher? Geht es um die NGOs, die sich mit der Anbieterseite beschäftigen, geht es um diejenigen, die sich als Verbraucherberater einschalten?

Und dann gibt es ja noch den Staat und seine Gesetze, die zum tricksen geradezu einladen.

Ich kann jedenfalls nur schreiben und vertreten, wovon ich überzeugt (sachlich, emotional) bin. Bei den Jesuiten, auch in Rhetorik-Seminaren, erlernt man die Methode des "Advocatus diaboli". Wohlweislich bringen die Jesuiten diese Technik nur Leuten bei, die sie für gefestigt im Glauben halten.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Columbus schrieb am 20.04.2010 um 23:29
Es muss natürlich ESL-Milch heißen.
C.L.
B.V. schrieb am 20.04.2010 um 13:55
Viele lehnen schon die Idee ab, Kritik, zum Beispiel am Ökolandbau, auf ihren Gehalt zu überprüfen, sie sind sich gewiss, dass Skepsis hier unangebracht ist, dass sie gar einer vermeintlich guten Sache schaden könnte.
Nun, diese Meinung mag man vertreten. Ich selbst will mich damit nicht abfinden ..."

Wer Skepsis & Kritik wegen einer vermeintlich guten Sache ablehnt ist für mich apriori suspekt! Er ist mit Sicherheit ein autoritärer Charaktertyp, auch wenn er sich in ein ökosoftes Mäntelchen hüllt ;-)
Also ist die Eingangsfragestellung hier im Blog durchaus berechtigt.
Viele sog. Ökogewissheiten beruhen eben nur auf Hypothesen. Trotzdem kann man sich an ihnen orientieren, das ist vollkommen in Ordnung & das tue ich teilweise auch. Aber ich würde nie eine Religion daraus machen.
Steffen Kraft
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