Thomas.W70

Gedanken zu Musik und Literatur

04.12.2011 | 16:08

Der Abgrund Heinrich von Kleist - Nachbemerkungen zum 200. Todestag

Der Kult um Heinrich von Kleist ist mir zutiefst suspekt. Zum 200. Todestag waren die Feuilletons voll von Artikeln, rechnet man Rezensionen von Biographien und Neueditionen hinzu bestimmt eine Handvoll in jedem wichtig Blatt. Doch so klug und kenntnisreich dort über Kleist auch geschrieben wurde, ein Gefühl der ungeduldigen Ärgerlichkeit wurde ich dabei nicht los.

In gewisser Weise erinnert der Kleist Kult an den Nietzsche Kult vor hundert Jahren. Wie von Nietzsche geht auch von Kleist jene Faszination des Radikalen, Absoluten aus, von einem, der sein Leben seinem Werk vollständig aufopfert. Es weht ein purgatorischer Odem aus diesem Werk, das den vor Wohlstand müde gewordenen Sinnen noch einen Kitzel von riskantem Leben erregt.

Das Ärgernis daran ist, dass dieser Kult inhaltlich vom Werk meist vollständig abgekoppelt ist. Es geht meist nur darum, dass dabei vom Glanz des Heroentums ein wenig auf den Bewunderer abfällt.

Um nämlich Gestalten wie Kleist und Nieztsche und ihr Werk wirklich ernst zu nehmen, müsste man sich in Abgründe und Konflikte bewegen, die für normal konstituierte Menschen nur schwer zu ertragen sind. Den meisten würde es dabei gehen wie Soldaten, die vor der Schlacht das große Mundwerk führen, doch beim ersten Schuss sich übergeben müssen.

Die Biographen haben den Vorzug, sich dem Leben Kleists, das für sich schon schauerlich genug ist, mit sachlicher Objektivität nähern zu können. Und mit diesem Kniff der Objektivierung versucht man sich auch das Werk kommensurabel zu machen.

Die eine Methode ist, was ich Deutschlehrer Dialektik nenne. All die Furchtbarkeiten bei Kleist, Vergewaltigung, Mord, Selbstmord, Familienterror, Menschenfresserei, idealistischen Wahn, nationalistische Verblendung sind nur so geschildert, weil damit das Schlimme daran "aufgezeigt" und "angeprangert" werden soll, also nur als abschreckendes Exemplum. 

Die andere Methode ist die der ästhetischen Objektivierung. Im Falle von Kleist wird, nicht ganz zu unrecht, die artifizielle Besonderheit der Sprache und der Erzähltechnik in den Mittelpunkt gerückt. 

Die erste Methode ist ein groteskes und naives Missverständnis, die zweite eine unzulässige Abstrahierung von Form und Inhalt. 

Die artifizielle und stark, eigentlich müsste man schon sagen, gewaltsam objektivierte Sprache Kleists ist für ihn eine künstlerische Notwendigkeit. Nur so ist es ihm überhaupt möglich dem furchtbaren subjektiven Sog seiner Stoffe Herr zu werden.

Und das ist die schreckliche Wahrheit über Kleist, vor der alle zurückschrecken: die Verknüpfung von Eros und Gewalt ist bei Kleist intensiv und obsessiv ausgeprägt, nach heutigen klinischen Standards wohl pathologisch. Kleist prangert Gewalt nicht an sondern schwelgt darin. Wenn Kleist in einem Brief schreibt er habe in Penthesilea sein innerstes Wesen ausgedrückt ist das nichts als die wahre Wahrheit. 

Gleichwohl sind Kleists Werke nicht nur die Fantasien eines Perversen, was sie natürlich in gewisser Weise tatsächlich sind. In jeder pathologischen Veränderung nehmen wir die graduell erhöhte Ausprägung von etwas durchaus vertrautem wahr und ziemlich häufig werden neue Ideen in der Kunst aus solchen Abweichungen geboren, da sie ein neues Licht auf altbekannte Aspekte werfen. 

In Kombination mit seiner künstlerisch-musikalischen Begabung entstand so ein vollkommen einzigartiges Werk, das von vielen zu Recht als zum bedeutendsten in Deutscher Sprache gezählt wird. Doch um die Größe zu erkennen, muss man ihr auch ins Auge blicken. Um also Kleist ernst zu nehmen und zu verstehen muss man ihm zumindest ein kleines Stückchen in den Abgrund seiner Obsessionen folgen. 

Ich gebe es zu: ich bin eine Memme und kann nicht viel Kleist auf einmal ertragen. Umso empfindlicher und ärgerlicher bin ich daher wohl auch, wenn andere große Reden schwingen ohne überhaupt in diesen Abgrund hinabgeblickt zu haben.

 
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Thomas.W70
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